Kaputter Polo
Wenn man Papas Auto braucht....
Letzte Woche war ich wieder einmal bei meinen Eltern. Mein offizieller Grund war „Ach- es ist so herrlich zu Hause. Man wird von Mama verwöhnt, bekommt jede Menge Warmes zu essen, Kuchen ohne Ende, der auch schmeckt, und als Bonus noch die Wäsche gewaschen. Ich vermisse Euch schrecklich und wünschte, ich könnte öfters zu euch nach Hause kommen, aber leider, leider habe ich keine Zeit.“
Mein inoffizieller Grund: Ich brauche Papas Auto! Denn, ich habe keins und brauche eins und habe aber nur Geld für keins. Jupp, ich habe endlich einen neuen Job, jedoch leider etwa 30 Kilometer von meinem Wohnort in der Schweiz entfernt. Natürlich könnte ich auch mit dem Zug fahren, aber ich hasse Zug fahren. Schon die vier Stunden Zugfahrt zu meinen Eltern nach Deutschland waren einfach schrecklich. Ich befand mich in einem Dauerzustand von Übelkeit und Miesepetrigkeit, fühlte mich grün wie Pistazieneis und griesgrämig wie Heidis Opa auf der Alm. Oh – wie ich es hasse, das Zugfahren. Ich bin dagegen allergisch, wie gegen Haselnüsse und Knoblauch. Von allen mehr oder noch mehr gezwungenen Zugfahrten, die ich bisher überlebt habe, inklusive solche durch Indien, saß ich zu 90 Prozent im falschen Zug, oder jemand hatte vergessen, die Weichen richtig zu stellen, so dass ich immer an Orten herauskam, die genau in der entgegen gesetzten Richtung lagen, wie da, wo ich eigentlich hin wollte. Zu 99 Prozent setzte sich entweder ein Alkoholiker oder ein vollschlanker Koloss neben mich, die jeweils Deodorants namens Whisky, Schweiß und/oder Kotze, benutzten. Sie setzten sich auch neben mich, wenn der Zug leer war. Die Luft anzuhalten und die Nase in die eigenen Achseln zu stecken, nutzten da auch nicht viel.
Nun, ich überlebte es bis zu meinen Eltern, und ich überlebte auch die Tage BEI meinen Eltern. Obwohl Mama Geburtstag hatte. Es gab leckeren Kuchen und Klatschtanten zum Klatschen. Also, ich meine, an die Wand klatschen, wie man das mit Fröschen in schaurigen Märchen tut. Und selbst das hätte nicht geholfen aus ihnen Prinzessinnen zu machen.
Wie immer hörte ich nie hin, wenn sie wie gierige haarige Spinnen und schlitzigen Augen versuchten mich auszusaugen. Ich sagte einfach immer nein. Uuund? - pressten sie wie quietschende Türangeln heraus, - schon einen Joooob gefunden? Gut eingeleeeebt in der Schweiz? Hast Du viiiiiel Geld? Wo Du dooooch in der Schweiz wohnst? Eine schöne Woooohnung? Einen Frrrreunnndtt? Schon geheirrratet? Uuuund Kiiiinder?
Jedes Mal schwor ich mir, meine Antworten auszudrucken und sie mir an die Stirn zu kleben, da die Klatschtanten jedes Mal dieselben Fragen fragten und meine Antworten immer dieselben blieben. Wahrscheinlich konnten sie aber sowieso nichts anderes lesen als Klatschzeitschriften.
Samstags bummelten Mama und ich durch die Stadt. Unsere erste Anlaufstelle war die Eisdiele. Kaffee, Kuchen und Eis sind unser Lebenselixier, unser Nektar. Unser göttliches Muss ist für uns so wichtig, wie das tägliche mehrmalige auf das Klorennen, jedes auf seine Weise mit Genuss verbunden. Schon im Voraus planten wir nur an solche Orte zu gehen, wo es mit absoluter Gewissheit Kaffee, Kuchen, Eis und Klos gab.
In der Stadt hatte ich nichts zu Kaufen gefunden. Es gab einfach zu viele Geschäfte. Außerdem hatte ich sowieso kein Geld gehabt. Montags fuhr ich dann endlich mit Papas Auto, inklusive verkrutzter, zerfranster Autobahnvignette, los.
- Das muss wohl beim Eiskratzen passiert sein, brummte mein Vater. Ich kauf doch im November keine Vignette mehr, wo doch im Januar die neue kommt!?
Beim Eiskratzen? INNEN?!, dachte ich mit verzogenem Gesicht.
Ohne Vignette in die Schweiz? Geht gar nicht! Also bekam mein Onkel plötzlich unerwarteten Besuch von mir. Ich wusste, dass er eine Vignette hatte, die er nicht mehr brauchen würde. Mit Föhn und Geduld zogen wir seine Vignette von der Frontscheibe seines Autos ab und klebten sie auf die Scheibe von Papas Auto. Was für ein Glück, dass mein Onkel mir seine Vignette überlassen hatte!
Entspannt machte ich mich auf die 400 km lange Reise nach Hause in die Schweiz. Zumindest bis Niederbipp 10 Kilometer oder so vor Langenthal. Ich tuckelte hinter einem Traktor hinterher – im 2. Gang – überholte irgendwann mitten im Dorf –nnjreeeeeeeng- und hörte plötzlich einen Ferrari hinter mir. Im Rückspiegel sah ich aber gar keinen Ferrari und der Traktor war auch schon, kurz nachdem ich ihn überholt hatte, abgebogen. Nee, Mann, das bin ja ich!!!??
NNNJREEEEEENGGGGGGGGGG…..
Mann wie - peinlich! Ein VW Polo – lauter als ein Ferrari! Ich fühlte mich von allen Seiten beobachtet – NNNNJJJREEENGGGG... Muss wohl der Auspuff sein, dachte ich…NNNNNJREEENG….
Ich war froh, als ich nach unendlichen Minuten endlich in Langenthal war. Ich stellte mir schon das Dorfgespräch vor – Hey, haste die Sandra wieder gehört?!
Am nächsten Morgen versuchte ich so leise wie möglich und gesehen wie nötig zur Werkstatt –NNNNJRRRREEEEEEEENGGGGG- zu fahren. Ich hörte einen Jet. Ob wirklich einer am Himmel flog, konnte ich nicht erkennen. Ich fühlte mich wieder von allen Seiten angeglotzt und blickte hektisch und verstohlen hin und her. Als ich mit dem fahrenden Jet bei der Werkstatt andröhnte – NnjjreeeNNGGG- , kam ein hübscher Mechaniker schon heraus gelaufen. Ich fragte, Na? – Haben Sie mich kommen hören? – Grinsend meinte er ja. Ich überließ ihm den kaputten Polo und ging leise zu Fuß nach Hause. Wie auch sonst.
Zu Hause erwartete mich mein alter Kater. Er saß auf dem Fensterbrett. Ich gesellte mich zu ihm. Kopf an Kopf glotzten wir aus dem Fenster und zählten die Leute. Das Fensterbrett begann zu beben. Zusammen schnurrten wir wie ein kaputter Polo in der Ferne – nnnjjjrrrrrrrrrrrrrrrr…
Tags: Zugfahren, Polo, Autofahren, Eltern






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