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phismac 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 23

Heute wärst du 73 geworden ...

Heute wärst du 73 geworden ... Aber wer auch immer für alles hier verantwortlich ist, mit 71 war Schluss für dich.

Heute wärst du 73 geworden ... Aber wer auch immer für alles hier verantwortlich ist, mit 71 war Schluss für dich. Zum Glück hattest du noch mal eine richtig große Party, auf der alle waren, die dir was bedeuteten, bevor es 9 Tage später auf die ganz große Reise ging. Ich war nicht dabei, weil du mich im Februar nach Hause geschickt hast. Du wirst deine Gründe dafür haben, ich hab dich nie gefragt warum, aber verstanden habe ich das bis heute nicht. Aber Schwamm drüber - Heute wärst du 73 geworden und ich vermisse dich schrecklich. Es wird eigentlich eher schlimmer als besser. Was seltsam ist, denn eigentlich sollte es doch eher andersrum sein. Aber du hast ein Riesenloch hinterlassen, dass einfach nicht kleiner wird mit der Zeit.

Ich wünschte ich wär religiös. Dann könnte ich ans Paradies glauben und würde wissen, dass du da bist und dass es dir bestens geht. Dass Bowie "Heros" für dich singt während Lemmy dir nen Korn spendiert und Prince dir "Women not girls rule my world" ins Ohr flüstert und ein Kuss zuhaucht. Der Typ würde dich mögen, das steht fest. Oder Elvis würde endlich mit dir tanzen. In den warst du verliebt, für den wärst du sogar ausgewandert. Ich erinnere mich wie du seine Songs mitgesungen hast, obwohl du kein Wort englisch sprechen konntest. Wie du zu "Return To Sender" durchs Wohnzimmer gerockt bist und dabei deine Lieblingsvase zu Bruch ging. Und ich erinnere mich an den Tag im August '77, als ich dich weinend in der Küche fand und ich kapiert habe, dass was Schlimmes passiert sein musste, ich aber nicht verstanden habe, warum es so schlimm für dich war. 
Reinkarnation wär auch ne gute Option. Ich wüsste dann, du würdest wieder geboren und du würdest dieses Mal den Vater bekommen, den du dir immer gewünscht hast. Weil deiner so ein Arschloch war!
Glücklicherweise hast du mir einen tollen Vater ausgesucht. Er war wie du immer für mich da und hat mir jeden Tag gezeigt, wie sehr er meine Mutter liebt. Seine wahrscheinlich größte Leistung, die mir gezeigt hat, was Liebe wirklich bedeutet.

Aber ich habe nicht die kleinste religiöse Ader in mir und so bleibt mir nur die Erinnerung an dich. Aber anstatt in destruktiver Trauer zu versinken, bin ich dankbar, von einem Menschen aufgezogen worden zu sein, der mir so viele schöne Erinnerungen beschert hat.

Eine meiner liebsten ist die Sache mit den Königsberger Klopsen. (Ja, als Kind habe ich Fleisch gegessen und es geliebt. Dass ich Vegetarierin geworden bin, hast du immer als persönliche Niederlage betrachtet, aber glaub mir Mama, du warst die beste Amateurköchin, die je für mich gekocht hat. Meine Geschmacksnerven hatten mit dieser Entscheidung nichts zu tun).
Du hast eines Morgens verkündet, Du würdest für mich Königsberger Klopse kochen, dein Lieblingsgericht. Und die waren wirklich unschlagbar. In der Schule habe ich dann meine 3 besten Freundinnen zum Essen eingeladen, natürlich ohne das vorher mit dir zu besprechen. Und meine Freundinnen kamen mit - es waren die 70er, da ging sowas noch, einfach mal mit Freunden nach Hause gehen ohne dass deren Eltern gleich an Entführungen oder Tötungsdelikte dachten. Du hattest genau 7 Klopse gemacht, 3 waren für Papa, das war immer so. Und den Rest hast du uns gegeben, hast gelächelt und gesagt: "Ich hoffe, es schmeckt euch. Gut dass du deine Freundinnen mitgebracht hast, ich habe heute gar keinen Hunger." Ja, so warst du. So fürsorglich, so mütterlich, so bescheiden, dass einem echt schwindelig werden konnte. 
Dieses Essen hat dich übrigens auf die Liste der besten Mama meiner Klasse katapultiert - alle wollten so eine Mama. Und ich hatte sie!

Du hast immer an mich geglaubt. Egal wie durchgeknallt meine Ideen waren. Das war echt atemberaubend. Wenn andere den Kopf schüttelten, hast du applaudiert. Wenn andere sagten "Aufhören" sagtest du "Weitermachen". Als du das Weed auf meinem Tisch gefunden hast und mich fragtest "Brauchst du das noch oder kann das weg?" und ich so tat als wüsste ich von nichts und du so tatest als wäre es nichts und wir beiden doch wussten, um was es sich wirklich handelt. Das war groß.

Oder der Tag, an dem es bei uns im Keller gebrannt hat und du den Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr so viele Schnäpse eingeschenkt hast, nachdem der Brand gelöscht war, dass alle so breit waren, dass keiner mehr gerade stehen konnte. Und der alte Herr im Nebenhaus schließlich das Feuerwehrauto samt Mannschaft durchs Dorf kutschierte. Das war legendär!

Oder als du mir in der Nacht vor meiner Abi-Nachprüfung Kaffee gekocht hast, morgens um 2! Dabei musstest du ja selber früh aufstehen. Und du meintest, dass wär vielleicht nicht die beste Idee, ich aber wie eine Irre den Kaffee trank und am nächsten Morgen völlig kirre in die mündliche Prüfung ging und die beste Punktzahl meiner Schulkarriere abräumte.

Oder unsere Städtereisen. Prag, Berlin, Amsterdam und Kopenhagen. Ich war dein Reiseführer und du hast alles mitgemacht und es genossen. Weißt du noch die Nacht in Kopenhagen? Es war unmenschlich kalt und ich habe dich durch die dunkelsten Gassen dieser Stadt geführt. Du hast mich ein bisschen ängstlich gefragt, ob ich wisse, wo ich hin will. Und ich sagte mit voller Überzeugung: "Na klar!" Aber im Ernst Mama, ich hatte keinen Plan. Aber immerhin haben wir die wahrscheinlich verrückteste Bar der Welt gefunden. Alle hatten so seltsame Hüte auf und schrieen die ganze Zeit irgendwas auf Dänisch. Wir haben keinen einzigen Drink bezahlt. Am nächsten Morgen wussten wir beide nicht mehr, wie wir eigentlich ins Hotel gekommen waren. Wir hatten beide wahnsinniges Schädelbrummen, hielten uns gekühlte Wasserflaschen an den Kopf und du sagtest: "Was für ein schöner Abend gestern."

Heute wärst du 73 geworden und wir hätten geskypt. Du hättest bestimmt wieder diese farbenfrohe Blusen getragen, wie nur du sie tragen konntest. Du hättest mir erzählt, wo Papa mit dir essen gehen wird und dass dich mein Geschenk sehr gefreut hat.
Ich trage heute schwarz. Und am Muttertag. Und an meinem Geburtstag. An Ostern auch. Und an Weihnachten sowieso. Solange, bis sie eine dunklere Farbe auf den Markt bringen. All diese Tage sind so scheiße ohne dich ...

Ich habe lange nichts mehr geschrieben Mama, aber heute musste ich das einfach mal loswerden. Du hast dich immer über meine Briefe gefreut und gesagt, ich solle nie mit dem Schreiben aufhören ...
Vielleicht kannst du das ja hier lesen. Ich bin mir sicher, es würde dir gefallen.

Heute wärst du 73 geworden und alles was ich sagen kann ist: DANKE MAMA! Ich vermisse dich ...


Tags: Tod, Mutter
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12 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Schön und traurig. Traurig, weil man selbst an die Endlichkeit erinnert wird, die man doch immer so gut verdrängt, wenn man seine Familie besucht und schön, weil es positive und wunderbare Erinnerungen sind, die du hier teilst. Vielen Dank!

    12.06.2016, 20:59 von kysinz
    • 0

      Danke dir :-)

      13.06.2016, 10:13 von phismac
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  • 0



    Sehr schöner Text... danke fürs teilen deiner Erinnerungen an eine wundervolle Mutter.

    09.06.2016, 08:58 von Tanea
    • 0

      Danke!


      09.06.2016, 09:52 von phismac
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  • 0

    Das ist wunderschön.

    09.06.2016, 02:16 von kikivie
    • 0

      Merci

      09.06.2016, 09:52 von phismac
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  • 1

    Erst, wenn es unwiederkehrbar  vorbei ist, merkt man, was einem fehlt.... solange es sich dabei um Positives handelt.


    Im umgekehrten Falle ist es ein Segen.

    Tolle Erzählung und eine verdienteHommage an die Mutter !!

    suerte


    07.06.2016, 17:05 von Dr_Lapsus
    • 0

      Das stimmt! Danke :-)

      09.06.2016, 09:52 von phismac
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  • 0

    Das ist wunderschön zu lesen! Danke!

    23.05.2016, 14:55 von secretlanguage
    • 0

      Danke auch!

      09.06.2016, 09:53 von phismac
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  • 1

    Schöner Text. So nachvollziehbar. Mein Vater wär dieses Jahr auch 73 geworden und ist vor ein paar Monaten verstorben. Neben diesem riesengroßen Loch sind die Erinnerungen und die Lebenseinstellungen des Menschen wohl das einzige was einem wirklich bleibt. 

    02.05.2016, 23:13 von Stadtnixe
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  • 3

    "Oder der Tag, an dem es bei uns im Keller gebrannt hat und du den Jungs
    von der Freiwilligen Feuerwehr so viele Schnäpse eingeschenkt hast,
    nachdem der Brand gelöscht war, dass alle so breit waren, dass keiner
    mehr gerade stehen konnte. Und der alte Herr im Nebenhaus schließlich
    das Feuerwehrauto samt Mannschaft durchs Dorf kutschierte. Das war
    legendär!"

    Das hat mich erheitert. Es ist schön, dass du soviel und soviel Fantastisches von deiner Mutter hattest. Aber schwer isses, was? Vor allem, wenn man nicht gläubig ist. Kenn ich zu gut.

    02.05.2016, 21:55 von Jimmy_D.
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