_Nuria_ 06.02.2007, 22:39 Uhr 0 0

Ich hab dich auch lieb, Mama!

Muss ich denn perfekt sein? Und was bedeutet perfekt für dich?

Hier sitze ich. Mehr als tausend kilometer von zuhause entfernt. Nein, das hier ist nicht mein zuhause, doch zurück will ich auch nicht. Das weißt du. Ja, du fehlst mir auch, aber zurück nach Hause - auf keinen Fall.
Nicht nach Hause, wo ich fast jeden Tag daran erinnert werde, dass ich nicht die perfekte Tochter bin, die du dir immer gewünscht. Dass ich einfach nicht so bin, wie du mich gerne hättest. Dass ich nicht wie meine Schwester bin. Dass ich nicht meine Schwester bin. Nein, perfekt ist sie auch nicht, aber sie ist nicht ich.

Du sagst, ich sei krank, dass ich sie so hasse, doch ich hasse sie nicht. Sie ist meine Schwester, ich liebe sie! Nur sehen will ich sie nicht, will sie nicht um mich haben, denn sie ist es, die mich am meisten daran erinnert was ich hasse. Dass du sie mehr liebst als mich. Du behauptest ich würde lügen: "Du weißt ganz genau, dass das nicht stimmt! Ich liebe euch alle beide!", entrüstest du dich. Natürlich liebst du uns alle beide, ich weiß du liebst mich. Aber bist du dir sicher, dass ich nicht doch recht habe? Natürlich bist du das, ich weiß.

Denkst du nicht auch, dass irgendetwas falsch ist? Ständig erzählst du wie es war, als wir noch klein waren. Ja, ich war sehr süß, wie ich mit meiner Holzente über den Platz gerannt bin. Und wie oft ich beinahe gestorben bin - weil ich an der tischdecke gezogen hab, auf der der blumentopf stand, am Kanal rumgeklettert bin, nicht gesehen hab, dass das auf dem Teich kein Gras sondern Entengrütze ist und Papa mich gerade noch retten konnte. Damals waren wir glücklich, oder? Du hast auch erzählt, dass ich wenige Tage nach der Geburt meiner Schwester gefragt hab, ob ihr sie nicht wieder zurück ins Krankenhaus bringen könnt.

Weißt du noch, wie ich auf dem Gymnasium erst keine Freunde gefunden habe? Du sagtest es wäre nur die Schuld meiner Freundin. Oft aber auch, dass mit einer Person wie mir ja keiner befreundet sein will. Du warst wütend, ja. Wehgetan hat es trotzdem. Meine Schwester sagte, sie verstünde, dass ich keine Freunde finde. Sie musste dazu nicht wütend sein.

Weißt du noch, wie auch sie keine neuen Freunde dort gefunden hat? Du sagtest, es wäre nur meine Schuld, weil ich sie immer so schlecht behandelt hätte. So, dass sie jetzt zu wenig Selbstvertrauen hat. Du weißt, dass sie fünfmal soviel Selbstvertrauen hat, wie ich.

Weißt du noch, wie ich dich fragte, ob du mir Mathenachhilfe bezahlst, als es langsam aber sicher auf das Abitur zuging? Du sagtest, wenn ich so dumm wäre, dass ich das nicht selbst kapiere, müsstest du mich wohl von der Schule nehmen. Heute weiß ich, es war dir einfach nur zu teuer. Warum hast du nicht statt dessen das gesagt?

Weißt du noch, dass ich immer am Pc hing? Wusstest du, dass mein Zufluchtsort das Internet war? Nein, das hast du nicht erkannt. Deine Tochter braucht keinen Zufluchtsort. Deshalb hast du versucht es mir zu verbieten.

Weißt du noch, wie ich angefangen hab erst Rock, dann auch Metal und Gothic hören? Weißt du noch wie ichangefangen habe schwarz zu tragen? Deine Tochter eine von Denen? Ja, es muss schrecklich gewesen sein. Du hast lange versucht dich dagegen zu stemmen, bis du erkanntest, dass es keinen Sinn hat. Verkraftet hast du es bis heute nicht.

Erinnerst du dich noch, dass ich dir erzählt hab, ich würde gerne Theaterwissenschaften studieren um Drehbuchautorin zu werden? Wütend warst du und hast mich beschimpft, was dieser Schwachsinn soll, ich könnte doch gar nicht schreiben. Weißt du noch, wie ich lange betteln musste, damit du mal etwas liest und du geantwortet hast, dass es gar nicht so schlecht war, wie erwartet? Weißt du, dass mich selbst diese Antwort glücklich gemacht hat?

Du hast mal gesagt, dass es ja nicht meine Schuld war, dass ich bin, wie ich bin. Das liegt daran, dass sich nach der Geburt meiner Schwester niemand mehr um mich gekümmert hat. Aber du konntest ja nicht. Du hattest alle Hände voll zu tun. Das hätte Papa machen müssen. Aber alle fanden nur das Baby süß.

Und warum muss sie noch immer, immer dabei sein? Warum kann ich nicht auch mal allein mit dir spazieren gehen? Ja ich weiß. Du würdest ihr nie sagen, sie darf nicht mitkommen, das würdest du auch mir nicht sagen. Ihr seid allein nach Rom gefahren, weil sie es so wollte. "Du willst ja auch immer was mit mir allein machen, also warum nicht auchmal sie." Weil ich es nie darf.

Es tut mir leid, dass ich einfach nicht so sein kann, wie du mich gerne hättest. Ich weiß, dass du trotzdem stolz auf mich bist. Danke. Ich liebe dich auch, Mama.

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