herz.ist.trumpf. 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 11

Klare Linien

Der Krieg wütet weiter, meine Haut zerbricht. Im Zimmer sammeln sich kleine Streusteinchen. Laufe ich barfuß, brennen sie sich salzig in meine Haut.

Beim Suppenkochen schneide ich mir in den Nagel meines Zeigefingers. Die linke Hand. Es geht mir gut, doch der Schock sitzt tief. Ich koche eine Tomaten-Rosmarin-Suppe. Das ist das Richtige an so kalten Tagen, hat Vater immer gesagt.


Das Thermometer zeigt minus neun Grad Celsius. Ich weiß das, denn ich gehe extra auf meinen Balkon, um es zu überprüfen. Es ist eine Expedition. Ich trage meinen Schlafanzug und eine Strickjacke, einen Bademantel und zwei Paar Strümpfe. Eines ist schwarz mit Streifen, das andere selbstgestrickt aus bunter, sehr weicher Wolle. Ich habe mich wirklich ausgezeichnet darauf vorbereitet, nicht zu frieren, wenn ich dann da draußen auf diesem Balkon stehe. Und übersah den Wind.


Beim Betreten der Wohnung bemerke ich meine nassen Strümpfe. Überall hinterlasse ich Fußspuren. Als würde mir ein Geist hinterher laufen, als würde ich verfolgt. Das Leben spielt mir Streiche in diesen Tagen. Es will mich testen.


Das Badezimmer strahlt mir weiß entgegen, der Schnee spiegelt sich in allem wieder. Seit Tagen nur Schnee. Es ist doch erst Anfang November. Ich betrachte mein Spiegelbild. Ich kann mich nicht mehr ansehen. Auch Mutter erträgt mein Gesicht nur schwer, Vater gibt sich Mühe. Ich distanziere mich vollends. Meine Wangenknochen sind klare Linien in meinem Gesicht. Sie sind neutral, weder weiblich, noch männlich, einfach klare Linien. Pauls Linien. Pauls Wangenknochen. Die Wangenknochen meines Zwillingsbruders.


Der Mund ist blass. Die Oberlippe weist kaum merklich eine Kurve auf. Ein gerader Strich, matt gefüllt. Die Unterlippe ist voll und geschwungen. Wir verglichen es immer mit einem Dreieck. Paul und Ich. Zweieiige Zwillinge sehen sich nicht ähnlich, haben die Leute gesagt. Mutter sagte dann immer voller Stolz: Sie sind verschieden, aber Mund und Wangenknochen sind gleich.


*


Ich halte meinem Blick stand. Wer zuerst wegschaut, verliert. Ich führe Krieg gegen mein Spiegelbild. Es fällt mir leicht, ich kann nur gewinnen. Dann schweifen meine Gedanken.


Sie schweifen an den Tag, an dem die Nachricht kam. Ich lief gerade durch die Straßen, es war Spätsommer. Es war ein ganz normaler Spätsommertag und nun liegt Schnee. Die Zeit schwindet wie Sauerstoff bei einem plötzlichen Atemzug. Das Klingeln meines Telefons war zu laut für mein Gefühl. Ich sah das Bild meines Vaters auf meinem Display, überlegte kurz nicht abzunehmen, sondern zurückzurufen, wenn ich daheim wäre. In meiner Wohnung und nicht auf den Straßen dieser Stadt, bepackt mit Tüten voller Besorgungen, Äpfel und Bier. Paul sagte ständig, dass man im Leben nicht mehr braucht als Äpfel und Bier und ein wenig Wind. Aber Wind kann man nicht kaufen.


Entschieden, ihn später zurück zurufen, ließ ich das Telefon in meiner linken Rocktasche verschwinden. Es klingelte wieder, eine kurze Tonfolge. Eine Nachricht von Mutter: Ida, ruf uns zurück. Es ist wichtig. Ich weiß noch, wie genervt ich war. Mutter brauchte wahrscheinlich einen Rat, welche Blumen sie pflanzen soll, Sonnenblumen oder Nelken, und Vater wollte mich dazu bewegen, es Mutter auszureden, er wollte einen Teich. Einen großen Teich mit Goldfischen und Seerosen. Ich war mit meinem Bruder verabredet und spät dran, er hatte etwas mit mir zu besprechen und hasste es, wenn ich ihn warten ließ. Dann wählte ich die Rückruftaste.


 


– Mutter, was ist denn, ich bin unterwegs.


– Paul ist tot.


 


Die Einkäufe, die Äpfel und das Bier hinterließen ein makelloses Muster auf dem Asphalt. Meine braunen Ledersandalen waren voll mit matschigem Quark. Ich streifte sie von meinen Füßen und rannte los.


*


Beim Ausräumen von Pauls Wohnung fanden wir einen Brief, er war an Jan, Pauls besten Freund adressiert. Wir alle kannten diese Briefe. Mutter, Vater, ich, jeder von uns hatte seine eigene Sammlung. Paul schrieb Briefe zu jedem Anlass, manchmal auch ohne, seine Handschrift war wie sein Lächeln. Es war ein Geburtstagsbrief, in blauer Tinte geschrieben. Paul schrieb seine Geburtstagsbriefe immer in blauer Tinte.


Meine Mutter gab ihn mir, fragte, ob ich ihn Jan vorbeibringen könnte. Ich war froh, eine Aufgabe zu haben. Es war ein regnerischer Tag, voller Wind. Mein Bruder hätte sich in diesen Tag verliebt. Er wäre spazieren gegangen durch die Straßen unserer Stadt bis raus aufs Land und hätte eine Zigarette nach der anderen geraucht. Jede Glut, die der Wind ihm genommen hätte, hätte er dem Wind auch mit Handkuss  geschenkt. Paul sagte immer: In Städten wird alles zu Geschichte, außerhalb atmet man durch. Wind verlangt ausreichend Luft zum Atmen. Und das ist das ganze Geheimnis.


Ich weiß noch, wie traurig Jan damals aussah, als ich ihn fragte, ob ich meine Schuhe vor der Wohnung ausziehen soll. Er sagte kein Wort. Seine Wohnung roch nach abgestandener, saurer Milch, Zigarettenrauch und Schweiß. Ein seltsam angenehmer Geruch. Seine Haut war zerschlagen und trocken. Ich ging schnell wieder. Es fiel mir schwer, ihn zu ertragen.


*


Auf der Fensterbank des linken Fensters meiner Küche steht Salbei. Daneben vertrockneter Rosmarin. Ich höre die Vögel draußen singen, den Regen der fällt, den Wind, wie er mit den Blättern tanzt. Es taut. Ich frage mich, was Vögel im Januar hier machen und ob es ihnen hier gefällt, auf dem kahlen Baum, der neben diesem Wohnhaus seine Wurzeln hat.  


Mein Spiegelbild ist mir immer noch fremd. Der Krieg wütet weiter, meine Haut zerbricht. Im Wohnzimmer sammeln sich kleine Streusteinchen. Laufe ich barfuß, brennen sie sich salzig in meine Haut. 


Die Stille meiner Wohnung gibt mir Ruhe und Sicherheit. Es ist meine Ruhe und meine Sicherheit und ich gebe ihnen Raum, sich zu entfalten. Ich wähle Jans Nummer, lasse dreimal klingeln, lege auf. Es sind Zeiten, in denen Bücherregale zu klein sind, die Geschichten stapeln sich überall: Auf dem Rand meiner Badewanne, im Gewürzregal, neben der Heizung. Andere Geschichten gefallen mir besser, als meine, denn meine lautet: Ich bin 26 und habe meinen Bruder verloren. Seitdem bin ich gestraft mit Wangenknochen und Lippen, die nicht mehr mir gehören, die mich jeden Tag verspotten.


*


Mit Lina tanzen und mit Ariane über Männer reden scheint mir zu voreilig. Alle sind immer nur in Eile. Auch den Schnee genießen sie nicht. Jetzt löst er sich auf und jeder schimpft über den Regen. Ich habe allen gesagt: Ihr werdet den Schnee vermissen. Aber keiner hat mir geglaubt.


Ich versuche zu lesen, zu anderem bin ich nicht bereit. Paul sagte immer, Lesen kommt von Selbst. Man macht es oder eben nicht, es sei wie alten Menschen über Straßen helfen. Oft denke ich an Jan. Ich kenne ihn nicht gut, aber ich weiß: Wir leiden einstimmig. Wären wir Instrumente, würden wir harmonieren.


*


Manchmal fahre ich mit meinem Schreibtischstuhl durch die Wohnung. Kein Winkel ist vor mir sicher. Ich fahre langsam und lautlos. Anschwung nur durch meinen rechten Fuß. Als kleine Kinder machten wir das immer und Mutter lachte oft. Mein Spiegelbild und ich nähern uns an. Der Krieg besiegt sich selbst. Ich würde gerne Jan anrufen und fragen, wie es ihm geht.


Ariane riet mir, mich wieder zu schminken, ich wäre dann mehr ich und weniger er. Ich habe es versucht und es hat einigermaßen funktioniert. Auch meine Eltern freuen sich, dass ich mich nicht mehr gehen lasse. Doch abends, nach dem Zähneputzen sind meine Lippen immer noch ein blasses Dreieck. Manchmal streckt es mir die Zunge raus.


*


Wochen vergehen, es ist Frühling geworden. Die Menschen lernen wieder zu grüßen und die Sonne ist nicht mehr nur ein Wort. Ich stehe am linken Fenster meiner Küche und berühre die weichen Blätter des Salbeis. Langsam zerreibe ich ein Blatt zwischen Zeigefinger und Daumen meiner linken Hand. Der Schnitt im Nagel ist kaum mehr zu erkennen. Meine Fingerspitzen duften nach frisch gemahlenem Kaffee. In der anderen Hand halte ich mein Telefon und wähle Jans Nummer. Acht Ziffern, sie wählen sich wie von selbst. Seit ein paar Wochen kann ich sie auswendig. Wie ein Lieblingslied.


–  Ida, wir sollten das Lächeln nicht vergessen.


Seine Begrüßung ist immer dieselbe.


–  Passt dir acht Uhr?


–  Ich habe Äpfel und Bier, sorg du für Sturm.


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Kommentare

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    wie ich mich verliere. gut geschrieben.

    19.06.2013, 13:22 von Wuuhuu
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