lilko 17.01.2010, 17:24 Uhr 29 20

Ich hab ein Geschenk

Wie man mit 43 Euro und ein bisschen Salami die Welt verbessern kann.

Ich lief mit meiner kleinen Schwester durch das verschneite Burgviertel, in ein paar Tagen war Weihnachten. Ich fragte sie, wie es in Deutschland war, ob sie ihre Mitschüler immer noch nicht mochte. Wir redeten über das letzte Buch, das sie gelesen hatte. Für einen achtjaehrigen Dreikaesehoch las sie viel. Und noch viel mehr dachte sie. Der Hund zog an der Leine, schnüffelte an Büschen und plötzlich erstarrte sie. Ihr Unterlippe zitterte und mit grossen Augen starrte sie auf den Schlafsack, der unter den Büschen lag. Aus dem Schlafsack lugte runzlige Haut, graues Haar, ein Ohr, ganz rot vor Kaelte.
"Da liegt ein Mensch." sagte sie mit leiser Stimme und jetzt blickte sie zu mir
auf. Ich legte einen Schein in die Mulde zwischen Bart und Schlafsack und als wir weiterliefen, erklärte ich ihr, was es heisst, Obdachlos zu sein. Auf unserem Weg nach Hause sahen wir noch einige. Alte und Junge. Schlafende und Wache. Und als ich sie Abends zu Bett brachte fegte sie ihr Buch beiseite, verschränkte ihre dünnen Ärmchen über dem gerafften, blauen Nachthemd. Sie bebte vor Empörung. "Das geht nicht. Das geht nicht, dass ich hier in einem warmen Bett liege und übermorgen Geschenke kriege und nie garnicht friere und in jeder Strasse liegen Menschen." Sie breitete ihre Arme aus. "Sooo viele, weisst du." Wir redeten viel an diesem Abend und Phine schmiedete Pläne. Pläne, die nicht funktionierten. Sie wollte ins Parlament gehen und mit dem Chef reden, sie wollte alle einladen, bei ihr in Deutschland zu wohnen. Aber nein, sie wusste es ja selbst, das ging alles nicht.

Doch am naechsten Morgen kam sie zu mir ins Bett gekrochen, ihre Augen leuchteten und zufrieden zupfte sie an meinen Haaren. Phine hatte einen Plan.
Aus ihrer kleinen Tasche kramte sie ihre Geldbörse und schüttete mir den Inhalt auf die Decke. Es waren 43 Euro. Ihr Taschengeld, über Monate zusammen gespart. Mit fester Stimme und ernster Miene erklärte sie mir, dass sie ja nicht allen helfen könne. Das ging eben leider nicht. Wir müssten eben die drei nettesten Obdachlosen in ganz Budapest finden. Und auf diese Drei würde sie ihr Geld aufteilen. Es war ein guter Plan. Am Morgen des 25. Dezember packten ich und Phine drei Tüten. In jeder Tüte befand sich jeweils eine Flasche Wein, eine Packung Salami, ein Laib Brot und zwanzig ungarische Weihnachtsbonbons. Das Geld, in einem roten Umschlag, lag obenauf. Links an meinem Arm baumelten die Tüten, am rechten hing das aufgeregte Kind und so stapften wir stundenlang durch den Schnee, auf der Suche nach dem Richtigen.
Der erste, den Phine zu beschenken gedachte, war Alvin. Ich kannte ihn schon eine ganze Weile, im Sommer stand er im Park und las Gedichte vor. Er schlief in einem Hauseingang neben dem Kandinsky- Hotel, war um die Fünfzig, hatte Lachfältchen und immer einen recht ansehnlichen Bücherstapel neben sich.
" Das hält am Leben" sagte er lachend, als Phine ehrfürchtig über das Buch strich, das zuoberst lag. Lächelnd reichte sie dem Mann ihre Gaben und wünschte ihm ein "besseres" neues Jahr. "Jetzt kann es nur besser werden, kleine Fee" sagte er, und als wir gingen, musste er weinen. Aber Phine lachte, denn ihr Plan funktionierte. Den zweiten musste sie wecken. Er schlief, dicht eingehüllt in Decken und Zeitungspapier, neben sich keine Bücher, sondern billigen Wein. Phine stupste ihn an. Aber er schlief weiter. " Komm, lass uns einen anderen suchen" sagte ich. Aber nein, es musste der sein. Phine war sich sicher. Fast schon erbost trat sie dem armen Kerl in die Leisten, der daraufhin fluchend erwachte. Erschrocken wich sie zurück, klammerte sich an meinem Mantel fest. Unter den Decken schob sich ein Kopf hervor und grinste. "Wer wagt es, meinen Schlaf zu stören?" brummelte der alte Mann, der uns aus wachen Augen anblickte. "Ich" piepste Phine. "Ich hab ein Geschenk."
"Sie an, sieh an." spach er und packte das erste Bonbon aus. "Es gibt sie noch, die Engel, die auf Erden wandeln." Ein Austausch dankbarer Blicke und schon zog mich Phine weiter. Unauffällig begutachtete sie jeden Kauz, an dem wir vorbei liefen, doch immer schüttelte sie den Kopf. " Vielleicht" sagte sie,
" brauchen wir eine Frau." Eine gute halbe Stunde später hatte Phine sie gefunden, sie war klein und hager und funkelte boshaft die Passanten an. "Die?" fragte ich. " Ja", sagte Phine. " Die find ich nett." Nett war sie nicht, diese Frau, aber Phine trotzdem glücklich. " Die hat das gebraucht" erklärte sie mir, als wir auf den Bus warteten. " Die hat schon langelange nix schönes mehr gehabt."

Und wo sie Recht hatte, da hatte sie Recht.

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29 Antworten

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    berührend und erfrischend.
    und die tolle herangehensweise von kleinen kindern an dieses dramatische und komplizierte thema hast du in dem text wunderbar in worte gefasst.

    01.03.2010, 20:11 von franzelfant
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    Die Geschichte ist toll geschrieben und die Sache eine Gute.
    Aber dann so bescheuerte Dummschwätzer, die erstens alles kaputt machen und zweitens nicht nachdenken. (Jetzt bin ich nämlich nicht mehr berührt, sondern wütend)
    Ganz bestimmt hat die 8 jährige Phine den Obdachlosen Geschenke gebracht um ihr Gewissen zu befriedigen!! Das war der Grund, da hat´s einer auf den Punkt gebracht!

    Wer kommt denn bitte auf sowas??

    Und ganz im Ernst, Leute die so denken, werden wahrscheinlich selbst nie etwas "Gutes" tun, weil es ja eh nichts bringt.

    Dass man manchmal mit Kleinigkeiten, Menschen sehr glücklich machen kann, wird da nicht bedacht! Und das weil prozentual gesehen keinem geholfen wurde?? Oder es an der Gesamtsituation nichts ändert?
    Stimmt, dann kann man´s ja direkt sein lassen.
    Herzlichen Glükwunsch!

    02.02.2010, 22:10 von LenaLina
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    Schön geschrieben und eine sehr süüüße phine :)

    25.01.2010, 19:20 von Leyla81
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    süß :) erinnert mich fast ein bisschen an die kleine Anna aus "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna".

    23.01.2010, 17:36 von .madita.
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    hach war das schön.

    das liest sich wie aus einem Buch.
    Schön wenn die Gedanken von solch kleinen "Denkern" nicht zerstört würden.

    22.01.2010, 21:42 von eishaendchen80
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    richtig schön geschrieben.
    passt auch richtig gut zur Weihnachtszeit!

    22.01.2010, 15:42 von zimtkakao
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    phine is cool.

    22.01.2010, 11:33 von phine
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      @[Benutzer gelöscht] mmmh. ja, für den oho-efekt wärs mögl.weise gut gewesen, aber da es nunmal so war, und der chlochard am kandinksyhotel echt ist und wir uns namentlich kennen etc., wollt ich das auch so erzählen, aber, ja., s klingt halt schon ein bisschen kitschigklebrigsüß.

      22.01.2010, 14:57 von lilko
  • 0

    Nett.
    Ich liebe Kinder. Symbolisch gesehen ein wirklich schöner Akt, von welchem wir uns alle - in welch ausgelebter Form dann auch immer - eine Scheibe abschneiden sollten. Nächstenliebe, ein warmes, nicht egofixiertes Selbst und so. Nett.

    Das einzige was mich doch stört: Warum Wein in den Tüten?

    21.01.2010, 10:13 von polyIntoxikation
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