LolaisBrave 11.12.2009, 15:44 Uhr 4 0

„Mütter haben immer Recht“. Der Erfinder dieses Satzes hat wohl noch nie in der Scheisse gesteckt...

Ich erkenn ihn nicht wieder. Gerade haben wir uns noch über ein belangloses Foto unterhalten und jetzt lieg ich am Boden und er drückt mir die Luft ab

„Oh Gott, schau dir mal das Foto an“. Ich lache. Er sieht vom Fernseher rüber und wirft einen Blick auf das Bild das ich in meiner Hand halte. „Wann war das denn?“ fragt er und reisst das Bild an sich.“ „Mmh, das muss so vor vier Jahren gewesen sein, Silvie und ich hatten uns vorm Weggehen fotografiert." Plötzlich wird er wütend: „Du siehst aus wie die letzte Dorfnutte. So bist du Tanzen gegangen?“
„Was regst du dich denn so auf? Ich sah genauso aus, als du mich kennen gelernt hast. Falls du dich nicht mehr erinnern kannst, das war auch in einem Club“, sage ich und sortiere weiter meine Fotobox. „Lass mal den Scheiss jetzt in Ruhe, ich will mit dir über das Foto sprechen!!“ schreit er mich an. Ich versteh die Welt nicht mehr. „Wieso willst du denn über das Foto sprechen? Was willst du denn hören, das Bild wurde vor 4 Jahren gemacht, ich versteh überhaupt nicht wieso du dich so aufregst.“ „Ich werd mich ja wohl aufregen dürfen, wenn meine Freundin wie eine Hure in die Disco geht und Jungs aufreissen will.“ „Damals waren wir doch noch gar nicht zusammen, ausserdem lass ich mich nicht als Hure bezeichnen. Komm mal wieder runter!“ Das Bild zeigt mich in einer harmlosen Partyklamotte, wie man sich eben als junges Mädchen zurechtmacht wenn man ausgeht. In meinem ganzen Leben war ich noch nie wie eine „Dorfnutte“ angezogen. Mir geht die Diskussion auf die Nerven. Ich stehe auf und will an ihm vorbei in die Küche gehen. Da zieht er mich zu sich auf den Stuhl, hält mich fest und sagt leise aber bestimmt: „Ich bin noch nicht fertig, wohin gehst du?“ Ich versuche mich aus seinem Griff zu lösen und will ihm klarmachen, dass es lächerlich ist, wegen so etwas zu streiten. „Lass mich los, das ist mir jetzt echt zu blöd!“ „WAS IST DIR ZU BLÖD??“ brüllt er. „Dass ich mit dir über etwas sprechen will, das mir wichtig ist?? Du solltest lernen, mich ernst zu nehmen!!“ Bei diesem Satz packt er mich, wirft mich auf den Boden und setzt sich auf mich meinen Brustkorb. Ich versuche mich zu wehren, nur um festzustellen, dass ihn das noch aggressiver macht. Als ich anfange zu schreien, drückt er mir seine Hand auf den Mund und flüstert: „Halts Maul, sonst hören dich noch die Nachbarn!“.
Oh Gott, ich erkenne ihn nicht wieder, seine Augen sind schwarz und leer und er atmet tief ein und aus. Was mach ich jetzt? Was mach ich jetzt bloß??
Als ich nochmal versuche mich los zu reissen umfasst er meinen Hals und schnürt mir die Kehle zu. Zuerst langsam, dann immer fester. Er hat sich nicht mehr unter Kontrolle. Er wird mich umbringen. Wie kann man einen Menschen so falsch einschätzen? Das ist mein Freund, der da auf mir sitzt, schnaubt wie ein wildes Tier und mir die Luft abdrückt. Ich fange an zu weinen. Aus Verzweiflung. Aus Angst. Ich krieg keine Luft mehr!! Als mir langsam schwarz vor Augen wird, lässt er ganz plötzlich los. Einfach so. Lässt ab von mir und steht auf. Schaut mich mit großen Augen an, als ob ich irgendwas gesagt hätte, das ihn aufgeweckt hat. Bevor er mich wieder zu Boden drücken kann, robbe ich auf allen Vieren in die Wohnzimmerecke. Ich weiss nicht, was ich denken soll, ich kann nicht aufhören zu weinen. Was ist da gerade passiert? Ich zittere am ganzen Körper. Er steht immer noch da und schaut mich fragend an. Er macht mir Angst. Richtig große Angst. Bevor ich noch weiter überlegen kann, packe ich meine Handtasche, meinen Schlüssel und meine Schuhe, und renne aus der Wohnung. Ich renne und renne, hab keine Ahnung wohin, einfach nur weg. Folgt er mir? Ich trau mich nicht zurück zu sehen, ich renne bis ich keine Luft mehr bekomme. Heulend streife ich mir meine Schuhe über und versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Ich kann nicht zurück in meine Wohnung, aber es ist schon nach Mitternacht und weiss nicht wohin. Ich weiss nicht weiter. Okay, ganz ruhig, einatmen, ausatmen. Denk nach, wen kannst du anrufen? Die erste die mir einfällt, ist meine Schwester. Ich tippe ihre Nummer in mein Handy, kann das Telefon kaum halten, so sehr zittere ich. Scheisse! Guthaben leer. Ich schau mich um und sehe eine Telefonzelle. Ich krame meine letzten Kröten aus meiner Handtasche und wähle. Geh ran, geh ran! Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, als sie endlich abhebt. „Ja?“ Sie klingt verschlafen. „Kannst du mich abholen? Georg und ich haben uns fürchterlich gestritten, er... er hat mich auf den Boden gedrückt und...“ ich kann nicht mehr weiter reden. Sie sagt was, aber ich verstehe kein Wort vor lauter Heulerei. Reiss dich zusammen! „Was hat er gemacht?“ Ich erzähle ihr was passiert ist, da fängt auch sie an zu weinen. „Mist, ich bin nicht in München, ich bin im Urlaub!“ sagt sie dann. Oh nein, das war ja klar. „Warte, ich ruf meine Freundin an, die holt dich ab. Rühr dich nicht vom Fleck, und ruf mich in fünf Minuten nochmal an“, sagt sie und legt auf. Ich zähle mein Geld. Für einen Anruf reicht es noch. Während ich warte, merke ich erst wie kalt es eigentlich ist. Hab meine Jacke vergessen. Das war das letzte, woran ich denken konnte. Nervös schau ich mich um. Stockdunkel ist es. Wenn er mich jetzt hier findet, bin ich tot. Hier ist kein Mensch weit und breit, der mir helfen könnte. Ich wähle zum zweiten Mal die Nummer meiner Schwester, es klingelt kaum, da hebt sie ab. Sie weint immer noch. „Scheisse, ich erreich keinen meiner Freunde. Aber ich hab der Mama Bescheid gesagt, sie geht dir entgegen."
Ich leg auf und mach mich widerwillig auf den Weg. Ich will nicht zu meiner Mutter. Wenn ich Probleme habe, ist sie die letzte, zu der ich gehe. Meine Mutter kehrt gerne Dinge unter den Tisch. So von wegen, nix gehört, nix gesehen, nix passiert. Wie der Affe, der sich mit verschlossenen Augen die Ohren zuhält. Aber was bleibt mir jetzt anderes übrig, meine Schwester hat Recht, irgendwo muss ich schlafen. Totenstill ist es während ich die Straße entlanggehe. Ich hasse Dunkelheit. Überall sehe ich irgendwelche Monster. Aber schlimmer als das Monster in meiner Wohnung können die auch nicht sein. Als ich die Straße überquere, sehe ich meine Mutter. Die Tränen laufen mir übers Gesicht, als ich auf sie zu renne. Sie nimmt mich in den Arm und fragt was passiert ist. Ich erzähle ihr von dem Foto und dem lächerlichen Streit. Und dass er mich am Ende fast erwürgt hat.
„Na, jetzt schläfste erstmal drüber, und morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Wenn du nach Hause kommst, hat er sich bestimmt beruhigt und entschuldigt sich“, sagt meine Mutter und öffnet ihre Wohnungstür....

4 Antworten

Kommentare

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    ohje der Text hat mich echt irgendwie erschüttert...

    06.01.2010, 01:30 von summmer
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    Mütter verdrängen. Immer

    30.12.2009, 11:33 von frl_smilla
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      @frl_smilla ich möchte dir aus meiner tochtererfahrung zustimmen.
      hoffe aber gleichzeitig, dass ich als mutter anders bin, bzw werde..

      30.12.2009, 11:37 von RedSonja
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      @[Benutzer gelöscht] @RedSonja: genau das hat sie gesagt, als ich sie letztens wieder drauf angesprochen hab. dass sie hilflos war und nicht wusste was sie machen sollte. kann ich nur leider kein stück nachvollziehen.
      die geschichte ist 5 jahre her, hab mich von dem kerl getrennt, allerdings erst 1 1/2 Jahre später... und mit meiner mutter hab ich bis auf die eine frage letztens nie wieder darüber gesprochen...

      31.12.2009, 01:17 von LolaisBrave
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    scheiße, was da passiert ist.

    zu deiner mam:
    glaube mir eines: sie ist genau so schockiert wie du. sie ist nicht herzlos sondern wahrscheinlich hilflos ob der situation. und sie sagt diesen mist, um irgendetwas zu sagen und um dich erst mal zu beruhigen. so bescheuert das klingt.

    wende deine wut nicht gegen deine mutter sondern gegen den scheißkerl, der dich fast erwürgt hat. und geh zur polizei und sieh zu, dass du eine andere wohnung bekommst.


    30.12.2009, 11:24 von RedSonja
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