quatzat 07.07.2009, 13:26 Uhr 7 22

Joshua

Heute werden sie kommen. Ich weiß, dass sie heute kommen werden.

Ich wache auf vom Schrei der Krähen. Jede Nacht wache ich auf, weil ich den Schrei der Krähen hören kann. Ich kann sie vor mir sehen. Wie sie sich an den Leichen laben. Sitzen auf den Bergen von Leichen und essen die oberen, die mit etwas Glück noch warm sind. Mir ist kalt. Mit steifen Gliedern drehe ich mich zur Seite. Und da liegst du, Joshua, wie immer, und schläfst. Und das ist gut so, denn ohne dich wäre ich verloren.

Ich lausche in die Nacht. Etwas neidisch höre ich die gleichmäßigen Atmezüge der anderen Kinder. Ab und zu scharrt eines mit einem Arm oder Bein. Andere werfen sich im Traum von einer auf die andere Seite. Ich werde nicht mehr schlafen können. Ich muß an die Krähen denken. Von weit her höre ich dumpfes Grollen.

Heute werden sie kommen. Ich weiß, dass sie heute kommen werden. Wir waren lange nicht mehr dran, sie werden kommen und jemanden von uns holen. Wie oft haben sie schon welche mitgenommen, die nie wieder gekommen sind. Andere konnte man bei ihrer Rückkehr kaum wiedererkennen. Kaum einer kam zurück, ohne dass ihm irgendetwas fehlte. Auch Joshua und ich waren oft da. Grollen. Ich höre sie marschieren. Sie kommen. Joshua? Du hast die Augen offen. Ich kann deine Angst sehen.

Die Tür fliegt aus dem Schloß. Ich höre die Hunde knurren. Die Kinder sind schlagartig wach. Einige weinen.

„Nummer Zweitausendeinhunderdreiundfünzig und Zweitausendeinhundervierundfünzig. Aufstehen, mitkommen. Sofort."

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich spüre die Angst von Joshua, wie sie mein Herz umflattert und mich zittern läßt. Schnell springen wir auf den Boden. Wir wissen alle nur zu gut, was Widerstand nach sich zieht. Und Langsamkeit ist Widerstand! Zwischen den Lagern hindurch gehen wir auf die Tür zu. Joshua ergreift meine Hand. Sie ist kalt und verschwitzt. Er zittert. Genau wie ich.

Ohne ein Wort begleiten uns die Männer durch den nächtlichen Morgen. Auf Schotterwegen, vorbei an Zäunen und Holzbaracken. Ich höre den Schrei der Krähen. Wenn ich jetzt den Kopfe höbe, sähe ich sie, die Berge von Leichen. Ich höre die reißenden Geräusche, die das Festmahl der dunklen Vögel erzeugt. Und als ich kurz verstohlen zur Seite sehe, kann ich einen Schatten erkennen, der schnell hinter einem Leichenberg verschwindet. Die Krähen sind nicht die einzigen, die Hunger haben. Die anderen haben noch viel mehr Hunger. Mir schaudert.

Joshuas Hand zuckt. Mutter, denkt Joshua. Jeden Tag denkt er an sie, seit wir sie nicht mehr gesehen haben. Ich wehre mich dagegen. Ich will nicht an sie denken. Ich will nicht wissen, wo sie ist. Ich will nur, dass sie hier ist. Dass wir wieder daheim sind in den grünen Wiesen und Joshua und ich die Ziegen zusammentreiben. Mutter. Tiefe Sehnsucht durchströmt meinen Körper.

Wir kennen den Weg schon in das Untersuchungszimmer. Trotzdem begleiten uns die Männer zur Tür. Sie erfüllen ihre Pflicht sehr sorgfältig. Der Raum besteht aus vier Wänden und einer Glühbirne. Auf einer Ablage sind diverse Geräte exakt ausgerichtet. Ein Schrank beinhaltet unendlich viele Döschen und Ampullen, gefüllt mit Flüssigkeiten. Wie viele von diesen Dingen hat Er uns schon in den Körper gespritzt.

„Ausziehen!"

Mechanisch streifen Joshua und ich unsere Anzüge ab. Ich sehe Joshuas Körper an. Obwohl wir nicht schlecht versorgt werden, hat er abgenommen. Und auch der Rest seiner Erscheinung läßt nicht auf einen dreizehnjährigen schließen. Narben überziehen seinen Körper. Durch die geschorenen Haare gleicht er ein wenig einem kleinen Äffchen. Konterkariert durch sein fehlendes Auge und die künstliche Hasenscharte, die Er ihm verpasst hat. Ich erinnere mich noch an den Tag, der Joshua das Auge kostete. Wie sie ihn zu dritt festhalten mussten und Er ihm dann die Flüssigkeit direkt in das Auge spritzte. Tagelang faulte der Augapfel aus der Höhle. Aber Joshua hat es überlebt. Es ist gut, dass du da bist, Joshua, ohne dich wäre ich längst tot.

Schritte nähern sich durch den Gang. Die Männer stellen sich in Reihe auf. Er betritt den Raum. Stiefelknallen.

„Heil Hitler!"

Er winkt ab, lässt die Männer gehen und wendet sich seinen zwei Assistenten zu, die ebenfalls im Arztkittel durch die Tür gefolgt sind. Einer von ihnen trägt einen großen Notizblock.

„Was haben wir denn heute?"

„Nummer Zweitausendeinhunderdreiundfünzig und Zweitausendeinhundervierundfünzig, Herr Doktor. Slawische Zwillinge mit arischem Aussehen. Bisherige Verluste: Ein Arm, zweimal Niere und ein Auge. Verfassung: Befriedigend. Nummer Zweitausendeinhunderdreiundfünzig ist degeneriert."

Nummer Zweitausendeinhunderdreiundfünzig, das bin ich. In diesem Moment beginnt ein Wutgeheul am Horizont. Die Ärzte sehen sich besorgt an. Er zündet sich eine Zigarette an und bietet den Assistenten jeweils eine an. Beide greifen zu. Sie scheinen uns kurzzeitig vergessen zu haben.

„Die Russen. Sie kommen immer näher", sagt Er und macht ein ernstes Gesicht. „Krakau ist schon so gut wie gefallen. Die Vorbereitungen für die Evakuation laufen im vollen Gange. Sie beide werden sich auch für die Erschießungskommandos melden müssen." Der Sturm in der Ferne beruhigt sich langsam wieder. Durch Seinen Körper geht ein Ruck. Er reibt sich die Hände und meint: „Wohlan, dann frisch ans Werk!"

Während Er sich umdreht und uns beide erblickt, nehmen Seine Gesichtszüge wieder enttäuschte Formen an. „Ach, die." Er zieht ein Taschentuch aus dem Kittel und trocknet Sich die Stirn. Dann winkt Er verärgert ab. „Nein, das war ein Experiment. Diese Degeneration macht alles zunichte. Entsorgt den Krüppel und gebt den anderen zu den Arbeitern!" Einer der Assistenten knallt mit den Stiefeln und schnarrt: „Jawoll, Herr Doktor". Er krallt uns beide an den Armen und schleift uns zu der Tür hinaus.

„Warte! Bring die zurück!"

Der Assistent schleift uns zurück und wirft uns wieder in den Untersuchungsraum. „Hinstellen!“, brüllt Er. Langsam und ein wenig gebückt nähert Er sich uns. Er stellt sich vor Joshua und lächelt ihn an, kneift ihn ein bißchen in die Wange. „Wo kommt ihr nochmal her?“, säuselt Er und zieht dabei eine bittersüße Grimasse. Er weiß, dass keiner von uns antworten wird. Es ist uns beim Tode verboten, in diesem Raum auch nur einen Laut über die Lippen zu bringen. „Russland, nicht wahr, Krüppel!“, Er sieht zu mir herüber. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Vielleicht ergibt sich hier noch eine Chance, um doch nicht draußen direkt erschossen zu werden. Er geht zwischen uns hin und her. Sein Gesicht hat diesen besessenen Ausdruck, der Ihn immer befiel, wenn Er Seine Untersuchungen an uns durchführte.

„Der Russe ist doch so gut im Töten.“, zischt Er lauernd und sieht Joshua herausfordernd an. Ich denke. „Da wird es für unseren kleinen Russenbalg wohl kein großes Unterfangen sein, diese Aufgabe für uns zu erledigen!“ Ich denke, nicht. Die Assistenten lachen polternd und nach der Anerkennung Seinerseits lechzend.

„Siehst du diese Spritze, kleiner Russe? Du mußt sie ihm nur setzen, dann lassen wir dich gehen!“ Er grinst mich an und wispert: „Er ist es doch nicht wert!“ Und ich denke, ja, Joshua, ich bin es nicht wert. Töte mich und lebe! Und ich schaue Joshua an und ich sehe ihn dort stehen. Mein Magen zieht sich zusammen. Sein Gesicht ist wieder heil und Joshua lacht, nein er strahlt. Meine Augen brechen. Nein, denke ich, Joshua, ich bin es nicht wert! Aber Joshua steht einfach da und strahlt und von weitem höre ich das Wüten von Ihm, aber es dringt nicht zu uns durch. Wie könnte ich dich töten, denkt Joshua. Er lächelt mich an. Wie könnte ich jemals töten? Ich schreie stumm: Joshua! Er schaut an sich herunter. Einer der Assistenten hat ihm die Bauchdecke aufgeschlitzt, seine Gedärme quellen heraus. Joshua versucht, sie aufzufangen und wieder zurückzuschieben. Entschuldigend lächelt er mich an. Meine Tränen rinnen mir den Körper hinab. „Joshua!“, flüstere ich, „Joshua!“ Seine Augen verdrehen sich ins Weiße, als einer der Assistenten ihm die Spritze in das Herz rammt.

Sie nehmen seine Leiche und werfen sie auf einen der Berge. Später brechen sie mir das Becken und legen mich daneben. Dort liege ich und sehe Joshuas Gesicht. Ich sehe Berge von Leichen und ich rieche das Verderben, in dem die Welt versinkt. Das Lager ist in Aufruhr. Von überall her hört man Schüsse, die Detonationen in der Ferne haben wieder zugenommen. Das Schreien der Sterbenden gellt mir in den Ohren, ich empfinde an jeder Stelle das Böse. Nur wenn ich in Joshuas Gesicht schaue, erkenne ich das, was diese Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Ich blicke in den Himmel. Russische Flugzeuge dröhnen am Himmel. Und die Krähen kreisen über uns. Ich beeile mich zu sterben

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Kommentare

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    hatten wa grad in der schule. voll krass!!

    09.07.2009, 15:12 von burning_soul
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    Im Gegensatz zum Text "Frag nicht warum" kann ich mit diesem Text etwas anfangen, denn hier ist der Kontext benannt., nämlich "wo" und "wann".


    08.07.2009, 13:10 von Cyro
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      @Cyro Die Texte haben nicht einen Splitte gemein.

      08.07.2009, 13:12 von quatzat
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      @quatzat Folter, Menschenrechtsverletzung, Sadismus, Tod ... wären die ersten Gemeinsamkeiten die mir auffallen.
      Oder vielleicht kein Sadismus ... vielleicht Folterknechte, die ja durch ihre Regierung legitimiert 'nur' ihre Arbeit tun.

      Ein, so finde ich, schwer verdauliches Thema.
      Vielleicht bin ich auch gerade etwas begriffsstutzig, mag schon sein. Vielleicht ergibt sich ja aus den Kommentaren noch der eine oder andere Hinweis ...

      09.07.2009, 17:29 von Cyro
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      @Cyro Nun, Parallelen kann, darf und sollte jeder ziehen. War aber nicht meine Intention. Das ist der Inhalt einer PN, der sie ein wenig anreißt:

      [...]
      Joshua ist Jesus. Der Text ist ein Plädoyer für die Liebe. Die Zwillinge stehen für den Menschen (Bruder) und Auschwitz ist nicht nur die Hölle, es ist der Tag des jüngsten Gerichts. Denn auch das Lager selbst wird gerichtet (die Russen kommen).

      Das Kursive ist der Haß/Antiliebe in Form von Mengele, der versucht, zum Brudermord anzustacheln. Letztendlich stirbt Joshua aber für die Liebe!

      Ich wollte mit dem Text meinen Begriff von der Liebe erklären. Die so stark und so erhaben und so unerklärlich sein kann.
      [...]

      In dem anderen Text erkenne ich keinen Funken Liebe. Nur Angst und Verzweiflung.

      10.07.2009, 03:20 von quatzat
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    So. Das Betonungsargument hat mich überzeugt. Ich habe die kursive Formatierung gelöscht. Die Metapher des Mengele sollte trotzdem erhalten bleiben.

    08.07.2009, 11:30 von quatzat
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      @oceaneyes Hmmm ich weiß nicht. Die "große" Metapher scheint nicht rüberzukommen. Oder keiner sagt was dazu...

      08.07.2009, 00:03 von quatzat
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      @[Benutzer gelöscht] Ich mag das nicht, dass Er in kursiv hervorgehoben wird.

      Der Rest läuft. Gut! Läuft gut!

      08.07.2009, 09:29 von frl_smilla
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      @frl_smilla @kursiv: stimme zu. da haut meine innere lese-stimme automatisch eine betonung rein, die durchweg unpassend kommt.

      davon ab: sehr, sehr gut geschrieben. und in der tat: auch fernab etwaiger interpretationen höchst lesenswert.

      08.07.2009, 10:10 von AnnaEcke
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      @[Benutzer gelöscht] An den hatte ich in meiner "Kopfrecherche" auch gedacht. Noch nicht gesehen. Wahrscheinlich war das besser für den Text. Auch wenn ich davon ausgehe, dass der Film gut ist.

      08.07.2009, 10:53 von quatzat
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      @[Benutzer gelöscht] Jup. Danke.

      07.07.2009, 13:46 von quatzat

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