mini-ju 14.01.2008, 20:11 Uhr 0 1

Liebste Mama

Du bist tot. Seit 4 Wochen, 6 Tagen und 10 Stunden.

Ich weiß das sehr genau. Ich saß an deinem Bett und habe deine Hand gehalten. Ich habe deinen letzten Atenzug gespürt. Ich habe dir vorgelesen. Ich habe dich um Luft ringen sehen. Ich habe das Blut aus deinem Mund fließen gesehen. Und nichts verschwindet aus meinem Kopf.
Ich bin nach Hause gekommen. Nicole stand vor der Tür und ich habe mich gefreut, sie bei uns zu sehen. Ich bin auf die Einfahrt gefahren und habe Nicole rufen gehört:"Beeil dich, Julia!"
"Was ist los?"
"Mama liegt im Sterben."
Mama, du kannst dir vorstellen, dass ich Angst hatte. Ich bin in die Wohnung gelaufen und habe dich gesehen: Wie du leblos in deinem Bett lagst und nach Luft gerungen hast. Mit dem Tropf am Arm voller Morphium. Du hast geschlafen Mama. Ich höre das Röcheln in der Brust, das Rasseln. Deine Hände sind leblos, deine Haut blass, dein Kopf zur Seite geneigt. Während der folgenden Stunden befeuchte ich dir deinen ausgetrockneten Mund, in dem der Beatmunsschlauch liegt, mit einem nassen Wattestäbchen. Du öffnest deinen Mund weit um Luft einzuziehen. Deine Augen sind geschlossen. Ich lese dir vor. Ich mache dir Musik an. Oma ist da und Opa, Nicole, Papa und ich. Wir sitzen hier und sind bei dir, halten deine Hand, reden mit dir. Nicole bestellt den Pfarrer. Du warst nicht gläubig, Mama, aber es hilft Nicole, wir lassen es geschehen. Hajo ist gekommen um Nicole beizustehen. Wir weinen alle. Der Pfarrer redet monotones Zeug, sagt, er vergibt dir alle Sünden. "Sie hatte keine", sagt Nicole. Ja, Mama, du hattest keine.
Du warst oft böse am Ende deiner Krankheit, am Ende deines Lebens. Nach 12 Jahren Kampf ist dir die Kraft ausgegangen. Nach 12 Jahren, die dir keiner gab, die du dem Leben abgerungen hast, warst du erschöpft. Du darfst gehen. DU bist erlöst von all deinem Leid, was dir wiederfahren ist, von dem schmerzhaften Erlebnissen die du in deinem kurzen Leben verkraften musstest. Einen alkoholkranken Vater, der dich geschlagen und verlassen hat. Einen Mann, der dich verlassen hat und geschlagen, die Last einer alleinerziehenden Mutter und den Krebs. Hiobsbotschaften von Ärzten, die dir ein halbes Jahr gaben. Dein Leben war nicht leicht und du wirst mir immer ein Vorbild sein in dem, was du geleistet hast. Nicole hatte Recht: DU hattest keine Sünden! Du warst verzeifelt, ja, erniedrigt, ja, weil du nicht mehr laufen konntest, weil du keine Privatsphäre mehr hattest, weil man dich auf Toilette bringen musste, weil du Pampers tragen musstest. Aber du warst so sehr würdevoll trotz alledem, so stolz und schön. Du warst oft ungerecht, aber war es nicht gerechtfertigt ungerecht zu sein, wenn man den ganzen Tag im Bett lag und nichts anderes sah als sein Zimmer?
Trotz all deinem Gemecker im letzten Teil deines Lebens, trotz all unserer Streits bist du mein Sinnbild für Stärke, Mut, Kraft und Liebe.
Als der Pfarrer weg war, kamen noch deine Hausärztin und der Notarzt und gaben uns mehr Morphium.Nicole kennt sich damit aus, wir Kinder möchten nicht, dass du etwas mitkriegst oder Schmerzen hast. Sogar Thomas ist gekommen Mama, du hast so lange auf ihn gewartet,auf deinen verlorenen Sohn. Wir haben dich gestreichelt.
Als ich das nächste mal das Wattestäbchen in deinen Mund führe machst du ihn so schnell nicht wieder auf. Ich hole neues Wasser. Als ich stehe, fällt dein Kopf zur Seite. Blut läuft aus deinem Mund.
"Was ist das?!" Ich werde panisch.
"Altes Blut."
"Und jetzt?!"
"Es ist so weit." Nicole kennt sich aus. Ich wusste es auch. Ich habe es gespürt. Du tust deinen letzten Atemzug. Dann rührst du dich nicht mehr. Alle fangen an zu weinen. Thomas schluchzt. Fragt dich etwas. Ich höre nur: "Mama". Ich halte Nicoles Hand. Ich konnte keine Tränen weinen, Mama, verzeih..
Papa hat mir doch mal gesagt, man kann auch innerlich weinen. Als Oma gestorben ist. Jetzt weiß ich was das bedeutet. Ich weine, Mama. Man sieht es nur nicht.
"Macht das Fenster auf, damit die Seele rausfliegen kann."
Als du tot warst, habe ich jeden Moment gedacht, jetzt mach doch die Augen auf, schrei uns an, nur tu irgendwas! Aber du konntest ja nicht. Und dann habe ich das getan, was du von mir gewollt hättest. Ich habe Oma getröstet und Nicole und Papa in den Arm genommen. Ich bin da für alle, Mama. Ich habe ab und zu gedacht ich kippe um. Aber ich habe weitergemacht.
Nicole hat dich gewaschen. Zusammen mit Opa. Ich hätte geholfen, aber Nicole wollte nicht. Ich konnte dich danach nicht mehr anschauen, Mama. Ich konnte nicht mehr in dein Zimmer. Ich konnte die Wahrheit nicht ertragen, deinen Tod sehen. Ich konnte nicht ertragen, wie Nicole davon erzählt hat, dass sie dich Nachmittags noch angerufen hat.

Leider konnte ich dir nicht mehr sagen, dass es mir leid tut, dass ich oft ungerecht zu dir gewesen bin. Ich wäre sicher öfter zu dir gegangen und hätte dich öfter umarmt, oder deine Hand gehalten oder deinen Arm gekrault, so, wie du es gern hattest. Ganz bestimmt hätte ich dir noch ein schönes Geschenk gemacht, wenn ich früher gewusst hätte, dass du sterben wirst. Aber ich weiß, dass du mich trotzdem hören kannst, weil du jetzt ein Engel geworden bist. Ich wünsche dir, dass der Himmel so ist, wie du ihn dir vorgestellt hast.
Ich kann mir noch nicht richtig vorstellen, dass ich jetzt nie mehr deine Stimme hören werde und dich nicht mehr hier in diesem Leben um Rat fragen kann. Jetzt kann ich dir nicht mehr an deinem Bett die schönen Texte vorlesen, die du so gerne gemocht hast.
Du hast mir immer geholfen, wenn es mir schlecht ging, hast zu mir gehalten, egal was war. Du warst immer für uns Kinder da und egal, wie weh wir dir getan haben, du hast uns alles verziehen.
Ich bin stolz, dich meine Mutter nennen zu dürfen, weil du ein wunderbarer Mensch warst.
Ich erinnere mich an deinen Geruch und wie du warst, als du noch nicht so viele Medikamente nehmen musstest.
Liebe Mama, du hast das Meer geliebt und die Luft. Du hast die Sonne geliebt und Lachen. Du hast den Wald geliebt und zu atmen. Du hast das Leben geliebt und uns. Du warst froh, lebenslustig und stark. Weißt du noch, wie du früher immer so getan hast als wärst du eine Hyäne um mich zu ärgern? Und wie du Sauerbraten und den Zuckerzopf für uns gemacht hast? Weißt du noch, als wir zusammen im Sauerland waren? Wie schnell du Freundschaften schließen konntest? Du warst so radikal ehrlich, so, dass es uns manchmal peinlich war. Zum Beispiel, als du der Verkäuferin im Supermarkt gesagt hast, sie sei zwar nett, aber sie solle mal zum Zahnarzt gehen. Du warst immer sehr stolz, nicht nur auf uns. Du hast gerne Musik gehört und gefeiert, hattest viele Freunde und immer ein offenes Ohr.
Dein Leben war viel zu kurz und der Weg viel zu steinig.
Wir vermissen dich.
Aber eigentlich bist du ja gar nicht weg, Mama. Eigentlich stehst du gerade neben mir.
Ich werde versuchen, so zu werden wie du, Mama. So stark und so voll Willenskraft und Lebensmut. Weil ich weiß, dass du mit deinem Willen die Krankheit bekämpft hast und dass dein Wille dich leben gelassen hat. Für mich. Für Nicole. Für Thomas. Für Oma. Für Opa. Für Papa.
Ich werde all die Liebe, die ich von dir entgegenehmen durfte, weitergeben. Ich werde all die Dunge, die du mich gelehrt hast schätzen und in mir tragen.

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