hib 05.10.2009, 21:49 Uhr 25 36

Liebe Tante Waltraudt

ich weiß bis heute nicht, ob es einen Mann in deinem Leben gab. Den du geliebt hast. Und wo er hin ist, wenn es ihn gegeben hat.

Ich frage mich, was zweiundsiebzig Jahre schön macht. Sinnvoll. Oder lebenswert. Ich frage mich, wann man gern geht. Was muss gewesen sein, dass man nicht denkt, man hätte vieles liegen lassen auf dem Holzweg bis zum Schluss. Wen muss man treffen und was muss er sagen. Was muss man tun und muss es wirklich etwas für die Ewigkeit sein. Und wer sagt einem eigentlich, wann es gut ist.

Tante Waltraudt, du hättest bestimmt eine Antwort gewusst. Aber du hättest dich wahrscheinlich nicht getraut, sie zu geben. Dafür warst du nicht dreist genug. Du warst auch keiner von den Menschen, die Worte jederzeit so in Form bringen konnten, dass die Dinge aus heiterem Himmel plötzlich Sinn ergaben. Du warst keine von den Tanten, die mit einem Blick und einem geschwungenen Zauberstabsatz alles gut machen. Du warst anders. Vielleicht nicht völlig verschieden, nur irgendwie leiser als viele von den anderen. Ich hab dich nie viel reden hören. Wenn ich mich jetzt an deine Stimme erinnere, dann hört sich das wie ein ruhiges Rauschen an. Wie wenn man quer durch den Raum mit den Muscheln im Ohr ein Flüstern auffängt. Man hört die Hälse klingen, sieht die Lippen sich winden, aber man versteht nicht, was sie tönen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass du nicht mehr als ein paar mal geschrieen hast, dein Leben lang. Vielleicht irre ich mich auch, aber das würde zu dir passen. Du warst eine von denen, die sich trotz krummer, schmerzender Wirbelsäule auf den klapprigen Klavierhocker setzen und stundelang still das lärmende Familienfest beobachten. Und die einzige, die von dort aus Fragen stellt, um wirklich eine Antwort zu bekommen. Die schon im September wissen wollen, was man zu Weihnachten haben möchte und bei denen das irgendwie in Ordnung ist. Die nicht mehr so gut zu Fuß sind und am 24.Dezember trotzdem den größten Berg Pakete auf ihren Schultern bis unter den Baum tragen. Die gern geschenkt haben, weil sie es nicht anders sagen können. Die bei einer Umarmung nicht wissen wohin mit ihren Armen, weil die Übung fehlt. Bei denen man Angst hat, sie könnten jederzeit unter so viel fremder Haut zerbrechen. Die nicht wollen, dass man sich Umstände macht. Die ihren Krebs bis kurz vor Schluss verheimlichen, weil sie einem das Fest nicht versauen wollen. Um dich ging es nie. Ein ganzes Leben lang nicht.

Tante Waltraudt, ich weiß bis heute nicht, ob es einen Mann in deinem Leben gab. Den du geliebt hast. Und wo er hin ist, wenn es ihn gegeben hat. Ich weiß bis heute nicht, ob du gern Kinder gehabt hättest. Die dich hätten öfter besuchen können im Pflegeheim, als ich es getan habe. Ich weiß erst seit ein paar Tagen, dass du viele Tabletten genommen hast gegen den Sturm in deiner Brust, der dich immer wieder von den Beinen reißen wollte. Du hast dir Medizin als Beton in deine Beine gegossen, um stehen zu bleiben. Aber kein Fundament kann so viel Gewicht auf Dauer tragen. Ich verstehe erst heute, dass daher die Risse an deinem Körper kamen. Erst ganz langsam beginne ich zu verstehen, wie schlimm es gewesen sein muss. Ich weiß bis heute nicht, ob du mal glücklich warst in deinem Leben. So richtig. Oder ob du etwas bereust. Und ich weiß nicht, warum man so eine verdammt große Angst hat, alten Menschen diese Fragen zu stellen. Und deshalb lieber von der Arbeit erzählt. Ich weiß nicht, ob man hätte mehr tun können. Und ahne, dass die Antwort darauf mir nicht gefallen könnte. Aber ich weiß noch, wie du mich immer hast länger aufbleiben lassen, wenn ich bei dir geschlafen habe. Ich weiß noch, wie du morgens Frühstückseier mit einem Tauchsieder gemacht hast und ich staunend daneben gestanden und dich bewundert habe. Ich weiß noch, wie ich einmal durchs Schlüsselloch geschaut habe und deine Verbrennungen gesehen habe. Und sie gar nicht so schlimm fand. Ich hatte ja keine Ahnung, dass solche Wunden nur äußerlich verheilen. Und innen ewig offen bleiben. Ich weiß noch, wie du mir mal vom Krieg erzählt hast. Als die Häuser in deiner Heimatstadt auf deinem Schulweg von heute auf morgen plötzlich weg waren. Und wie du dich deshalb fast verlaufen hast. Ich kann mich erinnern, dass du Pläne für eine große Reise hattest. Und ich weiß noch, wie deine Krankheit deine Beine schwach und deinen Rücken krumm gemacht hat. Wie dein Körper den Schlussstrich in die nahe Zukunft gezogen hat. Ich weiß noch, wie ich bei dir war zwei Wochen vor Schluss und eine Träne in deinen Augen gesehen habe. Du hast nicht mehr gesprochen. Aber das flüssige Salz hat wie ein schwaches Licht aus deiner Mitte eine Nachricht überbracht. Von deinem Herz, dem so viele Wünsche abgeschlagen wurden. Ich weiß noch, wie du meine Hand gedrückt hast. Und mir die Luft zum Trösten weggeblieben ist – weil es nie wieder gut werden würde. Ich weiß noch, dass du immer gesagt hast, dass wir es uns jetzt gemütlich machen. Und ich hoffe irgendwie, dass du es jetzt auch gemütlich hast. Dass es keine Schmerzen mehr gibt. Da, wo sie dich hingebracht haben.

Liebe Tante Waltraudt, ich weiß, dass du viel mehr zu geben hattest, als die Menschen von dir wollten. Oder du ihnen geben konntest. Ich weiß, dass man noch viel mehr über dich sagen könnte und müsste. Das so viel nie gesagt wurde. Du hast so oft deine Zuneigung in buntes Papier eingewickelt. In Kartons gesteckt. Ich weiß, dass das in deiner stillen Sprache viel bedeutet hat. Und weil ich weiß, dass bei dir große Liebe oft in kleine, weiße Umschläge gepasst hat, gebe ich dir diesen Brief mit in dein Grab. Heute möchte ich einmal leise für dich schreien. Damit sie wissen, dass es dich gegeben hat. Denn das ist das mindeste, was ich für dich tun kann. Jetzt, wo es vorbei ist.

Danke für alles.

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25 Antworten

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    so ein schöner Text...und so ein trauriger Text..ich hatte eine Träne im Auge...

    14.01.2010, 17:49 von flower-goddess
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    @ Vorgänger: genau derselbe Grund hat mich zu diesem Text geführt und ich bin froh. Sehr schöner Text.

    06.01.2010, 17:12 von cosmokatze
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    - liest du doch mal wieder was von hib. Lange nichts mehr von hib gelesen. Und es trifft mich wieder direkt ins Herz. Wow.

    31.10.2009, 11:50 von meerisch
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    Hab ne kleine Träne im Auge von deinem Text.
    Respekt! und mein Beileid natürlich...

    09.10.2009, 18:48 von potatoe
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    Hat mich wirklich berührt, mein Beileid.

    09.10.2009, 17:10 von Lebkuchenherzinfarkt
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    das ist der zweite text von dir, der mich zu tränen gerührt hat.

    08.10.2009, 22:25 von tequilachicita
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    wunderbar.
    hat mich gerührt.....

    08.10.2009, 13:05 von anti_heldin
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    wunderbar.
    du hast mich gerührt....

    08.10.2009, 12:47 von anti_heldin
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    ich hatte genau so einen großonkel, und heute fehlt er mir, obwohl ich ihn eigentlich kaum kannte. man sagt mir ab und zu, dass ich ihm sehr ähnlich sei, und dann weiß ich, wie das vielleicht gemeint sein könnte, dass ein mensch in anderen weiterlebt.

    08.10.2009, 00:13 von juhulia
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