gurkedestages 11.03.2007, 13:14 Uhr 11 7

Meine Großeltern sind reich.

Sehr reich. Millionenreich.Macht doch nichts, könnte man jetzt denken, und das dachte ich auch.

Als das Baby auf die Welt kommt, bin ich zwölf, meine Brüder sind neun und sechs Jahre alt. Das Baby wird einen Monat zu früh geboren. Wie alt ist man, wenn man, wenn man eigentlich noch nicht da sein sollte?
Das Baby ist krank, Fehlbildung der Nieren. Also Untersuchen, Röntgen, wieder Untersuchen, wieder Röntgen. Das Baby muss im Krankenhaus bleiben. Es schreit. Darf nicht zu seiner Mutter. Darf nicht nach Hause. Schläuche dran, Kastenbett drum, ab ins Babyzimmer.
Wir dürfen nicht zu ihm. Meine Mutter bleibt. Hält seine Hand, vorsichtig, dass bloß die Schläuche nicht reißen. Es wird Nacht. Meine Mutter will bleiben. verlangt ein Bett. Sie bekommt eines. Aber nicht bei ihrem Baby. Nicht im Zimmer daneben. Auch nicht im Zimmer gegenüber. Raus aus der Säuglingsstation, hundert Meter über den Parkplatz, da steht das Elternschlafhaus.
Die nächsten Wochen sitzt meine Mutter immer nachts auf einem Stuhl. Sie kann nicht liegen, kann nicht schlafen. Aber sie ist bei ihrem Kind. Die Schwestern schauen sie komisch an.

Mein Vater kann nicht mehr arbeiten gehen. Muss zu Hause bleiben, hat ja noch drei andere Kinder. In die Schule bringen, Essen kochen, Haushalt schmeißen. Jeden Tag eine Stunde Autofahrt zum Krankenhaus. Die Wäsche müsste mal wieder gewaschen werden.

Die Ärzte sagen, eine Selbstheilung sei unmöglich, ausgeschlossen, Baby soll operiert werden.

Wir haben kein Geld mehr. Mein Vater ist selbstständig, er kann nicht arbeiten, also gibt es kein Geld mehr. Unser Konto ist weit überzogen.

Die Ärzte entdecken ein Geschwür, Verdacht auf Krebs. Baby muss in ein anderes Krankenhaus. Noch steriler, noch größer, noch weiter weg.

Das Konto steht kurz vor der Sperrung. Wie soll man an Geld denken, vielleicht stirbt das Baby?
In seiner größten Not wendet mein Vater sich an seine Eltern. Meine Großeltern. Die Großeltern des kranken Babys.
Das ist ja nicht besonders abwegig, könnte man jetzt denken, und das dachte ich auch.
Er bittet seine Eltern um Geld, nicht viel, nur genug, um das Schlimmste zu überstehen.

Meine Großeltern sind reich. Sehr reich. Millionenreich.
Glück gehabt, könnte man jetzt denken, und das dachte ich auch.

Zurück kommt ein Brief. Kein Geld. Denn unverschämten Schnorrern geben meine Großeltern kein Geld. Dreist seien wir, geldgierig.

Das Baby liegt immernoch im Krankenhaus. Wir wissen nicht, ob das Geschwür bösartig ist. Wir warten, hoffen, bangen. Was, wenn alles zu spät ist? Was, wenn das Baby stirbt? Am nächsten Tag kommt ein Brief von der Bank, das Konto ist gesperrt.

Das ist jetzt sechs Jahre her. Ich bin heute 18 Jahr alt, meine Brüder sind 15 und elf. Und sechs, das Baby, ist kein Baby mehr, mein jüngster Bruder wird dieses Jahr eingeschult. Das Geschwür war gutartig. Die unmögliche Selbstheilung war nicht unmöglich. Sie ist einfach so passiert, ohne Operation, ganz von selbst.
Und meine Großeltern?
Zum Geburtstag kommt jedes Jahr eine Karte. Aufgedruckt steht da „Herzlichen Glückwusch“ oder „Alles Liebe“ oder so. Und innen, in der Schrift meine Großmutter: wünschen von Herzen Oma und Opa. Weihnachten dasselbe. Nur anderer Aufdruck versteht sich.
Manchmal stelle ich mir vor, wie meine Großeltern ihr Geld zählen und wie beschäftigt sie damit seien müssen, ihren Reichtum vor all den geldgierigen Menschen dieser Welt zu verteidigen.

Für die Schule sollte ich vor kurzem einen Stammbaum malen. Der Name meines Großvaters ist mir nicht eingefallen, ich habe ihn schlicht vergessen. In den Stammbaum schrieb ich Hans. So heißen Großväter doch, oder?

Meine Großeltern sind reich. Sehr reich. Millionenreich.
Ist doch egal, könnte man jetzt denken, und das denke ich auch.

Denn meine Großeltern sind mir egal. Sehr egal. Scheißegal.

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11 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    gott wie scheiße is das denn...
    schöner text...

    lg die prinzassin

    25.04.2007, 18:20 von PrinzassinPanik
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    schade dass du den artikeln vom urlaub rausgenommen hast:-(dazu hätte ich noch einiges sagen können!
    ich hasse reiche menschen nicht, ich hasse nur die, die jeden cent dreimal umdrehen bvor sie ausgeben und die die mit ihrem geld pralen.
    aber ich kann verstehen,daas sie dir egal sind.denn wenn du sie hassen würdest, würde das nur auf den blutdruck schlagen und deine nerven leiden auch

    18.03.2007, 17:12 von volleule_elli
    • 0

      @volleule_elli Ich hasse reiche Menschen aufgrund ihres Reichseins.

      18.03.2007, 17:46 von gurkedestages
    • 0

      @gurkedestages ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHHHHHHHH
      ich meine natürlich NICHT. Ich hasse reiche Menschen NICHT aufgrund ihres REICHSEINS!!!!!!!!!!!!!!

      18.03.2007, 19:55 von gurkedestages
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  • 0

    Lege Dein Leben niemals so aus, dass Du von jemandem abhängig bist.
    Hatte ähnliche Situationen und keiner war da. Hat mir verdammt nochmal fast meine Existenz und meine Doktorarbeit gekostet.
    Manche Leute merken nicht, wenn es ernst ist. Ich werde ihnen immer helfen, und wenn es nur dazu gut ist, dass sie sich schämen.

    12.03.2007, 21:25 von Kaffeeklecks
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  • 0

    Nein, es sind wirklich nicht alle schlecht. Mit meiner großen Großfamilie mütterlicherseits komme ich bestens aus:-) Zum Glück!

    12.03.2007, 19:13 von gurkedestages
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  • 0

    Hefitg...wenn ich mir das so vorstelle. Da wären mir meine Großeltern auch egal.
    Wie schlimm sowas ist. Eigentlich sollte man doch meinen Blut sei dicker als Geldscheine, aber dem scheint ja wohl nicht so zu sein. Und das sie euch als Schnorrer bezeichnet haben, ist ja wohl der oberhammer.

    12.03.2007, 19:02 von sour_cherry
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  • 0

    hart...mein Verhältnis zu meinen Großeltern war ähnlich--leider gab es nur meine Opas u böse Stiefomas...Von meiner Familie ist nicht mehr viel übrig, nicht, dass es da keine Verwandten gäbe--aber die sind net meine Familie...Aber das ist ein anderes Thema.;-)

    12.03.2007, 18:41 von anytime
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    Das bin ich auch. Danke!

    11.03.2007, 13:39 von gurkedestages
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