Nachtluft
Über zerplatzte Träume und den großen Gewinn
Jürgen steckte den Schlüssel ins Schloss, verharrte einen Augenblick. Sollte er die Türe wirklich öffnen? Was würde dieses Mal hinter ihr auf ihn warten? „Wird schon nicht so schlimm sein“, murmelte er in sich hinein, während er seufzend die letzte Umdrehung vollzog und ein leises Knarzen ihm mitteilte, dass der Weg nun frei sei. Es war schon spät und er wusste, dass Tamara schon schlief. Vorsichtig schälte er sich aus seiner Jacke, während er sich die Schuhe abstreifte und die Türe sanft und kaum hörbar hinter sich schloss. In der Wohnung war es still. Durch das eingelassene Fenster der Wohnzimmertür sah er, dass der Fernseher noch lief. Ein schummriges Flackern in unregelmäßigen Abständen war zu sehen.
Er machte noch einen Abstecher in die Küche und öffnete dort den Kühlschrank. Der unangenehm-muffelige Geruch war auch heute noch vorhanden, der durch die Mischung aus geöffnetem Nassfutter für Hunde, schimmeligem Brot und längst überfälligen Essensresten diverser Lieferdienste entstanden war. Jürgen rümpfte die Nase, wie er es immer tat. Bevor der Ekel in ihm aufstieg, griff er nach der letzten Bierflasche und schloss eiligst wieder den Kühlschrank. Plopp. Er freute sich jeden Abend auf dieses Geräusch. Das wohlverdiente Feierabendbier.
Nachdem er einen tiefen Schluck aus der Flasche genommen hatte, stellte er sie im Flur auf den Telefontisch. Er zögerte, ins Wohnzimmer zu gehen. Jürgen ging in die entgegengesetzte Richtung. „Tamara“ stand in buntlackierten Holzbuchstaben auf der Tür, vor der er einen Moment verharrte. Er drückte die Klinke sachte nach unten. Das Zimmer war klein und erfüllt von Dunkelheit und dem vertrauten Geruch seiner Tochter. Durch das wenige Licht, das durch den Türspalt fiel, versuchte Jürgen, den Spielsachen, die auf dem Boden verteilt lagen, auszuweichen, um an ihr Bett zu gelangen. Er erkannte die dunklen Locken nur schemenhaft. Er blieb ruhig vor ihrem Bett stehen und beobachtete, wie die Bettdecke sich in sanftem Rhythmus auf und ab bewegte. Jürgen bemerkte, dass er den Atem anhielt. Er wollte sie nicht wecken, er wollte sich nur vergewissern. So, wie er es jeden Abend machte. Vorsichtig beugte er sich über ihr kleines Gesicht. Sie sah ihm so ähnlich. Behutsam gab er Tamara ein sanftes Küsschen auf die Wange, rückte ihr zärtlich die Decke über die freigelegte Schulter und schlich sich anschließend katzengleich aus dem Zimmer.
Erst als er seine Bierflasche wieder in Händen hielt und die Wohnzimmertür öffnete, atmete er aus. Der Anblick, der sich ihm bot, war der gleiche wie immer. Da war sie, Babsi, die ausgestreckt auf dem abgewetzten Sofa lag. „Ach, auch schon da?“ Sowohl der Tonfall als auch der flüchtige Blick, der ihm galt, waren abfällig. „Ja, ist spät geworden. Ein Kunde brauchte sein Auto bis morgen, das musste ich…“ – „Ist mir doch scheißegal. Sei still, ich will das Ende nicht verpassen!“ Jürgen setzte sich in den Sessel neben sie und nahm erneut einen tiefen Schluck aus der Flasche. Hartz-IV-TV lief in der Wiederholung. Wie konnte es nur so weit kommen, fragte sich Jürgen, als er gedankenverloren das Etikett von der Flasche pulte.
Jürgen war beliebt in der Klasse. Im Gegensatz zu seinen Freunden hatte er auch immer auf gute Noten geachtet. Er wusste, dass er sie brauchte, um später seinen Wunschberuf ergreifen zu können. Dann, eines Tages, kam Babsi neu in die Klasse. Sie war das hübscheste Mädchen an der Schule. Jeder Junge riss sich darum, ihr einen Gefallen tun zu können. Und Babsi nutzte das aus. Als Belohnung durfte der ein oder andere ihr unters T-Shirt fassen - oder auch mehr. Jürgen fand das anfangs billig, aber nachts träumte er von ihren Apfelbacken, die so stramm in den Leggins steckten. Er träumte von den festen Brüsten, die er sanft liebkoste, bis er feucht zwischen den Schenkeln aufwachte. Auf der Geburtstagsparty von Martin, seinem besten Freund, landete er dann wirklich mit ihr im Bett. Er fummelte mit schwitzigen Händen an dem Kondom, das er bei seinen Eltern im Bettkasten gefunden hatte. „Ne, das mag ich nicht! Lass das mal, wenn du aufpasst, wird auch so nichts passieren“, hatte Babsi geflüstert als sie das Kondom aus seiner Hand schlug. Während er sie verunsichert angesehen hatte, umschlossen ihre Lippen bereits seinen Schwanz. Für Jürgen war es das erste Mal, dass er mit einem Mädchen schlief. Babsi war bereits geübt. Als er glaubte, von der Lust überwältigt zu werden und sein Schoß zu zucken begann, rief das Mädchen etwas. Aber es war schon zu spät. Das Feuerwerk in Kopf und Lende war gezündet.
Neun Monate später hielt Jürgen Tamara das erste Mal auf seinem Arm. In diesem Moment schwor er sich, alles zu tun, damit es seiner Tochter gut gehe. Seinen Traumberuf musste Jürgen zwar neben der Vorstellung einer funktionierenden Beziehung mit Babsi begraben, dafür konnte er bei seinem Onkel eine Ausbildung als Automechaniker beginnen. Als Tamara in den Kindergarten kam, hatte Jürgen einmal angemerkt, ob seine Freundin denn nicht auch eine Ausbildung machen möchte, jetzt, da sie nicht mehr ständig mit der Pflege des Kindes beschäftigt sei. Sie hatte ihn angeschrien, kleine bis mittelgroße Gegenstände nach ihm geworfen und hysterisch gekeift: „Zuerst schwängerst du mich und dann willst du noch, dass ich für dich arbeiten gehe?! Vergiss es!“ Jürgen hatte sich daraufhin nicht mehr getraut, sie noch einmal zu fragen.
Er ging viel arbeiten, übernahm den ein oder anderen Sonderauftrag, damit er seine kleine Familie versorgen konnte. Es sollte seiner Tochter an nichts fehlen. In seiner Freizeit bemühte er sich, das zu erledigen, für das Babsi keine Zeit oder Lust hatte. Er machte die Einkäufe, er hielt die Wohnung in Schuss, er kümmerte sich in jeder freien Sekunde um sein Liebstes – Tamara. Sie und er wurden ein unschlagbares Team. Die Liebe, die ihm seine Tochter entgegenbrachte, machte alle Widrigkeiten seines Lebens wett. Babsi fühlte sich rasch ausgeschlossen. Dies führte dazu, dass sie gar nichts mehr tat. Außer Jürgens Geld auszugeben. Anfangs bestellte sie nur Kleidung für sich und Tamara. Dann musste ein neuer, größerer Fernseher her. Irgendwann kam fast täglich ein neues Paket von diversen Shoppingsendern. Er ließ sie machen, wollte nicht ins Kreuzfeuer ihrer Hasstiraden geraten. Bis er eines Tages im Supermarkt seine Einkäufe nicht bezahlen konnte, da die EC-Karte maßlos überschuldet und folglich gesperrt war.
Jürgen war daraufhin in den Kindergarten gefahren, hatte Tamara zu seinen Eltern gebracht, war anschließend wutentbrannt zur Wohnung gefahren und hatte Babsi die Leviten gelesen, wie er es noch nie zuvor getan hatte. Schwallartig sprudelte jedes Wort, jeder Vorwurf, jede Enttäuschung aus ihm heraus. „Wenn du das nicht in den Griff bekommst, werde ich mit Tamara gehen.“ Babsi wusste, dass er es ernst meinte. Sie begann zu weinen und gelobte Besserung. Diese hielt jedoch nur zwei Wochen. Babsi ging tagsüber in die Kneipe um die Ecke, um sich von dem ein oder anderen Gast ein Bierchen ausgeben zu lassen. Als Gegenleistung durfte man mit ihr auf die Toilette. Tamara verbrachte ihre Nachmittage bei den Großeltern. Abends bekam das Kind eine 5-Minuten-Terrine oder Aufbackpizza und musste dann gleich ins Bett. Babsi legte sich dann alsbald aufs Sofa und sah fern.
„Jetzt hör aber mal auf, den Scheiß von der Flasche zu rupfen! Der ganze Teppich ist voll von dem Dreck, Mann!“ Jürgen schrak hoch. Er klaubte die Etikettenfetzen vom Boden, erhob sich aus seinem Sessel und ging ins Arbeitszimmer. Der Rechner war bereits an. Nur noch schnell die Lottozahlen gegenchecken, dann geh ich ins Bett, dachte er sich, während er den Browser öffnete. Er nahm immer die gleichen Zahlen – eine Mischung aus Tamaras und seinem Geburtsdatum. Jürgen brauchte den Schein nicht hervorzuholen, als er mit geöffnetem Mund auf die aktuellen Ziehungszahlen blickte.
Wie ferngesteuert ging er in das Schlafzimmer, kramte den alten verbeulten Koffer hervor, steckte ein paar Kleidungsstücke von ihm und seiner Tochter hinein. Dann zog er Schuhe und Jacke an, öffnete die Kinderzimmertür, ging zum Bettchen, wickelte seine Tochter in ihre Decke und nahm sie sodann auf den Arm. Bevor er die Haustüre hinter sich schloss, blickte er noch einmal in den dunklen Flur, zur geschlossenen Wohnzimmertür, durch die immer noch das Flackern des Fernsehers zu sehen war. Dann drehte er sich um, lief mit Tamara die Treppen hinunter, stellte sich dem Dunkel der Nacht und blickte gen Himmel. Die kühle Luft streifte über sein Gesicht, als Tamara ihre Ärmchen um seinen Hals schlang und ihn schlaftrunken anblickte. „Was ist denn los, Papa, warum weinst du?“ – „Wir müssen gehen, mein Schatz.“ –„Wohin denn?“ –„In ein besseres Leben.“





Kommentare
Großartige Geschichte! Verbeugung und Applaus!
21.08.2012, 21:57 von SultanineEin guter Text mit guten Kommentaren, die alles was ich hätte anmerken wollen schon gesagt haben. Somit hätte ich eigentlich gar nichts hinzu zu fügen, ausser: Mach weiter so!
09.08.2012, 16:25 von LostinmusicDa ist Dir eine gut geschriebene Geschichte gelungen, so wie sie passiert sein könnte. Allerdings kommt es mir unrealistisch vor dass der Vater das Kind bei sich behalten darf, auch wenn beide das Sorgerecht haben und in dieser Geschichte der Vater seine Elternrolle weit besser erfüllt als die auf das Kind eifersüchtige Mutter. Zudem er ja arbeiten muss und somit die Gerichte / das Jugendamt der Mutter das Sorgerecht übertragen würden. Vermutlich sieht’s finster für das Kind aus (wenn die Frau nicht nur eifersüchtig auf die Beziehung es Kinds zum Vater ist, sondern es in späteren Jahren als Schönheitskonkurrenz ansieht und auch wegen Gesichtszügen, die sie an den Vater erinnern, hasst) und auch für den Vater, der für Frau und Kind zahlen muss ... fürs Kind bis es volljährig ist, für die Frau lebenslang, solange sie sich keinen anderen sucht. Doch warum sollte sie ...
08.08.2012, 14:00 von CyroUnd so deprimiert mich die Geschichte. Aber nochmal, sie ist gut geschrieben ... vielleicht kannst Du die Geschichte ja weiterentwickeln. Fortsetzung folgt ? Man weiss ja nichts über den Vater, vielleicht setzt er sich auch ins Ausland ab und das Ganze entwickelt sich recht abenteuerlich ? Mein Pessimismus und Klischeedenken (ja, das drängt sich mir hier auf, auch wenn es sehr unschön ist) muss ja nicht zwingend zutreffen. Ich hoffe nicht, dass der Vater am Ende, wenn ich die Geschichte mal ein paar Jahre vorspule, als HartzIV-Empfänger und alkoholabhängiges seelisches Wrack endet, seine Frau verbittert (ihren Mann für alles Elend, was ihr passiert, verantwortliche machend), weil nach all den Jahren ihr Körper sich so verändert hat, dass selbst in der Kneipe ihr niemand mehr als Klo folgen mag, und die Tochter, die es mit der Mutter nicht mehr ausgehalten hat und schon als 12jährige crystalabhängig wurde nach einigen Jahren auf dem Strich und unter Drogen irgendwo tot aufgefunden wird.
Ich glaub, das nennt man dann blühende Fantasie! :D Freut mich, dass dir mein Text gefallen hat und du mir die ein oder andere Inspiration geboten hast. Hab schon beim Schreiben mit einer Fortsetzung geliebäugelt. :)
09.08.2012, 14:02 von Bender018Ich bin gespannt ... eine Wandlung der Babsi in eine verantwortungs- und liebevolle Mutter mag ich Dir nicht wirklich abnehmen, andererseits hoffe ich dass Tamara doch noch glimpflich davonkommt. Nun, ich lasse mich mal
09.08.2012, 14:11 von Cyroüberraschen
...aber was mir seit dem Lesen nicht aus dem Kopf geht: Das Ende fühlt sich zwar richtig an. Aber es ist falsch, oder?
08.08.2012, 10:22 von coronariaIch denke "falsch" ist hier relativ. Es kommt auf die jeweilige Sicht der einzelnen Protagonisten an.
08.08.2012, 10:30 von Bender018Aber wenn ich versuche, es objektiv und nicht aus der Sicht des Einzelnen zu sehen?
08.08.2012, 10:46 von coronariaDer Text ging mir nicht aus dem Kopf, weil man am Ende dieses Gefühl von "Gott sei Dank, alles wird gut" hat - und danach denkt: "Wirklich?"
Das ist aber keine Kritik am Text, im Gegenteil.
Ich denke, objektiv gesehen ist wirklich nicht alles gut. Das Happy End ist keins. Macht Geld glücklich? Für das Wohl des Kindes zu gehen, mag in Ordnung sein, für das eigene erscheint es fragwürdiger.
08.08.2012, 10:54 von Bender018Ich würde es sogar eher anders herum sehen. Macht es das Kind glücklich, es von seiner Mutter, der gewohnten Umgebung, evtl. Freunden oder anderer Familie zu trennen, auch wenn die Mutter Fehler macht?
08.08.2012, 11:04 von coronariaKinder lieben ihre Mutter trotzdem.
Der richtige Weg fürs Kind wäre für mich der harte: Da bleiben, Trennung der Eltern, Sorgerecht beantragen, einen Platz für die Mutter im Leben des Kindes finden. Dem Kind die Chance geben, selbst einen Weg zu finden, mit ihr umzugehen.
Ja, das meinte ich mit "falsch ist hier relativ". :)
08.08.2012, 11:10 von Bender018Mensch Bender!!! WAS für eine Geschichte. Ich hielt den Atem an. Großartig. Gänsehaut. Ich wünsche mir den Text auf die Startseite.
08.08.2012, 10:17 von Jackie_GreyWunderbar!!! Großer Text mit großem Inhalt.
Wow, du kannst ja nicht nur spielen...
07.08.2012, 11:00 von coronaria:)
07.08.2012, 13:30 von Bender018Genau so. Und das Lied mit seinem wundervollen Video ist die Kür. Danke.
07.08.2012, 10:42 von forstAch, ich könnte einerseits zu fast jedem Absatz etwas kommentieren, andererseits ist der Text insgesamt so geschrieben, dass sich eigentlich jeder Kommentar erübrigt. Im positiven Sinne gibt es nichts hinzuzufügen und ich bin happy, dass ich heute eine weitere Geschichte mit INHALT lesen konnte ;-) Muss auch mal wieder Lotto spielen...
06.08.2012, 14:45 von Mrs.McH