Plutarch 08.11.2009, 21:33 Uhr 2 0

Leichen im Keller

Die Nachgeburt muß sofort entfernt werden, sonst riecht das Kind aus dem Mund. Meist wird die Nachgeburt unbeschrien unter dem Dachtrauf begraben.

Solange die Pflicht ruft, ist der 56-jährige Kurt Sartorius Berufsschullehrer für Elektrotechnik. Doch sobald die Schule aus ist, gräbt er in Kellern oder organisiert Ausstellungen.

Frühjahr 1984, Michaelsbergstraße 17-19 im schwäbischen Bönnigheim: Der 35-jährige Kurt Sartorius kniet im Keller eines alten Hauses und gräbt im Lehmboden. Einen Hobby-Archäologen wie ihn treibt die Leidenschaft.

Angefangen hat das alles 1959. Damals hatte sein Geschichtslehrer einige Tonscherben aus der Keltenzeit mitgebracht und der Klasse gezeigt. Man finde sie recht häufig auf Äckern in der Gegend, meist an Stellen, an denen das Erdreich etwas dunkler sei, hatte der Lehrer den Viertklässlern erklärt. "Das hat mich fasziniert", erzählt Sartorius, während er auf einer quietschenden Biergartenbank im Gewölbekeller seines Schnapsmuseums sitzt. "Als der Lehrer das mit den dunklen Stellen erwähnte, fiel mir sofort so eine Stelle ein, die ich beim Herumstreunen bemerkt hatte."

Der damals zehnjährige Kurt machte sich noch am selben Nachmittag auf und fand prompt einige Scherben. Mit seinem Fund wurde er zum Rektor der Schule geschickt, der ihm für die Scherben drei Tafeln Schokolade gab. "Ich dachte mir, alte Scherben sind wohl einiges wert. Schließlich waren drei Tafeln Schokolade damals etwas Besonderes." Wie sich herausstellte, stammten Kurts Scherben aus der Jungsteinzeit und waren etwa 7500 Jahre alt.

Der Zehnjährige war infiziert. Er suchte und buddelte wie besessen und hatte schon bald den Spitznamen "Scherbenkurt".

Sein Instinkt und ein unbestimmtes Gefühl im Bauch lassen ihn auch im Frühjahr 1984 den Keller in der Michaelsbergstraße durchsuchen, bevor das alte Haus wegen Einsturzgefahr abgerissen wird.

Aus Scherbenkurt ist mittlerweile der Vorsitzende der Historischen Gesellschaft Bönnigheim geworden.

Nach einiger Zeit entdeckt er in der Mitte des alten Kellerlehmbodens zwei eingegrabene Tontöpfe. Ohne genau zu wissen, was es damit auf sich hat, gräbt er weiter. Nach und nach tauchen immer mehr Töpfe und Reste von Töpfen auf. Sartorius beschleicht ein Verdacht.

Vor allem entlang den Wänden und in den Ecken des Kellers findet er insgesamt 43 dieser Gefäße. Je mehr er findet, desto klarer wird ihm, dass es sich bei seinen Funden höchstwahrscheinlich um Bestattungstöpfe handelt. Denn die Funde erinnern ihn an einen 1904 verfassten Aufsatz des Onolzheimer Pfarrers Heinrich Höhn "Sitte und Brauch bei Geburt, Taufe und in der Kindheit". Darin hatte Sartorius wenige Wochen zuvor Folgendes gelesen:

„Die Nachgeburt muß sofort entfernt werden, sonst riecht das Kind aus dem Mund. Meist wird die Nachgeburt unbeschrien unter dem Dachtrauf begraben oder an einem sonstigen Ort, wo weder Sonne noch Mond hin scheint, zum Beispiel im Keller, auch unter einem Baum, wo sie im Schatten ist. Hierzu muß ein neuer, mit Deckel bedeckter Hafen benützt werden. Er soll eingegraben werden, dass der Deckel nach unten zu liegen kommt; auch muß bei dem Vorgang ein Vaterunser gebetet werden.“

"Als ich die ausgegrabenen Töpfe ansah, wurde mir klar: Ich hatte gerade 43 bestattete Nachgeburten ausgegraben; ich zeig’ ihnen mal so einen Topf." Er greift zwischen die hinter ihm aufgereihten Schnapsflaschen und reicht einen teilweise zerbrochenen Tonkrug herüber. Dem skeptischen Blick folgend erklärt er sofort: „Da ist nichts mehr drin. Wir waschen die natürlich, nachdem sie analysiert wurden“. Der Topf ist überraschend schmucklos. Er sieht aus wie eine unglasierte Urne, ist gesprungen und riecht etwas muffig.

Sartorius teilte seine 43 Funde dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, dem Württembergischen Landesmuseum und der Landesstelle für Volkskunde in Stuttgart mit.

Doch statt Begeisterung schlug ihm dort nur Skepsis entgegen, denn es gab bis dato keine vergleichbaren Entdeckungen. "Alle Stellen, denen ich davon berichtete, haben mich mehr oder weniger ausgelacht", erzählt er. Also zogen er und seine Mitstreiter der Historischen Gesellschaft Bönnigheim auf eigene Faust los und fanden noch mehr im Boden vergrabene Töpfe.

Die lokale Presse berichtete über die Funde, woraufhin immer mehr Töpfe auftauchten. "Es war, als hätten wir eine Lawine losgetreten", erzählt Sartorius heute, und schaut dabei leise triumphierend durch die etwas schief sitzende Brille.

Die Topf-Suche zog immer weitere Kreise: In Schwaigern-Stetten, in Kleingartach, in Kirchheim unter Teck, in Sindelfingen - überall tauchten alte Bestattungsgefäße in Kellern auf, das älteste aus dem Jahr 1650. Im März 1986 stellt Sartorius auf einer Tagung der Beauftragten der archäologischen Denkmalpflege seine Entdeckung erstmals einer größeren Öffentlichkeit vor. Dort präsentiert er auch die Ergebnisse der chemischen Untersuchung einer Probe aus einem Bönnigheimer Keller, in der Eiweiß und Hämoglobin nachgewiesen worden war. Eine Veröffentlichung folgte auf die andere, und immer mehr chemische Analysen bestätigen Sartorius These von der Bestattung der Nachgeburten.

1997 gehen Kurts Töpfe das erste Mal auf große Fahrt: Das Tübinger Institut für angewandte Sozialwissenschaften sponsert die erste Ausstellung, und die wird ein voller Erfolg. Auch heute noch ist die Sammlung zum Thema "Wo weder Sonne noch Mond hin scheint" als Wanderausstellung unterwegs. Neben den Tontöpfen umfasst sie viele Schaubilder, die Ergebnisse der Analysen sowie eine von Gunther von Hagen plastinierte Plazenta. Für 500 Euro pro Woche können sich Museen dieses ehemalige Tabuthema ins Haus holen.

Tatsächlich gab es über die Jahrhunderte so gut wie keine Aufzeichnungen über diesen Brauch. "In christlichen Schriften finden Sie nichts darüber", referiert Sartorius auf der quietschenden Bank. "Nur bei den Juden ist die Bestattung der Nachgeburt im Talmud erwähnt." Dort stehe, man solle sie mit kostbaren Ölen einreiben, in Tücher schlagen und der Erde übergeben.

Sartorius forschte auch in nahe liegenden Quellen: "Ich habe meine Mutter nach den ersten Funden gefragt, was sie zum Thema Bestattung von Nachgeburten wisse, aber damals hat sie nur verschämt gelacht." Vor zwei Jahren gab sie jedoch zu, dass sie den Brauch kenne. Auch ihre Mutter habe ihr gesagt, dass sie die Nachgeburt unter einem Rosenbusch vergraben solle, "damit das Kind rote Backen kriegt". Doch Kurt hat keine roten Backen. Er verbringt vermutlich zu viel Zeit in Kellern.

Bis heute weiß man noch nicht allzu viel über diesen Brauch. „Nach ausführlichem Studium unzähliger Bücher und Aufsätze gehe ich davon aus, dass man mit der Plazenta auch einen Geist, eine Art Seelenzwilling, zu begraben glaubte, der das Kind beschützen sollte“, erzählt er. Dazu musste der Geist in dem Topf in Ruhe gelassen werden. Erst wenn der Mensch stirbt, so der Glaube, komme ihm der Geist entgegen um gemeinsam mit ihm in die Ewigkeit einzugehen.

Und dann streckt sich Sartorius und stellt im Gewölbekeller seines Schnapsmuseums eine gewagte These auf: "Diese Idee, dass ein Wesen einen Menschen beschützt, könnte die christliche Vorstellung des Schutzengels hervorgebracht haben. Was im Übrigen nicht der erste Brauch wäre, den das Christentum übernommen hat", erklärt er mit dem Hinweis auf die ursprünglich heidnischen Feste Weihnachten und Ostern.

2002 wurde Sartorius als Referent zum Abschluss-Symposium der Ausstellung "Aller Anfang" im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien gebeten. Während er von dieser Einladung erzählt, blitzen seine Augen voller Stolz. Heute ist Kurt Sartorius in Fachkreisen und weit darüber hinaus anerkannt. Heute lacht niemand mehr über den Scherbenkurt.

2 Antworten

Kommentare

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    kirchheim unter teck :)

    10.11.2009, 18:10 von li-la-laune
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    Volopreis, Volopreis,Volopreis!

    09.11.2009, 12:14 von evrika
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      @evrika Hab ich aber nicht bekommen ;)

      09.11.2009, 12:41 von Plutarch
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      @Plutarch Ja ja, ich weiß. Vielleicht bekomme ich ihn ja irgendwann. Nur halt nicht bei Mps ;-)

      09.11.2009, 14:14 von evrika
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