sabbelwasser 03.12.2007, 20:20 Uhr 2 1

Im nächsten Leben

Grundsätzlich erschöpft sich meine spirituell-religiöse Ader darin, Kirchensteuer zu zahlen.

Seit Kurzem habe ich mich aber entschlossen, an Wiedergeburt zu glauben und sehe froh dem Tag entgegen, an dem ich als Regenwurm eine zweite Chance erhalte. Dabei geht es mir weniger darum, dass ich wie so mancher festgestellt habe, dass mein Leben nicht genügen wird, um all die Bücher zu lesen, die lesenswert sind.

Schon im Alter von 20 Jahren begleitete mich ständig das Gefühl, dass mein Leben mir davon läuft, meine Zeit davon rennt. Also schwanke ich zwischen Hektik und Resignation. Drei Dinge zur gleichen Zeit oder völlige Verweigerung. Immer im Kopf all das, wofür es zu spät ist. Ein Buch, das ich gestern nicht las, kann ich morgen noch lesen. Aber es gibt Erfahrungen, Pläne, Vorhaben, die sich irgendwann erledigt haben.

Kunstturnerin werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das war schon mit 12 außerhalb jeder Realität. Ärztin werde ich auch nicht mehr. Zumindest nicht unter realistischen Voraussetzungen. Natürlich kann es noch passieren, dass ich über Nacht schweinereich werde und mich wieder an die Uni begeben kann. Ich kann die Einwände hören; klar könnte ich auch in eine WG einziehen, jobben und studieren, aber das schließe ich für mich aus. Ich jammere auch nicht und bereue keine früheren Entscheidungen. Ich stelle einfach fest: das hat sich erledigt.

Viel schwerer fällt mir die Feststellung, dass ich keine Kinder haben werde. Kinder habe ich immer gewollt. Nicht um jeden Preis, nicht unter allen Umständen, aber ich wollte Kinder. Im Laufe der Jahre hat sich die Wunschkinderzahl zwar von sieben auf drei dezimiert, aber das war ein reines Rechenproblem zwischen Alter und Schwangerschaftsdauer. Schließlich wollte ich nicht dauerträchtig sein.

Kinder waren immer etwas, das in der Zukunft lag. Schließlich sollten die Umstände zu anderen Umständen passen. Grundvoraussetzung für mich: ein Partner, der Lust hat, mit mir Kinder zu bekommen. Ich wollte keine Glücksseligkeitsgarantie in alle Ewigkeit, aber ich wollte auch niemanden mit einem Ups-ich-bin-schwanger in eine Beziehung zwingen.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem mir meine mathematischen Fähigkeiten sagen: es ist vorbei. Keine kleinen Rentenzahler aus eigener Produktion. Keine Zeit mehr. Diese Feststellung belastet mich weitaus mehr, als nicht Pathologin geworden zu sein. Werfe ich einen Blick auf die Paare, in denen die Frau ohne Rücksicht ihre eigene Entscheidung für ein Kind getroffen hat, sehe ich viele seit langem funktionierende Beziehungen.

Schwer fällt es mir, von vielem Abschied zu nehmen, was jahrelang in mir war. Die Neugier darauf, wie mein Kind aussehen würde. Die Pläne, zu was für einem Menschen ich mein Kind erziehen wollte. Das Bewusstsein, dass all diese Pläne ihre Gedanken nicht wert sind, weil es doch anders kommt. Eigentlich ein Abschied von dem, wofür die nächsten zwanzig Jahre vorgesehen waren.

Statt mich nun als darüber zu beschweren, dass ich nicht weiß, wie ich es schaffen soll, an 27 Veranstaltungen von Adventssingen bis –basteln teilzunehmen, mir zu überlegen, wie ich Fußballtraining und musikalische Früherziehung kombiniere, statt einem Kind das Schwimmen beizubringen und zuzusehen, wie es feststellt, dass Meerwasser salzig schmeckt, statt des Versuches, Job und Kind unter einen Hut zu bringen, statt dessen also: nichts. Nichts und eine tiefe Traurigkeit beim Anblick einer Schwangeren.

Die wenigsten kinderlosen Frauen, die ich kenne, wirken entspannt und zufrieden. Sie haben jede Menge Zeit für Bekanntschaften und Freizeitaktivitäten, aber die meisten wirken rastlos dabei. Die Zeit, die sich wohl manche Mutter herbeisehnt, keine Verpflichtungen, Zeit für Gar-Nichts, füllen sie unermüdlich. Nicht ohne dass die eine oder andere sich abfällig darüber äußert, dass xy und yz ja keine Zeit mehr haben und ständig die Kinder dabei sind.

Mit Sicherheit füllt man mit Kindern keine persönliche Leere, aber ohne Kinder kann Leere Raum finden.

Nun werde ich mich wohl auf die Suche machen. Auf die Suche nach einer erfüllenden Beschäftigung für die nächsten zwanzig Jahre. In der Hoffnung auf eine zweite Chance als kinderreiche Regenwurm-Mutter. Welcher Religion muss ich dafür meinen Glauben schenken?

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2 Antworten

Kommentare

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    Weia. Das macht mir Angst.

    04.12.2007, 09:31 von Maibowle
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    "Mit Sicherheit füllt man mit Kindern keine persönliche Leere, aber ohne Kinder kann Leere Raum finden."

    ...!

    03.12.2007, 21:57 von Kiyan
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