»Lass uns umkehren...«
Ein Jahrestag, einer von vielen, könnte man meinen. Doch dieser ist etwas Besonderes, ein Jahrestag, der am Besten gar nicht begangen werden sollte.
Ein Jahrestag, einer von vielen, könnte man meinen. Doch dieser ist etwas Besonderes, ein Jahrestag, der am Besten gar nicht begangen werden sollte. Gäbe es die Möglichkeit, einen einzigen Tag aus dem Kalender zu streichen – nur einen einzigen, eine winzig kleine Lücke im Kalender, die keinem weiter auffallen würde – ich wüsste genau für welchen ich mich entscheiden würde…
Ich war noch jung, hatte aber schon mehr erlebt als viele meiner Altersgenossen, aber auf das, was kommen sollte, hatte mich niemand vorbereitet. Es fing alles recht harmlos an, dachte ich damals zumindest. Die Osterferien standen vor der Tür und in diesem Jahr sollten diese auf dem spanischen Inselparadies Lanzarote verbracht werden. Ein raues Stückchen Erde – schwarz und steinig. Vielleicht war das schon das erste Zeichen.
Die damalige Situation in der Familie war angespannt, und wir hatten mehr schlechte als gute Tage durchlebt. Von daher sahen wir den Ferien besonders freudig entgegen. Wir freuten uns auf Sonne, Strand und Meer – auf ein paar wenige sorglose Tage mit der ganzen Familie. Doch mein Bruder weigerte sich mit uns zu kommen. Er blieb daheim. Vielleicht war das schon das zweite Zeichen.
So kam es also, dass letztendlich statt vier Personen nur noch ein Dreiergespann übrigblieb. Wir machten uns auf den Weg nach Lanzarote – mein Vater, meine Schwester und ich. Es war tiefste Nacht, als der Zubringer uns zum Flughafen brachte. Richtig wach war keiner von uns. An diesem frühen Morgen war ich mit einem seltsamen Gefühl aufgewacht. Noch wusste ich nichts damit anzufangen. Ich hatte eben nur dieses mulmige Gefühl in der Magengegend, das man manchmal hat, wenn man weiß, man etwas Wichtiges vergessen, bloß kann man sich beim besten Willen nicht entsinnen, was man denn vergessen hat. So war es auch an diesem Morgen. Vielleicht lag es am bevorstehenden Flug, vielleicht machte ich mir Gedanken über meinen Bruder, den wir bei den Großeltern gelassen hatten, vielleicht dachte ich auch, es sei falsch von meinem Vater mit einem kaputten Knie und Krücken in den Urlaub fahren zu wollen. Ein ‚vielleicht’ nach dem anderen…
Meist spielt man so ein Gefühl herunter, versucht nicht weiter daran zu denken, sich abzulenken, und meist schafft man es und das, was einen noch vor einigen Stunden beunruhigt hat, ist in Vergessenheit geraten. Doch an diesem Morgen verstärkte sich meine Unruhe. Ich konnte nichts essen, glaube ich zumindest heute. Nun, wir saßen in diesem fremden Auto, um uns herum die Nacht, die bald dem Tag weichen würde. Die Lichter zogen an uns vorbei und so auch die Gedanken. Und da war es plötzlich… dieser seltsame Geruch, den ich heute noch manchmal zu riechen glaube, ein widerlicher Gestank, süß und verdorben. Und mit dem Gestank kam diese plötzliche Eingebung, ein einzelner Gedanke, der wie ein Blitz durch meinen Kopf raste. Ich war mir auf einmal sicher, dass etwas Schlimmes geschehen würde. Im Stillen dachte ich mir ‚Lass uns umkehren… lass uns bitte heimfahren!’. Aber natürlich habe ich nicht ausgesprochen, was mir in diesem Moment in den Sinn kam. Es war lächerlich! Schließlich hatte ich sicher bloß zu wenig geschlafen und war ein wenig nervös. Das war alles… versuchte ich mir einzureden. Das war schon das dritte Zeichen.
Zeitsprung: Lanzarote, eine Woche später. Meine Schwester und ich waren froh. Mein Vater schien endlich wieder aufzublühen. Er aß wieder, ging einkaufen und sah wieder besser aus, als in all den Wochen zuvor. Er nahm wieder am Leben um sich herum teil, schien lebendig zu sein. Daher geriet mein schlechtes Gefühl, das ich am Beginn der Reise so deutlich gefühlt hatte, etwas in Vergessenheit. Die Freude über den Moment überwog.
Damals sahen wir der Zukunft wieder etwas optimistischer entgegen. Immerhin schien sich der Gemüts- und Gesundheitszustand meines Vater deutlich verbessert zu haben. Er schien wieder ein wenig Freude am Leben gefunden zu haben. Und wir wollten das um jeden Preis glauben, wollten an diesem kleinen Quäntchen Zuversicht festhalten. So verbrachten wir sonnige Tage am Strand, lasen und alberten herum. Aber wie das nun mal im Leben so ist folgen auf sonnige Tage immer Regentage. Unsere fahrlässige Freude sollte jäh ein Ende finden.
Von heute auf morgen – so schien es uns zumindest, denn wir hatten bis dahin alle dunklen Vorzeichen mehr oder weniger erfolgreich zu verdrängen und übersehen gewusst – fiel alles in sich zusammen. Unser Optimismus wandelte sich in Sorge… und Angst. Mein Vater schlief nur noch, kaum war er noch wirklich munter. Er aß nicht mehr, trank noch nicht einmal mehr. Das war wirklich besorgniserregend. Er wurde mehr und mehr zum Schatten seines eignen Schattens. Und der Geruch… ich konnte ihn wieder riechen! Alles kam wieder in mir hoch. Die Unruhe, das drängende Gefühl umzukehren. Ich hatte Angst!
Früher hätte ich nicht geglaubt, dass man vor Angst gelähmt sein kann, dass man nicht im Stande sein kann, eine Situation so zu beurteilen, wie sie wirklich ist. Heute weiß ich es besser. Es gibt Situationen, in denen man einfach nur zusehen kann. Man ahnt, dass etwas Schlimmes passieren wird, kann jedoch nicht eingreifen. Man sieht den Zug auf sich zurasen, kommt jedoch nicht mehr rechtzeitig von den Gleisen herunter und sieht dem bitteren Ende ins Gesicht. Wir waren wie das Kaninchen vor der Schlage… hypnotisiert von einer Situation, die wir einfach nicht begreifen konnten und wollten.
Aber es sollte noch schlimmer kommen. Als er schließlich anfing wirr zu reden, als er völlig unfähig war sich um sich selbst zu kümmern, spätestens da hätten wir die Situation erkennen müssen. Oder als wir die seltsamen schwarzen Fäden sahen, die er schleimig hervorhustete. Und immer wieder dieser Geruch… Doch wir taten noch immer nichts, waren einfach unfähig etwas andres zu tun, als zu hoffen, dass wir noch rechtzeitig heim kämen, dass meine Großeltern sich schon der Sache annehmen würden, die uns über den Kopf gewachsen war. Ich weiß noch, es müssen ein oder zwei Tage vor unserer Abfahrt gewesen sein, wie meine Schwester nachts im Bett zu mir sagte: „Wenn er jetzt noch anfängt Blut zu spucken, dann ist alles vorbei!“. Das war mit Sicherheit das vierte Zeichen.
Der Tag der Heimreise kam, wir waren froh, es bis dahin geschafft zu haben. Nur noch wenige Stunden und wir waren nicht mehr allein. Allein mit dieser drückenden Angst im Nacken. Den Geruch wurde ich inzwischen gar nicht mehr los. Er folgte uns auf Schritt und Tritt. Die Busfahrt zum Flughafen schien ewig zu dauern, doch irgendwann hatten wir es geschafft und wir waren da. Unser Zuhause rückte immer näher.
Doch inzwischen war mein Vater kaum noch in der Lage zu gehen. Sein verletztes Knie, das vorher gut zu heilen schien, machte ihm wohl zu schaffen. Dachten wir. Aber er war wohl einfach viel zu schwach zum Gehen. Ich ging los und besorgte ihm einen Rollstuhl. So gingen wir an Bord. Und der Geruch ging mit uns. Doch wir waren so froh es überhaupt in den Flieger geschafft zu haben, wir klammerten uns an die knapp fünf Stunden, die uns von daheim trennten. Dort wurden wir erwartet, dort würden wir endlich Unterstützung finden. Dort würden wir uns nicht mehr länger sorgen müssen. Doch erst kam noch ein Zwischenstopp auf Gran Canaria – und mit ihm das Ende.
Alle Passagiere mussten die Maschine verlassen, ich weiß nicht mehr wieso. Es entsprach jedoch dem normalen Prozedere. Mein Vater sah immer schlimmer aus und wir bekamen langsam wirklich Angst. Wir parkten seinen Rollstuhl, ließen ihn allein und suchten uns ein Telefon. Wir wollten daheim Alarm schlagen, doch wir erreichten niemanden. Dann sollten wir zurück in die Maschine. Endlich, endlich der Heimflug! Doch man ließ uns nicht. Die andren Passagiere hatten bemerkt, was wir zu übersehen versucht haben. Der Kapitän meinte, unser Vater sei krank. Einen Kranken könne man aus Sicherheitsgründen nicht mit an Bord nehmen. Wir müssten auf Gran Canaria bleiben. Ich weiß nicht mehr genau, was ich in dem Moment dachte. Ich weiß nur noch, ich stand mit brennenden Augen und brennenden Wangen neben der Schlange der wartenden Passagiere, die einer nach dem anderen das Flugzeug betraten. Und ich verfluchte meinen Vater. In diesem Moment war ich so wütend auf diesen sturen alten Mann, der vor mir im Rollstuhl saß. Heut weiß ich nicht mehr was ich zu ihm gesagt habe, doch ich weiß, dass ich ihn angeschrien habe. Ich war so wütend und hatte solche große Angst! Die Angst hatte mich wütend gemacht… ich schrie und er schwieg. Und meine Schwester hatte die Flucht ergriffen, oder sprach mit einem der Reisebegleiter, der sich um uns kümmern sollte – es waren Niederländer – oder sie wollte telefonieren, daheim anrufen und Bescheid sagen. Ich weiß nicht mehr wer was wann genau getan hat.
Plötzlich sprach mein Vater, der die ganze Zeit stumm in seinem Stuhl saß und zu der ganzen unglücklichen Sache nichts beizutragen hatte. Er wollte zur Toilette und ich brachte ihn dorthin, wartete vor der Tür. Es dauerte lange und ich begann mir Sorgen zu machen. Zudem hatte meine Schwester noch immer niemanden erreicht. Da klopfte es einmal leicht gegen die Toilettentüre, die mein Vater – war es bewusst gewesen – zum Glück nicht abgeschlossen hatte. Ich öffnete sie und sah das Blut. Blut in und auf der Toilette, auf seinem Hemd, in seinem Bart. Es war nicht übermäßig viel, aber es war Blut. Und da rannte ich los, rannte durch den Flughafen, um unsere Reisebegleiter zu finden, die uns eben verlassen hatten, um unsere Angelegenheit zu klären. Schnell hatte ich erklärt, was geschehen war. Der Notarzt wurde gerufen.
Wie lange es gedauert hatte bis dieser kam weiß ich heute nicht mehr. Ich verstand auch nicht, was er gesagt hatte. Er sprach bloß Spanisch. Sie nahmen meinen Vater mit und meine Schwester und mich ließ man am Flughafen zurück. Da standen wir nun, völlig passiv, geschockt und unfähig irgendetwas zu tun. Bis dahin hatte ich nicht geweint, meine ich. Entweder wollte niemand uns sagen, wie ernst die Lage war, oder sie wussten es selbst nicht besser. Man sorgte sich jedoch erst einmal darum, dass wir eine Unterkunft bekamen und dann brachte uns eine Mitarbeiterin des Reiseveranstalters – eine nette junge Frau namens Trudy – zum Krankenhaus.
Nie hätte ich gedacht, dass spanische Krankenhäuser so chaotisch sein könnten. Unzählige Menschen standen in oder vor der Notaufnahme. Es gab kaum ein Durchkommen. Irgendwann hatte sich die zierliche Holländerin an unserer Seite durchgeboxt und als sie einer Schwester auf Spanisch erklärte, was geschehen war, durften wir sofort mitkommen. Da hätte ich schon das Schlimmste ahnen müssen. Man brachte uns in einen abgesonderten Warteraum und dort saßen wir einen Moment, bis einige Ärzte kamen. Alle dunkelhaarige Spanier. Einer von ihnen sprach sofort mit Trudy. Meine Schwester und ich saßen daneben und verstanden noch immer nichts. Bis Trudy sich neben uns setzte und uns mitteilte, dass unser Vater bereits im Krankenwagen verstorben war. Er war tot!
Jetzt erst weinte ich. Ich weinte, wie ich noch nie in meinem Leben geweint hatte. Ich weiß nicht mehr wie lange, nur noch, dass meine Schwester irgendwann damit aufgehört hatte und ich nicht. Ich konnte einfach nicht. Man gab uns die Möglichkeit, meinen Vater noch einmal zu sehen, doch man riet uns davon ab. Wir sahen ihn nicht noch einmal. Man übergab uns seine Kleider, doch wir konnten sie nicht annehmen. Ich konnte sie nicht anfassen. Ich weinte noch immer. Ich tat es auch, als wir längst wieder im Wagen saßen, auf dem Weg zurück zum Flughafen. Ich glaube, ich weinte die ganze Zeit. Am Flughafen angekommen besorgte man uns so schnell es ging einen Rückflug nach Deutschland. Wir hatten daheim noch immer niemanden erreicht. Doch die freundlichen Niederländer von unserem Reiseveranstalter hatten alle Nummern und versprachen alles zu versuchen.
Da saßen wir im Flugzeug, vier Stunden, von denen ich nicht mehr viel weiß. Vier Stunden, in denen ich noch immer nicht fassen konnte, was geschehen war. Vier Stunden, in denen mir irgendwann der Gedanke kam, dass die letzten Worte, die ich an meinen Vater gerichtet hatte, wütende Worte waren. Mein Geschrei, meine wütenden Vorwürfe waren das letzte, was er von seiner Tochter hörte. Er ist gestorben und ich war wütend. Das ist bis heute das Traurigste geblieben. Vier Stunden später und wir landeten. Endlich zuhause! Man hatte unsere Großeltern endlich erreicht. Wir waren nicht mehr allein…
Tage später erzählte mir meine Großmutter, dass sie in der Nacht vor unserer Heimreise einen schlimmen Alptraum hatte. Sie schrak mitten in der Nacht auf. Am nächsten Morgen sagte sie meinem Großvater folgendes: „Ich glaube, die Mädchen kommen ohne Ralph zurück.“ Sie sollte recht behalten. Seitdem – dieser Traum, mein schlimmes Gefühl – glaube ich, dass es so etwas wie Vorahnungen geben muss.
Nie habe ich bisher die ganze Geschichte erzählt, weder meinen Großeltern noch meinen Freunden und Bekannten. Es gibt zu viele Elemente, die ich ihnen ersparen wollte. Was wirklich geschah wissen nur meine Schwester und ich. Dies hier kommt der Wahrheit am nächsten.


Kommentare
...manchmal ist Wut besser zu ertragen als Betroffenheit. ... vielleicht hat er es ebenso empfunden...
24.09.2008, 13:47 von DieseDidiSehr ergreifender Text..
12.09.2008, 15:09 von BuffoonEs tut mir so leid für dich..
mir ist in jedem absatz ein kalter schauer über den rücken gelaufen... mir fehlen auch die worte.
05.09.2008, 18:28 von last.train.home.darf ich fragen, wiealt du warst ? :[
Dieser Text, deine Geschichte... es läuft einem beim Lesen eiskalt den Rücken hinunter. Woran es genau liegt, ich weiß es nicht... es scheint mir so bedrückend real zu sein, als würde eine freundin neben mir stehen und die geschichte erzählen... solch ein gefühl hab ich selten bei diesen texten. ob real oder nicht.
05.09.2008, 17:47 von madfairydie ist aber so schörkellos und gerade auch deshalb so tragisch, weil man sich bestimmt fragt... was wäre, wenn wir vorher etwas getan hätten... wenn ich meiner vorahnung gefolgt wäre etc. ... die gewissheit fehlt.
Das ist so traurig, dass es eine bizarre Schönheit hat. Ich find deinen Artikel einfach wunderschön. Die Emotionen kommen bei mir perfekt an.
05.09.2008, 10:02 von volumINAZeichen und Vorahnungen gibt es! Mir geht es seit dem Tod meiner Schwester so...
04.09.2008, 21:04 von XeNia79Deine Worte drücken soviel aus, dass mir selbst gerade die Worte fehlen und nur Gefühle bleiben...
Deine Wut war die reinste Verzweiflung und Jeder - wirklich Jeder - kann das nachvollziehen! Sein passives Schweigen hat dein Gefühl von Hilflosigkeit verstärkt, daher aufkommende Wut - aber er konnte nicht anders; betrachtet man es als Aussenstehender.
Selbstvorwürfe oder Reue sind hier fehl am Platz und werden dir nicht gerecht, denn du hast genau das getan, was dir möglich war!
Fällt schwer, aber behalt dir besser die guten Tage des Urlaubs in Erinnerung und trage den Rest geduldig als Schatten der sonnigen Zeit...
Alles Gute!
Eine traurige Geschichte, die packend erzählt wurde. Ich möchte so etwas nie erleben.
04.09.2008, 19:06 von Alexis-NeoGänsehaut!!!!!!!!
04.09.2008, 18:48 von AndyRandyTut mir fürchterlich leid,das du sowas heftiges mitmachen mußtest!
Ich glaub auch an Vorahnungen!!!