Platinfuchs 21.11.2012, 02:21 Uhr 3 13

Lausitzer Erde

In der Ecke seh ich noch alten Plunder, doch der Alte schaut es mit einem Blick an, als müsste er einen alten Schatz zurücklassen.

Da steht er nun, der alte Mann. Einsam und schwer steht er in der Schlafstube, den Besen in seinen Händen. Das Zimmer ist so gut wie leer, der Teppich herausgerissen. Auf dem Boden liegt gelbes, staubiges Haftmittel, welches man nun zusammenfegen kann. Nur in der Ecke seh ich noch alten Plunder, doch der Alte schaut es mit einem Blick an, als müsste er einen alten Schatz zurücklassen.
Aus dem Wohnzimmer hört man etwas Gebrabbel, manchmal ein Lachen - es ist ja schön, dass sie helfen.
Der Alte steht nur da und schaut sich um. Es berührt mich zu sehen wie er feuchte Augen bekommt, da er nicht weiß wie er mit dieser Situation umgehen soll. Ich leg manchmal meinen Arm um ihn und rede ihm gut zu, will ihm irgendwie Nähe vermitteln, komme mir dabei aber unbeholfen vor.
50 Jahre hat er hier verbracht, dabei seine Frau kennen gelernt, ein Kind groß gezogen und seine Freunde gefunden. Sie ist gestorben, es ist gezogen und auch die Freunde sind weniger geworden. Nun ist hier niemand mehr, so dass alles in Einsamkeit erstickt.
"Du hast dein Leben noch vor dir" sagt er.
"Du doch auch" erwider ich.
In den kurzen Augenblicken der Ruhe sehe ich ihm die Irritation an, er verschwendet nichtmehr sehr viele Gedanken an das was kommt. Wenn deine ganze Umgebung aus Erinnerungen besteht, dann bleibt nichtmehr viel Platz dafür.

Es ist die andere Liebe, welche dich weinen lässt. Nach 50 Jahren hat man sich nichts Neues mehr zu erzählen, man kennt sich eben. Und eigentlich ist man es auch leid etwas Neues herauszufinden.
Aber es ist die Gewohnheit, welche dich bei ihr lässt, die Vertrauheit, die dich bei ihr hält. Und wenn du im Hausflur stehst und es heißt lebe wohl, vielleicht sogar ein Nimmerwiedersehen, dann drückt es auf der Brust und man möchte nicht gehen. Man will all die Dinge noch einmal erleben. Diese schönen Erinnerungen, welche jetzt kaum zu ertragen sind.
Die Gefahr besteht, dass man nur seine Kisten mitnimmt, doch das Wichtigste vergisst.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich hab deine Zeilen gelesen und hatte das Haus meines Großvaters (in der Lausitz!)  vor Augen. Danke für das Minikopfkino und damit verbundene heimatliche Erinnerungen.

    18.10.2013, 20:29 von keinmaerchenbuch
    • 1

      Vielen dank, das freut mich besonders. :)

      19.10.2013, 12:44 von Platinfuchs
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  • 1

    "Die Gefahr besteht, dass man nur seine Kisten mitnimmt, doch das Wichtigste vergisst."
    Schiete, den Kloß im Hals werd ich so schnell nicht wieder los.. Danke für diesen 'Wort- Schatz'.

    21.11.2012, 20:35 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
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