Worldtrotter 30.11.-0001, 00:00 Uhr 45 24

Ich sage es ihnen beim Erdbeeressen

Es ist Erdbeere für Erdbeere schwieriger. Als meine Schale leer ist hole ich ein paar Mal tief Luft. Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig ist

Jeden Freitag im Sommer, immer um 15 Uhr auf der Terasse, Erdbeeren, frische, große und blutrote Erdbeeren, die auf dem lackierten Holztisch thronen und einen Kontrast zu dem sonst so grünen Garten bilden. Sie starren mich erwartend, fast schon vorwurfsvoll, dass ich es nicht schon früher getan habe. Egal, was passieren wird, das Erdbeeressen wird für immer daran erinnern und jeden Freitag im Sommer wird es mir immer und immer wieder durch den Kopf schieße.

„Ich sage es ihnen beim Erdbeeressen“, sagte ich an diesem Vormittag zu meiner Freundin.

Diese sah etwas skeptisch drein und wiegte mit dem Kopf. „Sicher?“

„Da sind sie am besten gestimmt“, sagte ich achselzuckend.

Ich fuhr also wie jeden Freitagnachmittag ohne eingeladen werden zu müssen zu meinem Elternhaus an den Stadtrand. Als ich durch das Tor in den Garten trat, standen die glänzenden Erdbeeren und drei Schälchen auf der Platte. Der große Garten besitzt noch immer die verwaiste Schaukel und den knorrigen Baum mit dem Häuschen in den Ästen, das ich seit dem Unfall von meinem Bruder nicht mehr betreten habe. Kindertage spielen sich in meinem Kopf ab, bewusst, dass ich sie vielleicht nie wieder so sehen werde, wie ich es jetzt tue. Am Tag des Unfalls war sie vorbei, die Kindheit. Er hätte gewollt, dass ich glücklich bin und nicht alles in mich hinein fresse. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was er gewollt hätte.

„Aber du lässt dir doch nichts einreden, oder?“, fragte mich meine Freundin. „Du verlässt mich doch nicht, weil sie es von dir verlangen?“

„Nein, ganz sicher nicht“, sagte ich. Dabei war ich mir gar nicht so sicher.

„Soll ich mitkommen?“, fragte sie mich.

„Nein“, antwortete ich. „Nein, das wäre nicht gut. Du sollst das nicht erleiden müssen.“

Ich setze mich an den Tisch zu meinen Eltern. Sie haben schon mit dem verspeisen der Erdbeeren angefangen. Mir ist heiß und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Erdbeere für Erdbeere schiebe ich es voraus. Ich sollte es tun.

„Schiebe es nicht zu weit voraus“, sagte meine Freundin. „Mache es so schnell es geht, sonst wird es schwieriger.“

Es ist Erdbeere für Erdbeere schwieriger. Als meine Schale leer ist hole ich ein paar Mal tief Luft. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist.

„Ich muss euch was sagen“, sage ich mit kratziger Stimme.

„Na endlich“, sagt mein Vater. „Du bist schon die ganze Zeit so still.“

„Ich habe es mich bisher noch nicht getraut“, begann ich, aber meine Mutter unterbricht mich.

„Möchtest du noch was, Liebling?“                                                    

„Nein, danke. Also, ich habe mich bisher noch nicht getraut, euch etwas zu sagen, weil…“

„Sicher?“ Meine Mutter unterbricht mich wieder und beginnt die Teller zusammen zu stellen. „Sonst isst du immer mehr Erdbeeren.“

„Jetzt lass sie doch mal ausreden“, sagt mein Vater ungeduldig.

Meine Mutter hört auf, aufzuräumen und sah resigniert in die Bäume. Mit fällt auf, dass sie das Baumhaus von meinem Bruder anstarrt.

„Ich bin lesbisch.“ Die Worte springen aus meinem Mund, froh endlich frei zu sein. Die Erleichterung hält nur für eine kurze Weile an.

Sie sagen nichts. Mein Vater starrt mich an, meine Mutter weiter in die Bäume. Ich kann ihre Gesichtsausdrücke nicht deuten. Mein Vater erhebt sich und murmelt: „Ich…ich muss noch den Schuppen aufräumen.“

Als mein Bruder den Unfall hatte, war er den ganzen Tag dort drin. Aber hat das denn so viel Ähnlichkeit mit dem Unfall meines Bruders?

Die Tür zum Holzschuppen fällt zu. Meine Mutter starrt weiter in die Bäume.

Würden sie es tatsächlich tun? Würden sie mich verstoßen und ihr zweites Kind verlieren?

„Ich räume das dann mal auf“, sagt meine Mutter und beginnt alles auf ein Tablett zu räumen. Als sie ins Haus geht, sitze ich allein im Garten, in dem Garten, in dem sich die Kindertage abspielten und in dem wir jeden Freitag Erdbeeren essen. War das nun Vergangenheit?

Ich stehe auf und gehe zum knorrigen Baum. Die Leiter ist morsch und die Sprossen sind teilweise durchgebrochen, aber ich wage dennoch den Aufstieg. Zum ersten Mal seit Jahren betrete ich das Baumhaus meines Bruders. Es riecht nach verrottetem Holz und Laub. Einige Malereien aus Fingerfarben an den Wänden sind noch zu erkennen. Ich gehe in die Ecke des Raumes, setze mich mit angezogenen Knien in die Ecke. Ich bin kein Kind mehr. Aber auch keine Erwachsene. „Werde endlich erwachsen“, sage ich zu mir selbst. Entweder finden sie sich damit ab, oder verlieren ihre Tochter. Es liegt nun an meinen Eltern, den nächsten Schritt zu tun.

Mein Handy empfängt eine Nachricht. Es ist einfach nur ein Fragezeichen von meiner Freundin. Ich schniefe und rufe sie an.

„Und? Was haben sie gesagt?“

„Scheiß drauf“, sage ich.

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45 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Sehr schöne Geschichte.
    ... und rührend.

    Aber traurig. Man kann das Vertrauen wildfremder Menschen erwerben, aber ganz selten den Respekt und die Achtung der Eltern ... mag ein wenig »zu altklug« klingen, ist aber ---- manchmal --- bittere Wahrheit ...

    AR./Berlin.

    08.05.2015, 09:48 von Alexander13
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  • 0

    Es ist nicht autobriografisch, aber danke für die vielen Reaktionen! :D

    30.04.2015, 16:53 von Worldtrotter
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 4

    Ich so: Ich muss euch was gestehen...ich bin...bin jetzt bei Neon.

    Papa (ungläubiger Blick, rote Wangen): Was?

    Mama (hält beruhigend seinen Arm): Reg dich nicht auf, da haben wir uns doch auch kennengelernt.

    Papa: Aber das war vor dem Internet.

    Mama: Und du noch ein Mann.

    29.04.2015, 12:00 von EliasRafael
    • 0

      neon ist auch krasser

      30.04.2015, 07:28 von SADandBEAUTIFUL
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  • 2

    Wenn ich sowas lese, bin ich zum wiederholten mal froh, daß sich meine Eltern einen Scheiß für meine sexuelle Orientierung interessiert haben...

    29.04.2015, 09:44 von sailor
    • 2

      Kannste doch gar nicht wissen :)

      29.04.2015, 11:27 von yuhi
    • 0

      Doch... Kann ich mit ihnen drüber reden tun.
      Und ich weiß auch aus sicherer Quelle, daß dem so ist. Die homoerotischen Eskapaden meiner Cousine stießen z.B. bei der Schwester meines Vaters auf relatives Entsetzen, was wiederum bei meinen Eltern auf gelindes Unverständnis stieß...

      29.04.2015, 11:40 von sailor
    • 0

      Okay, verstehe. Dennoch glaube ich, dass es oftmals ein großer Unterschied ist, ob man Dinge bei anderen beobachtet, oder ob man selbst beteiligt ist. Da hat sich schon mancher (ich mich selbst übrigens auch) getäuscht.

      29.04.2015, 11:44 von yuhi
    • 0

      Meine Eltern, insbesondere mein Vater steht auf dem Standpunkt: »Spielt keine Geige, mit wem mein Sohn zusammen ist. DER muss ja mit der/dem Leben, nicht ich...«

      29.04.2015, 11:47 von sailor
    • 0

      Aber ich weiß, was du meinst...

      29.04.2015, 11:47 von sailor
    • 0

      Ich sag ja nicht, dass du nicht recht  hast, sondern dass das selbst dein Vater evt nicht weiß. ^^

      29.04.2015, 11:51 von yuhi
    • 0

      Jupp...

      :)

      29.04.2015, 15:24 von sailor
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  • 3

    Ich dachte, die sagt denen was ganz schlimmes....

    29.04.2015, 09:16 von Tanea
    • 0

      Dachte ich auch erst ... und war dann froh, dass dem nicht so ist :)

      29.04.2015, 09:54 von Cyro
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  • 0

    Nette Geschichte. Blöde Reaktion der Eltern, aber wohl nicht ganz ungewöhnlich. 

    29.04.2015, 09:01 von k.thrin
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  • 1

    Das was Jim sagt.

    28.04.2015, 20:33 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    Tochter: Ich bin lesbisch.

    Mutter: „Ich räume das dann mal auf“
    Vater „Ich muss noch den Schuppen aufräumen.“

    So what: Die Eltern nehmens gelassen und als das was es ist: Nichts besonderes, kaum erwähnenswert. Und (Schuppen) aufräumen muss immer mal wieder sein. Weiß jeder Schuppenbesitzer.^^

    Nur die Tochter macht in ihrem Kopf aus einem Nagelfeilchen eine Langschwert. It`s drama, baby.

    28.04.2015, 16:10 von Hattori-Hanzo
    • 6

      Als gelassen würde ich diese Reaktion nicht sehen.

      28.04.2015, 16:55 von -Maybellene-
    • 1

      Ich finde ja auch "aufräumen", und zwar von allen beiden gesagt, suggeriert das etwas nicht in Ordnung - unordentlich ist und dass dies bereinigt werden muss. Deshalb würde ich davon ausgehen dass sie es durchaus nicht in Ordnung finden... schade.

      28.04.2015, 22:20 von FrolleinW
    • 4

      Verdrängung statt Auseinandersetzung ... aber zum Glück sind die Zeiten der Ächtung und sonstigem negativen Verhalten in unserem Land hoffentlich vorbei. Tochter bleibt Tochter und Liebe bleibt Liebe. Ich hoffe, dass die Eltern klug genug sind, um zu lernen mit der Situation umzugehen, auch wenn sie es bisher wohl verdrängt haben und das wohl auch gerne weiter so handhaben wollen.

      28.04.2015, 22:23 von Cyro
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