jetsam 07.12.2012, 20:08 Uhr 18 13

Ich wünschte mir...

Ich wollte doch nur Linsensuppe mit Speck!

Vollkommen irritiert schaue ich auf meine Uhr. Die Glocken von St. Josef läuten wieder. Irgendwie haben sie mir in den letzten Wochen gefehlt, wo sie mich doch jeden Tag zur  Mittagspause riefen. Die Monteure haben es also doch tatsächlich geschafft und der Klöppel der dicken Anna hat eine neue Aufhängung bekommen. Nicht auszudenken am 24. ten in der Kirche zu sitzen, ohne diesen Lockruf der in die Jahre gekommenen Glocke zu hören. Leise läuten sie, die Anna, die Berta und die kleine Sophie. Ein Probelauf für den großen Tag, dieser Murmeltiertag, dessen Bilder mich nachdenklich stimmen.

Immerzu der gleiche Wahnsinn. Der Baum gestielt, mit Kugeln geschmückt und Lichterketten verziert. Noch einen Schluck auf die Gemütlichkeit summe ich dieses Lied, was sich irgendwie in mir festgefressen hat. Wird unser, dieser Baum auch dieses Jahr allen gefallen? Eine belanglose Frage, die sich wohl jeder stellt. Aus der Ferne der Ruf „Ich brauche Hilfe“, so eile ich ins Zimmer. Die Bluse spannt, die Hose faltig. So eile ich das Bügelbrett holen, zu glätten was da zu glätten ist. Die Liste noch einmal durchgegangen, auf dass auch kein Geschenk fehlen mag. Ich eile zum Nächsten, die Krawatte zu binden, vorbei am Baum der in dieser Stube erst am morgendlichen Tag im Glanze erstrahlen wird.  

Und ich? Ich sollte mich auch fertig machen. Montag! Genau, ich werde heute Montag tragen und greife in den Schrank. Es hätte auch der Donnerstag sein können, oder Freitag, denn sie sind alles schwarz.

Die Anna ruft, das Auto gepackt, noch schnell tief Luft geholt und ab in die Kirche. Es ist eine prächtige Kirche, die sich lediglich an diesen besonderen Tagen füllt. Tage, die für mich mit vielen Erinnerungen erfüllt sind. Mit Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen begleitet mich dieser Raum seit so vielen Jahren. Auch der alte Küster Kalle ist noch da, begrüßt mich mit einem herzlichen Handschlag. „Hättest auch mal was Gescheites anziehen können. Immer diese Arbeitskluft“ Ich lache nur kurz und setzte mich auf meine Bank. Den Gottesdienst, den bekomme ich nicht mit. Bilder tanzen vor meinen Augen. Bilder der vergangenen Jahre, als Flo noch vorne am Altar stand, den Erzengel spielte, Nina den Saal mit ihrer Querflöte verzauberte, dass man eine Stecknadel hat fallen hören. Da oben am Baum, der Stern, den hat sie doch damals im Kindergarten gebastelt. All die Jahre hat er durchgehalten. „Hey Paps, bist du auch hier“ dringt an mein Ohr, während ich ihre warme Hand auf meiner spüre. Sie hat mich erwischt und zurückgeholt, aus der schönen Zeit der leuchtenden Kinderaugen, als Weihnachten noch Weihnachten war, ich Stunden damit verbrachte Babyschlösser zusammen zu bauen, Legoautos zu stecken, Spielanleitungen zu lesen. Ich zerreiße die Bilder, unterdrücke den im Hals größer werdenden Kloß, versuche mich ins Jetzt zurückzubringen, dem Vater Unser zu folgen. Natürlich Bete ich. Jedoch lasse ich dabei bewusst einige Zeilen aus, die mir nicht gefallen wollen, blicke dabei nach oben. „Wirst es schon verstehen, kennst mich ja“  Wahrscheinlich kennt er mich nur zu gut und lässt mich daher mit so vielen Fragen zurück, die sich nicht beantworten wollen. Aber genau an diesem Tag, zu dieser Stunde, da stellen sich wohl viele die Frage nach dem Sinn dieser mehr oder weniger Pflichtveranstaltung, einem Kirchgang ohne Glauben an dass, was es vermitteln sollte.

Mit dem Schlussgesang von Ave Maria endet der Gottesdienst, begleitet von ehrfürchtig guckenden alten Menschen mit feuchten Augen, die in dieser Stunde ihrem Heiland glauben näher gekommen zu sein. Es ist nicht mehr meine Welt. So ziehe ich meinen Mantel über und ziehe mit der anonymen Masse aus der Kirche, vorbei an Kalle, dem ich nur noch ein Frohes Fest zurufen kann.

Es ist kalt geworden. So stelle ich den Mantelkragen hoch und vergrabe meine Hände in den Taschen, bemerke dabei dem MP3-Player, den ich mir vorsichtshalber einsteckte. Nein, es war nicht vorsichtshalber. Vielmehr ein Ritual, eine kleine Flucht, mich in die angemessene Stimmung zu versetzen, dem Summen in meinem Kopf eine Stimme zu verleihen. „Fahrt schon mal vor, ich laufe das Stück“ Natürlich verdreht Nina ihre Augen. Aber Paps ist nun mal ein komischer Mensch, der manchmal seine Wege alleine geht, um dann zurückzukommen. So laufe ich mit Stöpseln in den Ohren durch menschelleere Straße, singe so laut ich kann, (warum habe ich immer so komische Dinger auf diesem Ding und in meinem Kopf?!),schaue dabei in die erleuchteten Fenster, die jedoch nicht in sich blicken lassen. Da möchte ich auch jetzt nicht sein, in den Zimmern der Anderen, wo leuchtende Kinderaugen quirlig und aufgedreht sehnsüchtig auf ihre Geschenke warten.  

Vor dem Haus riecht es nach gebratenem Fleisch, leckerer Rotweinsauce, gemischt mit dem Duft von Rotkohl. Sie hat es nicht lassen können und abermals Stunden in der Küche verbracht! Warum macht sie das nur, wünschte ich mir doch Linsensuppe mit Speck. So sitzen wir in einer großen Runde an der festlich gedeckten Tafel, bewundern den Baum und stoßen an, auf diesen glücklichen Abend der Gemütlichkeit. Früher gab es noch die Geschichte vom Lametta und Anderes, was vor der Bescherung die Spannung erhöhte, ich meinem Anzug gegen eine Jeans und Pulli tauschte,  mich auf den Boden setzte, zu basteln und ... Alte vergangene Zeit mit Bildern, die ich doch vor einer Stunde zerrissen habe. So begehen wir die Bescherung mit dem Austausch von Brauchbarem, um sich dann bei einem Bier und Wein belangloser, abendfüllender Unterhaltung hinzugeben. Noch einen Schluck auf die Gemütlichkeit, einen Absacker, um uns zu verabschieden, nach Hause zu begeben.

Das Lied in meinen Ohren ist verklungen und morgen gibt es meine Linsensuppe mit Speck, viele Spiele und Gemütlichkeit.  

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18 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Die Lametta-Geschichte gabs bei uns auch jahrelang.

    12.12.2012, 09:41 von halbkindmf
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  • 1

    Ganz schön nüchtern für meinen Geschmack, auch wenn ich inhaltlich einiges nachvollziehen kann und Parallelen sehe. Nun ja, die Dinge haben sich verändert, man selbst verändert sich, was früher einmal nahe war, ist heute fern. Ich glaube, Traditionen verwischen oder verändern sich mit der Zeit.

    09.12.2012, 13:03 von marco_frohberger
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    • 0

      Hab am Wochenende den Film nochmal angeschaut... wunderschön schlimm.

      12.12.2012, 10:04 von Tanea
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    • 0

      hmm...ich habe das Buch nicht gelesen und auch den Film nicht gesehen. Aber wofür habe ich eine hochmoderne Kiste, die nach allem sucht und programmiert. Mal sehen, ob es eine Wiederholung gibt.

      12.12.2012, 11:56 von jetsam
    • 0

      SCHAU DEN FILM... der ist klasse. Der hatte leider das Pech in dem Jahr in die Kinos zu kommen, wo Schidlers Liste raus kam. Deshalb wurde dieser klasse Film von den Kritikern total übersehen.

      DAs Buch liegt noch ungelesen zu HAuse. Aber da mach ich mich auch bald mal dran.

      12.12.2012, 12:00 von Tanea
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    • 0

      Hopkins und Thomson spielen echt verdammt klasse.

      12.12.2012, 12:22 von Tanea
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  • 1

    Dein Text lässt mich nicht los und hadere mit ihm, er ist eindrücklich geschrieben und ich werde die Gedanken, deine Bilder nun verdauen müssen. Danke dir!

    08.12.2012, 13:41 von Sultanine
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  • 0

    schöner Weihnachtstext

    07.12.2012, 22:46 von SteveStitches
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  • 0

    Vor- oder Rückblick?

    07.12.2012, 22:46 von Tanea
    • 0

      ich glaube beides ist enthalten

      08.12.2012, 10:25 von jetsam
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  • 2

    Oh, ich würde gerne jemanden vor meinem Haus singen hören, während ich mit großen Augen hinaus in den kalten Weihnachtsabend blicke!

    07.12.2012, 20:50 von Buttercup12
    • 1

      Ich bin sowas von unmusikalisch und treffe keinen Ton. Da machst du alle Türen und Fenster zu :D 

      07.12.2012, 20:52 von jetsam
    • 1

      Och nö, ich würde ein paar schiefe Töne mit schmettern :)

      07.12.2012, 20:57 von Buttercup12
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