RAZim 21.11.2012, 21:42 Uhr 19 65

Kloß im Hals

Feigheit bereut man irgendwann und Mut bekommt nicht jeder in die Wiege gelegt.

Das Zuziehen einer Tür und das Klicken des Zippos bedeuten manchmal einen neuen Lebensabschnitt. Damals nicht.

Damals war es ein Lebensabschied. Nur wusste ich das nicht.

Wenn ich heute, mit Jahren des Abstandes, darüber nachdenke, überkommt mich ein Gefühl der Wehmut. Denn es wäre doch so viel mehr möglich gewesen als das, was wir uns gerade aufbauten. Aus distanzierter Abneigung wuchs eine Vertrautheit und Anfänge einer Freundschaft zeigten sich. Das gegenseitige Akzeptieren der unterschiedlichen Lebensentwürfe wäre vermutlich der nächste Schritt gewesen. ‚Vermutlich’, denke ich mir und ein alter Kloß klemmt sich hinter meinem Adamsapfel. Denn Feigheit bereut man irgendwann und Mut bekommt nicht jeder in die Wiege gelegt.

Also besuche ich die Stammkneipe von damals. In dem Wissen, dass deine letzte Station nur einen Fußmarsch um die Ecke liegt, bestelle ich ein großes Pils. „Station“. Fast muss ich ob des lächerlichen Wortspiels schmunzeln. Aber mich beschleicht noch heute das stechende Gefühl, dass ich dich eigentlich viel zu wenig kannte. Natürlich, Erinnerungen gibt es genug. Nur die tiefgehenden Gespräche auf Augenhöhe, um sich hineinversetzen zu können, fehlten.

Es ist schon lange nicht mehr dein Tod den ich bedauere, es ist die fehlende Zeit zu zweit.

Beim Bezahlen des Deckels fällt mir auf, dass ich in diesem Jahr nicht an diesem einen Tag bei unserer Parkbank gewesen bin. Ich habe es schlichtweg vergessen und geplagt von einem schlechten Gewissen mache ich mich auf den Weg, um nachzuholen, was nicht nachzuholen ist. „Alles Schutt und Asche, alles welkes Laub“, dröhnt es aus meinen Kopfhörern. Und so paradox das klingen mag, es beruhigt mich. Die Bank steht nicht mehr und zwei Bäume fehlen auch. Fahrradfahrer haben es nun einfacher. Ich gehe nach Hause.

Bei Gin und Tonic blättere ich in alten Alben. Ich erkenne dich, sitzend vor einem bemalten VW-Bus und es ist keine Zigarette, was du zwischen deinen Fingern drehst. Der Kloß ist verschwunden und ich erinnere mich an dein Stirnrunzeln und wie schlecht du auf Familienfeiern getanzt hast.

Nun sitze ich also hier und fummele an der Uhr herum, die Du getragen hast soweit meine Erinnerung zurückreicht.

Sie passt perfekt um mein Handgelenk und das ist doch auch was.


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19 Antworten

Kommentare

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    spannend gute wortwahl...

    09.03.2014, 02:48 von JulchenSpulchen
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    Ich habe mich ganz entsetzlich in den Teaser verliebt! Wärst du so gut, mir seine Nummer zu geben? Ich würde ihn gern auf ein Bier einladen.

    24.11.2012, 03:24 von Hildegardt
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    "Bei Gin und Tonic blättere ich in alten Alben."


    Ich mags.

    23.11.2012, 12:03 von Freulein_Taktlos
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    • 1

      warum ist das belanglos?

      22.11.2012, 20:40 von Gluecksaktivistin
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      für dich- ok

      06.12.2012, 22:29 von Gluecksaktivistin
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  • 2

    Feigheit bereut man irgendwann und Mut bekommt nicht jeder in die Wiege gelegt.

    22.11.2012, 19:31 von Liz89
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  • 0

    Ein Satz in diesem Text, der verpasst ihm einen selten hochwertigen Rahmen.

    22.11.2012, 18:04 von marco_frohberger
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  • 5

    Ein einfaches "Ja" ist alles, was ich gerade denken kann.

    22.11.2012, 15:29 von lalina
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  • 1

    ...sehr fein und nachdenkenswert, über die eigenen Dinge.


    22.11.2012, 15:09 von derHalbstarke
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  • 0

    ha, das mochte ich

    22.11.2012, 13:21 von MisterGambit
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