Weltschachtel 08.01.2007, 01:42 Uhr 6 7

Ich schenkte dir einen Apfelbaum

Mein Junge, in seinem Schatten solltest du deinen ersten Sommer verträumen und seine Äste, so hoffte ich, würden dir Halt geben;

sowohl bei deinen ersten Klettertouren als auch bei dem Bau des Baumhauses, das Grandpa stets für seinen ersten Enkel eingeplant hat.
In meiner Vorstellung strömte im Herbst der süßliche Geruch seiner Früchte durchs Haus, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Auf deinem Weihnachtsteller sollten Äpfel liegen und auf Geburtstagen würdet ihr wetten, wer am schnellsten die Schale an einem Stück lösen könne.
Im Frühling würdest du dein erstes Mädchen unter seinen Blüten im Arm halten und vielleicht, irgendwann einmal in einem der folgenden Sommer, deinen eigenen kleinen Sonnenschein in seinem Schatten parken.
So, erhoffte ich mir, hinterließe ich dir etwas, das nicht ersetzt, dass ich dir niemals Fahrradfahren beibringen konnte und bei deiner Einschulung nicht meine Hand auf deiner Schulter hatte, jedoch etwas, das die Erinnerung an mich wachhält und dir gleichzeitig nie die Tränen in die Augen treibt, weil wir uns nicht kennenlernen durften.
Mein kleiner Mann, der du mittlerweile bestimmt nicht mehr "klein" bist, ich wünsche mir, dass du, wenn du diesen Brief in den Händen hältst, zu deiner Mama gehst und ihr gut zuhörst, wenn sie dir erzählt, wie sehr ich mich damals auf dich gefreut habe, wie oft ich an deinem Bettchen stand und du lachend deine Ärmchen nach mir ausgestreckt hast. Sie soll dir die Fotos von damals zeigen und dir unser Lied vorspielen. Vielleicht fühlst du dann unsere letzte Umarmung ein wenig und weißt, dass ich, wäre ich nicht dazu gezwungen gewesen, dich niemals losgelassen hätte.
Dein Papa

7

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    wunderbar geschrieben, könnte ich es mir erlauben, würde ich sagen: du hast talent. dir gelingt es erstaunlich gut, mit wenigen worten eine traurige (und das nicht nur an der oberfläche, wenn du verstehst, was ich meine) atmosphäre zu schaffen.

    06.08.2007, 21:32 von lookwhatyouvedone
    • Kommentar schreiben
  • 0

    damit hast du auf sanfte art und weise meine größte angst zum klingen gebracht. mein kind zu verlieren, bevor ich es überhaupt richtig kenne.

    selten hat mich ein so kurzer text so bewegt.

    25.07.2007, 12:25 von hib
    • Kommentar schreiben
  • 0

    klingt nach "Das Orangenmädchen". was hat dich inspiriert?

    01.02.2007, 19:43 von FraeuleinBonaparte
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Schluck, was ist mit dem Papa passiert?

    08.01.2007, 09:19 von Alexis-Neo
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hallo
    der brief ist wirklich sehr traurig und gleichzeitig wunderschön. hast du ihn wirklich so bekommen?
    Liebe Grüße

    08.01.2007, 06:42 von ninasofie
    • 0

      @ninasofie Hm erstmal danke, aber nein, den hab ich natürlich nicht so bekommen. Bin doch gar kein Junge ;) Und mein Paps ist auch quicklebendig...

      08.01.2007, 15:51 von Weltschachtel
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare