King-Lube-III 26.11.2008, 09:56 Uhr 46 24

Letztes Weihnachten mit Mama

Das ist, was meine Mama in unseren Herzen, unserem Spiel des Lebens, unlöschbar zurückgelassen hat.

_Weihnachten. Wie jedes Jahr waren wir alle bei meinen Eltern für drei Tage eingeladen. Dieses Jahr in etwas anderer Konstellation: Ich mit meinen drei Kindern, meine neue Lebensgefährtin mit ihren zwei und meine Schwester mit ihrem Mann und ebenfalls zwei Kindern und natürlich meine Eltern. Weihnachten hatte bei uns noch nie etwas Besinnliches. Es war das Fest der Liebe und des Lebens und entsprechend lebhaft. Meine Eltern freuten sich über alle Maßen. Sie freuten sich, uns zu sehen und noch mehr über jedes Kind, das in ihrem Haus für Unruhe sorgte. Dieses Jahr waren es gleich sieben, was für ein Glücksfall.

Nachmittags gingen wir in die Kindermesse. Alle waren furchtbar aufgeregt, denn sie waren noch vollkommen von der Idee des Christkindes erfüllt. Die Messe war zum Glück kurz und die Vorfreude der Kinder auf das äußerste gespannt. Wir gingen zu Fuß zurück zum Haus. Die Kinder rannten vor, meine Lebensgefährtin hinterher, um sie im Auge zu behalten. Ich hatte mich bei meiner Mutter untergehakt, mein Vater bei meiner Schwester und ihr Mann besorgte das Reden. Wir genossen die Nähe, das Gefühl zusammen zu gehören, eine große Familie zu sein. Für meine Eltern war jedes Kind ein leiblicher Enkel, sowie meine Freundin und mein Schwager ihre leiblichen Kinder waren. Sie machten keinen Unterschied. Das Lachen und Rufen der Kinder aus der Ferne, die uns zur Eile mahnten, erwärmte unsere Herzen. Wir hätten ewig so weiter gehen können.

Einen Moment mussten die Kinder vor der Türe warten, denn mein Vater wollte nachsehen, ob das Christkind schon da war. Wir lauschten gebannt und dann ertönte das erlösende Glöckchen und wir wussten, alles war in Ordnung, das Christkind hatte Geschenke zurückgelassen. Die Kinder stürmten ins Wohnzimmer. Es war dunkel, bis auf den leuchtenden Tannenbaum und rundherum waren Berge von Geschenken zu sehen. Ich ließ meinen Blick über die Augen der Kinder schweifen und sie alle leuchteten vor Glück, sogar meine Eltern mussten mit sich kämpfen, nicht eine kleine Träne zu vergießen.

Nach der Bescherung nahmen wir alle zusammen am großen Esstisch Platz und kamen uns vor, wie die Ritter der Tafelrunde. Es gab Fondue. Keinem fiel auf, dass dreizehn Personen am Tisch saßen. Und später, viel später, als ich über diesen Abend nachdachte, kam mir in den Sinn, dass dreizehn doch gar keine Unglückszahl ist. Wir saßen da, wie zum Abendmahl. Natürlich, es war schließlich Weihnachten: Mama und ihre zwölf Jünger. Wir waren ihr alle ergeben.

Noch aufgeregt und mit rot erhitzten Wangen brachten wir die Kinder in das Matratzenlager, dass wir im Keller vorbereitet hatten. Die Kleinsten wurden in Reisebetten verfrachtet, die anderen verteilten sich auf dem Boden, der vollständig mit Matratzen und Decken belegt war. Wir rechneten nicht damit, dass schnell Ruhe einkehren würde, aber sie waren alle völlig erschöpft und nach einer halben Stunde hörten wir keinen Laut mehr.

Jetzt kam Vaters Auftritt, denn es gehörte zur Tradition, dass wir am heiligen Abend alle zusammen "Das Spiel des Lebens" spielten. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie wir es schon als Kinder Heilig Abend spielen dürften. Das war etwas ganz besonderes für meine Schwester und mich. Mussten wir sonst immer zeitig ins Bett gehen, dürften wir an diesem Abend noch bis nach zehn Uhr aufbleiben, bis des Spiel zu Ende war. Eigentlich ein ziemlich dummes Spiel, doch Weihnachten ist es für uns wie das Glück auf Erden. Wie die Wilden drehten wir am Glücksrad, um ein tolles Leben führen zu können. Ich wurde Rockstar, meine Lebensgefährtin Verkäuferin und meine Mutter Anwältin. Wir heirateten und natürlich war es wieder Mama, die als erste ihren Wagen mit vier Kindern voll gepackt hatte. Ich tausche mit meiner Schwester, meiner Lebensgefährtin und meinem Schwager immer wieder Blicke aus. Wir wussten, wie wichtig dieser Abend für unsere Eltern war und so lachten sie, strahlten sie und wenn ich mir über eines sicher war, dann, dass sie in diesem Moment unendlich glücklich waren.

Das Spiel endete wie jedes Jahr, denn außer meiner Mutter, legte niemand großen Ergeiz an den Tag und so kam es, dass sie in der »Herrschaftlichen Villa« landete und wir unsere Zeit im »Altersruhesitz« mit Glückspielen vertrieben. Das "Spiel des Lebens" ging zu Ende und langsam ließen wir den Abend ausklingen. Die Frauen waren in der Küche und tranken noch irgendetwas Süßes, wir Männer standen auf dem Balkon, pafften eine dekadente Zigarre und vertilgten Vater Slibowitz, der an Ekelhaftigkeit durchaus mit der Zigarre konkurrieren konnte, aber mein Schwager und ich waren tapfer.

Später, als wir im Bett lagen, kuschelte sich meine Freundin an mich: "Weißt du", begann sie zu sprechen, "ich war ja immer ein bisschen eifersüchtig auf dich und deine Art zu lieben, aber seit heute weiß ich, dass es gar nicht dein Verdienst ist, sondern der deiner Eltern." Ich küsste sie und wir schliefen ein.

Der erste Weihnachtstag hatte den Glanz des heiligen Abends geerbt, so wie ich anscheinend meine Fähigkeit zu Lieben geerbt hatte. Ich musste immer wieder darüber schmunzelt, wenn ich daran dachte. Es war ein milder Wintertag und während meine Schwester und mein Schwager die Kinder stundenlang auf einem Spielplatz beschäftigten, unternahm ich mit meiner Freundin und meinen Eltern einen langen Spaziergang. Meine Eltern ließen sich nicht die Gelegenheit nehmen, meine Lebensgefährtin auszuhorchen. Sie kannten sich zwar, hatten aber noch nie die Gelegenheit für ein langes Gespräch. Als Gegenleistung präsentierten sie allerhand Geschichten meiner Kindheit und Jugend. Geschichten, von denen ich gehofft hatte, dass sie endlich in Vergessenheit geraten wären, aber anscheinend sind das die reizvollsten und bleiben mit aller Macht unvergessen.

Wir gingen Arm in Arm nebeneinander, in lange Mäntel gehüllt, ab und an kämpften sich ein paar Sonnenstrahlen auf unsere Gesichter. Ich fühlte mich gelöst und geborgen. Wir waren im Schutz und in der Sicherheit, in der sich Kinder befinden, wenn sie in der Nähe ihrer Eltern sind. Natürlich hatte meine Freundin den größten Teil des »mich Behütens« übernommen, wie es die Aufgabe von Lebenspartnern ist und trotzdem gibt es ein unsichtbares Band zwischen Eltern und Kindern, dass sich meistens nie ganz auflösen lässt.

Wir sprachen über Erlebnisse im Ausland, Menschen, denen wir begegnet waren, Missgeschicke, unseren eigenen und viel lieber noch über die der anderen. Wir sprachen über unsere Pläne, unsere Familien zusammenzulegen und den Schwierigkeiten, die es mit sich brachte, wenn man fünf Kinder hat und beide berufstätig sind und über die Probleme, die vielleicht noch auf uns zukommen könnten, aber mehr noch über unsere Zuversicht, unseren Glauben, dass alles, was wir taten richtig war und zum Erfolg führen würde. Jedenfalls, das versicherten wir meinen Eltern, waren wir verliebt und glücklich oder glücklich und verliebt und meine Eltern nickten mit einem wissenden Lächeln, als wollten sie sagen: »Ist schon gut. Wir lieben euch auch. Ihr macht das schon.«

Abends, nachdem wir gegessen hatten und die Kinder wieder in ihrem Lager verschwunden waren, als wir endlich mal zur Ruhe kommen konnten und alle tief durchatmeten, als wir uns gerade in die Sessel und aufs Sofa fallen ließen, sackte Mama mit heftigen Unterleibschmerzen zusammen. Sofort sprangen wir auf und eilten ihr zur Hilfe. Wir waren erschrocken und in großer Sorge, setzten sie in den großen Sessel und sprangen um sie herum, um ihr irgendwie helfen zu können. Wasser? Nein. Decke? Nein. Füße hoch? Nein. Ihr Gesicht war aschfahl. Von einem Moment auf den anderen schien die Lebensfarbe aus ihr gewichen zu sein.

Wir warteten ängstlich und ratlos. Dann ergriff ich die Initiative: »Ich bringe dich ins Krankenhaus.«
»Einen Moment noch.«, sagte meine Mutter etwas gequält, »einen Moment noch.«
Und so standen wir schweigend da, fühlten wie quälend die Zeit rann, spürten die innere Hitze und Unruhe, die aufkeimende Nervosität des Wartens. Mühsam erhob sich Mama. Vater und ich eilten ihr sofort zur Seite. Ich hielt sie als wir die Stufen vor dem Haus hinab schritten. Am untersten Absatz verharrte sie und sah zurück zum Haus. Ich erschrak, als ich in ihren Augen den Abschied las.

Vater und ich blieben im Krankenhaus, während die anderen zu Hause bei den Kindern blieben. Es war der erste Weihnachtstag und die Notaufnahme brechend voll. Meine Mutter, deren Schmerzen unverkennbar waren, wurde sofort vorgelassen. Ein Bett, Infusion, Schmerzmittel. Das alles dauerte keine halbe Stunde. Ich stand noch lange mit Vater neben ihrem Bett, doch sie war gleich eingeschlafen, als man ihr die Morphine gab. Unsere Unruhe trieb uns zurück auf die langen Flure. Wir liefen auf und ab, ohnmächtig und hilflos.

Es war nach Mitternacht. Die Schwestern wollten uns dazu bewegen nach Hause zu gehen, doch wir schüttelten die Köpfe. »Sie können nichts tun.«, sagte die Schwester. Immer wieder als sie an mir vorbei kam: »Sie können nichts tun.« Wie Unrecht sie hatte.

Manchmal hielt ich an und nahm meinen Vater in den Arm, etwas, was ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr getan hatte. Gegen zwei Uhr kam die Schwester der Nachtwache und sprach zu Vater, der kaum noch die Augen offen halten konnte: »Kommen sie mit.«

Als mein Vater zurückkehrte sagte er mit kaum hörbarer Stimme: »Hol die Kinder." Es war 2:30 in der Nacht. Ich war müde und geschafft, ich war am Ende meiner Kräfte, konnte nicht so richtig verstehen, womit mit mein Vater beauftragt hatte. Und dann wurde es mir klar: Natürlich, die Kinder. Ich rief zu Hause an. Gegen 3:15 kamen meine Schwester, meine Freundin und mein Schwager, jeder ein schlafendes Kind auf dem Arm und vier aufgeregte große Kinder. Die Nachtschwester wollte protestieren, aber dann nickte sie und ging zurück in ihre Kammer. Das Krankenhaus, die Nachte, die Umstände schienen die Kinder zu beeindrucken. Sie waren mucksmäuschen still.

Wir betraten Mamas Zimmer. Niemand sprach, nur Marina sagte halbverschlafen, aber freudig überrascht: »Oma!«. Mama, Oma schlief. Wir setzten uns an ihren Bettrand. Mein Vater flüsterte zu den fragenden Kinderaugen: »Oma geht es nicht gut. Sie will jetzt lange schlafen und deshalb sagen wir ihr jetzt Lebewohl." Und viele kleine Kinderhändchen griffen nach Mamas Händen und sagten mit zerbrechlichen Stimmchen: „Tschüss, Oma.«
Wir Erwachsene senken die Augen, kämpften mit den Tränen. Mirana wollte noch was sagen, aber mein Vater machte: "Pssst!", legte den Finger auf ihre Lippen und lächelte. Mama atmete ruhig. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Wir lauschten, spürten ihre Wärme an unseren Händen, dann atmete sie noch einmal aus und es wurde ganz ruhig, ganz still, ganz sanft glitt sie uns davon.


Nachtrag:

Wie alle wussten, dass Mama unheilbar krank war und wir waren dankbar, dass die Ärzte ihr fast fünf beschwerdenfreie und glückliche Jahre bescherten. Obwohl sie nicht mehr die Augen geöffnet hatte und auch nicht mehr zu uns sprach, muss sie unsere Anwesenheit gespürt haben, ehe sie das Leben losließ. Das Wissen um die Möglichkeit das Leben willentlich loslassen zu können, erfüllt mich mit tiefer Demut.
Natürlich waren wir alle sehr traurig und erschüttert über ihren Tod, doch viel wichtiger war und ist, dass uns ihr Tod stark gemacht hat, dass der Zusammenhalt zwischen den Menschen, die uns am wichtigsten waren und sind, gewachsen ist und dass wir ein großes Stück Angst vor unserem eigenen Tod verloren haben.
Das Leben ist ein wunderbares Geschenk, das wir heute umso mehr schätzen können und der Tod ist gar nicht so schlimm, wenn man ein gutes Leben geführt hat. Bis dahin werden wir leben und lieben und das ist, was meine Mama in unseren Herzen, unserem Spiel des Lebens, unlöschbar zurückgelassen hat: Liebe.

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46 Antworten

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    scheiße, ist das richtig.

    23.12.2009, 23:57 von KingKonschdi
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    Eine besondere Weihnachtsgeschichte, die ebenso schön wie traurig ist. Ich bewundere Menschen, die mit Tod und Verlust so souverän umgehen können und sich nicht von der Trauer geißeln lassen.

    01.12.2008, 22:30 von Flattermaus
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    Ich habe vor 2 Monaten selbst meine mutter verloren, und kann diesen Text sehr gut nachfühlen.
    Danke für eine wundervolle und wahre geschichte.

    01.12.2008, 17:44 von apple_blossom
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    Danke, für diesen wundervollen Artikel!

    01.12.2008, 15:15 von blubberblase
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    Abgesehen von den Kritiken der Leser, war dies eine ergreifende und zu Tränen rührende Geschichte, die Du genau so geschrieben hast, wie es Dir in den Sinn kam und wie Du sie erlebt hast. Genau so spürt man Deine Emotionen und genau so liest man sie auch - realistisch, gefühlvoll und aus tiefstem Herzen.

    30.11.2008, 22:54 von dieAndere
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    Ende des Textes musste ich eben eine Träne verdrücken. Wunderbarer Text.

    30.11.2008, 21:16 von Junistern
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    der nachtrag ist wunderschön. mir laufen die tränen über das gesicht, weil ich alles nachvollziehen kann..

    30.11.2008, 17:44 von arcadelephant
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