Meine Oma und der Free-hugger...
Ich habe nie dran gedacht, dass meine Oma mal alt wird. Jetzt ist es passiert, und ich hab es fast verpasst.
Klein ist sie, meine Oma. Und ganz knuddelig dick und weich. Meine Oma. Früher, als sie noch grösser war als ich, da war einmal in der Woche "Oma-tag". Da hat sie mich abgeholt und wir haben die Stadt erkundet. Einmal sind wir zum Feuerwehr-Fest gegangen, da hat sie solange Bälle gegen Dosen geschmissen, bis sie die wunderschöne Pfaun-Feder für mich gewonnen hat. Aber auch sonst war meine Oma mein Held. Sie konnte das Jagdhorn spielen wie keine Andere. Das geht nun leider nicht mehr, weil ihre Lungen nicht mehr stark genug sind. Aber das Jagdhorn hängt an der Wand und glänzt wie die schönen Erinnerungen, die in meinem Kopf glänzen.
Wenn ich mit meiner Oma spreche, dann fällt mir immer mehr auf, wie stark sie ist. Sie war zarte fünf Jahre alt, als ihr Vater auf einmal verschwand und ihre Mutti sie mit einem Koffer zum Bahnhof brachte damit sie "auf's sicher Land" fuhr. So fing der Krieg für sie an. Manchmal erzählt sie vom Beerenflücken im Wald und dem plötzlichen Luftangriff, bei dem sie sich den Arm auskugelte, als sie zum Bunker lief. Oder von ihrem schönen Puppenhaus, das mit dem Rest ihres damaligen Zuhauses ganz und gar verbrannte. Sie sagt oft wie gern sie gehabt hätte, dass ich mal damit spielen kann. Doch von dem Tag an dem Berlin fiel und die Russen in die Wohnung ihrer Mutter, Tante und ihr kamen, von dem mag sie nicht gern erzählen.
Und später, als sie meinen Opa kennenlernte, da gab es nicht viel Geld und auf Hochzeitsreise ging es in den Schwarzwald zum Zelten. Einmal bekam sie eine Orange geschenkt, die hat sie mit Schale gegessen, weil sie einfach keine Ahnung hatte, was das denn war. Jetzt hat sie immer Orangen im Haus. Und selbstgemachten Apfel-Gelee. Den gibt es mit viel gute Butter auf frischem Graubrot. Das muss sie leider jetzt meist alleine essen.
Mein Opa, der Mann mit dem sie über 40 Jahre zusammen lebte und 3 Kinder gross zog, starb vor nicht allzu langer Zeit. An einem Herzinfakt. Am gleichen Tag wollte auch ihr Herz nicht mehr. Also lagen beide im Krankenhaus. Er im Koma, sie mir einem gebrochenen Herzen. Als sie wieder aufstehen konnte und ihren schlafenden Mann an der Hand berührte, gab er einen grossen Seufzer von sich und starb. Es war als hätte er nur noch daruf gewartet, sie noch einmal zu berühren. Seitdem glaube ich ganz stark, dass manche Herzen und Seelen einfach miteinander verbunden sind.
Lange Jahre hat sie nun allein gelebt, mit Anja, ihrer treuen Hündin, in einem kleinen Haus in der Eifel. Doch nun musste sie wegen ihres angeschlagenen Herzens dieses Haus und das Grab ihres Mannes zurücklassen und wohnt nun bei uns. Sie ist einsam, meine Oma. Ihre Kinder sind erwachsen, ihre Enkel in alle Winde verstreut. Sie hat ihre Anja und ihre Therapie. Aber ich glaube sie sehnt sich nach ihrem alten Leben. Mit Opa und den Freunden vom Jagd-Verein. Sie guckt viel fern und wirft oft mit ihren Interpretationen von Mario Barth um sich und bringt uns zum Lachen. Auch weis sie wer Germany's next Top-model ist und der neue Superstar.
Letztens war ich wieder zu Hause und sass bei ihr, mein Graubrot mit Apfel-Gelee kauend, als sie mir von ihrem Erlebnis in Köln erzählte. Da stand ein Mann, der einfach alle umarmt hat. Umsonst. Und sie erzählte es mit einem Leuchten in den Augen und einer Freude, die man in Kinderaugen an Weihnachten findet. Da wurde mir etwas klar. Meine Oma braucht einen Enkel-tag. Ich wünschte ich könnte ihr so einen geben, jede Woche. Die Distanz verbietet das. Aber an den Wochenenden, an denen ich da bin, werde ich nun ein wenig mehr Zeit für Oma bereithalten. Vielleicht ist ja bald wieder ein Feuerwehr-Fest. Da nehme ich sie mit hin...und auf jeden Fall bekommt sie jetzt von mir viele, viele free-hugs. Meine Oma kann man gut umarmen, sie ist so klein und so weich....


Kommentare
Meine Oma ist tot ...
19.08.2008, 18:05 von heute-schon-gelebtDer Text ist sehr, sehr schön und einen free-hug bräuchte ich jetzt auch!
Das gefällt mir mal wirklich sehr gut. Schön gefühlvoll aber dennoch nicht albern kitschig.
18.07.2008, 13:19 von MarvbaerIch denke, free hugs kann jeder brauchen, egal welchen Alters. Und in unserer Familie ist es irgendwie Oma, die alle auf Trab hält.
Ja, gefällt mir auch. Meine Oma hat das gleiche Problem. Wird immer einsamer und kommt sehr schlecht damit zurecht, dass alle ihr eigenes Leben führen. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich weggehe und Spass habe und sie allein daheim ist.
13.12.2007, 09:16 von Eva_Lunahab Tränen in den Augen... Was für ein wunderschöner Text, sehr berührend. Schön, dass du versuchst mehr Zeit zu finden :)
26.09.2007, 01:26 von Konzi