Bembelbabe 08.11.2010, 20:19 Uhr 3 3

Herbst

Herbst war schon immer scheiße. Doch dieses Jahr ist der Herbst dunkler und kälter als die Jahre zuvor.

Dieses Jahr gehe ich durch die Straßen und erinnere mich. Ich gehe durch die Straßen, durch die wir zusammen gingen. Ich laufe an den Cafes vorbei, in denen wir immer gesessen haben. Ich kann nicht anders. Ich erinnere mich und kann mich nicht dagegen wehren. Ich würde im Moment lieber vergessen und habe gleichzeitig Angst, dass meine Erinnerung an dich verblasst.

Im Sommer war es noch leicht. Im Sommer war es wie ein neues Leben. Ein freies Leben, irgendwie. Ein Leben ohne Krankenbesuch, ohne für dich zu kochen, zu waschen, zu putzen und ohne Stütze zu sein. Ein Leben, das wieder mir gehörte.

Aber jetzt, im Herbst kann ich nicht anders, als mich zu erinnern. Letztes Jahr im Herbst begann es, als jeder Schritt zur Last wurde. Als dir nach Hundert Metern das Atmen schwer fiel, wie anderen nach einem Halbmarathon. Letztes Jahr im Herbst war es, wo du weinend in meinen Armen zusammensankst und mir sagtest, dass du doch so gerne noch so viel erlebt hättest. Dass du noch gerne bei uns bleiben würdest und dass du das Leben so sehr liebst.
Letztes Jahr im Herbst war es, als ich dich jeden Tag ins Krankenhaus fuhr und draußen im Auto auf dich wartete. Letztes Jahr im Herbst war es, als wir deine Beerdigung planten.

Dieses Jahr im Herbst habe ich ungewohnt viel Zeit und kann doch nichts mit ihr anfangen, weil ich gelähmt auf dem Sofa sitze. Raus gehen und das Leben genießen? Ja, das ging im Sommer, als mich die Erinnerung noch nicht erdrückte.

Und was ist an Weihnachten? Schon letztes Jahr war Weihnachten ein trauriges Fest, weil wir ahnten, dass es das letzte Mal mit dir sein würde. Doch dieses Jahr weiß ich nicht, wie ich es überstehen soll. Same procedure as every year? Dir haben die Traditionen immer viel bedeutet. Nur dir zur Liebe haben wir immer mitgemacht. Jetzt bist du nicht mehr da. Trotzdem Weihnachtsbaum und Gänsebraten?

Noch 132 Tage, bis der Frühling beginnt.

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3 Antworten

Kommentare

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    liebes, ich bin wieder da.

    wir haben so lange nicht miteinander gesprochen, das tut mir richtig leid. wenn du magst, kannst du dich mal melden, vllt. können wir ja ein bißchen was reaktivieren? ;)

    herzallerliebste grüße von mir an dir. :)

    18.11.2011, 11:54 von la_lionne
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    Gut geschrieben. Mach irgendwie beklommen, denn das Gefühl des Verlusts und der Trauer wird durch den Text transportiert.

    „Dir haben die Traditionen immer viel bedeutet. Nur dir zur Liebe haben wir immer mitgemacht. Jetzt bist du nicht mehr da. Trotzdem Weihnachtsbaum und Gänsebraten?“

    Auch wenn ich für die meisten Tage des Jahres meine, dass man sein eigenes Leben leben soll, an bestimmten Tagen, so wie Weihnachten, kann es sinnvoll sein, an Traditionen festzuhalten. Nicht an Geschenkorgien, aber beispielsweise am Gänsebraten. Dennoch muss jeder letztendlich für sich selbst entscheiden, wie viel Erinnerungen zuzulassen sind.
    Verlust durch Tod habe ich zwar schon erlebt, aber den Tag habe ich noch vor mir, an dem das Elternteil sterben wird, das mir etwas bedeutet. Und muss zugeben, wohl ist mir bei dem Gedanken nicht. Den Weihnachtsbaum haben wir zwar schon lange abgeschafft, aber den Entenbraten und den Gang zur Kirche nicht. Auch wenn ich mich letzterem manchmal entziehe. Ich nehme diesen Text mal zum Anlass, wieder mit zur Kirche zu gehen ... solange das gemeinsam noch möglich ist.

    22.11.2010, 13:23 von Cyro
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    ...obwohl ich eine Lanze für den Herbst und Winter brechen muss! Aber ist alles nur allzu bekannt...

    22.11.2010, 12:49 von noodle1981
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