Kein Platz für Kinder
Kinder machen Krach, Dreck, Ärger. Sie toben, schreien, nerven. Sie haben sogar eine starke Lobby. Die gern lauter als das Wohl der Kinder wichtig ist
Das ist bekannt: Kinder in Deutschland haben es nicht einfach. Deren Eltern, im Bemühen um kindgerechte Bespaßung, auch nicht. Nicht aus dem Grund, weil nicht um die Kleinen gesorgt würde, ganz im Gegenteil: Öffentlich sorgen sich Politik in Bund, Ländern und Gemeinden sehr eindringlich und auch sehr vernehmbar um deren Wohlergehen. Überall wo man diskutiert, genießen Kinder wohlwollende Vorfahrt, keiner kann es sich leisten, gerade heraus gegen Kinder zu sein. Kinderfreundliche Gesetze werden generös verabschiedet, von denen eine Opposition stets der Meinung ist, diese müssten noch kinderfreundlicher sein. Einfach gut, wer pro Kinder ist.
Denn wer kinderfeindlich argumentiert, sieht sich schnell im Abseits, egal wo darüber debattiert wird. Genau hier liegt das Problem: Nach vorne wird schöngeredet, was hinten herum schon gerne mal aus banalem Selbstzweck heraus abgewürgt wird. Denn eines ist klar: Kinder sind weder sauber noch leise, schon gar nicht einfach. Kinder machen Mühe und brauchen enorm viel Aufmerksamkeit. Für die, die es sich gerne einfach machen, am besten die der anderen Leute.
Ein kleines Beispiel, fernab von überfüllten Schul-Omnibussen, Mietshaus-Stigmatisierung und öffentlich begrünten Betonflächen, in einem kleinen Nest im Oberbayrischen, sei hier angeführt:
Wir Eltern aus unserem Mietshaus wollten ein Trampolin kaufen. Alle Mieter waren bei Befragung explizit dafür oder ließen Wohlwollen oder zumindest Gleichgültigkeit verlauten. Die Aktivelternfraktion unserer Mietshausgemeinschaft wollte es in Eigeninitiative anschaffen, für groß und klein, behopsbar bis maximal 120 Kilogramm Körpergewicht. Ein richtig feines Sportgerät, fast vier Meter im Durchmesser, mit Gitter rund herum, damit keiner von der Kante fällt und sich den Hals bricht. Da hätte auch ein Erwachsener Salti schlagen können. Das gute Stück war herabgesetzt, von rund 600 auf nur 400 Euro, ein Schnäppchen. Nein, nein, wir wollten keinen Zuschuss von ^der Verwaltung, schon gar nicht von kinderlosen Mietern, wir Eltern wollten das selbst finanzieren, die Kosten gerecht aufgeteilt: Das wäre für jede der vier Familie mit Kindern ein grüner Schein gewesen.
Hinter dem Haus liegen drei erhöhte Rasenplätze, getrennt durch graue Pflasterwege mit Rabatte. Man hätte das Trampolin auf den linken Rasenplatz neben den Sandkasten stellen können oder in die Mitte, da säumen nur zwei Büsche die Ecke, oder auf das rechte Karree, das ist auch mit Rasen bestückt, zwei Stellplätze schließen sich da an. Wir hätten das Teil selbst abgeholt und aufgestellt, es im Frühjahr aufgebaut und im Spätherbst auf unsere Tiefgaragensstellplätze eingewintert.
Für ein Trampolin, das längere Zeit auf einem hauseigenen Rasenplatz steht, braucht man allerdings das Einverständnis der Wohneigentümer.
„Kein Problem, da sehe ich keinen Hinderungsgrund“, versicherte man uns von Seiten der Hausverwaltung. „Alle Wohneigentümer haben oder hatten auch Kinder. Es bestehen allerdings versicherungstechnische Hürden,“ fügte man zweifelnd hinzu.
Wir räumten diese aus, da wir einmütig versicherten, dass alle Nutzer des Trampolins selbst für eventuelle Unfälle hafteten. Unbefugte hatten ohnehin nichts dort verloren, außerdem ließ sich das Fanggitter absperren. Wir bedeuteten, wir könnten das gerne auch schriftlich bestätigen, weiß man doch, dass heutzutage nichts mehr ohne allerlei Schreibkram geht, nicht mal ein selbst angeschafftes Sprunggerät, auf dem sich Kinder vergnügen können.
Wir sprachen alle Mietparteien darauf an. Oh ja, und wie sie alle Kinder liebten, Ermunterung von allen Seiten, von Jung wie Alt, selten so ein breites wohlwollendes Lächeln geerntet. Die einen wollten später einmal Nachwuchs haben („Nein, keine Sorge, ihr müsst euch nicht beteiligen...“), die anderen waren bereits Oma, Opa, bekamen regelmäßig Besuch von großen Söhnen mit kleinen Enkelinnen oder umgekehrt. („Aber sicher, selbstverständlich dürfen Gastkinder auch mal hüpfen... Wie? Hey! Nein, natürlich: kostenlos...“) Zwei Parteien im gesetzten Alter sind sogar Wohnungseigentümer im Hause. Wir wähnten uns gerade deshalb auf der sicheren Seite.
Bis zum Tage mit der Nachricht der Hausverwaltung, dass das Vorhaben so leider nicht durchführbar wäre.
„Warum?“, erkundigten wir uns verblüfft.
„Weil es, wir möchten keine Namen nennen, dem einen oder anderen Eigentümer nicht Recht ist, dass so ein Sportgerät im Garten steht.“
„Warum?“, fragten wir wie dumme kleine Kinder nach. „Das kann doch denen, die nicht hier wohnen, herzlich egal sein...“
Die Dame druckste herum. Dann rückte sie mit der Info raus, dass „es auch darum geht, dass dies ein optisches Ärgernis darstellt.“
Wir guckten mehr als baff. Noch längere Zeit.
Da wollten ein paar im Haus wohnende Mieter oder Mieteigentümer schlichtweg ihre Ruhe haben. Nun ja. Fakt ist, man wird in solchen Fällen niemals die ganze Wahrheit erfahren. Da kann man so viel nachfragen, wie man will. Nicht wenn die Wahrheit lautet: Kinder machen Krach, Dreck, Ärger und Sorgen. Sie toben, schreien, nerven. Immerhin: Sie haben nach außen stets eine lautstarke Lobby auf ihrer Seite. Die mit Vorliebe gerne eines ist: lauter als das Wohl der Kinder wichtig.
So ein Trampolin vor den Fenstern sich nach Ruhe sehnender Mitmenschen, das wäre alles andere als ruhig und grün, es verschandelte die Aussicht und vor allem: es lebte. Bespielt von hopsenden Kindern unter freudigem Kreischen. Unablässig vorbei fahrende Autos kann man nicht abstellen, denen ist man hilflos ausgeliefert, bei Kindern geht das sehr wohl und einfacher als man denkt.
Da haben ein paar einflussreiche Menschen mit viel Geld und mittlerweile ohne kleine Rotznasen, Blagen, Gören, ihre Interessen leise, aber mächtig durchgesetzt. Ihr wahres Gesicht gezeigt. Hintenrum. Aufrichtigkeit wäre in diesem Fall alles andere als politisch korrekt oder vertretbar gewesen. Keiner kann es sich in unserer Gesellschaft leisten, offenkundig gegen Kinder zu sein. Nur hinter vorgehaltener Hand klappt das. Vorzüglich sogar. Es gibt immer ein Gesetz, auf das man sich berufen könnte. Dem Mittagsschlaf in ruhigem Bett zuliebe. Vielleicht ganz sanfter Ruhe an der Stätte letzter Kinderfeindlichkeit.
Wir kaufen jetzt eine Sparversion. Mit einem Durchmesser von einem Meter achtzig. Für schmale hundertvierzig Euro. Das macht nicht ganz so viel Spaß, aber immerhin: es ist ein Trampolin. Das wird nun morgens auf- und abends wieder abgebaut. Das stellen wir wahlweise mal links, mal mittig, mal rechts auf. Nicht um herauszufinden, wessen Maske kein Herz für Kinder zeigte, sondern damit niemand dauerhaft gestört wird. Aber ich denke, es wird wohl am häufigsten in der Mitte stehen. Aus optischen Gründen: Damit alle gleichviel davon haben.
Ich spiele auch gerne Federball mit meinem Sohn auf den kleinen Rasenfeldern. Das Gras dort ist immer ein wenig runtergetreten, wenn wir abends aufhören. Neulich musste ich mir sagen lassen, dass das gar nicht hübsch aussieht. Mal sehen, ob bald ein Anschlag am schwarzen Brett zu finden ist oder gar kleine Schilder die Ecken des Rasens verzieren: „Bespielen des Rasens mit Sportgeräten nicht erlaubt.“ Vermutlich von einer „rein ausführenden“ Anonymität unterzeichnet. Wessen Wohl zuliebe?


Kommentare
Sehe das wie Para: Eine offene Ansage wäre angebracht gewesen.
24.04.2008, 15:19 von TarotWenn ich an Mehrfamilienhäusern vorbei komme, sehe ich überhaupt nur in den seltensten Fällen Leute - Kinder! - auf den Rasenflächen. Die Schilder von früher "Betreten der Grünflächen verboten. Eltern haften für ihre Kinder" sehe ich auch kaum noch. Die Verbote scheinen jedoch geblieben. Übel!
Och ja, da sieht man es mal wieder wie wohlgesonnen unsere lieben Nachbarn sind. Geht doch nix über den Spaß des Verderbens!
23.04.2008, 22:38 von freddie
22.04.2008, 15:44 von LudwigMartinDiese Hintenrum-Tour ist eklig und nervig. Warum kann denn ein Ja nicht ein Ja, und ein Nein ein Nein sein?
Wenigstens habt Ihr noch ne halbwegs passable Lösung gefunden.
und das ist der grund, warum ich gerne in meinem szene/studiviertel wohne. und nicht im bierden wilmersodrf oder charlottenburg.
22.04.2008, 14:04 von RedSonjaweil eben kids so sind wie sie sind. und weil ich keinen bock habe, mich blöd ankucken lassen zu müssen, wenn mein kleener mal wieder einen seiner anfälle bekommt. behinderungsbedingt. ne. keinen bock, sollen die spießer doch unter sich bleilben. dafür halt ich auch das geklampfe von oben aus und den techno von unten.
give and take. wie man so schön sagt.
und .. die wohnung ist MEINE. und ich kann allen mietern, die meinen, sie müßte sich grotun, eine nase drehen.
:D
@[Benutzer gelöscht]
22.04.2008, 13:13 von zzebraJa, und wir hier sind nur ein exemplarischer Einzelfall. Bekannte von mir wohnt in einem anderen Mietshaus, sie hat als einzige dort Kinder. Pech, sie ist stigmatisiert: Sobald Kinderlärm im Treppenhaus oder sonstwo ist, fällt das auf sie zurück.
zz.