alberich 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 3

Mein Papa - ein Nachruf

Komisch, dass gerade jetzt in der Neon über tote Väter berichtet wird. Wo du doch auch vor knapp einem Jahr gestorben bist.

Wir bekamen die Diagnose im Januar 2005 und um es mal ganz drastisch auszudrücken, sie war katastrophal. Karzinom in der Lunge mit Metastasen im Rippenfell. Inoperabel.

Unser Onkologe hat sich mit Zeiten immer zurückgehalten, er wollte das nie beschränken, sich nie festlegen, aber er hat mal gesagt, dass er nicht gedacht hätte, dass du das so lange durchhältst. Und von Anfang an hat er uns klargemacht, dass du daran sterben wirst.

Zwei Jahre, fast auf den Tag genau, hast du gekämpft. Man könnte jetzt natürlich schreiben: „Und doch verloren.“ – wie das immer so schön in diesen Todesanzeigen heißt (und was der Vater meiner Mutter auch in deine schreiben wollte), aber für mich hast du nicht verloren. Klar, den Kampf ja, aber nie das, was dich ausgemacht hat. Auch als du immer schwächer wurdest und im Herbst 2006 aufhören musstste, Fußball und Tennis zu spielen und den Chor zu leiten. Das hast du verloren und in letzter Konsequenz auch dein Leben.

Für mich bist du trotzdem ein „Gewinner“. Deine Stärke und deine bedingungslose Liebe sind das, was mich durch die Zeit nach deinem Tod getragen haben. Durch diesen Strudel der ersten Tage, der Fürsorge der anderen, dem Entsetzen, der Ohnmacht. Die ersten Tage in der Schule hatte ich nur deine Sachen an. Und auf deiner Beerdigung waren über 500 Menschen, die Kirche in unserem Kaff ist wohl noch nie so voll gewesen. Mit den letzten Sonnenstrahlen haben wir dich freitagsnachmittags zu Grabe getragen.
Deine Eigenschaften leben in mir weiter, wie von der Verwandtschaft öfters bemerkt wird, dein Jähzorn, deine Hingabe, dein Humor und nicht zuletzt deine Musikalität.

Ich bin Einzelkind und hatte von Anfang an eine sehr enge Beziehung zu dir – als Mama Referendariat machen musste, warst du bei mir. Es gibt viele Bilder von damals, du am Klavier und ich auf deinem Schoß. Ich habe nie jemanden so spielen hören wie dich, egal ob Scarlatti oder Kristofferson – es war immer absolut genial. Wie gern würde ich dich nochmal unten an unserem Flügel sitzen sehen oder mit dir zusammen singen. Deine CDs und Schallplatten stehen immer noch unten und deine Fender (dein Traum) werde ich niemals verkaufen.

Bei einer solch engen Beziehung bleiben Reibereien natürlich nicht aus und weil ich wohl auch deine Streitlust geerbt hab, waren diese Konfrontationen weder leise noch lieb. Es wurde – zumindest als ich älter wurde – nicht mit harten Worten gespart und doch haben wir uns am Ende immer vertragen, können wir doch beide nicht im Streit einschlafen.

Hättest du nicht gesagt, ich solle auf jeden Fall gehen, wäre ich wohl im Sommer 2005 nie für 10 Monate in die USA gegangen. Ich weiß immer noch nicht, ob es ein Fehler war oder nicht, auch wenn es mich persönlich definitiv weitergebracht hat. Ich war eben auch einfach 10 Monate nicht zu Hause. Wahrscheinlich wird mich diese Frage nie loslassen.

Ein Telefonat mit dir jedoch hilft mir, die nagenden Zweifel wenigstens im Ansatz zu beruhigen. Es war freitagsabends (bei dir also schon Nacht), ich wollte gerade mit Freunden ins Kino und du rufst einfach an. Sagst, du hättest gerade an mich gedacht und dann hättest du einfach angerufen. Es war schön, einfach so mit dir zu reden, in dem komischen Kinovorsaal, auf der anderen Seite des Atlantiks.

Du warst nie ein Mann vieler Worte und auch mit Kosenamen und Kuscheln war es nie wirklich weit her. Trotzdem war da diese unfassbare Nähe, die auch nicht nachließ in der Zeit, in der ich nicht begreifen wollte und konnte, dass es bald zu Ende ist. In der ich vor jedem Gespräch davonlief und einfach alles normal haben wollte, obwohl längst nichts mehr normal war.

Eine Notoperation im Dezember dann weckte mich auf. Den Anruf von Mama „Komm sofort ins Krankenhaus. Joachim muss operiert werden und wir wissen nicht, ob er überlebt“ werde ich wohl nie vergessen. Ebenso wenig das unwirkliche Gefühl des Tschüss-Sagens in der Notaufnahme. Du konntest dich vor Schmerzen kaum bewegen (dein ganzer Bauchraum war ja auch völlig „verkrebst“) und hast trotzdem versucht, Zuversicht auszustrahlen. Ich hab dir Tschüss gesagt – Auf Wiedersehen wäre ja zu viel gewesen. Die nächsten Wochen bestanden für mich aus Schule und Krankenhaus, irgendwann dann die Palliativstation. Wo du eigentlich nie hinwolltest, weil du meintest, dann wäre ja eh klar, dass du bald stirbst. Stimmte ja auch. Aber so langsam mussten wir wohl alle das Unfassbare akzeptieren lernen. Auch wenn ich das bis heute nicht wirklich kann. Und das wird sich, glaub ich, auch nie ändern.

Am 2. Februar 2007 bist du gestorben. Um halb zwei morgens. Zu Hause. Und ich hab deine Hand gehalten. Ich war dabei, als du deinen letzten Atemzug tatest, ich hab deinen völlig entkräfteten Körper hinterher mitgewaschen und doch kann ich es manchmal immer noch nicht glauben. Als die Bestatter dich abgeholt haben, bin ich bis zum Leichenwagen mitgegangen. Das letzte Mal über unsere Türschwelle. Zum Kotzen. Vor allen Dingen, weil du nicht in einem Sarg oder so etwas lagst (natürlich nicht, aber trotzdem), sondern in einem schwarzen Plastiksack. Danach habe ich dich nie wieder gesehen – ich hatte mich schon vorher von deinem Antlitz verabschiedet.

Das, was du für mich bist, ist sowieso nicht mitgestorben. Das ist immer noch da. Und trotzdem – du fehlst mir so sehr. Deine Stimme. Dich anzufassen in den seltenen Fällen, in denen du mich gelassen hast – zum Ende hin wurde das immer mehr und ich hab dich oft massiert. Ein Mal, als ich dir für einen „Spaziergang“ im Rollstuhl die Schuhe binden wollte, hast du gesagt, wie Leid es dir tut, was ich alles machen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, was das für ein Gefühl sein muss, alles hinter sich zu lassen. Ich will das auch gar nicht. Und es tut furchtbar weh, vor dem Abi nicht mit dir reden zu können und zu hören, dass ich das sowieso schaffe, sondern an dein Grab gehen zu müssen, um kurz noch ein paar Worte mit dir wechseln zu können.

Es ist scheiße ohne dich hier. Du fehlst mir, du fehlst Mama, du fehlst allen. Ich weiß nicht, ob ich dir je so viel geben konnte, wie du mir geben konntest. Ich hoffe es sehr.

Was ich aber weiß, ist, dass du bei mir bist und mit deiner Liebe meinen Weg bewachst. Und dass ich dich irgendwann wiedersehe. Irgendwo anders eben.

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4 Antworten

Kommentare

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    wunderschön, du hast mich zu tränen gerührt.

    21.10.2008, 22:23 von die.da.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    mir fehlen die Worte

    20.04.2008, 23:50 von Kortmachine
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    Schön =)

    20.04.2008, 23:17 von Zimtsternderl
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