Treacherous 19.12.2012, 10:20 Uhr 21 31

Merry Christmas, Mr. Mördergrube

Wie erwartet, war die Welt nicht untergegangen, und wir feierten Weihnachten bei meinen Eltern. Mutter servierte Fisch und gab mir einen weisen Rat.

Wie erwartet, war die Welt am 21. Dezember nicht untergegangen. An das Eintreffen der vermeintlichen Prophezeiung des Maya-Kalenders hatte wohl nie jemand wirklich geglaubt, auch wenn die Medien in den letzten Wochen und Tagen voll von Berichten über Menschen waren, die Vorbereitungen für die bevorstehende Katastrophe getroffen hatten. Die Welt war also nicht untergegangen. Immerhin aber hatte es über Nacht nochmal kräftig geschneit. Ich blickte aus dem Dachgeschossfenster an der Hinterseite des Hauses. Eine dicke Schneedecke umhüllte die Welt wie ein Schleier. Soweit das Auge reichte nur noch Weiß, lediglich hier und da unterbrochen durch einige hohe Bäume und ein paar Häuser, deren Fassaden und Dachgiebel undeutlich unter den Schneemassen erkennbar waren. Irgendwo in der Ferne stieg dunkler Rauch auf.

Wir waren seit zwei Tagen zu Besuch bei meinen Eltern, um dort die Weihnachtstage zu verbringen. Die Schneewehen hatten bereits auf der Hinfahrt begonnen; nur mit Mühe und einiger Verspätung hatten wir deshalb unser Ziel erreicht. Der Anblick der samtigen Schneedecke und der leichte kühle Zug, den ich durch die Fugen im Fenster an meinen Händen spürte, beruhigten mich. Im Hintergrund spielte der Radiowecker, seitdem wir aufgewacht waren, einen Popklassiker nach dem anderen. Die vorweihnachtliche Dauerberieselung wurde nur durch den Verkehrsfunk immer mal wieder unterbrochen. Mit sonorer Stimme verkündete der Sprecher die jeweils aktuellen Staumeldungen. Nach zwei Tagen mit immer neuem heftigem Schneefall war die Verkehrsinfrastruktur in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen. Eine Nachricht ließ mich aufhorchen. Auf der Autobahn 40 war in der Nacht eine vierköpfige Familie mit einem Opel Zafira kurz vor Bochum liegen geblieben und erfroren. Es gab immer Opfer. So war das wohl.

„Mach aus deinem Herzen keine Mördergrube, mein Junge.“ Meine Mutter war unbemerkt ins Zimmer gekommen und stand plötzlich neben mir, wie ein Geist. Sie sprach leise und blickte mich eindringlich an. Meine Stirn legte sich in Falten. „Komm gleich runter. Das Frühstück ist fertig.“ Ich sah ihr nachdenklich hinterher, als sie wieder nach unten ging.

Nachdem unser traditionelles Weihnachtsessen im vergangenen Jahr erstmals ausgefallen war, hatten wir alle in diesem Jahr beschlossen, dem Fest besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wir waren müde, erschöpft, und schauten doch nach vorne. Meine Eltern, weil sie langsam merkten, dass ihnen vielleicht nicht mehr viele gemeinsame Jahre blieben, die Kinder, weil sie noch nicht sehr viele gemeinsame Weihnachten erlebt hatten. Und ich, weil ich dazugehören wollte. Wir müssten nur den Weltuntergang vorher überleben, hatte Jessica gewitzelt, weil sie meine Frau war. Was ich lustig fand.

Je älter ich wurde, desto mehr schwächte sich mein nahezu zwanghaftes Bedürfnis ab, der erdrückenden Festtagsstimmung auszuweichen, das mich immer dann erfasste, sobald die Menschen in meiner Umgebung spätestens ab Anfang November anfingen, von der nahenden Adventszeit zu reden, sich eifrig um Kalender und Weihnachtsdekoration kümmerten, später dann um Geschenke und Tannenbäume, und schließlich um Fondue und Geflügel. Meine Mutter hatte für diesen Abend ein ambitioniertes Fischmenü angekündigt, mit drei verschiedenen Soßen und fünf verschiedenen Gängen, für das sie gleich nach dem Frühstück mit den Vorbereitungen beginnen wollte. Mal was anderes, hatte sie gesagt. Nicht immer das Gleiche.

Ich erinnerte mich an meine Jugend, als wir Weihnachten immer bei den Eltern meines Vaters verbrachten. Als seine Geschwister noch miteinander redeten, und auch die Mutter meiner Mutter an Heiligabend vorbeikam, weil sie praktischerweise in der gleichen Stadt wohnte und unglücklicherweise keine eigene Familie hatte. Sie durfte mitfeiern, sie kam wohl vor allem wegen mir und ihrer Tochter, die für mich nur meine Mutter war und für die anderen ein Schatten. Das war  irgendwie alles selbstverständlich. Aber eigentlich unverständlich, denn ich lernte hier rasch die ganze Palette menschlicher Abgründe kennen. Diktatorische Frauen, die ihre Familien mit subtilen Druckmitteln in Geiselhaft nahmen. Männer, die ihre Frauen hassten, und alle anderen, und die gesamte Menschheit, aber vor allem die Russen, was wohl ein Kriegstrauma war, nur leider kein Traum. Frauen, die hysterisch waren und schrien. Männer, die abgestumpft waren und weghörten. Kinder, die undankbar waren und respektlos ihre Wut am schwächsten Glied der Kette ausließen. Verstehen lässt sich das nicht.

Nein, Weihnachten ließ mich kalt. Ich schaute kritisch nach draußen. Die Schneelandschaft wirkte auf einmal nur noch öde und kalt. Mir war kalt. Behandelte ich die anderen deshalb so kalt? Weihnachten war nie mein Ding, und das wollte ich sie spüren lassen. Heuchlerisches Getue, unpassende und unerwünschte Geschenke, dümmliche Lieder, Küsschen links, Küsschen rechts, fettiges Essen, langweilige Gespräche, Menschen, die sich nichts zu sagen hatten, stinkende Scheiße und Wein. Wenigstens Wein. Wein. Und nochmals Wein. Immerhin den konnte ich, sobald ich alt genug war, runterkippen ohne Hemmungen, wenn ich denn überhaupt anwesend war, und nicht geflüchtet, auf eine der immer zahlreicher werdenden Weihnachtspartys. Auf denen nichts heilig war, denn offensichtlich war ich nicht allein mit meiner Festtagsphobie in diesem reichen, armen und kranken Land.

Ich räusperte mich. In diesem Jahr wollte ich dem Fest besondere Aufmerksamkeit widmen. Nachdem ich mich komplett angezogen hatte, ging ich hinab in die Küche, wo sich die anderen außer Vater bereits zum Frühstück versammelt hatten. Die Kinder zankten sich auf dem Boden um irgendein Spielzeug, das der Adventskalender hinter dem letzten Türchen freigeben hatte. Meine Mutter stand mit Jessica vor der Anrichte und schüttete den Kaffee auf. Die beiden flüsterten miteinander. Als sie mich bemerkten, drehten sich zu mir und verstummten. Meine Frau lächelte mich sanft an. Der Lärm war verstummt, die Kinder hatten sich beruhigt und auf ihre Plätze gesetzt. Voller Stolz hielt der Jüngere, der offensichtlich den Sieg errungen hatte, seine Trophäe in die Höhe, und zeigte sie meinem Vater, der inzwischen ebenfalls in die Küche hereingekommen war. Er wirkte apathisch, wie immer, und lächelte nur kurz. Mutter deckte weiter den Tisch und stellte einen mit Brötchen und Brotscheiben reich bestückten Korb auf den Frühstückstisch. Dabei war ihr Gesichtsausdruck sehr konzentriert und irgendwie leise. Wie Schnee.

Und in diesem Moment konnte ich in ihr Herz sehen, und die vielen Flagellanten, Lügner und Diebe erkennen, die sich dort eingenistet hatten.

"Merry Christmas, Mrs. Mördergrube".


Tags: Furyo, David Bowie, Lachsforelle, Winterschläfer
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21 Antworten

Kommentare

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  • 1

    sehr speziell, hat mir gefallen deine geschichte zu lesen

    22.12.2012, 23:44 von pur_pur
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  • 2

    Ein wundervoller, kritischer und wehmütiger Text, den ich sehr gern gelesen habe. Ich persönlich lese hier eine Liebeserklärung an die Mutter, die die alten traditionellen Werte hochhält, die Familie mit Köstlichkeiten zu "beglücken" versucht und dabei keine Mühen scheut und sich selbst leise zurücknimmt, obwohl sie das alles wahrscheinlich ebenso durchschaut...

    Eine meiner Lieblingsstellen:

    Meine Eltern, weil sie langsam merkten, dass ihnen vielleicht
    nicht mehr viele gemeinsame Jahre blieben, die Kinder, weil sie noch
    nicht sehr viele gemeinsame Weihnachten erlebt hatten. Und ich, weil ich
    dazugehören wollte.

    denn offensichtlich war ich nicht allein mit meiner Festtagsphobie in diesem reichen, armen und kranken Land.

    Dabei war ihr Gesichtsausdruck sehr konzentriert und irgendwie leise. Wie Schnee.

    Und in diesem Moment konnte ich in ihr Herz sehen,
    und die vielen Flagellanten, Lügner und Diebe erkennen, die sich dort
    eingenistet hatten.



    21.12.2012, 11:16 von Jackie_Grey
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  • 1

    WEiter!" WEiter"! 

    Du kannst doch hier nicht aufhören : ich habe gerade erste angefangen mich wieder mal wohl zu fühlen mit Worten von jemanden der den Geist der Zeit zum Ausdruck bringt.

    21.12.2012, 10:03 von minka911
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  • 1

    Ich finde den Anfang und das Ende gut, in der Mitte hatte ich das Gefühl, die Geschichte hätte einen Durchhänger.


    Aber stimmt schon, aus dem Herzen keine Mördergrube zu machen, ist ein schöner Vorsatz. Blickt man auf die ein oder anderen Ereignisse in dieser Welt, könnte die Geschichte für sich als "Mach die Welt ein bisschen besser"-Text stehen.

    20.12.2012, 19:51 von marco_frohberger
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  • 1

    ...von was oder wem du dich wohl hast inspirieren lassen? Stark gelungenes Schauerstückchen! ^^

    20.12.2012, 19:13 von Kiyan
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  • 3

    Auf der Autobahn 40 war in der Nacht eine vierköpfige Familie mit
    einem Opel Zafira kurz vor Bochum liegen geblieben und erfroren.

    Gut, dass es in der Zukunft spielt. Ich rette die!

    Die Geschichte gefällt.

    19.12.2012, 21:25 von Freulein_Taktlos
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  • 1


    „Mach aus deinem Herzen keine Mördergrube...


    Das ist ein weiser Spruch.


    Sehr nachdenklich Geschichte, die ich da gelesen habe. Und nicht zu vergessen meine A 40, auf der ich so oft sterbe. ;) 

    19.12.2012, 17:13 von jetsam
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