lasos 28.05.2006, 22:30 Uhr 41 5

Mein Jung, du und ich, wir machen das schon

Der Apparat an deiner Seite piepst monoton, auf dem Monitor flackern die gleichmäßigen, grünen Kurven.

Leise entweicht die Luft aus der Maschine, um sich dann im nächsten Moment wieder aufzupumpen. Du liegst vor mir: still, wie schlafend. Friedlich siehst du aus. Deine Hand liegt eng neben dem Körper. Warm ist sie, und behaart wie immer. Während ich sie in meine Hand lege, bilde ich mir ein, ein leichtes Zucken der geschlossenen Augen wahrzunehmen. Die grüne Kurve senkt und hebt sich weiter im stetigen Rhythmus. „Reden Sie mit ihm, er kann sie verstehen“, empfiehlt mir die Schwester leise. Ganz bestimmt kannst du das.

„Mein Jung“, so hast du mich immer genannt, und aus deinen Augen angestrahlt. Die früher so lebhaften Augen sind nun geschlossen. Was wohl dahinter vorgeht? „Stellen Sie es sich wie schlafen vor“. 3 Monate, sagten die Ärzte, 3 Monate. Auf 70 Jahre gesehen ein kleiner Moment. Eine große Sanduhr, die doch scheinbar unaufhaltsam abläuft. Gekämpft hast du, bis zum Letzten. Absprachen gemacht, Vorbereitungen getroffen, uns Mut zugesprochen. Warum gerade du? Aber das ist die unfairste aller Fragen, hat man mir gesagt. Im Gottesdienst werden sie dafür ein Gleichnis finden, das mir gefällt: ein weißes Schiff fährt auf dem Meer in Richtung Horizont. Erst ist es noch groß und imposant, dann wird es immer kleiner. Man kann es bald vom Ufer aus nicht mehr sehen, aber weiß, dass es nie ganz weg ist. Während ich deine Hand halte, beginnst du vielleicht schon, langsam die Taue zu lösen und die Brücke zu besteigen.
Sicherlich gäbe es jetzt noch eine Menge Dinge, die ich dir gern erzählen würde. Aber im Moment reicht es mir, nur deine Hand zu halten. Ich hoffe, du verstehst das. Wir konnten viel miteinander lachen, aber auch in den richtigen Momenten schweigen. Morgen ist dein Hochzeitstag, ich weiß das, Oma weiß es noch besser. Ihr habt das ja auch schon abgesprochen, geh, wann du meinst, es ist Zeit zu gehen. Aber vielleicht nicht morgen.

Es ist wirklich schwer, sich all die schönen Momente noch einmal in Erinnerung zu rufen. Dafür waren es zu viele. Erinnerst du dich noch an die erstaunten Blicke meiner Eltern, als ich zum ersten Mal deine Werkzeugkiste ausräumen durfte? Niemand sonst durfte da dran. Unsere gemeinsamen Touren, Hannover, CeBit, Zoo? „Opa-Enkel-Tour“ nanntest du das immer, und die gesamte Familie freute sich über deine fast kindliche Freunde daran.

„Mein Jung, du und ich, wir machen das schon“. Und das haben wir. Ganz bestimmt, Opa.

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    Super Text! Du tastest dich an ein schwieriges Thema ran, bei dem man nur schwer die richtigen Worte findet. Das hast du!
    Dein Text hat mich wieder an meine Oma denken lassen, die für ein unheimlich wichtiger Mensch war. Dein Text berührt! Es ist nicht einfach einen geliebten Menschen zu verlieren, aber je mehr Zeit vergeht umso einfach wird es und du wirst oft an die gemeinsamen Momente denken, jeden Falls geht es mir so.

    27.08.2006, 19:49 von Kuestentini
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    Ziemlich ergreifend! Schöner aber doch sehr trauriger Text.....

    24.07.2006, 16:39 von snuggle
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    unglaublich geschrieben... mir kamen die tränen.

    07.06.2006, 22:53 von mala_hamburg
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    Lasos,
    einen bewegenden Text hast Du da erstellt.
    Ich habe vor kurzem meinen Vater, plötzlich, nicht jedoch volkommen unerwartet verloren. Er hat die letzen 2 Wochen auf der Intensivstation auch sehr hart gekämpft. Es ist hart, jeoch muss der man das Ableben als Teil des Ganzen sehen. Ich hoffe, der Gedanke, dass es Deinem Opa "auf der anderen Seite" besser ergehen wird, hilft Dir über den Schmerz hinweg. Nichts ist schlimer als eine "deadline" genannt zu bekommen. Wer weiß schon ob die so stimmt. Alles Gute, viel Kraft und vor allem Lebensmut wünsche ich Dir. Denk dran, er wir d immer bei Dir sein, von oben auf Dich hinunterschauen. Auch an Deinem Hochzeitstag. Das denk ich mir zumindest immer.
    LG Wickedchick

    07.06.2006, 20:27 von wickedchick
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    buhhh, viel zu traurig.

    aber sehr schön geschrieben zu gleich, dir alles gute für die Zukunft.

    MfG

    haidenkind

    07.06.2006, 12:33 von haidenkind
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    Leider konnte ich meinen Opa nie kennen lernen...aber wenn ich das lese, dann hätte ich gerne einen gehabt...

    Dein Opa muss echt toll gewesen sein...

    Schön geschrieben...
    LG

    03.06.2006, 18:42 von Katha88
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