Santsche 10.09.2011, 23:04 Uhr 1 4

Mama, Piggeldy und Lina.

Die Zeit ist momentan anders. Sie braucht länger vom Morgen bis zum Abend.

Viel mehr Gedanken und Gefühle, die ich nicht einordnen kann. Ich hetzte von einem Ort zum anderen, dann hole ich Lina ab. Das Kind ist derzeit recht anstrengend. Im Kindergarten will sie mit keinem spielen. Sie wirkt eigenbrötlerisch. Von wem sie das wohl hat?

----- Mamma ist schlecht drauf. Ich mag sie manchmal nicht. Piggeldy sagt aber, dass das nicht schlimm ist. Ich darf das.

Der Bus hat Verspätung. Ich stehe an der Haltestelle und warte. Zum Schimpfen hab ich gerade keine Kraft. Es wird langsam kalt. Der Sommer taumelt kopfüber dem herbstlichen Verfall entgegen. Eine jede Jahreszeit strebt irgendwann dem Ende zu. Ich schlafe immer noch auf der Couch.

---- Ich hab Piggeldy erzählt, wie du mir das Schwimmen beigebracht hast. Du hast gesagt, man muss es nur schnell genug lernen, damit man nicht unter geht.

In manchen Momenten überkommt mich das Gefühl, dass es gerade erst angefangen hat, und dass es nie enden wird. Irgendwo in der Herzgegend verspüre ich dann Verzweiflung, pure Verzweiflung. Und diese unvernünftige Hoffnung, dass alles irgendwann wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Ich rieche immer noch den Bleichgeruch in unserem Schlafzimmer.

---- Du hättest schwimmen lernen sollen.

Mittlerweile überwiegt meine Wut und Unverständnis. Ich stehe also hier und überlege die nächsten Schritte. Immer wieder, seit langem tu ich das schon. Ich fahre noch schnell ins Büro, dann aber wirklich zu Lina. Wir kommen dann zu dir. Dann können wir endlich reden.

---- Gestern hat Daniel mich gehauen. Ich hab ihm gesagt, dass du ihn zurück hauen wirst. Du bist groß und stark, hab ich ihm gesagt. Daniel hat nur gelacht.

Im Sommer lacht man öfters. Da scheint die Sonne und die Menschen sind glücklicher. Wir sollten auch mal wieder glücklich sein, als Familie. Ich frage mich, wo diese Zeit wohl geblieben ist. Wir reden nicht mehr, wir lachen nicht mehr, wir sehen uns nicht mehr. Der Herbstwind wird kälter. Er kommt und geht so schnell, dass er einem den Atem nimmt.

---- Mama hat gestern angefangen zu weinen. Aber ich bin dann zu ihr hin und hab ihr Piggeldy gegeben. Sie hat dann aufgehört.

Die Leute im Büro sind nett. Sie wissen das mit uns, irgendwie weiß das jeder. Kann man ja auch nicht gut verstecken. Aber ich versuche mich ganz normal zu benehmen. Manchmal gelingt es mir, in letzter Zeit des Öfteren. Ist nicht immer leicht, aber wir schaffen das. Der Herbst ist nun wirklich da, und hinterlässt eine Landschaft, die manchmal wie betäubt wirkt.

---- Ich mag den Kindergarten nicht mehr. Ich will nach Hause. Zu Mama, und zu dir.

Ich fahre also zu Lina. Sie steht schon in der Tür und wartet auf mich. Egal ob Sommer oder Herbst. Sie ist ein bezauberndes Mädchen, unser Mädchen. Nur in letzter Zeit, da lacht sie nicht mehr so oft. Dann herrscht diese Stille zwischen uns, die durch den Herbstwind gefüllt wird.

---- Piggeldy hat heute gesagt, dass er nicht mehr so oft traurig ist. Er und ich, wir verstehen uns, aber manchmal mag ich ihn auch nicht. Ich bin noch immer traurig.

Im September gingst du fort. Lina war bei deinen Eltern. Als ich wieder kam, hörte ich dieses Fort-Geräusch. Du warst nicht mehr da. Gefühle bestimmen unser Leben, das hast du mir gelernt. Allmählich komme ich mit ihnen klar. Stück für Stück finde ich wieder zurück ins Leben.

---- Mama redet manchmal über dich. Sie sagt dann, dass du mich immer noch liebst. Aber ich glaube ihr nicht wirklich. Ich kann hören, wie du nicht da bist.

Wir steigen aus dem Bus. Lina hält ihr Stofftier im Arm und flüstert ihm leise ins Ohr. Ich halte sie an der Hand und knöpfe meinen Mantel zu. Es wird kälter, je näher wir dir kommen. Ich habe Angst dich zu sehen, weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Aber es muss sein. Und Lina vermisst dich so sehr. Sie will dir Piggeldy zeigen. Sie sagt, er gehört nun zur Familie. Ich hab ihr das mit uns erklärt. Ich weiß nicht, ob sie es versteht.

---- Piggeldy hat gesagt, du kommst nicht mehr nach Hause. Du bist jetzt beim Mann im Mond, hat Piggeldy gesagt. Wir haben dir Blumen mitgebracht. Aber keine Mondblumen, die lassen einen vergessen wo man wohnt.

Im Leben trifft man Vorkehrungen. Man trifft keine Vorkehrungen einfach so, sie seien wohl überlegt. Schließlich sind sie die Antwort auf Chaos. Wir haben viele getroffen, gemeinsam. Aber dieses Mal hast du alleine entschieden. Und du hast uns alleine zurück gelassen. Du hast mal gesagt, wer Schmerzen hat, der lebt noch. Du bist nicht mehr da.

---- Piggeldy tröstet mich wenn ich ihm von dir erzähle, und ich tröste ihn. Und zusammen trösten wir Mama.

Niemand bringt sich im Sommer um. Das macht man nicht. Aus Anstand den lachenden Menschen gegenüber. Im Herbst ist der Schmerz leichter und zieht sich in den Winter hinein. Er folgt dann den Spuren des Schnees, der sich im Frühling zu reißenden Flüssen verwandelt. Wir schaffen das, habe ich zu ihr gesagt.

---- Du hast vergessen „Ich liebe dich“ zu sagen. Aber Piggeldy hat gesagt, das ist schon okay. Vielleicht hast du gerade Mondblumen gepflückt.

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Kommentare

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    puh, sehr ergreifend. ich weiß nicht, ob deine geschichte real ist, aber jedenfalls hatte ich gänsehaut. es tut so unglaublich weh, menschen zu verlieren, die man liebt...

    12.11.2011, 18:42 von gila87
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