Mama prügelt Papa
Wenn der Schläger weiblich ist. Eine Kindheit in der Kampfzone.
Meine Oma hat es mir oft erzählt. Wie ich allein über die Straße lief, mit Strümpfen an den Füßen, Angst in den Augen. Schon an der Gartenpforte soll ich gerufen haben: „Oma, Oma, die Mama schlägt den Papa.“ Das ist oft vorgekommen, sagt meine Oma.
Sie nahm mich dann auf den Arm, ging mit mir nach Hause, in die Sozialwohnung im Erdgeschoss, gegenüber vom Haus meiner Großeltern. Sie versuchte, meine kämpfenden Eltern zu trennen, meinen weinenden Bruder aus der Gefahrenzone zu nehmen, und wenn gar nichts mehr ging, holte sie meinen Opa. Ich erinnere mich nicht daran. Ich war erst vier Jahre alt.
Meine Erinnerung setzt erst später ein. Als ich ungefähr acht war, da ging es richtig los. Jedenfalls nach dem Fotoalbum in meinem Kopf. Wir waren aus der Sozialwohnung in das Haus meines verstorbenen Urgroßvaters gezogen. Nur ein paar Meter weiter von meinen Großeltern entfernt. Wir waren zu fünft, meine Mutter hatte noch ein Baby bekommen, meine Schwester.
Ich sah es meiner Mutter schon an, wenn ich aus der Schule kam. Ein verkniffener Mund und zusammengezogene Augen bedeuteten Gefahr. Wenn sie auch noch einsilbig antwortete, wegen jeder Kleinigkeit losbrüllte und die Fischstäbchen kohleschwarz angebrannt waren, dann bekam ich Bauchschmerzen. Ich wusste, dass Ärger drohte. Wenn mein Vater von der Arbeit kam und sie ihm wortlos das Baby in den Arm drückte und die Schlafzimmertür hinter sich zuknallte, wussten wir, dass es soweit war. Die Bombe tickte. Sie explodierte erst, wenn mein Vater uns drei ins Bett gebracht und sich in sein Arbeitszimmer verkrochen hatte.
Dann sprang meine Mutter wie eine Furie die Treppe runter, rannte in das Zimmer meines Vaters, knallte die Tür hinter sich zu und brüllte los. Eine Gewehrsalve an Vorwürfen und Beschimpfungen, auf die zu antworten mein Vater keine Gelegenheit bekam. Meine Mutter schrie sich in Rage. Sie gab sich keine Mühe leise zu sein, wegen der Kinder oder wegen der Nachbarn. Sie brüllte. Ich lag nebenan im Bett und hörte alles. Ich konnte nicht schlafen, ich zählte die Sekunden, bis sie über ihn herfallen würde. Es waren nie mehr als 50.
Sie prügelte. Sie schlug, trat, biss, kratzte, schubste, boxte. Ich konnte es an den Geräuschen erkennen. Ich wusste wie es sich anhört, wenn sie mit der flachen Hand schlägt oder mit der Faust, wenn sie tritt, wenn sie mit einem Buch drischt, mit einer Flasche oder mit einem Schuh. Sie hat ihm mit einem Holzclog mal den Fuß gebrochen.
Wenn sie richtig in Fahrt war, kämpften sie wortlos, dann hörte ich das Stöhnen meines Vaters, seine Schmerzschreie, das Keuchen meiner Mutter, das klang, wie wenn ein Tennisspieler den Ball trifft. Ich lag im Dunkeln, folgte atemlos der Chronologie des Kampfes, zitterte und schwitzte. Meine Eingeweide verknoteten sich zu einer schmerzenden Kugel. Ich betete. Lieber Gott, bitte mach dass die Mama aufhört, den Papa zu schlagen. Bittebitte. Manchmal kroch mein kleiner Bruder zu mir ins Bett. Dann beteten wir zusammen.
Manchmal, wenn ich dieses Hörspiel nicht mehr aushalten konnte, sprang ich aus dem Bett, lief mit zitternden Knien nach nebenan, riss die Tür auf und fand sie miteinander ringend, beide hochrot im Gesicht, Panik in den Augen meines Vaters, Wut in denen meiner Mutter. Manchmal schrie ich „Hör auf“, manchmal schrie ich, dass ich die Polizei holen würde, manchmal weinte ich nur. „Mach die Tür zu, Schlampe“, brüllte meine Mutter. „Geh ins Bett“, beschwor mich mein Vater. Heulend verließ ich die Arena.
Meine Mutter ließ erst von meinem Vater ab, wenn er schrie „Dann bring mich doch endlich um“, wenn er vor ihr auf die Knie ging und um Gnade bat. Dann zischte meine Mutter eine finale Beleidigung und rauschte ab ins Schlafzimmer. Der Eingeweideknoten in meinem Bauch lockerte sich ein bisschen. Wenn wir Glück hatten, kam sie nur das eine Mal runter. Wenn wir Pech hatten, kam sie jede Stunde bis zum Morgengrauen.
Nach dem Kampf schlich sich mein Vater in mein Zimmer. Er hatte überall blutige Kratzer, sein Hemd war zerrissen. Er setzte sich wortlos auf meine Bettkante und weinte. Ich weinte nicht. Ich streichelte ihm den Rücken. Dieser große starke Mann fiel zu einem Häufchen zusammen und ließ sich von mir trösten. Ich lernte fürs Leben: So fühlen sich Ohnmacht und Hilflosigkeit an. Und noch heute ertrage ich es nicht, Männer weinen zu sehen.
In meinem Bauch überrannte die Wut auf meine Mutter das Mitleid für meinen Vater. Ich begann, meine Mutter aus tiefstem Herzen zu hassen, für das, was sie meinem Vater antat. „Schlag sie doch zurück, damit sie sieht, wie das ist“, flüsterte ich zu meinem Vater. „Ich kann sie nicht schlagen“, wisperte mein Vater. „Dann komme ich ins Gefängnis.“ Das wollte ich nicht.
Mein Vater kündigte an, dass er sich scheiden lassen würde. Das klang für mich nach einer guten Lösung. „Es geht aber nicht von heute auf morgen“, räumte er ein. Um die Wartezeit bis zur Scheidung zu überbrücken, wurde ich seine Komplizin.
Mein Vater verriet mir, wie ich ihm helfen konnte. Ich musste alles, was meine Mutter ärgern könnte, von ihr fernhalten. Unauffällig. Briefe vom Gerichtsvollzieher machten meine Mutter sehr wütend, erklärte mir mein Vater. Ich begann, nach der Schule die Post abzufangen und versteckte sie unter meiner Matratze, bis mein Papa abends von der Arbeit kam. Mit Anrufen verhielt es sich genauso. Wenn Leute anriefen, zum Beispiel der Gerichtsvollzieher, dann sagte ich, meine Eltern seien nicht zuhause. Meiner Mutter nannte ich als Anrufer einen Kollegen meines Vaters. Die Namen, die ich sagen durfte, flüsterte er mir morgens zu, wenn er mich an der Schule absetzte. Manchmal rief mein Vater am Nachmittag an, dann erstattete ich Bericht über Mamas Stimmung. Ich war sehr gewissenhaft. Ich hätte alles dafür getan, dass die Prügelei aufhört. Doch so sehr ich mich bemühte, die Schläge gingen weiter.
Und so vergingen die Jahre. Ruhephasen und Prügelphasen lösten sich im Stakkato ab. Meine Mutter und ich hatten uns nichts zu sagen, mein Vater und ich hielten fest zusammen. Meine Großeltern und die Schule waren sichere Häfen, in denen wir Kinder Frieden fanden.
Mein Vater baute Mist bei der Arbeit und wurde rausgeschmissen. Wir verloren unser Haus, und meine Eltern beschlossen, neu anzufangen. 800 Kilometer von unserem westdeutschen Provinzdorf entfernt, in einer ostdeutschen Großstadt. Es war kurz nach der Wende und meine Eltern ließen sich von der Goldgräberstimmung anderer gescheiterter West-Existenzen anstecken.
Sie kauften ein Mehrfamilienhaus mit Ofenheizungen und ohne Badezimmer. Wir schlugen die Kachelöfen raus, ließen Heizung und Sanitäranlagen einbauen. Meine Eltern fliesten Bäder, wir Kinder schleppten Gasbetonsteine für unsere Zimmer auf den Dachboden. Nach Arbeit und Schule fuhren wir zur Baustelle und schufteten bis in die Nacht. Meine Eltern waren zu müde, um zu streiten. Es war eine gute Zeit. Sie endete, als wir einziehen konnten.
Meine Eltern gaben ihren Einstand im Juni. Wir wohnten jetzt in einem Altbau mit zwölf Mietparteien. Die Wände waren dünn und der Boden bebte, als meine Eltern sich darauf wälzten. Die Fenster standen offen in jener lauen Frühsommernacht und der gesamte Hinterhof hörte mit, wie mein Vater um seinen Tod bettelte. Von heute auf morgen sprach niemand mehr mit uns. Wir waren die Assis aus dem Westen.
Ich war 16, und ich wollte nicht mehr die Komplizin meines Vaters sein. Ich hatte herausgefunden, dass mein Vater mir Post von meinen Großeltern vorenthielt und Geld, das sie mir geschickt hatten, für sich behielt. Ich log für ihn und zum Dank hinterging er mich. Ich war tief verletzt. Als ich ihn fragte, wieso er mir meine Post wegnahm, brüllte er mich an, weil ich die Briefe in seiner Jackentasche gefunden hatte. Ob ich denn nicht gelernt hätte, die Privatsphäre anderer Leute zu respektieren.
Ich stieg aus. Versteckte keine Post mehr, fing keine Anrufe mehr ab. Papa fand schnell Ersatz. Mein Bruder übernahm meinen Job. Meine Mutter prügelte ihn noch immer, ich hatte nach wie vor Bauschmerzen, aber wenn meine Mutter endlich von meinem Vater abließ, blieb meine Bettkante leer. Fortan wischte mein Bruder unserem Papa das Blut aus dem Gesicht.
Mein Vater nahm mir meinen Absprung übel. Unser Verhältnis kippte schlagartig. Er beschimpfte mich, wenn ich mit meinen Freundinnen ausgehen wollte, mischte sich in schulische Belange ein, die ihn früher nie interessiert hatten und begann Geschichten zu erfinden. Einmal erzählte er beim Abendessen, der Sohn seines Kollegen habe mich betrunken in der Disko gesehen, knutschend mit einem Fremden. Als ich das bestritt, nannte er mich Lügnerin.
All das hätte ich ertragen. Die Gemeinheiten, die Verleumdungen, die gestohlenen Brief von meiner Oma. Aber nicht das: Er fing an, mich zu schlagen. Dieser Koloss von Mann, der sich nie gegen meine kleine Mutter gewehrt hatte, verpasste mir Backpfeifen, die mir das Gesicht wegfliegen ließen. Er stürzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich und boxte mich in Bauch und Brust. Wenn ich geschunden und verheult im Bett lag und vor Schmerzen nicht schlafen konnte, setzte er sich auf meine Bettkante. „Stell Dich nicht so an“, sagte er. „Ist doch nichts passiert.“
Mein Papa war weg. Es blieb ein Fremder, für den ich nichts als Verachtung empfand. Ich hätte ihn zurückgeschlagen, ohne zu zögern, aber ich kam körperlich nicht gegen ihn an. Wenn er drosch, hatte ich zu tun, mir meine Arme vors Gesicht zu halten. Ich wehrte mich auf meine Weise: ich machte mein Ding und das machte ihn wütend. Je mehr er prügelte, desto mehr entzog ich mich ihm.
Die Jahre vergingen, ich bestand mein Abitur und verließ das Land. Ich lernte als Aupair zum ersten Mal ein friedliches Familienleben kennen. An den Horror zuhause erinnerten nur die Briefe meiner Schwester.
Ein Jahr ist zu schnell um, und ich kam pünktlich zum großen Finale zurück.
Meine Mutter fand heraus, dass mein Vater wieder seinen Job verloren hatte. Bereits ein halbes Jahr zuvor. Er hatte die Mieten unterschlagen und jetzt stand unser Haus zur Zwangsversteigerung.
Meine Mutter machte wahr, womit mein Vater mich so viele Jahre hingehalten hatte: Sie reichte die Scheidung ein. Mein Vater bettelte winselnd, sie möge ihn nicht verlassen. Sie ging. Zwei Wochen später hatte er eine neue Freundin und neues Selbstbewusstsein.
Die Trennung meiner Eltern war furios: das passende Ende einer 20-jährigen Ehehölle. Es hagelte einstweilige Verfügungen, Anzeigen und Anwaltsbriefe. Die Polizei wurde unser Dauergast.
Mein Vater verpasste meiner Mutter die erste Ohrfeige seines Lebens. Dummerweise tat er das auf der Straße, als ungefähr 20 Nachbarn sich die Nasen an den Fensterscheiben platt drückten. Meine Mutter ließ sich mit viel Trara von einem Krankenwagen abholen, mein Vater erhielt eine Anzeige. Er zeigte sie zurück an, wegen Körperverletzung in der Ehe. Das hat alle sehr amüsiert: Diese zierliche Frau soll diesen Berg von Mann geschlagen haben? Wie lustig.
Mein Vater und mein Bruder zogen zu der neuen Frau. Ich hatte schon meine eigene Wohnung, meine Schwester und meine Mutter zogen in einen anderen Stadtteil. Unser schönes Haus kam unter den Hammer. Das ist jetzt zehn Jahre her. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Und mir ging es nie besser.


Kommentare
Der Text ist so gut geschrieben, dass man das Gefühl hat, selbst am Geschehen teilzunehmen! Wow!
28.09.2007, 20:23 von XeNia79Aber was mich total irritiert: Frau schlägt Mann und Vater schlägt wiederum die Tochter?! Die Beschreibung deiner Mutter ist ja der absolute Wahnsinn! Ich hätte niemals vermutet, dass es auch solche Frauen gibt, die so ausrasten, gewalttätig auf andere Menschen losgehen, selbst dir gegenüber - als Tochter - Respektlosigkeit zeigen! Im Leben könnte ich meine Töchter nicht 'Schlampe' nennen!! Und meinen Mann verprügeln, ihm wehtun?! Boah...all das in einer Ehe, in der sich zwei Menschen eigentlich lieben und vertrauen sollten! Schon krass, das im Gegensatz zu den sonst schlagenden Ehemännern zu lesen!
Gewalt lehne ich absolut ab und mir tat das richtig weh, lesen zu müssen, wie er später auf dich losging!
Mir fehlen hier eher die Worte dir gegenüber!
Empfinde nur Stolz und Bewunderung, dass du dieser Hölle aktiv und selbstständig entflohen bist, dich nicht hast kleinmachen lassen! Das erfordert sehr viel Durchhaltevermögen und Stärke; Wille dazu!
Dir alles Gute!
Xenia
oh gott...das ist echt so furchtbar! vor allem, wenn man überlegt, dass er sich soviel früher hätte wehren können, wäre er die Frau gewesen! Das ist doch pervers...Emanzipation im verdrehten sinn. Toll geschrieben!!! Ging mir sehr nah...
27.09.2007, 16:40 von BlondBlauBloedsorry, wenn´s unpassend ist, aber der erste gedanke nach dem durchlesen war: der typ ist ein arsch und zwar weil er dich verprügelt hat.
06.09.2007, 17:59 von golden_monk