why_pourquoi 17.07.2007, 00:03 Uhr 18 12

Nur deine Worte

"Du musst ganz fest daran glauben, dann geht es auch in Erfüllung." Das hat meine Großmutter immer zu mir gesagt. Jetzt sagt sie nichts mehr.

Sie atmet sich schwerfällig durch den Tag. Liegend. Schlafend. Wachend. Ob sie mich noch erkennt, weiß ich gar nicht. Ich sitze neben ihrem Bett. Grübelnd. Herzklopfend. Wartend. Und ich wünsche mir, sie wieder zu hören. Ich schaue sie an und sehe in ihren Augen – nichts. Was sie wohl denkt? Denkt sie überhaupt noch? Warum schaut sie immer zur Decke? Schaut sie überhaupt zur Decke? In ihrem Zimmer duellieren sich die Beige-Töne mit den Grau-Tönen mit den Oliv-Tönen mit den Braun-Tönen. Ihr Atem schwefelt die Raumluft. Während mir die Vergänglichkeit ihre hässlichste Fratze zeigt und mein Herz bricht, versucht die Zukunft, meine Hände zu wärmen, meinen Bauch zu streicheln und meine Stirn zu küssen. Gleich gehe ich zum Arzt und höre ihm zu, wenn er mir sagt, dass ich schwanger bin. Vielleicht bin ich es. Vielleicht auch nicht. In diesem Moment wünsche ich mir, es zu sein. Das Leben ist so kostbar. Ich stehe auf und frage meine Großmutter, ob sie an das Schicksal oder an den Zufall glaubt. Ihre Augen sind geschlossen, ich höre sie im Schlaf versinken. Ob sie jetzt träumt? Ob sie überhaupt wieder aufwacht? Ich bleibe auf der Türschwelle stehen und sehe sie an und wünsche mir, dass jetzt ein Leben in mir entsteht. Dass sich ein winziges Püppchen in mein Fleisch und Blut kuschelt, jeden nächsten Tag mehr Platz beansprucht, mir den Schlaf und die Energie raubt, um schlussendlich zu meinem großen Star zu werden. Wenn ein Leben geht, muss gefälligst ein neues kommen. Also Schicksal – und kein Zufall, zumindest aus meiner Perspektive.

Ich schleiche in die Praxis, melde mich an, setze mich auf einen Stuhl und versuche, meinen Herzschlag zu drosseln, indem ich stur auf die gelbe Wand vor mir blicke. Ein verblasstes Chagall-Bild hängt schief neben der WC-Tür. Ich hasse Marc Chagall. Weil jedes Krankenhaus und jede Arztpraxis mit seinen Drucken tapeziert sind. Und jedes Hotel, dass einen Stern bekommen möchte. In meinen Händen zittert ein Buch, das mir meine Mutter geschenkt hat: "Le monde sans les enfants" von Philippe Claudel. Verrückt. Ob meine Welt auch ohne Kinder sein wird? Ein junges Mädchen ruft mich ins Behandlungszimmer und schickt mich zur Toilette. Den Becher schiebe ich durch eine quietschende Durchreiche. Hoffentlich verwechseln sie meinen Namen nicht. Ich warte auf dem Flur. Dicke Frauen, dünne Frauen, kleine Frauen, große Frauen, junge Frauen, alte Frauen – sie laufen bedächtig an mir vorbei oder fallen plump neben mir in die Stühle. Zeitungspapier knistert. Ein Magen knurrt. Mein Name wird aufgerufen. Da sitze ich wieder vor diesem zarten Mädchen in schneeweißem Shirt, weißer Hose mit weißem Gürtel und rosa Crocs, auf denen sie einen lila Schmetterling und ein rotes Herz festgepinnt hat. Ihr blondes Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, der lustig hin und her wackelt. Ihre Augen hat sie dramatisch mit schwarzem Kajal und Tusche in Szene gesetzt. Sie füllt ein Formular aus und kaut auf dem Kugelschreiber. Ich beobachte sie und schaffe es nicht, auch nur einen Ton zu sagen. Gelangweilt schaut das Mädchen nach oben, legt den Kopf schief und lispelt die Worte: "Der Test ist negativ. Ich muss jetzt noch ihren Blutdruck messen und ihnen ein paar Fragen stellen. Der Arzt ruft sie dann gleich in sein Zimmer." Während ich nach Luft schnappe und mich im Raum umsehe, so, als müsste dort jemand stehen, der Beifall klatscht, den Kopf schüttelt oder sich einfach neben mich setzt und mich in den Arm nimmt, legt sie mir das Messgerät um und flucht leise, weil sie es nicht schließen kann. Ich bin empört. Soll das alles gewesen sein? Ist das der Usus, wenn man hierhin kommt, um zwei rote Striche zu begrüßen, die das Leben ab sofort auf den Kopf stellen würden? "120 zu 70", murmelt das weiße Mädchen und stellt mir dämliche Fragen. Warum soll das jetzt wichtig sein? "Nehmen sie Hormontabletten?" Haha. Ich versuche, Haltung zu bewahren. Das gehört sich so. Ich 32, sie 18. Lächerlich, wenn ich jetzt vor ihr ausflippe.

Beim Arzt der immergleiche Film. Seit 15 Jahren hat sich nichts verändert. Dieselben Floskeln, derselbe Humor, dasselbe Ergebnis. "Sie sind nicht empfängnisbereit. Die Zysten, sie wissen schon. Aber ansonsten alles in Butter." Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Ich möchte jetzt eigentlich so etwas wie Schmerz fühlen. Schließlich gebietet das die Situation. Aber es ist nichts dergleichen da. Ich denke plötzlich an einen Sprichwort aus Estland: "Wenn du dazu bestimmt bist, im Meer zu sterben, dann stirbst du nicht im Wald." Es ist makaber von mir, den Tod und das Leben auf eine Stufe zu stellen. Aber mein Fatalismus weiß es scheinbar besser. Warum auch nicht. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze. Und das Leben und der Tod sind siamesische Brüder.

Jetzt muss ich ihn anrufen. Den Mann, der alles richtig macht, aber das Falsche sagt. Den Mann, der sich ein Kind wünscht, aber nicht von mir. Nach 59 Minuten und 14 Sekunden legen wir auf. Wieder suche ich nach einem Gefühl, das ich jetzt spüren möchte. Ja, und ich glaube, es ist da. Zaghaft bahnt es sich einen Weg von meinem Herz durch meine Adern in meinen Kopf. Und ich lächele. Tränen laufen mir die Wangen hinunter, aber ich lächele. Minuten später schreite ich die Treppen hoch zu meiner Großmutter, die wieder wach ist und mich mit ihren trüben Augen fixiert. Ob sie eine Ahnung hat, was ich gerade fühle? Ich kauere mich vor ihr Bett, lege meinen Kopf vorsichtig auf ihren zerbrechlichen Körper, schließe die Augen und werde zu dem Kind, das ich mal war. "Oma, wenn ich ganz fest an etwas glaube, geht es dann auch in Erfüllung?" Ich halte die Luft an und warte auf ihr weises Lachen und ihre brüchige Stimme, die mir sagt: "Natürlich, du kleiner Dickkopf." Ich warte und warte. Dann blicke ich auf und sehe sie an. In ihren Pupillen tanzt das Neonlicht der Krankenhausröhren. Die tiefen Furchen in ihrem Gesicht bewegen sich plötzlich wie winzige Regenwürmer, ihre Augenbrauen wandern nach oben. Um ihre eingefallenen Mundwinkel zuckt ein klammheimliches Lächeln – und so schwach wie ein kleiner kranker Vogel nickt sie mir zweimal zu.

Ich glaube, in diesem Moment bin ich glücklich.

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    Du hast sehr ergreifend geschrieben. Da erinner ich mich an meine Oma, die vorgestern 69 Jahre alt geworden ist und hoffentlich noch lange leben wird.

    Ich wünsche Dir alles Gute!

    03.08.2007, 21:05 von closer-to-god
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    Ein total schöner Text!!! Wirklich beeindruckend geschrieben. Man kann sich wirklich da rein versetzen. Danke!

    30.07.2007, 11:30 von katta_b
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    Mir kamen die Tränen.
    Meine Oma ist vo einem Jahr gestorben, nachdem mich meine Mum auf Arbeit angerufen hat, mit der Bitte ich möge doch nach Rostock in die Klinik kommen, "Oma wartet vielleicht nur noch auf dich".
    Sie war nicht mehr ansprechbar, als ich das Zimmer betrat. Ich nahm ihre mir so vertraute Hand ind die meine, schaute sie an und für Sekunden nur öffnete sie die Augen. Ich weinte!
    Am nächsten Tag ist sie gestorben...

    Alle Liebe dir!!!

    18.07.2007, 20:07 von clodi
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    wie schön... am ende musste ich fast weinen...

    18.07.2007, 09:52 von pocci
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    from endless possibility to selffulfilling prophecy

    18.07.2007, 02:50 von cururo
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    danke

    17.07.2007, 16:36 von Sue25
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    der text war tränenerfüllend... ich wünsche mir meine oma zurück, die vor einem jahr gestorben ist. sie war immer für mich da.

    17.07.2007, 14:05 von May_Mogel
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    Ein wirklich schöner Text!
    Suche Dir einen anderen Arzt, der hier klingt ziemlich kalt. Vielleicht kann Dir ein Fertilitätsspezialist helfen. Oder schau mal bei http://www.pcos-selbsthilfe.org (auch wenn ich nicht weiß, ob das bei Dir mit "Zysten" gemeint ist).

    Alles Gute

    Saphira

    17.07.2007, 13:44 von Saphira
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