Heute ist kein Tag.
Dreierlei
I.
Mit ihrer Idealvorstellung des einen Typen an ihrer
Seite – ihn Märchenprinz zu nennen, wagte sie sich nicht, seit Holger und
Tjarko sie damals als sie in der vierten Klasse waren, gezwungen hatten, zuerst
Regenwürmer zu essen und dann an ihren winzigen Kinderpimmeln zu saugen – hatte
Martin eigentlich nur den Chromosomensatz gemein. Nadine versuchte sich an
einer lasziven Geste: Zog mit ihren frisch manikürten Fingern von der Fessel
bis zur Mitte des linken Oberschenkels das Strumpfband hoch und die seidenen Strümpfe
glatt. Imitierte jedenfalls das, was sie für lasziv hielt, weil es in der Werbung
so und nicht anders zu sehen gewesen war. Überhaupt Strumpfbänder. Trug sie
nie. Aber heute, hatte Steffie gesagt, heute müsse das sein. Schließlich
heirate sie nur einmal in diesem Leben. Schließlich sei das Brauch. Schließlich
sei an ihrem weißen Kleid sonst nichts anderes blaues, geborgtes und zu gleich
altes unterzubringen. Dass sie, Steffie, auch noch gedachte, das Strumpfband an
einen Meistbietenden versteigern zu wollen, stand zu befürchten. Einen kurzen
schaurigen Moment lang sah Nadine sich selbst, wie sie auf der Hochzeitstafel
zu sitzen kommen würde. Zwischen halbvollen Kuchentellern und halbleeren Schnapsgläsern.
Wie Martins Onkel ihr lüstern an den Fesseln herumnesteln würde und sich auch
nicht zu blöd war, für den Fetzen billigen, sehr hässlichen und mit Gummizug
durchwirkten Stoffs den ein oder anderen Schein aus seinem Geldbeutel zu
fischen.
Wenn vom
glücklichsten Tag ihres Lebens die Rede sein würde, so war sich Nadine bereits
jetzt sicher, würde sie nicht an diesen denken. Ein anderer fiel ihr gerade
auch nicht ein, aber dass es ganz sicher nicht dieser sein würde, das wusste
sie. Steffie hatte ihr geholfen, wo sie nur konnte. Hatte Kutsche, Heliumherzchenballons,
dreistöckige Torte und den DJ organisiert. Dass sie auch beim ortsansässigen
Kleintierverein vorstellig geworden war und den alten Mewes beschwatzt hatte,
ein paar seiner weißen Tauben fliegen zu lassen, wusste Nadine zu dem Zeitpunkt
noch nicht. Dass diese Tauben monogam leben und deshalb sinnbildlich für eine
nimmer endende Ehe standen, hatte sie in einem der unzähligen Brautmagazine
gelesen, die Steffie seit einem Jahr allwöchentlich angeschleppt hatte. Es
interessierte sie aber auch nicht weiter. Die Korsage des, sie musste es sich
eingestehen, sehr hässlichen Kleides zwickte, aus ihrer lockig drapierten
Hochsteckfrisur lösten sich bereits erste Strähnen und überhaupt, nein,
besondere Lust hatte sie nicht auf das ganze Tamtam.
II.
Martin seinerseits erwachte stöhnend. In seinem
eigenen Bett. Immerhin. Dass er mit Steffie abgeschmiert war, musste unter
allen Umständen geheim bleiben. Hoffentlich verplapperte sich die blöde Kuh
nicht, wenn sie Nadine ins, sicher nicht besonders hübsche, Kleid helfen würde.
Unter der Dusche entdecke er Kratz- und Bissspuren auf seiner Schulter. Auch
das noch. Scheiße!
Er pfiff sich drei Ibuprofen 400 ein, aß fünf von sechs Brötchenhälften, die
ihm seine Mutter geschmiert und belegt hatte. Trank gierig zwei Tassen
Filterkaffee und reagierte nur wortkarg und mürrisch auf die aufgekratzten
Fragen, die von links und rechts geschossen auf ihn prallten. Mutter hatte ihm
gestern die Manschettenknöpfe ihres Großvaters überreicht. Sich an einer
feierlichen Geste und bedeutungsschwangeren Worten versucht. War daran
gescheitert. Blickte ihn mit feuchten Augen an und freute sich, dass er, der
letzte ihrer Söhne, nun in den Hafen der Ehe schippern würde. Die ans
Bauernhaus angrenzende Scheune war schon seit einiger Zeit für Martin und
Nadine ausgebaut worden. Wie sie eifrig überprüft hatte in den letzten Wochen,
war ihr Hochzeitstisch im hiesigen Möbelhaus schon fleißig von Gästen abgeräumt
worden, die sich heute auf ihre Kosten die fetten Bäuche vollschlagen und die Köpfe
zusaufen würden. Immerhin, die Grundausstattung für das neue zuhause der beiden
wäre damit gesichert. Nadine musste sich um nichts mehr kümmern. Sie musste nur
noch Enkel mit Doppelnamen in die Welt setzen – die Kinderzimmer waren schon in
überdurchschnittlicher Zahl und (noch) unter den Decknamen „Abstellkammer“,
„Bügelzimmer“ und „Hobbyraum“ deklariert im Scheunenausbau vorhanden.
Martin schlüpfte in seinen Anzug. Er würde ihn nur heute tragen können. Erstens
der anderen (fehlenden) Anlässe für festliches Outfit wegen. Zweitens weil er,
wie sein Vater auch, zu Bauch neigte und der Ansatz dazu in den vergangenen
Monaten sichtbar gewachsen war. Er war nicht besonders glücklich. Weder an
diesem Tag noch an anderen. Er war – stimmungsmäßig – die Schweiz. Dieser Tag
lag ihm nicht besonders am Herzen. Der glücklichste seines Lebens würde er
nicht werden. Aber einer der besseren: Er würde trinken können was er wollte
und wie viel er davon wollte! Das war doch schon mal was. Damit konnte man sich
durch den Tag helfen. Wenn nur Peter, sein angeblich bester Freund und
Verlobter von Steffie, bloß nicht zu einer Rede ansetzen würde. Dieser
Schnickschnack interessierte doch keinen. Als Martin sich die Schnürsenkel
band, bemerkte er, dass er schon wieder nach Schweiß müffelte. Dass der Anzug,
seit sie ihn vor vier Wochen gekauft hatten, um den Bauch schon etwas knapp
geworden war, bestürzte ihn deshalb, weil er nachher nicht so viel essen können
würde. Nein, besondere Lust hatte er nicht auf dieses ganze Tamtam.
III.
Priester Dünnebier, der eben noch am Hosenschlitz 13jährigen Messdieners Marcus herumgefummelt hatte, ließ sich nun in der Sakristei von den älteren aus der Messdienertruppe in seinen Ornat helfen. Der saß um die Hüften schon ein wenig eng. Er würde das ändern lassen müssen. Dafür hatte er jetzt natürlich keine Zeit und noch weniger Muße. Die bevorstehende Eheschließung war ein erfreulicher Anlass, die Kirche zu öffnen: Der ortsansässige Bauunternehmer wollte gewinnbringend seinen Junior mit der nicht nur leidlich schönen, sondern auch reichlich begüterten Großbauerntochter zu einem Bollwerk gegen die Verstädterung verbinden. Martin würde alsbald Nadine angetraut sein, bis dass der Tod sie scheiden und der anhaltende Trend zur vorzeitigen Ehescheidung sich an ihnen die Zähne ausbeißen möge. All dies war natürlich grotesk zu nennen, er hatte es trotzdem mit rhetorischen Supertricks in seine Hochzeitspredigt eingewoben. Er freute sich auf die Zeremonie. So viel wurde ja leider nicht mehr geheiratet. Auch wenn er sich im Sprengel damit rühmen konnte, die meisten Eheschließungen vorzunehmen. Er verscheuchte die Messdiener mit einer wedelnden Abwehrgeste und rieb die Handinnenflächen aneinander. Nahm freudig grinsend einen Hieb vom Messwein. Er würde noch einen Pfefferminz nehmen müssen, bevor er zur Tat schritt. Schon läuteten erstmals die Glocken. Ach, wie er sich freute – der Trauung würde alsbald die erste Taufe folgen. Sicher würde es ein properes Kind mit schwer zu merkendem und noch schwerer auszusprechenden Doppelnamen sein. Sei es drum – Hauptsache, es wurde überhaupt getauft. Dünnebier nahm Platz und versuchte sich an einer kurzen Kontemplation über die Ehe. Deren Zweckmäßigkeit und nicht deren vermeintlich romantische Aspekte. In Gedanken schweifte er ab. Landete bei den Blumenkindern. Die sicher zuckersüß aussehen würden. Sicher würden die Gäste es wohlmeinend interpretieren, wenn er schmunzelnd im Garten stehen würde, ein Glas Wein in der Hand und dem Spiel und Getobe der zahlreichen Kinder zusehen würde. Er erhob sich ächzend. Glättete sein gestärktes Gewand, dachte an all die Leckereien, die ihm am Nachmittag bevorstehen würden. Ja, er hatte große Lust auf das ganze Tamtam.



Kommentare
Neues aus Stereotypia.
30.01.2012, 10:36 von justanotherpictureso lange du vor stereotypen triefende texte empfiehlst, nehm ich dir deine kritik an meinen texten nich ab. sorry.
30.01.2012, 17:48 von frau.von.ungefaehrfabelhaft! mehr davon :)
30.01.2012, 00:28 von pecadomortalbiss-und kratzspuren! bügelzimmer! dünnebier!
29.01.2012, 12:51 von lavishich finde das wirklich lustig, mein kind, das hast du fein gemacht!!!
Gute Unterhaltung sehr gut verpackt.
29.01.2012, 10:54 von lalinadünnebier macht tamtam.
Dramatisches wie Nichtigkeiten aussehen zu lassen und damit ihre Wirkung zu verstärken, ist auch eine Kunst.
27.01.2012, 23:02 von Sterling4everDiese Landluft duftet
27.01.2012, 22:33 von EliasRafaeleine runde Sache!
27.01.2012, 22:08 von Surecampme like und so!
Hervorragend!! Ist doch schön, wenns wenigstens einer glücklich ist!
27.01.2012, 18:14 von Raeubertochter13