misspringle 29.03.2009, 22:58 Uhr 31 25

Mein Vater, die Formel Eins und ich

Es war nie schwierig, meinem Vater eine Freude zu machen. Er ist immer am glücklichsten, wenn man ihn etwas fragt und er einem die Welt erklären kann.

So weit ich zurückdenken kann, bestanden unsere konstruktivsten Unterhaltungen aus von mir gestellten Fragen und seinen ausführlichen Antworten darauf. Er blieb mir nie eine Antwort schuldig, und so blieb das Bild des starken, allwissenden Erwachsenen bis heute in mir eingebrannt. Außerdem war mein Vater immer schon ein gutmütiger Macho, hart aber gerecht. Keiner von diesen sensiblen antiautoritären Waschlappen, die sich von ihren Kindern auf der Nase herumtanzen lassen oder gar Gefühle zeigen.

Mir war das immer recht, und das ist es mir heute noch. Mein Vater hat mit mir nie tief schürfende Gespräche über unser innerstes Seelenleben geführt, und dafür bin ich ihm dankbar. Er ist ein altmodischer Mann, und altmodische Männer sprechen nicht über ihre Gefühle. Die verbale Kommunikation derselben ist für ihn Frauensache. Was nicht heißt, dass er keine Gefühle hat. Er äußert sie nur nicht direkt. Er spricht dann über die Arbeit, über das Wetter und die Formel Eins.

Ich bin mit Formel-Eins-Rennen aufgewachsen. Dunkel kann ich mich an die Sonntage in meiner frühesten Kindheit erinnern, als ich mit Papa und seinen Kumpels im Wohnzimmer saß, die Jalousien heruntergelassen und die Luft rauchgeschwängert vom Qualm ihrer roten Marlboros. Die Männer saßen wie gebannt vor dem Fernseher, auf dem schnelle bunte Autos 60mal unter lautem Getöse dieselbe Runde fuhren. Ich verstand natürlich überhaupt nicht, was an diesen eineinhalb Stunden Motorengeheul und fachmännisch eingestreuten Kommentaren, die sich im Falle eines gewagten Überholmanövers, eines Crashs oder eines Motorplatzers einstellten, so spannend sein sollte. Ich wollte einfach nur bei Papa sein. Er arbeitete die ganze Woche lang hart, aber am Wochenende gehörte er mir, und darauf wollte ich wegen eines doofen Autorennens nicht verzichten.

Also war ich dabei, saß auf dem Boden zwischen den Erwachsenen in ihren Fernsehsesseln und beobachtete ihr Mienenspiel fast noch genauer als das Geschehen auf dem Bildschirm. Irgendwann fing ich an, mich zu langweilen und begann mich für den Sport an sich zu interessieren, um mitreden zu können. Die Großen waren zunächst genervt, dann amüsiert, und schließlich ließen sie sich dazu herab, mir Knirps die grundlegenden Dinge zu erklären. Welche Fahrer für welches Team fuhren, wie die Punkte vergeben wurden, wer ein totales Weichei war und wer der Größte. Darüber schieden sich natürlich die Geister, und ich saugte begierig das neu gewonnene Wissen und die subjektiven Meinungen der Truppe auf, wobei sich in meinem Gehirn natürlich alles vermischte.

Mein Vater sagte zwar nichts, aber seinen zunehmend anerkennenden Äußerungen über mein stetig wachsendes Wissen über den Motorsport entnahm ich, dass er stolz war auf seine wissbegierige Tochter. Mama war leicht genervt, vergönnte uns aber die gemeinsame Zeit vor der Glotze, in der wir uns über Fahrfehler, unfaire Aktionen und technischen Schnickschnack ausließen. Mit amüsiertem Grinsen tolerierte sie unser Gejohle, als Nigel Mansell 1984 versuchte, seinen Boliden die letzten paar Meter bis über die Ziellinie zu schieben, machte sich Sorgen, als wir 1994 in Trauer über den Tod Ayrton Sennas erstarrten und ignorierte unsere Bestürzung über die schwarze Saison der Silberpfeile 2004.

Die Formel Eins war unser gemeinsamer Nenner, der Aufhänger für viele Gespräche, gemeinsame Lacher und Gelegenheit für wortlose, vertraute Nachmittage in absolutem Gleichklang. Das unsichtbare Band zwischen uns, vom Rest der Familie belächelt, aber für uns der rote Faden, der uns begleitete und verband.

Spät aber doch, begann ich mich dann plötzlich auch für Mädchensachen zu interessieren. Und ich hatte auf einmal viel um die Ohren. Papis kleine Prinzessin musste ausgehen, studieren, Schuhe kaufen und sich mit Jungs treffen. Er nahm es gelassen, und doch konnte ich ihm seine Geknicktheit manchmal ansehen, wenn ich mal an einen Sonntagnachmittag vergaß, dass ein Grand Prix anstand, und mich mit meinen Freundinnen auf einen Kaffeeklatsch traf. Gesagt hat er natürlich nichts, aber ich verspürte doch einen Anflug von schlechtem Gewissen.

In meinem Erasmushalbjahr durchtrennte ich die Nabelschnur endgültig und frönte dem süßen Leben im damals noch Formel-Eins-freien Spanien. Eines Sonntagabends stand ich in einer versifften Telefonzelle in der Calle Sowieso und unterhielt mich nach langer Zeit wieder mal mit meiner Mutter, als sie meinte: „Willst du mit deinem Vater sprechen?“ Ich bejahte, um gleich darauf etwas irritiert nach einem Gesprächsthema zu suchen. Telefongespräche mit Papa gestalten sich erfahrungsgemäß immer etwas verkrampft. Da hörte ich auch schon seine Stimme: „Hast du das Rennen heute gesehen?“ Ich atmete auf, verneinte und schon ergoss sich der Schwall seiner Berichterstattung über meine ungeübten Ohren. Mit einem Lächeln legte ich nach guten zehn Minuten auf. Wir hatten miteinander gesprochen, und obwohl es nur um einen verpatzten Start, zwei Reifenschaden und einen Unfall gegangen war, hatte ich seinem Tonfall und seinen Worten alle wichtigen Informationen entnommen.

Es ging ihm gut, und er vermisste mich.

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Kommentare

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    Toller Text.
    Ist bei uns ähnlich.
    Nur da ist es Fußball.
    Aber wenn ich ihm beim Fußballspielen Gesellschaft leiste und ihm dann noch recht gebe, dass die Bayern heut wieder einen Scheiß spielen und es verdient haben eine auf den Deckel zu bekommen, dann lächelt er sogar mal.
    Er kommt dann auch gelegentlich grinsend zu mir her "Schau ma heut Abend as Spiel an?".
    Mein Dad ist jemand der nicht viel redet, schon gar nicht über Gefühle.
    Aber da sieht man ihm an, dass es ihn glücklich macht. Einfach nur, dass ich ihm Gesellschaft leiste.
    Darum versuche ich mir auch dafür öfter Zeit zu nehmen.

    29.05.2009, 14:49 von KDX
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    schön. irgendwie kenn ich das son bisschen. sehr schön beschrieben

    10.04.2009, 18:19 von waschbaermaedchen
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    Ganz großes Kino!!!! Also als literarische Verarbeitung auf jeden Fall, als filmische Verarbeitung bis jetzt ja nur potenziell. ;-P
    Könnte ein grandioses Kammerspiel werden. Eine sehr ungewöhnliche und sehr liebevolle Beziehung, die sehr viel psychologische Tiefe mitbringt. Schreib ein Drehbuch! ;-) Ehrlich jetzt.

    01.04.2009, 18:31 von Verlorener_Junge
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      @Verlorener_Junge Wow.

      Ich kann jedes Wort nachvollziehen.
      Vor allem Dein letzter Kommentar erinnert mich stark an das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir.

      Man muss ncht immer tausend Worte über seine Gefühle verlieren. Mein Vater zeigt mir mit Gesten und Blicken, wie stolz er auf mich ist.

      Er hat zweimal in meiner Gegenwart geweint: am Tag, an dem sein kleines Mädchen für ein Jahr ins Ausland ging und dem Tag, an dem er mich wieder zurück hatte.

      Davor hat er nie auch nur angedeutet, dass ich nicht gehen solle. Dementsprechend überrascht und überwältigt war ich von seiner Reaktion. Es bedeutete mir sehr viel, zu sehen, wie wichtig ich ihm bin. Das hat unsere Beziehung zueinander gestärkt

      08.04.2009, 21:16 von safariaa
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    ...ich finds ein unding, dass in spanien die telefonzellen immer so versifft sind...

    01.04.2009, 09:52 von volltrottel
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    Schöner Text!
    Komisch, dass so viele Väter so zu sein scheinen. Ich bin früher immer mit meinem Papa zur Automesse gefahren. Schade, dass das mittlerweile ein wenig eingeschlafen ist!

    31.03.2009, 14:54 von issmirdochegal
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    Sehr schön und eine klare Empfehlung. Solche - ich sag' mal „Stellvertreter-Themen“ - kenne ich und sie tun ihren Dienst für die nonverbale Kommunikation. Mit meinem Dad ist's ähnlich. Bevor da über Gefühle, Beziehungen, etc. geredet wird, schwadroniert er über Politik, Religon, etc. Im Gegensatz zu einigen anderen Kommentaren finde ich das nicht gefühlsarm, traurig oder von irgendwelchen Mängeln geprägt. Frühere Generationen (aber auch genügend heutige) haben es oftmals schwer direkter zu reden. Und wenn man den roten Faden findet oder die Texte zwischen den Zeilen zu verstehen weiß, ist es ein probates Mittel, sich gegenseitig zu versichern, dass es einem gut geht. Eine Art Geheimsprache Vertrauter untereinander. Völlig ok.

    Lieben Gruß

    r.

    31.03.2009, 13:48 von ringerman
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    Ich poste das, was weiter oben steht einfach noch mal, weil es einfach so wahr ist:
    "Schade, dass Vater und Tochter nur über Autorennen reden können... "
    Schön allerdings, dass ihr überhaupt einen Weg gefunden habt, miteinander zu reden, weil das ja ansonsten wohl so gar nicht der Fall wäre. Warum Du dafür allerdings dankbar bist, erschließt sich mir nicht ganz. Bezieht sich diese Dankbarkeit nur auf unsere Elterngeneration oder sollten Männer immer so reagieren?
    Warum das Bild des nach außen hin gefühlsarmen Mannes von einigen so konsequent hochgehalten wird, weiß ich nicht. Es ist halt der Weg des geringsten Widerstandes - untermauert von einem gesellschaftlichen "Ist ja ok, wenn man als Mann so ist" als Ausrede. Ich verlang ja von keinem, dass er bei König der Löwn heult. Allerdings verlange ich schon von meinem Vater, dass er sich über Formel 1 hinaus auch noch für mein Leben interessiert - wie es beziehungsmäßig läuft und was überhaupt in meinem Leben los ist.

    Liebe MissPringle: Wie gesagt: Ich freue mich sehr für Dich, dass Du zu Deinem Vater überhaupt einen Zugang gefunden hast. Ich finds nur sehr schade für Dich, dass Du nie mehr erleben durftest - und da ist SO viel mehr!

    31.03.2009, 08:04 von Dunnagh
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      @Dunnagh ah jetzt fangen wir an zu reden. also gut. ich habe nie erlebt, dass mein vater vor mir geweint hat. er hat mir nie gesagt dass er mich liebt, dass er stolz auf mich ist oder dass ich etwas gut gemacht habe. stattdessen hat er mich immer in den arm genommen, als ich klein war und platzt fast vor stolz, wenn er anderen von meinen talenten, meiner unglaublichen intelligenz und meinen leistungen erzählt. (das weiß ich, weil mutter ja meistens dabei ist.) mein vater interessiert sich sehr wohl dafür, was in meinem leben los ist, er fragt nur nicht danach, ich erzähle ihm das nämlich freiwillig. und umgekehrt muss ich halt fragen, wenn es mich interessiert. gibt schlimmeres.

      erleben muss nicht immer mit reden zu tun haben. darum geht es.

      (natürlich ist mir bewusst, dass ein offenes gespräch manchmal unersetzlich ist, aber wie gesagt und wie aus einigen kommentaren ersichtlich, es ist schwierig mit vätern. für uns töchter, aber fast noch mehr für söhne... meiner erfahrung nach)

      31.03.2009, 10:10 von misspringle
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      @misspringle Wow.

      Ich kann jedes Wort nachvollziehen.
      Vor allem Dein letzter Kommentar erinnert mich stark an das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir.

      Man muss ncht immer tausend Worte über seine Gefühle verlieren. Mein Vater zeigt mir mit Gesten und Blicken, wie stolz er auf mich ist.

      Er hat zweimal in meiner Gegenwart geweint: am Tag, an dem sein kleines Mädchen für ein Jahr ins Ausland ging und dem Tag, an dem er mich wieder zurück hatte.

      Davor hat er nie auch nur angedeutet, dass ich nicht gehen solle. Dementsprechend überrascht und überwältigt war ich von seiner Reaktion. Es bedeutete mir sehr viel, zu sehen, wie wichtig ich ihm bin. Das hat unsere Beziehung zueinander gestärkt

      08.04.2009, 21:15 von safariaa
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    Ich find es schade, dass viele Leute nicht zwischen Text und persoenlicher Erfahrung unterscheiden koennen. Nur weil nicht jeder die gleiche Erfahrung gemacht hat, heisst das nicht, dass der Text nicht gut ist. Ist das so schwer, Form und Inhalt auseinanderzuhalten?
    Ich find den Text solide geschrieben und die Beobachtung aus dem taeglichen Leben, die hier dargestellt wird, find ich absolut nennenswert.
    Wer jetzt welche Erfahrung gemacht hat und vor allem wie diese Vater-Tochter-Beziehung einzustufen oder zu beurteilen ist, ist fuer die Bewertung des Texts nicht relevant; das kann dann jeder einzelne mit seinem Psychotherapeuten oder mit seinen Freunden besprechen.

    31.03.2009, 03:50 von Maiden_Marina
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