How I killed my mother
Das hier wird schlimm ausgehen.
„Heul doch, heul doch!“
Der fette Scheißer steht breitbeinig vor mir, seine Faust trifft wieder meine Nase.
„Na, los“, brüllt er, „spuck’s schon aus. Sonst klebt deine Fresse gleich an meinen Fingern!“
Zwei der Mädchen stehen hinter ihm, Annika und Meike, wahrscheinlich Meike jedenfalls. Auf dem linken Auge kann ich kaum noch sehen.
Ich spucke aus, aber nicht das, was der fette Scheißer hören will. Auf dem Waldboden landet blutiger Speichel.
Hinter den Mädchen steht Oliver. Es muss Oliver sein, weil er sich seit zehn Minuten nicht vom Fleck rührt. Es gibt immer einen, der nur zusieht. Annika hat die Hände in die Hüfte gestemmt und kaut mit offenem Mund Kaugummi. Sie kaut Kaugummi von früh bis spät, bläst es auf und lässt es an ihrer Oberlippe zerplatzen. Sie geht mit dem fetten Scheißer, ein paar Tage erst, aber man sieht sofort, dass sie jetzt eine Anführerschlampe ist. Sie ist nicht das Mädchen, das der Scheißer haben wollte, sie ist nur eine der vielen, die er haben kann. Jungs wie er sind nicht sehr wählerisch, in keiner Beziehung. Annika wird erwachsen werden und wenn sie Glück hat, wird sie möglichst früh das machen, was alle Schlampen eines Tages tun: Sie wird sich der Dinge am meisten schämen, auf die sie einmal am stolzesten war. Verliererhochmut hat keine besonders lange Halbwertszeit.
Ich stehe mit dem Rücken zum Baum und versuche gar nicht erst, es nicht noch schlimmer zu machen. Das hier wird schlimm ausgehen. Es ist völlig offen, ob ich in einem Krankenhaus oder meinem eigenen Bett einschlafen werde.
Schlaf ist fraglos das Letzte, an das man denkt, während man von einem fetten Scheißer auseinandergenommen wird. Es geht ihm nicht ums Verprügeln. Es ist ihm eigentlich egal, ob er mir Schmerzen zufügt. Was er tut, gehört zur Show. Es ist nicht anders als in Tierfilmen. Das Alphamännchen behauptet seine Stellung innerhalb des Rudels. Demonstrationskampf nennt sich das, was der fette Scheißer mit mir veranstaltet. Als ob’s ihn interessierte, mit wem meine Alte fickt.
Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Simpler Stellungsfehler. Ich habe die falschen Eltern. In meiner Familie irgendwie eine Wiederholungstat.
Ich werde nicht heulen, allein deshalb.
Aus Geburtsfehlern muss man lernen, das Leben vergibt Schwäche nicht.
„Jetzt mach endlich das Maul auf, du Ratte, oder ich lass dich aus den Ohren bluten! Ich schwöre, ich mach Hackfleisch aus dir!“
Vorsichtig hebe ich meine Hand. Fünf Finger Kapitulation. Die Scheißerfaust bremst knapp vor meinem Kinn.
“Meine Mutter ist eine fickgeile Nutte.“ Seltsam, wie leicht mir der Satz über die geplatzten Lippen kommt.
Klingt wie ein in jeder Hinsicht harmloses Beichtgeständnis, das ein artiger Junge sonntags in der Kirche loswird. Oder wie ein Scherz über die Mutter eines Anderen, mit dem man sich auf dem Schulhof beliebt macht. Dem fetten Scheißer reicht es darum auch nicht.
„Deine Mutter ist so verschissen verfickt, dass sie selbst Hunde drüber lässt.“, meint er und sabbert beinahe dabei.
Annika bekommt große Augen. Sie käut sich fast den Kiefer aus, so sehr ist sie auf Adrenalin. Sie tritt hinter ihren Freund und legt besitzergreifend einen Arm um ihn. Der fette Scheißer ist nicht wirklich fett, er ist einfach eine Kante. Unter dem Babyspeck warten seine Muskeln nur darauf, gefährlich zu werden.
„Seine Alte ist eine Dreckshure, die sich ne Gurke schiebt, während die Köter an ihrer Fotze schnüffeln. Das soll er sagen.“
Die Scheißerhand landet auf ihrem Po. Wenn er zwei Jahre älter ist, wird er Hintern in solchen Situationen klapsen.
Ich sehe das alles plötzlich glasklar vor mir. Der Scheißer tritt sein genetisches Erbe an. Trägt Hosen, für die er keinen Gürtel braucht. Er bricht eine Lehre ab und schmeißt die nächste. Das ist die Eintrittskarte in eine Zukunft, in der er nie wirklich ankommen wird. Mit viel Glück erwischt ihn ein Auto, bevor er sich fortpflanzen kann. Das Entscheidende aber ist: Er wird, was auch passiert, nie wirklich unglücklich sein.
„Ey, Pisströte, du hast doch gehört, was sie gesagt hat!“
Er geht einen Schritt auf mich zu, Faust voran. Aus meinem Mund sprudelt ein bisschen Blut, bevor ich zum Schwall ansetze.
Ich sage ihnen alles, was sie hören wollen. Um dann all das loszuwerden, was sie nicht verstehen, in einer Sprache, die ich nie lernen wollte.
Ich nenne den Unterleib meiner Mutter eine Kloake und mir fallen viele schmutzige Wörter ein, mit denen man Kloaken stopft. Und dann fließen die Tränen doch, ich flenne mit ganzem Körper, jeder Tropfen Blut darin ist Salz, flüssiges, heißes Salz, das mich ersticken wird, mein ganzes Leben lang.
Das Mami-Wort liegt verschluckt in irgendeinem Zweitmagen und ich werde sauer davon aufstoßen müssen, solange ich lebe.
Ich erzähle der Bande von geborstenen Wodkaflaschen, die fette Scheißer wie einen Dreizack in meine Alte rammen, während sie stinkende Schwänze lutscht. Wie sie sich rammeln lässt von ganzen Männerhorden, die unser Haus zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die immer offene Tür betreten. Die Schreie, die sie ausstößt, beschreibe ich. Je betrunkener sie ist, desto lauter schreit sie ihr Schlachtzimmer zusammen und wenn die Schreie abebben, liegt es bloß daran, dass sie gerade gefüttert wird mit Scheißersaft.
In jedem Bild, das ich so plastisch beschreibe, wohne ich. Mutter ist der Keller all meiner Wahrheiten. Ich bin ein vierzehnjähriger Junge und daran wird sich niemals wieder etwas ändern.
„Heul doch, heul doch!“
Jahre später richte ich diese Aufforderung an mich selbst. Neben mir steht mein Vater, klein und gedrungen, ein grauhaariger, schwitzender Scheißer. Ich spüre, dass er gern den Arm um mich legen würde, sich aber nicht traut, weil solche Gesten nicht selbstverständlich sind, wenn man sich Jahrzehnte lang weder gesehen, gesprochen, noch berührt hat. Er lässt seine Hände also bei sich, verhakt die Finger ineinander. Der einzige Halt, den er sich geben kann. Es gibt immer einen, der nur zusieht.
Mutter liegt vor uns, die Hände gefaltet, die Lippen ganz schmal und sauber. Der Sarg ist ihr viel zu groß. Es wäre genug Platz, um mein Herz dazuzulegen, auf ihre Brust oder in ihren Schoß.
Vielleicht wird es tatsächlich meine letzte Beigabe an sie sein, aber weinen, weinen kann ich nicht. Nicht um sie, nicht über mich und für keinen Scheißer der Welt.





Kommentare
Wahnsinn!!! Du bist echt genial!
10.02.2013, 18:48 von timlinkganz tief...bin etwas sprachlos...berührt...nachdenklich...mitfühlend....wow...sehr lebendig...traurig...und einleuchtend!!!
02.07.2012, 01:38 von FinchenMagLachen26.06.2012, 12:18 von Jackie_Grey
Na toll jetzt hab ich ne Scheißlaune.
24.06.2012, 13:55 von WieSieSehnSehnSieNixwarum?
24.06.2012, 14:25 von Gluecksaktivistinich gar nicht, ich bin so begeistert von dem text. so schlimm der inhalt auch ist.
Naja wenn sie das so wollte hat es bei mir ja geklappt.
24.06.2012, 14:45 von WieSieSehnSehnSieNixwarum sollte sie das wollen ?
24.06.2012, 14:47 von GluecksaktivistinAch mensch Frau Aktivistin. Ich glaube doch nun nicht das sie mir persönlich etwas böses will.
24.06.2012, 14:50 von WieSieSehnSehnSieNixIch würde denken, sie wollte so wie viele Autoren eine Situation so Erlebnisnah wie möglich in den Kopf des Leserns zaubern. In meinem Fall hat das geklappt und deswegen habe ich jetzt eine Scheißlaune.
das ist mir schon klar herr - oh ich seh ja garnix ;)
24.06.2012, 14:52 von Gluecksaktivistindennoch übwiegt bei mir, ob all der tragik die faszination für das können der autorin - und das habe ich nicht sehr häufig
Und bei mir halt die Scheißlaune.
24.06.2012, 14:53 von WieSieSehnSehnSieNixsie wollte wachrütten, evt die sensibilität für solche geschehnisse schärfen, zum nachdenken anregen, aber doch keine schlechte laune erzeugen ! denke ich mir mal so...
24.06.2012, 14:54 von Gluecksaktivistinhm, das liegt dann aber an dir und nicht am text :)
24.06.2012, 14:54 von GluecksaktivistinEtwas anderes wollte ich nie behaupten.
24.06.2012, 14:55 von WieSieSehnSehnSieNixwie kann man dich denn aufmuntern?
24.06.2012, 14:57 von GluecksaktivistinOralsex ist immer ein super Tip.
24.06.2012, 14:58 von WieSieSehnSehnSieNixich glaube es hat mir nun die sprache verschlagen.
24.06.2012, 14:59 von Gluecksaktivistingeht auch obstsalat?
Ihr seid sehr liebenswürdig.
24.06.2012, 15:02 von JackBlackDas mit der schlechten Laune tut mir leid.
Oralsex ist gerade aus, aber lies "Aufe Kautsch", WieSieSehenSehenSieNix.
Der ist wie n Ephedrinlolli, nur kürzer - und munter machta auch.
Wie wärs mit Eis?
24.06.2012, 15:06 von WieSieSehnSehnSieNixDanke JackBlack. Mach ich vielleicht noch.
Hast schon richtig erkannt das ich einfach zu zartbesaitet bin.
Flutschfinger geht immer.
24.06.2012, 15:08 von JackBlackSo hart es geschrieben ist, so gut ist es auch.
24.06.2012, 09:58 von Songlinedas hat Kraft.
24.06.2012, 00:56 von lebenslusthart
23.06.2012, 18:05 von SurecampIch habe eine Ahnung, woher die Inspiration hierzu kam. Wenn ich richtig liege, stieß es mir an gleicher Stelle übel auf... Aber das ist auch völlig egal.
23.06.2012, 15:52 von Mrs.McHKleiner als nach dem Lesen Deiner Texte kann ich mich (aus Schreiberlinger Sicht) nicht fühlen.
Und beglückt zugleich, dass ich Zeuge dieser wortgewaltigen Kreativität sein darf.
Applaus, Verbeugung & Hut ab :)
Ich verbleibe ohne Worte.
22.06.2012, 18:41 von LeyluraLegbreaker