Ich, das Schattenkind
Mein Bruder ist sieben Jahre jünger als ich. Das Nesthäkchen der Familie. Aber als Nesthäkchen ist man nicht immer der Liebling.
Das Hauptaugenmerk meiner Eltern lag, seit ich denken kann, auf meinem Bruder. Er hat eine Krankheit, für die er nichts kann. Er hat ADS. Das Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom. Schlechte Schulnoten, mangelndes Sozialverhalten und mehr oder weniger starke Aggressionen gehörten zu den Dingen, mit denen meine Familie (und ich) sein Leben lang zurechtkommen mussten. Zweifel über Medikamente, die er bekommen sollte, verunsicherten, da Langzeitstudien in diesem Bereich Mangelware sind.
Wenn mein Bruder die Medikamente bekam, war er nicht er selbst. Er war extrem ruhig, beinahe apathisch, ihm war alles egal, er war völlig in sich gekehrt. Bekam er die Medikamente nicht, war er unruhig, jede Kleinigkeit lenkte ihn ab, er wurde aggressiv, schmiss Dinge durch die Gegend und weinte viel, weil er sich selbst nicht verstand. Ich war sehr oft genervt, auch wenn ich mir immer ins Gedächtnis zu rufen versuchte, dass er eigentlich keine Schuld an seinem Verhalten trug. Ich begegnete ihm manchmal mit Gemeinheiten, war oft ungerecht und verwünschte die Tatsache, mit so einem Bruder geschlagen zu sein. Das tut mir im Nachhinein leid. Aber ich bin auch nur ein Mensch.
Meine Mutter hat sehr viele Psychologen aufgesucht, mehr, als man an zwei Händen abzählen kann. Jede Woche gab es für meinen Bruder jeweils eine Gruppen- und eine Einzeltherapie, leider mit nur mäßigem Erfolg. Meine Mutter hat Kontakt zu anderen Familien mit Kindern, die ADS haben, gesucht, mit ebenfalls frustrierendem Ergebnis. Stundenlang saß sie vor dem Computer und recherchierte die Krankheit. Vor allem war sie auf der Suche nach den Auslösern. Eine richtige Antwort hat sie nie bekommen.
Oft saß sie abends mit uns am Tisch, und wenn mein Bruder wieder einen seiner Ausraster gehabt hatte, fing sie an zu weinen. Neben meinem Bruder war sie in jedem Fall diejenige, die am meisten litt.
Ich denke, jeder weiß wie es ist, seine Eltern weinen zu sehen. Es ist verstörend, entmutigend und irgendwie desillusionierend. In einem solchen Moment ist man kurz davor, alle Hoffnung auf Besserung aufzugeben. Wenn nicht mal die Eltern stark sein konnten, wie sollte man es als Kind sein? Ständig war die Situation gereizt, wir schlichen durch das Haus, als ob ein Wort oder eine Geste eine Bombe hätte explodieren lassen können.
Neben der Ehe und dem Seelenheil meiner Eltern blieb noch etwas auf der Strecke. Ich. Die große Schwester. Die, die zurückstecken und vernünftig sein musste. Die, die zugesehen hat, wie Mama und Papa sich wegen meines Bruders oft stritten, die nächtelang darüber diskutierten, was zu tun ist und was das Beste für meinen Bruder wäre. Brachte ich eine gute oder auch mal eine nicht so gute Note heim oder hatte etwas zu berichten, das mich berührte oder beschäftigte, wurde es zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter beachtet. Es war schlicht nicht möglich. Man hatte andere Sorgen. Ich war darüber nicht böse. Automatisch hielt ich mich zurück, gab nur noch das Wichtigste über mich preis und dann auch nur, wenn ich wirklich konkret danach gefragt wurde. Ich lief so nebenher, spielte die zweite Geige und fand es noch nicht einmal besonders schlimm. Zumindest war es mir nicht bewusst. Wenn ich mich nicht über meinen Bruder ärgerte, kümmerte ich mich mit um ihn, half ihm bei den Hausaufgaben, redete ihm ins Gewissen, sich zusammenzureißen, damit unsere Eltern sich nicht zu sehr aufregten.
Ich flüchtete mich oft zu meinen Großeltern, aber nicht mal dort hatte ich das Gefühl, dass meine Probleme irgendwie beachtenswert erschienen, auch wenn man mich immer wieder fragte, wie es mir mit der Situation ginge. Doch diese Fragen kamen mir fast so vor wie rhetorische Fragen. Eigentlich gab es immer nur ihn, meinen Bruder, er schwebte über uns allen wie ein Damoklesschwert, unser aller Alltag war auf seine Termine und Bedürfnisse ausgerichtet und unsere Laune war der seinen ausgeliefert.
Zu allem Übel blieb er auch noch in der siebten Klasse des Gymnasiums sitzen, was meine Mutter völlig zur Verzweiflung brachte. Ich durchlebte währenddessen ebenfalls eine schwierige Zeit, erste Liebe, erster Herzschmerz, ich musste mir langsam aber sicher Gedanken über meine Zukunft machen, hatte Prüfungsstress und so weiter. Ich vertraute mich, wenn überhaupt, noch meinen Freunden an. Aber es ist schwer, wenn die elterliche Instanz für die Abladung von Seelenmüll völlig fehlt.
Meine Mutter hat mich oft in den Arm genommen, wenn sie mal eine Minute nicht damit verbrachte, über meinen Bruder nachzudenken und fragte mich, ob alles in Ordnung wäre. Ich habe automatisch immer mit "Ja" geantwortet. Ich wollte sie nicht noch mehr belasten. Ein Kind, das Unmengen an Sorgen bereitete, reichte in meinen Augen. Ich versuchte, so problemlos wie möglich zu sein.
Wäre ich damals jünger gewesen, hätte ich wahrscheinlich mit sehr viel mehr Protest reagiert. Hätte versucht, es meinem Bruder gleichzutun und mit ihm um die Aufmerksamkeit meiner Eltern gebuhlt. Ich wäre vielleicht noch mehr Problemkind geworden als er es war. Ich bin natürlich froh darüber, dass es nicht so gekommen ist. Und ich bin sicher, dass mir meine Eltern ein Stück weit dankbar sind. Auch wenn sie es mir nie gesagt haben.
Ich habe meinen Bruder lieb. Neben meinen Eltern mehr, als kaum einen anderen Menschen. Er ist ja schließlich mein Bruder. Und die Krankheit hat sich gebessert. Er ist nicht mehr der Bruder von damals, der alle Aufmerksamkeit für sich beansprucht hat. Er ist jetzt sechzehn. Man kann mit ihm reden. Und vielleicht bin ich jetzt mal dran.
Ich verwünsche im Übrigen jeden, der diese Krankheit belächelt oder sie als Modeerscheinung herabwürdigt. Sicherlich gibt es viele Fehldiagnosen. Manchmal haben Kinder eben nicht "einfach" AD(H)S, sondern sind schlicht schlecht erzogen und/ oder unausgeglichen. Oder die Eltern haben versagt, was wahrscheinlich der häufigste Grund ist. Aber hier hilft kein Pauschalisieren. Wer ADS unterschätzt, hätte einen Tag mit mir tauschen sollen. Er hätte nie wieder etwas Derartiges behauptet.



Kommentare
Das Hauptaugenmerk meiner Eltern lag, seit ich denken kann, auf meinem Bruder.
24.05.2009, 14:02 von everydaybystormEr ist 7 Jahre jünger als du ? Ein wenig ungeschickt formuliert.
Sonst schöner Text,wirklich sehr einleuchtend und ehrlich gesagt hab ich jetzt auch eine andere Sicht auf die Dinge...nicht mehr dieses nur (schon auch,aber nicht nut) Mitleid haben mit dem betroffenen Kind.
Richtig,das was mit dem/n anderem/n Kind/ern in der Zeit geschieht darf,auch von der außenstehenden Bevölkerung,keinesfalls außer Acht gelassen werden!
ich habe ADHS.
24.05.2009, 13:52 von cookieboxdas gegen-extrem. ZU ruhig. aber das mit dem leicht-ablenken-lassen, und den anderen problemen, das kenn ich.
ich nehme auch medikamente, und mit denen geht es. wenn ich sie nicht nehme, fällt es mir im rückblick immer auf, wie anders ich bin.
ist... nicht einfach, mit sowas zu leben. nicht übertrieben schwer, es passt schon, aber gerade bei selbstdisziplin - die ich nicht habe - und bei sozialen kontakten fällt es mir immer wieder schwer, so zu sein, wie ich gerne wäre, also ohne die krankheit.
ich kann mir vorstellen wie schwer es ist, die große, vernünftige schwester zu sein. aber dein bruder wirds dir danken. irgendwann, wenn er langsam versteht, was da in ihm vorgeht. bei mir wurde es recht früh diagnostiziert, aber ich habe erst in den letzten paar jahren tatsächlich verstanden, was da mit mir passiert.
=)
@cookiebox *edit:
24.05.2009, 14:02 von cookieboxADS, nicht ADHS ;)
@cookiebox Hä? Ihr Bruder hat ADS wie kann dann ADS zu ADS das Gegenextrem sein ?
24.05.2009, 23:22 von everydaybystormUnd dann auch noch der falsche Fachausdruck für die eigene Krankheit ?
Irgendwie komisch.
hast du mit deinen eltern heute mal darüber geredet wie es dir damals erging?
21.05.2009, 18:32 von maren1990..gut geschrieben übrigens
Hallo, finde deinen Text gut geschrieben.
20.05.2009, 15:22 von HighzwergMuss aber sagen, dass ich andere Erfahrungen gemacht habe. Ich betreue jetzt seit einem Jahr ein ADHS Kind in der Grundschule (wobei bei ihm noch motorische Behinderungen dazu kommen) . Bei ihm bin ich aber der Meinung, dass die Medikamente (ritalin) gut für ihn sind. Ohne die Medikamente ist er in der Schule einfach nicht haltbar. Die Mutter ist damit auch heillos überfordert und verschlimmert das ganze nochmal ein bisschen dadurch, dass sie selber total chaotisch ist.
Das zuviele Leute die Krankheit belächeln o.ä. liegt daran, dass niemand genau weiß, was das für eine Krankheit ist. Äußerlich hat das Kind nichts, also wird es schon nicht so schlimm sein.
das ist ein sehr berühender text=) ich fühle mit dir.
19.05.2009, 21:21 von Frivolousmeich kann deine gefühle total nachvollziehen
16.05.2009, 19:35 von misshoneymeine drei jüngeren geschwister haben zwar kein AD(H)S, jedoch hat ein bruder leghastenie, der andere hat eine rechenschwäche. auch ich habe immer versucht meinen eltern möglichst wenig probleme zu bereiten, war fleißig, etc. und habe nie irgendwelche forderungen gestellt sondern funktioniert, um meinen eltern das leben nicht noch schwerer zu machen.
deshalb sagen mir bekannte auch immer wieder ich sei so wie Fuexa ihr patenkind beschreibt: ohne forderungen, wünsche und unfähig konkrete emotionen zu äussern, unsichtbar.
ganz wichtig ist es in solch einer situation sich ein leben ausserhalb der familie zu schaffen, um dort seine emotionen äussern zu können und als mensch mit eigenen wünschen und träumen wahrgenommen zu werden. ich hatte das glück dass ich meine sorgen und nöte teilweise meiner oma und meiner patin anvertrauen konnte und dort nicht kleine erwachsene sondern kind sein durfte.
im endeffekt kann ich meinen eltern nicht vorwerfen, nicht auf meine wünsche eingegangen zu sein, da ich sie ja nie geäußert habe, jedoch sollten eltern sich insoweit um ALLE ihre kinder kümmern, dass sie so ein vieel zu reifes, stilles verhalten und warnungen von verwandten ernst nehmen und sich auch um die kümmern, die NICHT lautstark um aufmerksamkeit heischen und schulische noten nicht gleichsetzen mit dem seelenzustand des kindes.
was meinst du wie "schlimm" es sich erst anfühlt, wenn Bruder/Schwester vernachlässigt werden, obwohl sie kerngesund sind. Mir ist es auch ein bisschen zu sehr auf die Tränendrüse. Wobei ich denke, es ist schwer ein solches Thema anzufassen, ohne das Gefühl zu haben, man balanciert ein rohes Ei.
16.05.2009, 19:30 von einfacheinfachso@einfacheinfachso falsch; "was meinst du wie "schlimm" es sich erst anfühlt, wenn Bruder/Schwester BEVORZUGT werden, obwohl sie kerngesund sind/es keinen ersichtlichen grund gibt"...
16.05.2009, 19:32 von einfacheinfachsowar mein Fehler, der Rest stimmt aber.
Guter Text!
15.05.2009, 21:42 von PixeIkatzeIch kenne die Situation auch, wenn auch etwas "anders herum". Ich bin zwar das Nesthäkchen, aber aufgrund der Körperbehinderung meiner größeren Schwester habe ich nie den klassischen "Nesthäkchen-Status" erhalten. Für mich war das aber immer normal, ich kannte es ja nicht anders – deswegen habe ich darunter auch nicht so gelitten wie du. DAS ist dann vermutlich der Vorteil der jünger geborenen ;)
hmmm guter Text, ich selbst bin auch ADHSlerin. habe es aber est letztes Jahr mit knapp 17 erfahren. Deine ganzen GEfühle und so kenne ich aber. Ich musste das komplette letzte Jahr laufen. Das tat ich eben nicht, mein Bruder (Scheinbar kein ADHS nach meinen Eltern, aber wissen tue ich es nicht) war das Problem. Nach ihm mussten sich alle organisieren das irgendwas funktioniere. ICh kenne genau deine Gefühle, auch wenn ich das mit meinem ADHS wahrscheinlich nochmal intensiver wahrgenommen habe. Guter TExt.
15.05.2009, 20:09 von jcf45Ich verwünsche im Übrigen jeden, der diese Krankheit belächelt oder sie als Modeerscheinung herabwürdigt. Sicherlich gibt es viele Fehldiagnosen.
15.05.2009, 07:24 von LulilaIn der Tat muss ich dir aber sagen, dass es in meiner Kindheit/Jugend lediglich einen Fall von ADS in meinem Bekanntenkreis gab und das Leiden dieser Familie und vor allem des betroffenen Kindes war klar sichtbar und deckt sich total mit dem, was du berichtest.
Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass jedes zweite unerzogene oder schlicht und einfach von den überforderten Eltern verwöhnte Vorschulkind mit Medikamenten behandelt wird. Das ist doch nicht normal! Sozialpädagogen sind nicht so frei verfügbar wie Medikamente, aber warum soll die Pharmaindustrie jetzt eigentlich den Eltern das Erziehen abnehmen und kleine apathische Monster schaffen?
Meine Mutter hat mich oft in den Arm genommen, wenn sie mal eine Minute nicht damit verbrachte, über meinen Bruder nachzudenken und fragte mich, ob alles in Ordnung wäre. Ich habe automatisch immer mit "Ja" geantwortet. Ich wollte sie nicht noch mehr belasten.
Vielleicht beruhigt es dich ja, dass es viele ältere Geschwister gibt, die irgendwann einfach "aufgeben" um die Anerkennung ihrer Eltern zu buhlen, die sich ja doch nur mit dem aufgeweckten Nesthäkchen beschäftigen. Das findet auch in Familien ohne ADS-Kinder statt. Man sagt das immer so im Spaß, dass die "Großen" so viel vernünftiger sind als ihre kleinen Geschwister, aber nur wenige Eltern kriegen es hin, auch die Älteren lange genug Kind sein zu lassen anstatt sie als gleichberechtigte Erwachsene zu behandeln.
Ich finde deinen Artikel sehr gelungen und an der klaren Auseinandersetzung mit diesem Thema und deiner eigenen Vergangenheit sieht man, dass du eine ganz starke Person geworden bist. Das wissen deine Eltern doch bestimmt.
@Lulila Ups, da ist mit der Zitierfunktion was schief gegangen - ich bitte um Verzeihung! Waren ursprünglich 2 Zitate und dazwischen eine Stellungnahme zum ersten..
15.05.2009, 07:26 von Lulila