Mein Vater und die Filipina
Mein Vater hat mir eine philippinische Stiefmutter offenbart, die mit Glück zehn Jahre älter ist als ich.
Mein Vater hat nach langem Hin und Her mit diversen Frauenentwürfen, die in mir allesamt nur Widerwillen auslösten, seinen vorläufigen heiligen Gral gefunden. Eine Filipina soll es sein, und zwar eben jene, die er glücklicherweise schon kennen gelernt hat, die so wunderschön, jung und bescheiden ist.
Ich sitze in einem verrauchten Haus auf einer abgewetzten Couch, die ich in einem anderen Leben mit ausgesucht habe und höre mir seine Erzählungen an.
Ich kämpfe meinen Widerwillen nieder, und werde nacher meinem Freund, nicht meinem Vater sagen, dass ich mich noch nie so als Unterschichtenkind gefühlt habe wie in diesem Moment, als mein Vater mir eine philippinische Stiefmutter offenbarte, die mit Glück zehn Jahre älter ist als ich.
Ich habe sogar schon mal mit ihr telefoniert, damals, als er sie besucht hat, morgens um sechs rief er mich an, um mich an sie weiterzureichen. Sie sagte nicht viel und ihr Englisch war dürftig, was kein Problem ist, das meines Vaters ist es auch. Sie sagte mir, dass ich auf den Fotos aussähe wie irgendwer anders. Das sagen mir meines Vaters Frauen immer. Dass ich aussehe wie irgendjemand anderes, wie ein Filmstar oder sonstiges. Und ich denke mir jedes Mal, dass ich mir wünsche, diese Frauen wären jemand anderes. Wären weniger geschminkt, weniger neurotisch, weniger das Geld meines Vaters aufzehrend, und in ihrere ganzen Verfassung mehr so, dass mein Vater auch wirklich glücklich mit ihnen werden könnte. Damit wäre ich nämlich auch glücklich.
Nun also eine Filipina, über kurz oder lang musste mein Vater bei dieser Entscheidung ankommen, denn die Frauen seines Alters sind ihm ja zu alt.
Ich habe vor Jahren schon aufgehört. an dieser Stelle vernünftig argumentieren zu wollen. Ich habe auch den Versuch aufgegeben, ihm etwas von Globalisierung und Ausbeutung zu erzählen, dialektische Erörterungen, inwieweit die Beziehung dieser Frau zu meinem Vater von ökonomischen Aspekten beeinflust sein könnte, wurden im Keim erstickt.
Und irgendwie habe ich ja auch selbst keine Ahnung, ich war dort nicht, ich kenne sie nicht, aber ich musste zumindest einige verzweifelte Ansätze unternehmen, mich gegen diese sich öffnende Klischeeschublade zu wehren.
Nach einer Woche gesunden Selbstmitleids und innerlichem Wehklagen ob meines schrecklichen sozialen Hintergrundes habe ich mich entschieden. Ich weiß, dass - sollte mein Vater diese Frau wirklich zur Frau nehmen - die ganze Geschichte nie normal sein wird, in dem Sinne, in dem ich sie gerne als normal erachten würde. Ich weiß, dass meine Mutter im besten Fall einen hysterischen Anfall bekommt, wenn ich ihr endlich offenbare, was ihr geschiedener Mann und ihre halb erwachsene Tochter seit Monaten hinter ihren Rücken erörtern.
Ich weiß, dass mein Umfeld schräg schauen wird, und dass die wenigsten Leute sagen werden "dein Vater und seine Freundin" sondern dass es in den meisten Fällen ein "dein Vater und seine Filipina" bleiben wird. so wie man "dein Vater und sein Hund" sagen würde. Aber ich weiß auch, dass mein Vater einsam ist. Furchtbar einsam, dass er in diesen Jahren, allein in einem viel zu großen Haus, nächtelang schlaflos seine gescheiterte Ehe umgewälzt hat, dass er sich immer und immer wieder gefragt hat, warum er so wenig Zeit mit mir verbracht hat, und warum er nie die Probleme gesehen hat, die unter der Oberfläche schwelten. Ich weiß, dass es in seinem Alter und vor allem mit seinen überzogenen Ansprüchen nicht einfach ist, eine Frau zu finden.
Ich weiß, dass die Einsamkeit ihn auffrisst, und das ist etwas, was man nicht möchte, nicht den eigenen Vater, nicht so. Ich habe gesehen, dass er sich verändert hat, er hat diesen trarigen Zug um den Mund bekommen, er sagt sehr oft dasselbe, und er bereut, er büßt, er büßt bis heute.
Ich habe diese ganzen Frauen gesehen, die nach meiner Mutter kamen, und irgendwann bekamen sie in meinem Kopf nur noch Nummern. Ich habe stundenlang, nächtelang mit meinem Vater über seine Beziehungsprobleme geredet, gehadert, wieder und wieder das Gleiche, habe versucht, ihm differenzierte Sichtweisen beizubringen, habe versucht ihn von Frauen wegzuzerren, die - außer gut aussehen- nur sein Geld ausgeben konnten.
Und ich habe eingesehen, dass es nicht um meinem emfpindlichen Sozialstolz geht. Es geht nicht darum, dass die Leute sagen werden "DEIN Vater hat eine Filipina?" Es geht darum, dass mein Vater einsam ist, dass er hadert, mit sich, seinem Alter und der Welt, und dass er glücklich sein will, und dieses Glück jetzt eben in dieser philippinischen Frau gefunden haben zu meint. Und nach all diesen Jahren, in denen ich mich gequält habe, weil er sich gequält hat, sage ich: gut.
Gut, er soll glücklich werden, ich weiß nichts von den Lebensbedingungen, von den Schwierigkeiten dieser Generation 50 plus, ich bin 20 und die Suche nach einem Partner gestaltet sich in diesem Alter denkbar leicht. Also werde ich seine philippinische Frau, sollte sie es werden, willkommen heißen, und sie kennenlernen. Ich werde meine Mutter nach ihrem emotionalen Kollaps wieder vom Boden aufkratzen, und hoffen, dass sie auch jemanden findet. Ich werde sagen "das ist nicht seine Filipina, das ist seine FRAU".
Es geht hier nämlich nicht um mich, mein Selbstmitleid oder mein kränkelndes Weltbild. Es geht hier um meinen Vater, und deswegen helfe ich ihm gerade mit dem Visum, ich übersetze sehnsuchtsvolle Liebesbriefe ins Englische, ich google mir die Finger wund. Ich will, dass mein Vater glücklich wird. Das ist alles.





Kommentare
Ich finde, Du hast eine die richtige Einstellung zu dem ganzen. Wen interessiert schon, was die anderen denken... Alles Gute!
18.08.2007, 15:02 von EllaBleuOh Gott, ich dachte beim Lesen nur: Ja. Ja. Ja. Ich bin in der gleichen Situation und versuche gerade, es genauso zu sehen wie du. Auch wenn es schwer fällt. Werde den Text empfehlen!
17.08.2007, 15:09 von schokosuchtsuper!!!!
12.06.2007, 17:51 von GottimHimmelbin total baff.
30.05.2007, 16:44 von takeurmedsmenschlich, ehrlich.
..
super geschrieben
ich verstehe nicht ganz, was du mit der ''sozialen schicht'' ständig meinst? was hat denn eine filipina mit der schicht-zugehörigkeit zu tun oder habe ich etwas überlesen?
30.05.2007, 06:20 von NeonBlondso viel toleranz find ich echt klasse. nicht viele würden so ein dilemma so differenziert und ausgewogen betrachten. und die intensivität zu deinen eltern find ich sehr nachvollziehbar und nicht schlecht. du scheinst mehrere rollen auf einmal zu spielen. kinder dürfen auch ruhig eltern halt geben und auf diese 'aufpassen'. wozu werden wir denn sonst erwachsen?... deinem vater, dessen freundin/frau und dir also ein harmonischesx miteinander. lg
30.05.2007, 03:50 von afristernabsolut tolle haltung gegenueber so einer schwierigen situation! ! respekt~!
28.05.2007, 13:49 von kttyist wirklich nicht leicht damit umzugehen und den wunsch deines vaters zu akzeptiern ..wünsche dir viel glück ....
25.05.2007, 16:48 von EROSS