Lou1980 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 35

Nie wieder im selben Raum

Ich bin müde. Ich stehe seit drei Stunden neben meiner Mutter, die nicht weiß, was sie tut. Wann kommt der Arzt endlich? Die Polizei ist schon da.

Ich schlafe noch, als das Telefon klingelt. Ich tapse in den Flur und hebe ab. Am anderen Ende der Leitung höre ich meinen Vater schreien. ,,Nicht schon wieder,"denke ich. Diesmal ist es anders, er sagt, ich solle sofort kommen, meine Mutter wäre nicht bei Sinnen. Ich ziehe mich leise an und küsse meinen noch schlafenden Freund zum Abschied. Dass ich sein Auto nehme, merkt er später, Zug fahren würde jetzt zu lange dauern.

Eine halbe Stunde später komme ich bei meinen Eltern an. Ich höre laute Musik aus der Wohnung dröhnen Ich wundere mich noch, denn meine Mutter kann laute Musik nicht ausstehen. Ich öffne die Tür mit meinem Schlüssel, den mein Vater mir für Notfälle gegeben hat. Mein Vater sitzt auf dem Sofa, meine Mutter nebenan in der Küche und aus dem Wäschekorb im Flur dringt Rauch. Ich schaue hinein und sehe eine in ein Handtuch eingerollte Zigarette, die ich sofort unter kaltes Wasser halte.

Ich suche die Wohung nach weiteren Fallen ab, kann aber nichts entdecken. Das heiße Bügeleisen übersehe ich. Ich setze mich zu meinem Vater und frage ihn, ob er schon irgendwas unternommen hat. Er sagt, die Ärztin wäre vor neun Uhr nicht zu erreichen. Ich ärgere mich, denn ich weiß, dass Mama sofort in die Klinik muss. Aber ohne Arzt keine Einweisung, das weiß ich inzwischen. Meine Mutter kommt hinzu und fragt mich, was ich mir dabei denke, einfach aufzutauchen, sie bräuchte mich nicht. Ihre Augen funkeln wütend und ehe ich mich versehe, reißt sie mir das T-Shirt vom Leib, um meinem Vater meine Tätowierung zu zeigen, die ich vor ihm verstecke, um ihn nicht zu schockieren. Ich habe es meiner Mutter vor Jahren erzählt, damals, als wir noch Geheimnisse teilten. Ich stehe halbnackt vor meinen Eltern, ich fühle mich furchtbar. Ich wusste nicht, wie stark meine Mutter sein kann, wenn sie will. Mein Vater wirft mir schnell ein T-Shirt zu.

Ich versuche meine Mutter zu beruhigen, sie wendet sich ab und läuf zum Balkon. Mein Vater und ich hetzten hinterher und können sie gerade noch von der Brüstung ziehen. Sie wehrt sich, beißt und schlägt um sich. Ich schließe die Haustür vorsorglich ab und verstecke den Schlüssel. Sie schreit um Hilfe. Mein Vater wirft mir das Handy zu und sagt, ich soll im Krankenhaus anrufen. Ich tue,was er sagt, muss aber hören ,dass die Ärztin noch nicht da ist.
Ich werfe das Handy in die Ecke, meine Mutter läuft wieder zum Balkon. Mein Vater, der bis dahin sehr gefasst wirkte, packt sie und zieht sie auf die Couch. Meine Mutter schreit. Wir sollen sie rauslassen, sie müsse einkaufen gehen. Wir versuchen ihr zu erklären, dass sie in ihrem Zustand nicht einkaufen gehen könne,sie solle sich ersteinmal beruhigen. Sie steht auf und geht ins Bad. Wir gehen hinterher und warten vor der Tür. Als sie rauskommt, steht sie im Türrahmen. Sie versteckt etwas hinter ihrem Rücken, ich drehe den Kopf, um zu sehen, was es ist. Es ist das Bügeleisen, welches sie mir entgegenschleudert. Ich fühle die Wärme, kann mich aber im letzten Moment wegdrehen, sodass es meinen Körper nur streift. Mein Vater reißt ihr das Bügeleisen aud der Hand. Sie lacht, es ist sehr amüsant für sie zu sehen, wieviel Angst ich in dem Moment vor ihr habe.Ich fange an zu weinen, ihr Lachen wird lauter. Dann wird es ruhig, meine Mutter steht im Raum ud starrt in die Luft.

Mein Handy klingelt, es ist die Ärztin. Sie wäre in einen halben Stunde da, wir sollen sie ruhig halten. Die halbe Stunde kommt mir vor wie ein halber Tag! Ich zittere. Mein Vater sieht richtig alt und klein aus. Meine Mutter betet laut. Als es an der Tür klopft, schrecke ich auf. Es ist die Polizei, die Nachbarn hätten wegen der Lautstärke Alarm geschlagen. Meine Mutter sagt, wir würden sie festhalten. Die beiden Beamten mustern uns kritisch. Mein Vater eklärt in kurzen Worten, was passiert ist, sie nicken nur, telefonieren mit den Behörden. Als die Ärztin kommt, schreibt sie sofort die Zwangseinweisung. Ich bin erleichtert.

Ich bin allein mit meinen Vater, wir packen einige Sachen zusammen. Dann trinken wir Kaffee und schweigen.

Ich stehe in der Klinik und übergebe dem Pflegepersonal die Tasche für meine Mutter. Ich frage, ob ich kurz zu ihr kann, die Krankenschwester nickt. Da stehe ich nun vor dem Bett, meine Mutter wurde fixiert und schläft. Das war das letzte Mal, dass ich mit meiner Mutter alleine in einem Raum war.

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38 Antworten

Kommentare

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    Schrecklich. Ich hoffe... ach, ich weiss gar nicht, was ich hoffen soll.
    Unglaublich gut geschrieben, der Stil ist toll.

    18.05.2009, 08:35 von sonnenstrahlhase
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    Ich wünsche Dir, dass Du Deine Mutter trotz allem lieben und Dir klar machen kannst, dass das eine Krankheit ist, die sie verändert - nicht sie selbst. Von Herzen alles Gute für Dich und Deine Familie.

    12.12.2007, 18:56 von Pepparkaka
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    ein großes lob an deinen mut, dich so einer schwierigen situation und lebenssituation zu stellen - dass du dich entschieden hast, trotzdem für deine mutter da zu sein, obwohl es so viel kraft kostet, die nicht jeder hat.
    mach dir bitte keine gedanken um schuld - du hast alles menschenmögliche getan.
    ich wünsch dir, dass du die beleidigungen, die deine mutter dir entgegengeworfen hat, von ihrer persönlichkeit trennen kannst.

    12.10.2007, 10:41 von lila-hexe
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    Ich wünsche dir viel Kraft,

    Ich weiß wie es ist seine eigene Mutter in solchen Momenten zu erleben, Angst und Hass zu empfinden...

    09.10.2007, 22:10 von Muckeline
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    es läuft einen eiskalt den rücken runter wenn man diesen text liest und man wird auch immer schneller, weil es einen total packt und mit angst hat. mein kompliment, was den schreibstil angeht und noch ein viel dickeres kompliment, dass du damit klar kommst und darüber sogar schreiben kannst!

    06.10.2007, 22:54 von Summi
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      @Summi Hey Summi, danke dir, darüber zu schreiben hat mit sehr gut getan..
      Schönen Sonntag noch

      07.10.2007, 16:48 von Lou1980
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    Wow... erst mal Luft holen, der Text ist echt gut geschrieben!

    Wie alt warst du, als es losging mit deiner Mutter? Ich kenne viele Menschen die Depressionen haben, aber nicht in einem solchen Ausmaß.
    Wirklich krass - vor allem das Gefühl nichts tun zu können.

    05.10.2007, 23:12 von MissCheeky
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      @MissCheeky Hey, das ist manchmal wirklich anstrengend und deprimierend, weil es ja immer nur eine kurzzeitige Besserung gibt.. Ich war 16, als es losging, aber als ich jünger war, bin ich komischerweise besser mit der Situation zurechtgekommen.. Je älter ich werde, umso schwieriger wird es für mich..

      07.10.2007, 16:51 von Lou1980
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    Der Text ist schön geschrieben. Danke! Ich habe mit meiner Mutter Ähnliches erlebt und kann die Hilflosigkeit nachempfinden. Es ist unerträglich schwer für Angehörige und Freunde, letztlich ist es aber m.E. der kranke Mensch, der am meisten leidet, die immensen betäubenden Nebenwirkungen der Tabletten ertragen muss, das Gerede anderer Leute, die Erniedrigung beim Festbinden in der Klinik, sich abwendende „Freunde“...
    Und trotz Krankheit bleibt die Person dieselbe – genauso liebenswert und einzigartig, auch wenn es unzählige Situationen gibt, in denen das vielleicht anders erscheint. Wenn der Betroffene irgendwann keine Kraft hat, sich wieder und wieder aufzurappeln, ist der Verlust genauso schmerzhaft, wie bei einem gesunden Menschen.
    Ich wünsche Dir – und Deiner Mutter – auf jeden Fall viel Kraft und Unterstützung und dass die Hoffnung auf Besserung nie verschwindet.
    Alles Gute!

    02.10.2007, 18:57 von Phoibe
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      @Phoibe Hey Phoibe, du hast es auf den Punkt gebracht, für die Betroffene ist es am schwierigste, vor allem, weil man ja weiß, wie man früher als Mensch war..
      Wünsche dir und deiner Mutter alles Liebe für die Zukunft

      07.10.2007, 17:01 von Lou1980
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    Liebe Lou,
    dein Text hat mich wirklich ergriffen. So sachlich-nüchtern aufgeschrieben, doch er berührt einen sehr. Ich wünsche dir und deinem Vater die Kraft, das alles durchzustehen.

    01.10.2007, 09:34 von rainbow73
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      @[Benutzer gelöscht] Vielen Dank erstmal.. Ich sehe meine Mutter häufig, aber ich habe Probleme damit, alleine mit ihr zu sein, weil ich Angst habe, dass genau dann wieder so etwas passiert..
      Vor 5 Jahren war ich alleine mit ihr im Urlaub, aber das kann ich mir momentan leider nicht vorstellen.

      07.10.2007, 16:56 von Lou1980
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