Fantine 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 16

Mein dritter Opa

Er war Alkoholiker, er kümmerte sich nicht um sein Kind, er log, er lebte in einer vermüllten Wohnung und verprasste sein Geld im Casino.

Ich hätte mit ihm nie etwas zu tun bekommen, wäre er nicht in den Sechziger Jahren im Speisewagen eines westdeutschen Zuges einer schwarzhaarigen Frau begegnet. Die Tage, in denen sie jung und sehr hübsch gewesen war, waren gezählt. Vielleicht hatte sie, mittags um zwölf, ein Sektglas vor sich stehen. Vielleicht hat er sich deshalb zu ihr gesetzt. Die Frau war meine Oma.

Wenn wir als Kinder in der Schule aufgefordert wurden, von unseren Großeltern zu erzählen, sagte ich immer, dass ich drei Opas hätte. Das war etwas Außergewöhnliches und das fand ich toll. Ich fand es aber nicht nur deshalb toll, weil ich damit vor Freunden angeben konnte, sondern weil der dritte Opa auch ein wirklich toller Opa war: Er war der zweite Mann meiner Oma. Ich habe sie nie kennengelernt, sie starb kurz vor Weihnachten, im Jahr vor meiner Geburt. Von da an kam mein Opa jedes Jahr an Weihnachten zu uns ins Dorf. Einige Tage vor dem großen Fest fuhren wir den verschneiten Weg zum Bahnhof und da stieg er dann aus dem Zug: Zurückgekämmte Haare, grauer Mantel, in seinem Koffer klirrte es.

Er roch nach der großen weiten Welt und das sprichwörtlich: Sobald er da war, roch das ganze Haus nach seinem Parfum und sobald wir Kinder das Parfum rochen, wussten wir, dass Weihnachten war. Im ersten Jahr nach seinem Tod standen wir etwas betrübt um den Weihnachtsbaum. Außer ihm fehlte noch etwas anderes und wir brauchten einige Zeit, um zu erkennen, dass es sein Parfum war. Zusammen mit dem Duft nach Plätzchen, frischem Schnee und abgebrannten Kerzen vermischte es sich zu einem unverkennbaren Geruch.

Wenn er da war, wurde das Wohnzimmer abgeschlossen und wir durften erst wieder zur Bescherung am Heiligabend hinein. Jedesmal strahlte der Weihnachtsbaum noch schöner, hatten seine zittrigen Hände die kleinen Figuren und zerbrechlichen Kugeln noch festlicher dekoriert.

Aber das tollste war, dass er die ganze Zeit mit uns Kindern spielte. Er hatte eine ungeheure Phantasie. In seinen Spielen verwandelten wir uns in Prinzessinnen und Königinnen, in Räuber, in Schiffsbrüchige. Wir erlebten gemeinsam die spannendsten Abenteuer, wir lösten Kriminalfälle und quetschten uns in ein brüchiges Gummiboot, das uns vor dem Ertrinken retten sollte. Er malte Schatzkarten und schrieb Richtsprüche. Dann kam er auf die Idee, das ganze auf Kassette aufzunehmen. Wenn man sie sich heute anhört, kann man seine Stimme nur wegen ihrer Tiefe von den unseren unterscheiden: Ansonsten schreit, singt und lacht er genauso laut wie wir Kinder.

Für uns war das ein tolles Spiel, aber für ihn war es eine Möglichkeit, das einsame Leben in der Stadt für einige Momente zu vergessen und einzutauchen, in eine Welt, wie sie gewesen wäre, hätte er sie schreiben können: In der er der Anführer war, den die anderen bewunderten; in der er der stolze Ritter war, der von weither kam, um die Königin zu befreien. Während er mit uns gegen imaginäre Ungeheuer kämpfte, hatten ihn seine eigenen Monster fest im Griff. Wenn wir abends müde in unseren Betten lagen, schrumpfte der Vorrat in seinem Koffer. Und wenn wir an Silvester alle vor die Tür gingen, blieb er noch einen Moment länger mit der angebrochenen Sektflasche zurück.

Für uns Kinder schaffte er es immer wieder, eine neue Welt zu schaffen und uns mit neuen Ideen zu überraschen. Und selbst nach seinem Tod überraschte er uns wieder, als meine Eltern in seinen Unterlagen die Adresse einer Ex-Frau und eines Sohnes fanden, von denen er nie erzählt hatte. Und gerade noch rechtzeitig, bevor der Steinmetz den Hammer ansetzte, fanden wir sein wahres Geburtsdatum: Datiert einige Jahre jünger, als er immer vorgegeben hatte.

Er war Alkoholiker, er kümmerte sich nicht um sein Kind aus erster Ehe, er log, er lebte in einer völlig vermüllten Wohnung und verprasste sein Geld im Casino. Aber wie sollte ich in ihm etwas anderes sehen, als meinen geliebten Opa, der mich als stolzer Ritter vor Ungeheuern bewahren wollte?

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8 Antworten

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    hat mich sehr berührt Dein Text. Kompliment

    21.09.2007, 15:21 von runner_ch
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    Schöner Text! Ich habe meine Großeltern nicht mehr gesehen, seitdem ich 6 war. Jedesmal wenn jetzt von ihnen gesprochen wird und ich mehr und mehr über sie erfahre, bin ich immer ganz ersetzt. Für mich waren meine Großeltern immer meine größten Vorbilder und ich will nicht wissen, was sie Fehler gemacht haben.

    21.09.2007, 01:20 von Angela_CA
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    Wunderschön geschrieben, ich habe eine Gänsehaut bekommen.
    Er war der Bilderbuchopa, den sich jeder wünscht, zumindest für dich.

    20.09.2007, 22:44 von lesotho
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    Fantastisch.

    20.09.2007, 18:46 von Mewkew
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    Wahnsinnstext :)
    Ich finde nicht nur was du geschrieben hast sehr schön, sondern auch, _wie_ du es geschriebn und somit rübergebracht hast. Er scheint sehr menschlich und (doch?) wunderbar gewesen zu sein.
    Schöne Erinnerungen! :)

    16.08.2007, 21:40 von Kampfkruemel
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    Ein schöner Text!Behalt ihn mal als den geliebten Opa in Erinnerung und back ihm nich' posthum den gesellschaftlichen Vorurteilsaufkleber an den Koffer.Mist ist,dass er vieelleicht Euch dazu benutzte,sein schlechtes Gewissen ob seines leiblichen Kindes zu entlasten,aber das kann auch schon wieder so'n Klischeedenken meinerseits sein.Weihnachzen war DUFTE mit ihm

    11.08.2007, 08:09 von Trommler
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      @Trommler Genau so behalt ich ihn auch in Erinnerung... find es im Nachhinein nur interessant, wie unterschiedlich doch manchmal das ist, was man selbst von einem Menschen kennt und das, was die Gesellschaft ihm aufdrückt.
      Ich glaub nicht, dass das was mit schlechtem Gewissen zu tun hatte. Es war eben eine Möglichkeit für ihn, die Familie, die er selbst nur sehr kurze Zeit hatte, doch noch zu erleben.

      11.08.2007, 11:00 von Fantine
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      @Fantine Stimmt!Is'ja auch nicht gar nich'ma klar,ob gerade diese gesellschaftlichen Beweggründe ihm den Sohn wegnahmen.ich kann gut mit ihm mitempfinden,denn ich trete in Form des Onkels aus Berlin,ohne Koffer,der bleibt in Berlin,auch alle Jahre wieder für die Kinder meines kleinen Bruders(40)ähnlich in Erscheinung,habe allerdings,was Alk angeht vor 3 Jahren die Kurve gekriegt....schön'Sonntag noch;-)Jo

      12.08.2007, 08:21 von Trommler
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