Miss_Satansbraten 11.01.2007, 16:42 Uhr 35 29

If tomorrow never comes

Immer wenn wir dich besuchen bin ich diejenige, die mit den Tränen kämpft. Er hat sich schon leer geweint.

Ich ordne die frisch geschnittenen Sommerblumen, während er in die Knie geht und die graugrüne Grabvase ohne große Anstrengungen in den Boden steckt. Als ich den Strauß mustere und die Tatsache deines in den Stein gravierten Namens wieder aufs Neue versuche zu realisieren, entfährt mir: „So hätte sie es gemocht. Sommerblumen hat sie geliebt...“. Er blickt auf und ich sehe in seinen Augen wieder das Einstürzen des Fundaments.

Und dann spüre ich seinen tiefen Schmerz und könnte mich selbst mal wieder dafür ohrfeigen, dass ich ihn mit meinem unnötigen kindischen Gequatsche abermals in seinen dunklen, tiefen Seelenbrunnen gestürzt habe. In den letzten Jahren ist einiges passiert und seit du weg bist, ist nichts wie früher. Vielleicht lächelst du, wenn ich dir schreibe, dass wir noch immer zusammen sind. Irgendwie zwar nicht miteinander, aber erst recht nicht ohneeinander klar kommen.

Die Beziehung auf partnerschaftlicher Ebene haben wir zwar aufgegeben, aber trotz allem sind wir beide uns gegenseitg der stärkste Halt. Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen, dafür sind wir uns in den letzten Jahren einfach viel zu nah gewesen, haben gemeinsam die Beziehungen des anderen miterlebt, kritische Lebensphasen gemeinsam gemeistert und haben uns beruflich beide neu entwickelt. Mit Hilfe des anderen. Immer zusammen.

Aber seine Mutter werde ich ihm nicht ersetzen können. Als du vor vier Jahren diesen unendlich langen, bitteren Kampf verloren hast, ging seine Seele mit dir.
Seit diesem Tag ist er nicht mehr der, der er einmal war. Manchmal, wenn er abends die Wohnungstür öffnet, leise den Schlüssel in die kleine Schale neben der Kommode legt und ohne ein Wort in seinem Zimmer verschwindet, dann kann ich es fühlen.

Dann weiß ich, dass er auf der Straße wieder einer blonden Frau begegnet ist.
Anfang 60, schlank, blonde schulterlange Haare. Das genügt, damit er die Straßenseite wechselt und dieser Fremden hoffnungsvoll nachläuft. Sie unauffällig mit einigem Abstand begleitet, in der Hoffnung, aus dieser Entfernung ihr Parfüm zu riechen oder in freudiger Erwartung mit zusammengekniffenen Augen etwas Vertrautes zu entdecken: Ihre Art zu gehen, die Handtasche oder ihre Schuhe.

Bis sie sich zufällig zur Seite dreht und ihm erneut ein Messer in die Rippen fährt und die schmerzhafte Erkenntnis bringt: Du bist es nicht. Und das alles hier ist kein böser Traum. Ich weiß, er wacht jeden Morgen in der Hoffnung auf, es wäre viertel vor acht, du wirst in den nächsten Minuten in sein Zimmer kommen, die Vorhänge aufziehen und ihn zum Frühstück bitten.

Doch nach wenigen wachen Minuten realisiert er, du wirst ihm nie wieder nachsichtig liebevoll lächelnd den Topf mit dem restlichen Kuchenteig zum Auslecken reichen, ihn nicht vorwurfsvoll bitten, die Schuhe vor der Wohnungstür auszuziehen und stehst nicht mehr in freudiger Erwartung auf die stürmische Begrüßung unserer Hunde am Eingangstor. Wirst du nicht.

In der Nacht als du starbst, haben sie minutenlang gebellt. Ich bin kurz aufgeschreckt und habe es im Halbschlaf registriert, mir aber nichts dabei gedacht. Als am Morgen der Anruf kam, er sich wortlos und gefasst anzog und die Wohnung verließ, sank ich weinend in die Knie und wusste: Du warst noch einmal bei uns. Hast dich, während wir schliefen, leise von uns verabschiedet, ihm vielleicht ein letztes Mal über den Kopf gestreichelt und auf die Stirn geküsst. Warum hast du dich nicht bemerkbar gemacht?

So vieles ist ungesagt geblieben…ich bemühe mich so sehr, ihm ein Halt zu sein, ihn zu unterstützen und zu lieben. Aber niemand wird auch nur annähernd erfahren, wie tief er leidet. Ich hasse es, wenn er ständig versucht, seinen Schmerz zu überspielen und so tut, als hätte er diese schreckliche Zeit und deinen Tod verkraftet. Denn die Wahrheit ist, er sieht dich noch immer hinter den zugezogenen Gardinen deiner Fenster stehen.

Und selbst wenn er als gealterter Mann mit seinem Enkel auf einem Spielplatz sitzt und plötzlich aus den Augenwinkeln den Rücken einer blonden, kleinen Frau sieht, wird er von der Bank aufstehen und ihr vorsichtig folgen. Vielleicht noch immer Hand in Hand mit der Hoffnung, dass du dich an der nächsten Biegung zufällig zu ihm umdrehst, innehältst, mit schnellen Schritten auf ihn zukommst,
ihn stürmisch in die Arme nimmst und erleichtert fragst: „Um Gottes Willen mein Junge, wo warst du denn?“...

Sein scheinbar gleichgültiges „Lass uns gehen“, reißt mich aus meinen Gedanken und wir verlassen den Friedhof. Ich versuche mit ihm Schritt zu halten, zwinge ihn nicht zum langsamer gehen, denn ich weiß, er glaubt, er läuft dir entgegen und du tauchst da drüben an der alten Eisdiele plötzlich auf. Ich werde einen Teufel tun, ihn seiner Illusion zu berauben. Denn vielleicht bin ja ich diejenige, die sich irrt.

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35 Antworten

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    Kann ich nur zustimmen.

    24.03.2010, 21:38 von Fabelhafte
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    ach...jetzt hab ich mich extra eingeloggt um dich zu empfehlen...

    06.02.2010, 10:38 von wimpernwunsch
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    Gänsehaut...richtig schöner Text.

    28.09.2009, 16:53 von Hazeline
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    Kann ich gut verstehen. Wirklich gut geschrieben!

    23.11.2007, 16:32 von lahualina
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      @lahualina sehr schöner text.

      17.06.2008, 19:20 von black-dandelion
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    Wirklich wunderschön. So viel Liebe...kann man richtig spüren.

    30.08.2007, 21:30 von BlondBlauBloed
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    Weinen.. wäre nun angebraucht. Wahnsinnig emotional und wunderbar geschrieben =)

    29.01.2007, 20:50 von 3cstAtic
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    traurig....

    29.01.2007, 11:26 von MissErfolg
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    DANKE SCHÖN

    15.01.2007, 11:20 von -pieps-
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    ..ich habe SEINEN Papa nie "in echt" kennenlernen dürfen, ihm nie in die Augen gesehen, nie ein Lächeln bekommen.
    Er starb im selben Jahr, in dem mein Kind auf die Welt kam - 2 Monate vorher.

    Drei Jahre später habe ich meinen "Keks" zum ersten Mal getroffen.
    An einem Mittwoch fuhren wir das erste Mal zu SEINEM Papa. Der Weg vom Parkplatz war lang. Er sagte kein Wort. Ich wollte seine Hand nehmen - wollte nicht, dass jeder für sich allein diesen Weg ging. Doch ich ließ ihn. Trug nun mit beiden Händen den kleinen Strauß weißer Nelken - Papas Lieblingsblumen.
    ...bis wir stumm vor seinem Grab standen.

    Minuten. Stille.
    Unendliche Traurigkeit in seinen Augen.
    Zusammensinken.
    Er - der sonst so verdammt kühl war.

    Er vermisst seinen Papa. Er vermisst ihn so sehr.
    Er fehlt ihm...................................

    ................................................................................... und ich kann ihm nicht helfen
    ...seh seinen Schmerz
    ...habe keine Worte
    ...habe nur Tränen

    ...........und seit diesem Tag alle paar Wochen einen kleinen Strauß weißer Nelken in meinen Händen

    Ich gehe diesen Weg mittlerweile oft auch allein.
    Mein "Keks" ist die meiste Zeit (über Wochen) beruflich unterwegs.

    ...ich besuche seinen Papa - für ihn... für mich - für uns
    ...mit meinem / unserem kleinen Sonnenschein

    Vielleicht kann ich ihm so helfen.

    15.01.2007, 11:14 von -pieps-
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