T-A 30.11.-0001, 00:00 Uhr 44 94

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Es gab eigentlich nie Anzeichen von Wahnsinn. Wir entsprachen dem normalen Dreiklang des Lebens: Verliebt, verlobt, verheiratet. Mama, Papa, Kind.

Es gab eigentlich nie Anzeichen von Wahnsinn. Wir entsprachen in allem dem normalen Dreiklang des Lebens: Verliebt, verlobt, verheiratet. Mama, Papa, Kind. Und ich: Kind, Küche und Karriere. Wenn mein Mann und ich uns heute, wo nichts mehr im Dreiklang geschweige denn im Einklang ist  sehen, frage ich mich immer, ob es Anzeichen gab. Irgendeinen Hinweis darauf, dass wir doch nicht so normal waren, wie wir immer glaubten. Für andere sehen wir heute sicherlich immer noch völlig normal aus. Wer nicht genau hinsieht, würde auch nicht bemerken, wie er manchmal aus dem Nichts heraus anfängt zu flüstern.
 "Was hast Du gesagt?", frage ich jedes Mal, obwohl ich die Antwort darauf schon kenne: "Nichts, Liebling." Und dann küsst er mich auf die Stirn und schweigt.

Ich weiß noch genau, wann es angefangen hat. Mitten im Urlaub, mitten im Frühstückssaal des Hotels. Als er zum ersten Mal die Frage stellte, klang sie noch völlig harmlos: "Wo ist Lea?". Stefan war gerade mit vollbeladenen Tellern an unseren Tisch zurückgekehrt. Ich drehte mich zu allen Seiten, scannte den Raum nach meiner kleinen Tochter ab, während ich in meinem Kaffee rührte. Da hatte Stefan die Teller bereits abgestellt, unfähig sich zu setzen.  "Hast Du sie gesehen?" Seine Stimme klang angespannt. Meine Augen suchten schweigend weiter. "Ob Du Sie gesehen hast?" Ich fand es überflüssig, mich dreimal das gleiche zu fragen. "Sie wird schon irgendwo sein." Heute schäme ich mich ein wenig dafür. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich einfühlsamer gewesen wäre. Die Panik in seiner Stimme hallt heute noch in meinem Kopf nach. Damals habe ich sie nicht gehört. Damals hörte ich nur den entsetzten Aufschrei einer älteren Dame, als Stefan ihr Tischtuch anhob, um zu schauen, ob Lea sich hier versteckt hatte, was die Dame selbst jedoch ganz anders interpretierte. Von einer Minute zur nächsten führte sich Stefan wie ein Wahnsinniger auf. Er brüllte den Namen seiner Tochter durch den Saal, irrte ziellos umher und ließ sich auch nicht durch alarmierte Kellner von seiner Mission abbringen. Ich weiß noch, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt keine wirklichen Sorgen um meine Tochter machte. Die Scham und das Entsetzen über das Verhalten von Stefan blockierten jeden Gedanken darüber, worum es hier eigentlich zu gehen schien. "Vielleicht hebst Du Deinen Arsch auch mal an und hilfst mir", brüllte Stefan mir quer durch den Saal mitten ins Gesicht. "Verdammt noch mal. Kannst Du nicht einmal auf sie aufpassen, ohne dass was passiert?" Da war sie wieder. Die Ohrfeige, die ich schon so häufig von ihm verpasst bekommen hatte, dass meine Wangen zu jeder Zeit rot schimmerten. Doch dieses Mal gesellten sich zu dem Schmerz die zahllosen Augenpaare entsetzter Hotelgäste. Vielleicht war es egoistisch, aber damals konnte ich nicht anders. Als ich Lea plötzlich in der hintersten Ecke des Saals entdeckte, sagte ich keinen Ton. Sie schien nichts von dem Aufruhr mitbekommen zu haben, saß einfach auf dem Fußboden und ließ zwei Löffel schaukelnd gegeneinander schlagen. "Ich geh jetzt zur Rezeption und rufe die Polizei", riss mich Stefan aus dem Betrachten dieses beruhigenden Schauspiels. "Du bleibst hier, falls...", aber er war schon zu weit um den Rest des Satzes noch zu verstehen. Ich erhob mich und ging langsam zu Leas kleinem Versteck. "Na? Möchtest Du noch was essen?" Lea schüttelte den Kopf. "Möchtest Du auf den Spielplatz gehen?" Sie reckte mir ihre kleinen Ärmchen entgegen.
Also gingen wir auf den hoteleigenen Spielplatz. Lea um zu schaukeln und ich um darauf zu warten, dass Stefan sich beruhigen würde. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis er uns endlich fand. "Es tut mir leid", sagte er bevor er mich fest an sich drückte und meine Stirn küsste. "Ich war einfach so in Panik. Sie suchen alle nach ihr. Wir sollen hier warten und...". Ich schaute ihn schmunzelnd an. "Stefan! Es ist alles gut. Sie ist hier." Und als hätte ein Regisseur einfach die richtige Anweisung gegeben, tauchte Lea genau in diesem Moment hinter einem kleinen Holzhäuschen auf und rannte auf uns zu.

Aber für Stefan war nichts gut. Er brach den Urlaub ab und brachte uns hierher. Wahrscheinlich weil wir es uns nicht länger leisten konnten, im Hotel zu warten. Aber nach Hause wollte Stefan in keinem Fall. In seinem Kopf war Lea noch immer verschwunden. Und er noch immer auf der Suche. Tag und Nacht. Anfangs dachte ich, er hätte einen Schock erlitten, dessen Symptome nur langsam abklingen würden. Aber Stefan beruhigte sich nicht.

 Die Zeitspannen, in denen er unterwegs war, um nach ihr zu suchen, wurden immer länger. Seine Besuche dafür umso seltener. In den wenigen Momenten, in denen wir noch miteinander sprachen, gab es kein Wort, das nicht gebrüllt oder geschrien wurde. "Sieh verdammt nochmal hin! Sie ist hier! Sie liegt direkt vor Deinen Augen und schläft." Es gab oft Momente, in denen ich aufgeben und aufhören wollte. Aufhören ihn davon zu überzeugen, dass seine kleine Tochter direkt vor ihm steht. Aber ich redete dennoch immer wieder auf ihn ein. Versuchte es mit Vernunft. Dass Lea und ich nicht länger in diesem winzigen Zimmer wohnen könnten. Dass der Park vorm Haus zwar schön sei, aber eben keinen Spielplatz für Kinder hätte. Dass wir endlich wieder nach Hause fahren sollten. Aber er ließ sich nicht abbringen.
 Ich redete weiter, hörte nur auf zu schreien. Für Lea. Ich wollte nicht, dass sie Angst bekam. Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ihr Vater nicht mehr in der Lage war sie zu sehen? Am Ende war es Stefan, der aufgab. Zumindest teilweise. Er war wieder einmal wochenlang unterwegs gewesen, um das Kind zu suchen, das direkt vor ihm stehen konnte, ihm seine Arme entgegen recken ohne dass er es bemerkte, als er eines Tages auftauchte und Lea wieder sehen konnte. Er wirkte ruhig und erschöpft, nicht wirklich glücklich, aber die Angst und die Panik, die sonst Begleiter seiner Besuche waren, waren verschwunden. "Schau mal, wie schön Lea malt", sagte ich und zeigte in eine Ecke des Zimmers. "Ja, sie macht das toll", sagte Stefan und folgte mit versonnenem Blick meinem Finger. Dass Lea sich gerade in der anderen Ecke des Zimmers den Kopf gestoßen hatte, sah er nicht. Auch ihr Schluchzen hörte er nicht. Ich nahm Lea auf meinen Schoß und streichelte ihr beruhigend das kleine Köpfchen, das das alles nicht verstehen konnte. Ich selbst konnte es ja auch nicht. Aber durch diese Lüge können Stefan und ich wenigstens wieder miteinander reden, ohne dass der Graben aus stummen Worten, die so viel schwerer wiegen, als die lauten, zwischen uns lag. Ich akzeptiere, was er zu akzeptieren scheint und locke ihn auch nicht mehr auf falsche Fährten. Im Gegenteil.  Ich lotste ihn, wo ich nur kann, führe seine Augen in die richtige Richtung. Vielleicht hat Lea heute sogar den Eindruck, ihr Papa könnte sie tatsächlich wieder sehen. Wie lange wir diese Illusion noch aufrechterhalten können...
Ich weiß es nicht. Stefan wirkt normal. Zumindest für die, die nicht genau hinsehen. Sein Flüstern ist geblieben. Und jedes Mal frage ich. Und er antworte, küsst mich auf die Stirn und drückt mich an sich. Er ist weiterhin nur kurz bei uns zu Besuch. Seine Ruhe hat er nie wieder gefunden. Ich weiß, dass er weiter sucht, weil er nicht sieht. Und deshalb frage ich ihn nicht nach dem Grund für seine Reisen, um aufrecht zu erhalten, was  uns noch hält.
 
Heute ist er wieder einmal zurückgekehrt. Wir sitzen auf der Bank im Park und beobachten Lea, wie sie einen Ball immer wieder in die Höhe wirft und versucht zu fangen. Ich versuche nicht zu lachen, obwohl ich dabei immer wieder an diesen bösen Witz von den Behinderten denken muss, die ein Eis bekommen, wenn sie es nur einmal schaffen, zu klatschen. Alles was ich sehe, spreche ich aus. "Schau mal, jetzt hätte sie es beinahe geschafft ihn zu fangen." Wie der Zwei-Kanalton im Fernsehen. Und Stefan spielt das Spiel mit und klatscht begeistert in die Hände. "Toll, meine Süße!" Lea freut sich und gluckst in das Lachen ihres Vaters hinein. Mit einem Mal wird Stefan wieder still. Bevor das Flüstern kommt, sinkt er in Schweigen ein. Jedes Mal.

Erst dann kommen die leisen Worte, die wie kleine gesäuselte Windböen an meinem Ohr vorbei rauschen. "Was hast Du gesagt?", frage ich, weil das so sein muss. "Nichts, Liebling", antwortet er, weil das so sein muss, drückt mich an sich und küsst meine Stirn. Doch dieses eine Mal habe ich verstanden. Und die Worte krachen wie einstürzende Felsen in meinen Kopf. "Sie wäre heute sechs Jahre alt geworden."

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44 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      danke!

      21.12.2014, 15:06 von T-A
  • 0

    schauriger Inhalt - schön erzählt!

    07.08.2013, 00:28 von Tora
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  • 0

    Und was bleibt, ist ein sonderbar melancholischer Nachruf. Nur finde ich leider auch, dass Schilderung klarer und einfühlsamer, an manchen Stellen vllt auch kürzer, hätte sein können... 

    27.06.2013, 18:58 von glitzerlimette
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  • 2

    Gute Idee, aber irgendwie von Anfang an durchschaubar.

    27.06.2013, 17:01 von SsEeVvDdAa
    • 0

      In der Tat, man erwartet am Schluss eine Pointe und fängt an zu rätseln, wie die wohl aussehen mag. Und dann ist das klar.

      Wobei leider offen blieb, wo das Kind nun verloren gegangen ist.

      28.06.2013, 22:57 von schmonz
    • 0

      Ging mir nicht so,  da ich mich auf den Text während des Lebens gut einlassen könnte, ohne Stände Alles zu hinterfragen zu müssen oder aus einer Kurzgeschichte ein Interaktives Erlebnis zu zaubern


      29.12.2013, 02:15 von IngloriousMind
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  • 0

    Ergreifend.

    Fesselnd.

    Eine 'schöne' Betrachtungsweise.
    Wie selten sieht man Geschichten aus diesem Blickwinkel - der 'kranken' Mutter.

    Und doch... Es spricht Liebe, Verbundenheit aus diesem Artikel die zwischen den Eltern herrscht. Wie sie das durchstehen.
    Ich finde es sehr genial geschrieben.

    27.06.2013, 11:59 von NarbenKinder
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  • 0

    Haut rein.

    26.06.2013, 08:39 von I.am.Fine
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  • 3

    Mir gefällt, dass ich bis zum Schluss beim falschen Gedanken war.

    26.06.2013, 02:08 von Sommerregen03
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  • 0

    so eine mischung aus sixth sense, fightclub und ner guten schreibe.
    ich war dir leider auf der spur ab "aber für stefan war nichts gut". dennoch habe ich es genossen, den text zu lesen.

    25.06.2013, 21:58 von libido
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  • 1

    Huch! (erstaunt- erschrockenes Einatmen)

    25.06.2013, 21:45 von kleineMiranda
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  • 1

    gut, ziemlich!

    25.06.2013, 13:02 von MaasJan
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