quatzat 30.07.2010, 09:58 Uhr 7 14

Momentum

Wenn Zeit schrumpft.

Ich ziehe den Mantelkragen höher ins Gesicht, als mir eine Böe wieder einmal den Atem nehmen will. Grau sind sie schon die letzten Wochen, die Böen, und umwehen graue Gestalten in grauen Gassen umgeben von grauen Mauern. Es ist erdrückend dumpf und neblig, seit Tagen versinkt die Stadt im Dunst, wattig saugt er jeden Laut auf und lässt die Menschen mit leeren Herzen zurück.

An einer Fensterscheibe bleibe ich stehen und lege meine Handflächen an das kalte Glas. Es beschlägt, als mein Kopf näher rückt und ich den grauen Nebel zwischen uns vertreibe. Mein Blick öffnet sich in den Raum, im Inneren erkenne ich eine schemenhafte Gestalt, die sich ein wenig heller von ihrer Umgebung absetzt. Noch dichter presse ich meine Stirn an das Glas und schirme meine Augen mit hohlen Händen von der grauen Bedeutungslosigkeit um mich herum ab.

Eingemummt in einen beigen Anorak, der ihr bis zu den Knien reicht, steht ein kleines Mädchen auf Kies. Ihre blonden, in einen Topfschnitt gezwängten Haare werden vom Wind hin und her gepeitscht, doch sie lächelt, es scheint ihr zu gefallen. Soweit man es an ihren Augen hinter der Brille sehen kann, deren eine Linse abgeklebt ist. Neben ihren blonden Haaren bilden ihre gelben Gummistiefel den einzigen Lichtblick im dunklen Dunst um sie herum. So lächelt sie mit dem Wind, der über den See in ihrem Rücken seine Wellen rollen lässt. Wie ein graues Gerippe liegt die Gischt da, eingerahmt von den dunklen Schatten der Berge. Weit entfernt lachen Möwen.

Daneben liegt das Moor. Es liegt außerhalb meines Blickfeldes, aber ich weiß, dass es existiert, denn ich kenne das Mädchen und ich kenne die Landschaft. Etwas drückt mich weiter gegen die Scheibe. Für kurz schließe ich die Augen und als ich sie wieder öffne, hat sich das Mädchen schon bewegt. Es steht neben einem großen, gelben Doppelschaukelsitz. Alt ist er und noch mit Stahlstreben an der Schwingachse befestigt. Dunkle Rostflecken überziehen seine vergilbte,lackige Haut und lassen sie abplatzen, genau wie die Plastikschalen, die wohl vor langer Zeit einmal auf der Längsstrebe montiert waren. Nur die dünnen, scharfkantigen Auflageflächen sind geblieben.

Als ein Junge den Raum betritt, schaue ich instinktiv weg. Ich kenne ihr Vertrauen in ihn und zu oft habe ich beide schon sehen müssen. Schau hin, zischt es hinter mir und der Druck gegen den Hinterkopf verstärkt sich. Meine Augen öffnen sich wieder.

Momente können Zeitpunkte sein, die die Realisation der Folgen einer Übersprungshandlung, deren Intensität und die Affektrealität scheinbar zeitgleich beinhalten. Momente können erhebend sein, sie können zertrümmern, sie haben die Kraft zu entscheidenden Veränderungen. Weil sie nicht nur einen kurzen Zeitraum beschreiben, sondern auch einen zeitlichen Impuls darstellen. Sie führen die Endgültigkeit vor Augen. So der Moment, als der kleine Junge zeitlupenartig zum Doppelschaukelsitz geht, und langsam den schartigen Längsbalken greift. Blitzschnell reißt er ihn zurück und stößt ihn wieder vorwärts, bis er kriechend langsam seine Hand verlässt. Auf die Frage nach seiner Aggression weiß er keine Antwort und die Existenz des Unbewussten wird ihm schlagartig bewusst,als sein Hirn die Bahn der Stange auf den Kopf des Mädchens extrapoliert – sie ängstigt ihn. Er spürt etwas in sich lauern und sein Brustkorb beschließt durch Versteifung der inneren Gefahr vorzubeugen.

Meine Perspektive beginnt, die Szene zu umkreisen und veranlasst mich, dem gelben Geschehen weniger Aufmerksamkeit zu schenken als den kalten Bergen und der starren Gischt, die im Hintergrund schnell vorbei gleiten. Als Rost und Gelb die Hand des Jungen verlassen, bereut er und will ändern. Aber Ursache und Wirkung stehen eisern hinter und vor ihm. Uninteressiert und leicht verärgert betrachte ich sein Ausgeliefertsein zwischen Anfang und Ende. Er ödet mich an, der Hass klopft an meine Tür, als unsere Perspektiven verschmelzen und ich das korrodierte Platt auf den Schädel des Mädchens langsam zu schnellen sehe. Noch immer lacht sie für die Ewigkeit.

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    ich habs zweimal gelesen und nun noch die frage: wer ist drinnen und wer ist draußen?

    tut mir leid für die frage, aber ich habs nicht eindeutig mitbekommen, mein kopf ist zu voll von texten ^^

    19.02.2012, 18:42 von deluecksartist
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    der text. der letzte satz. passt.

    ich mag das.

    09.02.2012, 09:47 von mo_chroi
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    ich find den text super.

    mich stört nur, dass da irgendein beschissener schädel zertrümmert werden muss. aber daran scheint es ja bei dir ein wenig zu kranken.

    21.08.2010, 20:21 von MisterGambit
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      @MisterGambit Das steht da nicht drin!

      21.08.2010, 20:22 von quatzat
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    Bereut er im Moment des Loslassens wirklich? Die entscheidende Frage.

    07.08.2010, 13:13 von belletina
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    Der hier ist gut! Packt einen mit dem ersten Wort und lässt bis zum Schluss nicht mehr los. Der letzte Satz rundet das Ganze sehr gut ab.

    04.08.2010, 20:50 von Songline
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