Spreequell 09.08.2006, 12:11 Uhr 29 6

"Morgen bin ich vielleicht schon weg" - Der Tag X

Wie es sich anfühlt, eine depressive Mutter zu haben.

Meine Mutter war immer ein Vorbild, stark, emotional, klug, eine wunderschöne Frau. Sie hat alles geschafft, was sie sich vornahm. Die meisten Menschen, die ich kenne, sagen immer, dass sie niemals wie ihre Eltern werden wollen. Ich fand meine Mama cool. Sie war meine Freundin.
Dann kam Tag X - und ich sah meine Mutter mit völlig anderen Augen. Nichts blieb übrig von der Stärke, die ich so bewunderte. Meine Mutter war eine andere Frau, die ich nur noch weinen sah. Und ich verstand nicht, genauso wenig, wie mein Vater es verstand, oder mein Bruder. Egal, wann ich fragte, es ging ihr immer schlecht, nichts half ihr.
Es ist nicht das Mitgefühl, was dich fertig macht, in einer solchen Situation, es ist Wut, Ärger, Trauer, ja und auch Hass. Du willst helfen, kannst aber nicht. Du willst darüber reden, wie es dir geht und du findest kein offenes Ohr.

Heute denke ich, dass das nicht so plötzlich kam, wie ich es empfand. Es war schleichend. Hier mal etwas schlechtere Laune, da mal eine Verstimmung.
Doch der Tag X bleibt.

Ich sehe meine Mutter weinend auf dem Bett sitzen. Wir haben uns gestritten. Nichts aufregendes...doch sie hört nicht auf zu weinen. Dann dieser Blick "Ich bin das Problem und morgen bin ich vielleicht schon weg" drängt es in mein Ohr, um sofort wieder aus mir zu schießen.."Weg? Wohin denn? Was soll der Scheiß"
Dann wird mir klar, was um mich herum passiert ist...wochenlang erledigte sie Sachen für die Zukunft, nicht ihre...unsere. Sie sicherte Schritt für Schritt ihre Familie ab, wie sie es immer tun würde. Aber das hier war anders. Hier ging es nicht um allgemeine Absicherung, hier ging es um eine Zeit, in der sie nicht mehr da sein würde - den Tag X.

Einmal begriffen, fühle ich nur noch Leere, Tiefe, Trauer...und Verzweiflung, pure Verzweiflung. Und es mobilisieren sich Kräfte, deren Existenz ich mir nie bewusst war. Auf Knien flehe ich diese Frau an, sich Hilfe zu holen.
"Was hab ich dir nur angetan?" sind die Worte, die mir sagt, bevor sie den entscheidenden Schritt geht...

Und da ist sie wieder, die Stärke, die ich an meiner Mutter so liebe. Sie ist nicht gegangen, denn sie kämpft...jeden Tag, in guten Zeiten lächelnd, in schlechten auch mal weinend. Aber sie kämpft. Für sich, für uns.
Sie ist meine Mutter, mehr noch, die beste Freundin, die es gibt. Und ich find sie verdammt cool.

6

Diesen Text mochten auch

29 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Hi zusammen,

    hier ein Statement von der "anderen Seite": mir ging es so wie Spreequells Mutter:
    Immer tatkräftig, immer selbstbestimmt (und andere bestimmend!), immer vollen Einsatz bei allem Tun, immer stark... von früher Jugend an. Bis frau es irgendwann leid ist! Und sich nur noch ausgebrannt fühlt und will, dass dies ein Ende hat. Ein Ende mit all der (selbst aufgeladenen) Verantwortung, mit den (selbst genährten) Erwartungen der anderen, mit der plötzlich empfundenen Leere.
    Ich bin in ein tiefes schwarzes Loch gerutscht - und mein Spruch "Ich halte es mit Münchhausen - der hat nicht nur sich selbst am Zopf aus dem Sumpf gezogen sondern auch noch das Pferd mitgenommen!" galt mir auf einmal nchts mehr. Ich habe buchstäblich keinen Sinn darin gesehen, das "Herausziehen" überhaupt zu versuchen. Ich war noch nicht mal mehr in der Lage, irgendetwas etwas Schönes wahrzunehmen. Und vor allem war ich nicht mehr in der Lage wahrzunehmen, wie sehr ich meine Tochter (damals 19) belaste! Indem ich bei ihr Verständnis und Halt suchte, habe ich ihr extrem viel zugemutet. Wenn Spreequell ihre Wut und Verzweiflung (und ihre Schuldgefühle) beschreibt, sehe ich förmlich meine Tochter vor mir. Als langsam, langsam der "Genesungsprozess" einsetzte, habe ich mich ebenso wie ihre Mutter schuldig gefühlt, meiner Tochter "das angetan" zu haben.
    Aber glaubt mir: es kann jede/n treffen! Und wenn jemand - ob Mann oder Frau - in einer solchen Krise steckt, nimmt er/sie kaum noch etwas aus der Umgebung wahr! Das ist wie eine Nebelwand, die einen einschließt. Das kann keiner nachvollziehen, der es nicht selbst (mit-)erlebt hat - insofern gebe ich schiheim Recht.
    Aber: es gibt eine - manchmal nur geringe - Chance, durch den Nebel zu dem/der Betroffenen durchzudringen. Ich bin meiner Tochter und meinen Freunden zutiefst dankbar, dass sie es immer wieder versucht haben. Auch meinem Hausarzt, der mir eine Kur in einer auf psychosomatische Krankheiten spezialisierten Klinik und Zeit (!) verschafft hat.
    Ich kann die Angst und die Hilflosigkeit meiner Tochter nicht ungeschehen machen - ich kann ihr heute nur sagen: "Du bist das Beste, was mir passieren konnte".

    Ich wünsche euch allen, dass ihr die Kraft findet, solche schrecklichen Zeiten durchzustehen - egal auf welcher Seite! Und dass ihr immer jemanden findet, der euch die Last tragen hilft.

    10.11.2006, 13:35 von kittymuc
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Nur eines: Halte sie fest, lass sie nicht gehen. Mein Vater ging, ohne dass wir etwas tun konnten. Für ihn der bessere Weg, für uns keiner, mit dem wir richtig leben können. Hilf deiner Mutter einfach, sei für sie da... Mehr will und kann ich nicht dazu sagen.

    05.10.2006, 23:20 von MissLyra
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hallo Spreequell,

    ein toller Artikel - auch wenn ich weiß, dass du sicher jedes Lob für ihn dagegen eintauschen würdest, wenn du dafür keine Veranlassung hättest. Ich wünsche deiner Mutter ganz viel Kraft - und dir auch!

    @schiheim: Wenn ich zwischen deine Zeilen gucke, kann ich so ein wenig ahnen, was du sagen möchtest. Aber was du so im groben und ganzen über Menschen, die an Depressionen leiden gesagt hast, ist ziemlich daneben und vor allem gefühllos. Ganz sicher tut mir meine Arbeit gut, aber deshalb befreit sie mich nicht von meinen Depressionen. Wenn das so einfach wäre, würde ich 20 Stunden am Tag im Büro sitzen.

    25.09.2006, 20:21 von the_actress
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gutes Thema, oft wird nicht darüber geredet..Super wie ernst aber auch positiv dieser Text geschrieben ist..Über die Psyche seiner Eltern redet man nicht gerne, will es sich nicht eingestehen, dass die einst so starken Eltern, die es vorleben wie man sein Leben meistern kann und mit Rat und Tat den Kindern beiseite stehen, auch mal an den Problemen des Lebens scheitern können..
    Schön, das Du das so akzeptieren kannst und darüber schreibst!
    Zeig ihr Deinen Text wenn Du es noch nicht getan hast!

    25.09.2006, 20:01 von Chaosmotte
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gab es einen bestimmten Zeitpunkt an dem es angefangen hat?!?

    01.09.2006, 14:00 von Knuckles
    • Kommentar schreiben
  • 0

    @Frau Marx...es ist genau das, was du beschreibst, was diese Trauer und Wut ausmacht. Meine Mutter ruft nachts um zwei bei mir an und weint bei mir am Telefon und ich höre sie hundertmal das gleiche sagen und mich hundertmal das gleiche antworten. Der Vorteil, den ich habe, ist der, dass ich in der Ausbildung lerne, mit solchen Sachen umzugehen, doch alle Theorie hilft dir nichts, wenns deine eigene Mutter ist. Ich werde manchmal hart und sage ihr, dass sie sich nicht immer um sich drehen darf. Und das hilft. Manchmal muss ich sie einfach auf den Boden zurückbringen, bevor sie sich vollends reinsteigert. Obwohl es mir wehtut, wenn ich ihr "Denk nicht immer nur an dich" entgegen schmettere. Es hilft, zumindest bei meiner Ma. Und meistens auch nur kurz, aber immerhin hilft es ein wenig.

    @schiheim:
    Ich kann nur sagen, dass meine Mutter jeden Tag zehn Stunden arbeitet und viele Hobbys und Freunde hat. Trotzdem hat diese Erkrankung nicht vor ihr Halt gemacht. Wohl doch die Gene.

    11.08.2006, 13:40 von Spreequell
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich bin von deinem Text sehr bewegt
    Auch meine Mutter leidet unter einer Art von Depressionen, dem Burn Out Syndrom, und meine Geschwister und ich haben zwar schon lange geasgt das es ihr bestimmt gut tun würde sich Hilfe zu suchen aber als es dann letztendlich zum totalen Zusammenbruch und der anschließenden Therapie kam war es doch irgendwie kaum zu fassen
    Besonders schlimm ist für mich das ich hilflos mit ansehe wie es meiner Ma schlecht geht und das auch mein Vaterv gar nicht weiß, was er tun soll und dann kommen immer diese Schuldgefühle, denn es gibt keinen "normalen" Streit oder Diskussionen wie in anderen Familien sondern es endet immer in Schwarz- Weißmalerei und Verzweiflung und dann fühle ich mich schuldig
    auch das die therapie durch starke Medikamente unterstützt werden muss ist für mich nur schwer zu fassen
    aber letztenendes ist auch meine Mutter eine unheimlich bewundernswerte Frau die in ihrem Leben sehr viel geleistet hat und ich hoffe das auch ich einen so guten Weg finde mit dieser Krankheit umzugehen, doch jetzt brauche ich, ga´nz ehrlich erst mal Abstand, einer der Gründe warum es mir so wichtig ist, jetzt direkt nach der Schule auszuziehen

    10.08.2006, 15:42 von AgnesM.
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare