Mich verfolgt da ein Gefühl
Heute hab ich ihn wieder vermisst. Meinen Papa. Ob das irgendwann einmal aufhört?
„Viel Gück“, wünsche ich Sonja. Viel Spass, das wäre doch übertrieben gewesen. Aber mein Beileid, das ist nicht meine Art. Sie lächelt mich an, denn sie weiß, was ich meine. Wie waren schon immer gute Freundinnen, doch ich hatte ihr eines voraus. Das Wissen darüber, wie es sich anfühlt jemanden zu verlieren, den man liebt. Natürlich war sie für mich da, als mein Vater starb. Sie tröstete mich, redete, hörte zu, tat alles, was sie konnte. Aber mitfühlen, wirklich wissen, wie mit zumute war, das konnte sie nicht. Sie mag nicht verstanden haben, warum ich so offen über die Leiche meines Vaters gesprochen habe, oder darüber, dass ich ihm ab und an auch böse war, dass er mich im Stich gelassen hat. Vielleicht hat sie sich gewundert, dass ich zwischen all dem Weinen auch lachen wollte, und zwischen all dem Lachen auch schreien wollte. Aber Sonjas Blick verrät, dass sie nun versteht. Es gibt mir einen Stich ins Herz, ich hätte ihr gewünscht, dass sie von diesen Gefühlen noch ein wenig verschont bleibt. Den Opa zu verlieren, das ist nicht so schlimm, wie den Vater zu verlieren, mögen jetzt einige sagen. Trotzdem machten Sonja und ich durch den Tod unserer Lieben die gleiche Bekanntschaft: Wir lernten, was Trauer ist.
Vor und auch nach der Beerdigung ist die Trauer ein ständiger Gast. Sie weigert sich, das Herz zu verlassen. Sie legt sich, breit und schwer, darauf, und nimmt einem die Luft zum Atmen. Manchmal gewährt sie eine kleine Auszeit, vor allem, wenn man mit der Familie in schönen Erinnerungen schwelgt. Von Zeit zu Zeit jedoch wird die Trauer so belastend, dass man beinahe verzweifelt. Sie lädt Zweifel, Ängste und Zorn ein, ohne sich vorher Erlaubnis zu holen. Zusammen machen sie sich daran, das Herz gemächlich zu zerfressen. Mit ihren immerwährenden Fragen nach der Zukunft, der Welt ohne den Lieben, schwächen sie den ganzen Körper. Tränen fließen, es lohnt sich nicht einmal, zum Taschentuch zu greifen, weil sich die Augen doch gleich wieder füllen.
Irgendwann dann geht das Leben weiter. So genau merkt man gar nicht, wann und wie es wieder angefangen hat, vielleicht lief es auch die ganze Zeit weiter, und man selbst hatte nur kurz ausgesetzt. Man ahnt, dass die Trauer noch nicht ganz verschwunden ist, erwartet, dass sie mit ihren Bekannten wiederkommt. Man macht sich darauf gefasst und weiß, dass es so ja auch eigentlich gut ist. Ab und zu ist sie dann tatsächlich wieder da, sie stürmt durch die Tür, wirft sich aufs Herz und packt es mit einem so festen Griff, dass es stehen zu bleiben droht. Doch die Abstände zwischen den Besuchen werden größer, das Atmen fällt leichter, und somit auch das Leben.
Man bildet sich ein, dass sie Trauer nun durch Erinnerungen abgelöst wird. Dass man zwischendrin mal an den Lieben denken kann, ohne gleich laut los zu schluchzen. Dass man sich leichten Herzens an schöne Momente erinnert, und nichts als Freude darüber, dass es diesen Moment gab, empfindet. Ohne den bitteren Nachgeschmack des Vermissens. Und tatsächlich, es geht. Eines Tages glaubt man dann, dass die Trauer verschwunden ist. Sie hat sich ein neues Herz gesucht, das sie nun schwer machen wird. Sie wird zum eigenen aber nicht mehr zurückkehren.
Doch das ist ein Trugschluss. Mit dem ersten Schmerz wird uns die Trauer ein ständiger Begleiter. Sie ist nicht Gast, wir können sie nicht rausschmeißen. Sie hängt uns an den Fersen, mal ist sie nah, mal fern, doch ihre Schritte folgen uns unaufhörlich, und ihre Schatten nehmen uns immer wieder das Licht. Wenn wir glauben, wir sind sie losgeworden, stellt sie sich uns mitten in den Weg, schaut uns mit großen Augen an, ungläubig, weil sie nicht versteht, dass wir jedes Mal überrascht sind, wenn sie nach so langer Zeit wieder auftaucht. Sie möchte uns eine Freundin sein, will, dass wir ihr wieder und wieder unser Herz übergeben. Sie kann nicht verstehen, dass wir ihr Gewicht nicht immer tragen können. Mit ihren feuchten Händen greift sie nach uns, und je stärker wir uns wehren, desto verzweifelter versucht sie, uns fest zu halten.
Die Trauer bleibt bei uns, so sehr wir sie auch abhängen wollen. Sie begleitet uns bei jedem Entschluss, ist da, in jeder einsamen Minute.
Noch einmal schaue ich in Sonjas Augen. Sie kennt nun die Trauer. Sie versteht, wie ich mich damals gefühlt habe. Aber sie weiß noch nicht, wie ich mich jetzt fühle. Sie weiß nicht, dass die Trauer nach ein paar Monaten nicht überwunden ist. Sie kennt das schlurfende Geräusch ihrer Schritte nicht, auch nicht die kleinen Risse, die sie immer wieder ins Herz reißt.
Eine Träne läuft mir über die Wange. Die Trauer hat mich wieder einmal eingeholt. Ich weine um Sonja und meinen Papa. Ich weine um mich, und um die Trauer selbst. Sie kann doch nichts dafür, dass ich sie leid bin.


Kommentare
mein vater ist vor einem knappen jahr gestorben. es gibt tage, da geht's mir schlechter als an dem morgen nach seinem tod.
20.04.2008, 23:10 von alberichkenne dieses gefühl auch ... mein vater ist gestorben als ich 14 war
25.09.2007, 18:53 von LeMMiXschöner text, wünsche dir alles gute!
ich bin so froh, dass es doch jemanden gibt der die schlurfende schritte auch hören kann...
13.09.2007, 17:40 von moosmutzelund ich bin froh dass es doch jemanden gibt der wie ich fühlt.
danke
danke für deinen text.
09.09.2007, 19:53 von angelicwitchich kenne das gefühl in ansätzen. ich musste "nur" den tod meines opas durchmachen. vor allem kann ich dich verstehen, wie du um deine freundin weinst. genau davor habe ich auch angst. von meine liebsten freundinnen hat noch keine einen engen angehörigen verloren, weil alle engen verwandten von ihnen noch am leben sind. ich würde sie so gern vor der trauer bewahren, die irgendwann kommen wird.
ich danke dir auch für den text, der hilft, trauernde menschen ein bisschen besser zu verstehen. mein exfreund hat seinen kleinen bruder verloren und er hat mich nie wirklich an seiner trauer teilhaben lassen. es ist verdammt hart daneben zu sitzen und nichts tun zu können und nicht mal richtig zu verstehen. ihn nicht zwingen zu wollen, gefühle in worte zu fassen aber zu sehen, wie die trauer ihn auffrisst, weil er sie eben nicht zulassen will,.und das verdrängte in immer kürzeren abständen wieder an die oberfläche dringt, um dir den menschen, den du so sehr liebst, wieder für ein paar tage weg zu nehmen. wie schön wäre es, wenn man für andere leiden könnte, dass sie nicht alles selbst durchmachen müssen...
nicht nach ein paar monaten, auch nicht nach wenigen jahren, aber irgendwann verschwindet sie, glaub mir.
08.09.2007, 21:49 von penny-lanealles gute.
Sehr schöner und wahrer Artikel.
08.09.2007, 08:39 von barcafanLiebe Laura,
07.09.2007, 22:05 von sunnymoodwie in Philo heute schon gesagt: ich hatte ihn bereits gelesen! Toller Text... Ich hatte keine Ahnung dass du so toll Texte schreiben kannst! Meinen Respekt.
Und dank dir bin ich jetzt auch bei neon.de ;-)
@sunnymood danke danke danke :))
07.09.2007, 22:21 von LauraLLich freu mich ja, dass ich neon ein neues mitglied beschert hab. hehe.
...geweint...
07.09.2007, 18:11 von BehindiKindi:-*
@BehindiKindi hach nee das wollt ich nich :(
07.09.2007, 21:39 von LauraLLdie trauer hört nie auf, aber es kommt der moment in dem man alte fotos findet und lächeln muß anstatt zu weinen.
07.09.2007, 13:54 von porcelina@porcelina schön gesagt.
07.09.2007, 15:01 von hui-buh@hui-buh da stimm ich zu :)
07.09.2007, 15:03 von LauraLLso, jetzt hab ich hoffentlich auch alle rechtschreibfehler korrigiert...
07.09.2007, 12:25 von LauraLL