Nicht nur nackten Fußes
nahm er die Stufen nach oben. Er begann sein Leben mit nichts. Nur mit dem, was in ihm steckte. Einen Großteil davon hoffte er zu vergessen.
Geduldig hatte Henry Toujours auf diesen Moment gewartet. Das, was in ihm schon lange Zeit gärte, dieses Geflecht aus immer wieder gestutztem Willen und sorgsam gegossenem Wurzelwerk, war endlich bereit, sich zur vollen Blüte zu verwandeln. Als er seine Familie, die drei Tage zur Mutter seiner Frau aufbrach, zum Abschied küsste, rann ihm eine Träne aus dem Augenwinkel.
"Schlimm?", fragte ihn seine Frau zwischen Kindergeschrei und Merkliste mit dem ihm vertrautem Lächeln aus Sicherheit, Wissen und unbeugsamer Zuversicht.
"Halb so schlimm", wiegelte er ab und in ihm polterte es unhörbar: "Schlimmer, mein Herz! Viel, viel schlimmer."
Er liebte seine Frau. Seine Kinder. Vielleicht verließ er sie deshalb. Um sie vor ihm selbst zu schützen. Er duschte ein letztes Mal und legte eins seiner weißen Hemden vor sich aufs Bett. Er trug sie, weil seine Frau ihn so gerne darin sah, nun betrachtete er es geraume Zeit, dösend in vertrauter Atmosphäre, zog es aber nicht an, lächelte nur. Eine gründliche Rasur unterließ er, sie würde für einige Zeit ohnehin unnötig werden. Ein letzter Kontrollblick in den Spiegel erinnerte ihn an den Ehering, den er abstreifte und behutsam auf das Kuvert legte, als wäre es ein Siegel, das versprach.
Er schritt unbekleidet ein letztes Mal die Räume ab, strich über die Wellenberge der Bettdecken seiner Jungs, roch an der Wäsche seiner Frau, lächelte versonnen seine kleine Gewächshauszucht an. Er hörte diese eindringliche Stimme seiner Frau, die nie ganz verhallte: "Henry, wo bist du? Henry, was machst du?! Henry, wo gehst du hin?"
Er versagte es sich, sich satt zu essen und bedeckte seine Körpermitte mit der hohlen Hand. Als er die Haustür hinter sich ins Schloss knacken hörte, war die Kühle und fahle Dämmrigkeit des Treppenhauses wie eine unbekannte Brandung, die ihn aufnahm und mitriss. Das Klacken des Türschlosses war seine zweite Abnabelung. Er wartete auf diesen Schmerzensschrei, den er wohl schon bald ausstoßen würde, wie er befürchtete. Aber dies war ein kleiner Teil des Preises.
Nicht nur nackten Fußes nahm er schnell die Stufen nach oben, wo er einen Neueinzügler wusste. Er begann sein Leben mit nichts als Hoffnung. Nur mit dem, was in ihm steckte. Einen Großteil davon hoffte er zu vergessen. Aber die Schritte hinauf über die kalten Fliesen mit nichts am Körper als seinem kleinen bisschen Leben, führte plötzlich jegliche Definition von Freiheit ins Absurde.
Als ihm eben jener Neubewohner die Tür öffnete, glaubte dieser an einen schlechten Scherz.
"In solch einem Zustand fällt einem doch nicht die Wohnungstür zu", wunderte er sich.
"Verzeihen Sie, ich war ein wenig zerstreut", sagte Henry. "Haben Sie Hemd und Hose für mich? Leihweise natürlich."
So fing sein neues Leben an: Mit einem Almosen. Er versprach, die Sachen bald zurückzugeben. Der neue Mieter wollte ihn noch auf ein Glas beginnende Freundschaft überreden, aber Henry Toujours gab vor, schnell den Schlüsseldienst aufsuchen zu wollen. So ließ der Unbekannte ihn ziehen.
Er schaffte es binnen dreier Tage über die Grenze, schlich sich in ein fremdes Land, tauchte dort unter, fand Anschluss an eine subversive Vereinigung, die er zu unterstützen vorgab, machte sich bald darauf in das nächste angrenzende Land auf und als die Vermisstenmeldung die Polizei bereits tagelang beschäftigte, war er unauffindbar.
Henry Toujours dachte oft an seine Familie, aber viel dringender war es geboten, an sich selbst zu denken, wollte er das neue Leben, das er zu beginnen gedachte, in den Griff bekommen. Er wusste seine Hinterbliebenen finanziell abgesichert, vor dem anderen Verlust hatte er sie nicht bewahren können.
Er fand Handlangerdienste, die schlecht entlohnt wurden: arbeitete sich die Hände auf einfachen Bauernhöfen erst blutig, dann schwielig, schleppte Tausende von Säcken, deren Inhalt er nicht kannte und der ihn auch nicht interessierte, lag ölverschmiert unter Fahrzeugen, die dort, wo er herkam, nicht mehr als einen Schrottpreis wert waren. Er wollte einzig und allein seine Vergangenheit auslöschen, diese immer wieder zurückdriftenden Gedanken bändigen, die wie Wellen gegen seine Erinnerung schlugen.
Es gelang. Drei Jahre lang lebte er in der Fremde auf der Suche nach sich selbst. Er reiste vom Balkan in den nördlichen Kaukasus, erlernte fremd klingende Sprachen, gerade so oberflächlich, dass er sich durchschlagen konnte. Denn kaum hatte er irgendwo Fuß gefasst, zog es ihn weiter. Die Angst, entdeckt und zurückgeholt zu werden, verfolgte ihn in jedem Augenwinkelblick. Mit unerschütterlichem Willen und einer nie versiegenden Kraft verfolgte er ein Ziel, das lange kein konkretes war.
So trieb es ihn nach Hinterindien und von dort durch den südostasiatischen Kontinent hinab nach Thailand, wo er schnell zu etwas Geld kam. Er bereiste Indonesien, dessen meeresoffene Grenzen er als Sprungschanze auf ein Schiff nutzte, das ihn nach Südamerika übersetzte. Dort lebte er fortan die meiste Zeit, denn die beiden Sprachen dort waren ihm vertraut. Er fügte sich schnell in Land und Milieu ein und fasste erneut festen Fuß an einem Ort, der weit genug weg von seiner verdrängten Vergangenheit lag.
Im fünften Jahr hatte er es von einem geliehenen alten Hemd und einer abgetragenen Hose über einen anfänglich kleinen Reisebündel bis hin zu einem stattlichen kleinen Vermögen auf einer Bank in Rosario am Rio Paraná gebracht. Von allerlei zwielichtigen Geschäften erst in und dann mit Südostasien profitierte er stark. Er arbeitete zum Schein als Verkaufsangestellter einer Immobilienagentur und sein Geschick und seine Menschenkenntnis brachten ihm stets zuverlässig das Vertrauen derjenigen ein, die bereit waren, auch gerne etwas mehr Geld für ein neues Heim auszugeben. Sie sahen aus diesem Grund gerne mit lächelndem Gemüt über dies "etwas mehr" hinweg.
Er, der sein Zuhause verraten und aufgegeben hatte, vermittelte angehenden Ehemännern mit kleinen aufstrebenden Familien Wohnungseigentum, bereitete trautem Glück Boden und Raum, ähnlich dem, das er einst mit einem Handstreich aufgab, um barfuss ganz von vorne anzufangen.
Als fast zehn Jahre ins Land gestrichen waren seit dem Tag, an dem er mit nichts als nackter Haut in dem klammen Hausflur stand und nicht wusste, ob es richtig war, was er tat oder nicht, konnte er drei Eigenheime und ein feudales Haus sein eigen nennen. Nicht selten dachte er in letzter Zeit daran, seine Familie hierher zu holen.
Aber er wusste, dass er keine mehr hatte. Er hatte sich bewiesen, dass alles möglich war. Er konnte an den Narben seiner Haut, seines Herzens und seiner Seele die Stationen seiner Reise zu sich selbst aufzeigen. Er konnte von sich behaupten, zwei Leben gelebt zu haben, wenn er abends auf der Veranda saß und seine argentinische Ehefrau küsste, die ihm einen Sohn geschenkt hatte. Er konnte sich rühmen, aus eigener Kraft und eigenem Willen alles in Bewegung versetzt zu haben, was machbar schien. Er konnte nur nicht behaupten, glücklich zu sein.
Und eines beunruhigte ihn sehr: In letzter Zeit ertappte er sich immer öfter, dass er kühle Böden suchte. In seiner Bodega seine Socken in seine abgestreiften Schuhe stopfte und sich gegen ein Weinfass lehnte. Im Supermarkt die flache Hand über Steinfliesen gleiten ließ, wen er eine Packung Tee aufhob. Leise in den Keller hinab strich, seine Schuhe auszog und mit nackter Sohle so lange dort im kühlen Halbdunkel stand, bis ihn eine ferne Stimme ins Leben zurückrief:
– ¿Enrique? … ¡Enrique Tododía! ¿Donde estás?
Wenn er dann aus seinen Gedanken aufschreckte, dachte er, dass es auf seiner langen Reise bis hierher keinen Moment gab, in dem er sich freier gefühlt hatte als in dem Augenblick, in dem damals die Tür ins Schloss fiel und die Stille und die Dämmrigkeit des Treppenhauses ihn aufgenommen hatte. Dies war, so dachte er leise lächelnd, der beste Moment des neu angetretenen Lebens gewesen. Ein sehr verführerischer, fühlte er, nach wie vor.


Kommentare
Das liest sich wie ein Exposé.
08.02.2007, 19:59 von odradek"Die Vergangenheit ist niemals tot,
08.02.2007, 16:57 von Songlinesie ist nicht einmal vergangen."
(William Faulkner)
"Das Glück ist immer anderswo", heißt es. Darum bringt uns keine Ausbruch auf Dauer unserem Glück näher. Es sei denn, wir halten inne und finden es in uns selbst.
Schöner Text, den ich gerne gelesen habe.
Liebe Grüße,
Songline
Schöne Parabel. Und bezeichnend, dass sein neues Leben fast genauso aussieht wie sein altes, das er doch hinter sich lassen wollte. Scheint oft so, als gäbe es eine definierte Form, die unser Leben sich sucht, ob wir das wollen oder nicht. Und ist das "immer wieder dort ankommen" sein Schicksal oder doch das "immer wieder los müssen"? Oder beides?
08.02.2007, 16:18 von Pamina"Er konnte an den Narben seiner Haut, seines Herzens und seiner Seele die Stationen seiner Reise zu sich selbst aufzeigen."
08.02.2007, 16:11 von gasa26Dieser Satz ist grossartig.
sehr intensiv und eindrücklich..
08.02.2007, 13:27 von deeli