LifeInANick 30.06.2010, 12:18 Uhr 50 29

Hurensohn

Was passiert eigentlich, wenn man in einem Bordell groß wird? Schon mal drüber nachgedacht?

Also, erstmal ein paar Vorurteile, die ich eben aus dem Weg schaufel: Bordelle sind nicht alle, manche eben schon, dreckig. Es wird gut gelüftet, denn auch Nutten mögen frische Luft. Ihr dürft es gerne sagen: Nutte. Das macht den Guten nichts aus, wenn man es nicht als Beschimpfung rüberbringt. Schließlich ist ein Banker auch ein Banker, ein Steuerverschwender - im Moment zumindest. Banker ficken die Moral mindestens so effektiv wie die Bordsteinschwalbe den Banker. Mit ein paar essentiellen Unterschieden: Der Banker bekommt was für seine Kohle, kommt voll auf seine Kosten und kann weiterhin auf die Gefühle der anderen (Nutte) scheißen. Ist schließlich ihr Job. Okay, aber kein Rachezug gegen die Banker, ich habe selbst ein Girokonto und das will verwaltet werden. Und das möchte ich selbst eigentlich nicht so gerne machen.

"Los. Jetzt wird gefrühstückt, dann packst du dein Zeug und dann geht's ab in die Schule!" bekam ich all morgendlich zu hören. "Scheiße Ma, es ist doch echt nur Reli, kein Schwein steht..." quatschte meine verpennte Stimme ohne Chance auf größere Beachtung ihrer entgegen "Ruhe. Aufstehen. Kaffee. Schule. Ende der Diskussion. Alle Noten sind wichtig, und wir können uns nicht immer alles im Leben selbst aussuchen" sagte sie dann immer, ruhig aber bestimmt. No chance. Wie ich sagte. Mit ihren Wohnortwechseln gingen bei mir regelmäßig Schulwechsel einher. Meiner Mutter war die Schule, meine Schule, tausend mal wichtiger als alles andere. Mir war alles andere immer tausend mal wichtiger als die scheiß Schule. Ich verdiente mir immer bisschen was dazu, indem ich vertickte, also als ich jünger war Alkohol, Pornos, Kippen und Gras. Später dann eben Trips, aber nie Heroin. Dieses Scheißzeug hatte schon zu viel kaputt gemacht, und ich war live dabei gewesen. Teuer und scheiße. Ich kam an das Zeug immer leicht ran. Seit ich sechs bin, streune ich zwischen nackten, gespreizten Beinen auf Covern von Videos umher, hatte Dildos als Spielzeug, und Kondome als mega-Wasserbomben. Gleitgel war prima, um es vor anderer Leute Haustür (eine komplette Packung!) auszubreiten, zu klingeln, warten bis sie rauskommen, sie effektiv zu beleidigen, und abzuhauen. Peripher legten sie sich meistens grandios auf die Fresse. Herrlich. Bis meine Mutter das einmal mitbekam. Sie schlug nie. Da schon. "Scheiße verflucht, wer bringt dir so einen durchtriebenen Blödsinn bei, hm?" Keine Ahnung, mir war danach, aber wie erklärt man das seiner Mutter? Meine Mutter war die moralischste Frau der Welt. Unfassbar.

Abgesehen von den nettesten Menschen der Welt, den Schwälbchen, gab es noch die Aufpasser schlechthin, die einfach immer für einen da waren. Mit neun Jahren hatte ich meinen ersten Clubbesuch, der denkbar scheiße war und langweilig, viel zu laut und eigentlich wollte ich viel lieber Fernsehen. Den Zuhältern gehörten immer auch coole Clubs. Was heute definitiv von Vorteil ist. Nur hatte ich damals den Kiddy Bonus - jeder kümmerte sich um mich. Ein Hurensohn, der prompt von allen bemuttert wird. Meine besten Freunde waren irgendwie immer entweder die schwer verwöhnten, mit schlechtem Selbstbewusstsein ausgestatteten Reichen-Kindchen oder Sinti und Roma. Die sind witzig, haben ein phänomenales Händchen für Musik und Lebensfreude, nur leider Wohnen sie nicht so schön, finde ich - also einziges Manko: Lifestyle.

Einmal schlug ich die Fensterscheibe eines Polizeiwagens mit einem Stein ein, da die mich beim Klauen erwischt hatten. Das Resultat war, dass der mich festhaltende Polizist seinen Griff lockerte und ich rennen konnte. Durch das Parkhaus, durch das Spielkasino (Billigvariante, verraucht), ab in einen Beate Uhse Laden. Ben, der Türsteher, ließ mich grinsend mit einem freundlichen Lächeln an ihm vorbei durch den vergilbten Vorhang flitzen und rief hinterher, ich solle nicht so schnell machen, es seien Kunden drin. Ich versteckte mich hinten auf der Toilette. Ich hörte nach einer kurzen Zeit zwei Stimmen, die fragten, ob Ben einen Jungen gesehen hätte, sie dachten, sie hätten mich hier rein rennen sehen. Der meinte, nein, er lasse in so einen Laden sicherlich keinen kleinen Jungen, aber er würde anrufen, sobald er einen sieht, auf den deren Beschreibung zuträfe. Ben. Er war ein Student gewesen, ein Bär, 15tes Semester oder so, hatte angefangen nach einer Ausbildung und arbeitete hier und im Nachtclub des Chefs meiner Ma. Gutes Geld, meinte er immer. Und harmlos, hier, am Tag.

Ich schaffte die Schule nicht. Blieb sitzen, flog wegen Drogenverticken, Prügeleien und schlechter Noten. Ein Internat war die letzte Ausflucht. Meine Mutter nahm mich beiseite eines Abends, hielt meine Hände umschlossen von ihren neben mir auf der Bettkante sitzend, rote Bettwäsche, und sagte ruhig, streng und traurig, dass ich von jetzt an auf ein Internat käme. Es täte ihr leid, mir nicht das gegeben zu haben, was andere Kinder haben, aber so sei das nun mal. So sei das Leben. Ich wusste nicht was sie meinte. Was für andere Leben? Warum nicht normal? Meine Tanten würden mir fehlen. Ein Bordell ist wie ein kleines Dorf in einer Stadt, wenn man alle darin kennt, ihre Gesichter und tragischen aber auch lustigen Geschichten, fühlt man sich geborgen. Komischerweise hatte ich mein erstes Mal, ultranervös, auch erst mit 16. Auf dem Internat.

Was ist also, Hurensohn, mit dir verkehrt? Keine Ahnung, was ist denn bei euch verkehrt, hm? Ich lernte bisschen früher die enorme Bedeutung von Gummis kennen. Ein Job ist ein Job, schätze ich. Ob man dafür ficken muss, oder gefickt wird. Und das Leben kann man sich nicht immer aussuchen. Schätze ich. Ich hatte und habe viele Menschen die ich liebe, eine große Familie. Nur eben aus einem anderen Eckchen. Ich fühlte mich nie anders. Klar, wurde ich gehänselt, aber Hölle, WER nicht?

Doch eines passierte mir nie - ich schämte mich nie für meine Mutter. Niemals. Sie arbeitete genau so hart, wenn nicht noch härter als viele andere Mütter die ich kennen lernte. Manchmal weinte sie früh am Morgen, sah bleich aus, wenn sie mit schlaffem Griff ihre Zigarette hielt. Aber wer tut das nach einer langen Schicht nicht? Sie hatte ein Herz aus Gold, genau wie alle ihrer Freundinnen. Das mit der Rente war zwar nicht so einfach zu regeln, sagte sie immer, aber sie ließ sich irgendwann einfach noch in einer dieser Tabledanceschuppen als Tresenkraft "anmelden" , Vollzeit, und voilá.

Ich begegnete auch einmal einem Lehrer auf meinem Internat, den ich von früher kannte. Jetzt ratet mal woher. Bei ihm hatte ich: Ethik.

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50 Antworten

Kommentare

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    gefällt mir

    07.10.2011, 18:18 von Ozelotte
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    Begeisternder Text, ich mag die kleinen Drehs & die Direktheit.

    09.08.2010, 16:28 von seraphin
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    spitze, amüsant bewegend

    06.07.2010, 08:36 von utopiAnerin
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    Lustig das du lesen.

    Hab mich auch mal gefragt, wie es wohl ist, ein wahrer "Hurensohn" zu sein. Das ein Wort, das viel zu oft benutzt wird, plötzlich wortwörtlich gemeint ist - und genau dieser Umstand ja fast schon "bizarr" daher scheint... bizarr.

    Hätte daraus zwar nen Krimi gemacht, aber deine Variante ist für ne KG schon besser so. ;)

    05.07.2010, 12:54 von Jonnny
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    Schöner Text. Mir gefällt der Stil und auch dieses doch etwas andere Thema.

    Doch eines passierte mir nie - ich schämte mich nie für meine Mutter. Niemals.

    Hat mich ja doch etwas gerührt, gerade durch den Zusammenhang. Und ja, Mütter sind die besten.

    Schönschön.

    05.07.2010, 00:54 von akkordgluecklich
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    Ach, herrje.
    Willkommen im Wannabe-Land.

    04.07.2010, 14:57 von lisbeth_salander
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      @lisbeth_salander tztztz

      04.07.2010, 15:23 von LifeInANick
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      @LifeInANick ...und überhaupt: Ein super Deutsch lernt man im Puff. Alle Leute mit Lücken in der deutschen Sprachkenntnis: Nix wie hin!!!

      04.07.2010, 19:26 von Jackie_Grey
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    Dass deine Mutter dich so wenig geschützt und quasi missbraucht hat, schockt mich.

    04.07.2010, 10:39 von weltallfotograf
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      @weltallfotograf Wie kommst du denn da drauf?

      04.07.2010, 11:31 von LifeInANick
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      @LifeInANick Du hast gestohlen, gedealt, warst verhaltensauffällig. Deine Spielzeuge waren Dildos und Gleitgele, soweit nicht frei erfunden.
      "Manchmal weinte sie früh am Morgen, sah bleich aus, wenn sie mit schlaffem Griff ihre Zigarette hielt."
      Das klingt extrem kaputt.
      "Aber wer tut das nach einer langen Schicht nicht?"
      Für dich war ein solches Verhalten vielleicht normal. Hast du dich jemals gefragt, was deine Mutter dir eigentlich angetan hat?

      04.07.2010, 13:32 von weltallfotograf
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      @weltallfotograf Psychoanalyse via Web 2.0. Viva Olé!

      04.07.2010, 15:22 von LifeInANick
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      @LifeInANick Das hat mit Psychoanalyse nichts zu tun. Es steht alles offen in deinem Text.

      04.07.2010, 20:24 von weltallfotograf
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    Der Text flutscht wie crema lubricante.
    Großes Kino!
    Empfehle dazu den Film "IRINA PALM" mit Marianne Faithful.

    04.07.2010, 01:27 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey Klasse, kenn ich noch gar nicht, guck ich mir nachher mal an :) Danke für den Tipp!

      04.07.2010, 19:31 von LifeInANick
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    So ehrlich, so frei raus, so unverblümt.
    Gefällt.

    03.07.2010, 22:07 von To_be_crazy
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    Der Text ist echt schön!
    "Hut ab" vor dir und deiner Mutter! ;)

    02.07.2010, 19:16 von Miezemauz
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