wasauchimmerundsoweiter 12.07.2012, 00:23 Uhr 70 48

Hallo Papa,

...oder sollte ich sagen, meinen falschen, richtigen Vater?!


Ich saß heute in der Küche, mit einer Zigarette und Kaffee. Hab seit ein paar Wochen nicht mehr an dich gedacht. Es schmerzt zu sehr.

Mein Vater, so nennt er sich, hat mich angerufen. Mein falscher, echter Vater. Er sprach davon, dass er so Vieles bereuen würde. Dass er nie sah, wie ich meine ersten Schritte ging. Dass er nicht derjenige war, den ich Papa nannte. Dass er sich für die letzten 21 Jahre hassen würde. Es täte ihm ALLES unfassbar leid. Mir auch. Für ihn.

Er beschrieb wie er mich das erste Mal besuchte, nachdem er das erste Mal gegangen war. Eigentlich endgültig. Er sah dich, mich und Mama. Er hasste dich, weil ich dich liebte. Er hasste zu hören, dass ich dich Papa nannte, oder sollte ich sagen meinen falschen, richtigen Vater? Das hat er mir erzählt und als ich zu weinen begann, entschuldigte er sich. Dafür dass er mich alleine lies. Ich bedankte mich, er dachte dafür, dass er sich entschuldigte. Nein, ich bedankte mich für dich.

Ich respektierte keinen Menschen so sehr, wie ich dich respektierte. Du hast dich meiner angenommen. Wenn ich nach meinen ersten Gehversuchen gefallen bin, hast du mir aufgeholfen. Immer und immer wieder. Du hast das all die Jahre getan, immer und immer wieder. 

Du bist der erste und einzige Mensch, den ich Papa nannte, ohne dass es falsch klang. Obwohl es biologisch falsch war. Noch immer ist. Komischerweise bist du auch der einzige Mensch dem ich sagen könnte, dass ich ihn unendlich, aus vollstem Herzen liebe. So sehr liebe, dass es wehtut. So sehr liebe, dass es mich nicht schüttelt, weil es so verflucht ehrlich ist. Aufrichtig. Echt.

Ich träume oft von dir. Träume du stirbst, träume davon, dass du mir nie wieder aufhilfst. Dass du nie wieder meine Tränen trocknest. Wir nie wieder gemeinsam lachen können. Ich träume von den Geschichten die du mir erzähltest. Davon wie schwer dein Herz war.

Jetzt bist du bei der Frau, mit der du eine echte Tochter hast. Eine echte Tochter, die es schon gab, bevor es dich und mich gab. Eine echte Tochter, die doch die Falsche ist. Mich nanntest du deine falsche, richtige Tochter.

Als du gegangen bist, haben du und ich alleine deine Koffer rausgetragen, haben deine neuen Wände gestrichen, Wände die dir jeden Tag zugeschrien haben, dass du einsam bist. Wände an denen jetzt ihre Fotos hängen. Ich bringe diese Einsamkeit um, dafür dass sie dich wieder zu ihr führte. Zu deiner neuen, alten Frau.

Ich bin einmal die 139km zu dir gefahren. Ich hatte das Gefühl, ich würde sterben, wenn ich es nicht täte. Ich brauchte dich. Ich brauchte dich so sehr, ich wär die 139km auch gekrochen. Du hättest mir ja aufgeholfen, glaubte ich.

Die Monate zuvor hatte ich schon unendlich oft versucht dich anzurufen. Doch deine neue, alte Frau hob jedes Mal ab. Du seist nicht da, du würdest auf der Arbeit sein, du müsstest schlafen, du tätest dieses, du wärest unterwegs. Sie schämte sich für keine dreckige, verlogene Ausrede. Selbst wenn ich sicher war dich im Hintergrund gehört zu haben, fielen ihr noch Ausreden ein.

Also klingelte ich an deiner Haustür und deine neue, alte Frau und deine falsche, echte Tochter öffneten die Tür. Du seist arbeiten. Man bat mich nicht rein. Die Tür schloss sich. Ich stand einige Minuten dort auf deinem Grundstück, das welches wir gemeinsam bepflanzten. Bewachsen mit Blüten der Vergangenheit. Mit unseren Erinnerungen, die einfach nicht verwelken wollten. Mit der Schönheit unserer gemeinsamen Zeit.

Während sich leise meine Tränen den Weg über meine Wangen bahnten, ohne dass ich es auch nur bemerkte, sah ich dich. Gebeugt sah ich dich an einer Scheibe. Auch dir liefen Tränen. Wir schauten uns an, bis deine neue, alte Frau den Vorhang zuzog. Eigentlich wollte ich zu dir rennen, die Scheibe einschlagen, dich zu mir holen. Dich nie wieder loslassen. Doch die Erkenntnis hinderte mich. Ich war gefesselt von der Wahrheit, geknebelt vom Schmerz der Einsicht.

Ich hatte dich verloren.

Verloren weil du einsam warst und völlig abhängig wurdest. Abhängig von Menschen die dich in Käfigen hielten und Dinge die du liebtest von dir fern. Wahrscheinlich noch weiter fernhalten würden. Ich versuchte es nie wieder.

Ich wünschte ich könnt wenigstens deine Stimme noch manches Mal hören, hören dass es dir gut geht und aufhören davon zu träumen, dass du stirbst. Jede Nacht. Jeden Tag. Bereits zwei Jahre lang.

Es schnürt mir die Kehle zu. Alles krampft. Mir wird schwindelig, ich fühle einen mächtigen Sog in meiner Körpermitte. Ganz langsam, aber beständig. Sie entflieht. Die aufrichtigste Form von Liebe, die ich jemals zu fühlen wagte.

Drum verzeih mir, dass ich es dir nie sagte. Hätte das denn etwas geändert?

Du bist der Mensch der mein Leben am meisten bereicherte und am leersten hinterließ.

Deine falsche, richtige Tochter.

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70 Antworten

Kommentare

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  • 1

    schön geschrieben! und sehr bewegend. ist eine balance zwischen mitgefühl für die protagonistin und wut auf den falschen richtigen vater...
    halt die klappe fincher und like es einfach!

    15.08.2012, 12:50 von Fincher
    • 0

      du spinner :)

      15.08.2012, 20:09 von wasauchimmerundsoweiter
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  • 2

    Wie kann man jemanden hinterherlaufen der einen so mit Füßen tritt?!
    Loslassen ist immer schwer, aber in dem Fall wohl die beste Alternative!

    17.07.2012, 10:12 von shaebbish
    • 0

      Ist es denn er, der sie mit Füßen tritt?

      17.07.2012, 11:01 von sailor
    • 1

      ICH finde schon!
      Wenn Sie ihm nur annähern so viel bedeuten würde wie er ihr, dann denke ich doch dass sich ein ERWACHSENER Mann gegen seine vllt. leicht kranke neue alte Frau durchsetzen kann und man bestimmt eine Lösung finden würde!

      17.07.2012, 11:08 von shaebbish
    • 1

      Von außen liegen Lösungen immer auf der Hand...

      So'n bischen Hilfe tät den allen ganz gut.
      »Da ist zuviel Angst in deiner Welt...«

      17.07.2012, 11:13 von sailor
    • 2

      liebe ist eben doch nicht kalkulierbar. schon gar nicht, wenn sie so fundiert und verwachsen ist. er hat mich nie aktiv mit füßen getreten, sein passivsein kann man durchaus so auslegen. aus erzählungen weiß ich aber, dass er insgesamt sehr passiv geworden ist. regungslos. als hätte er sich aufgegeben. danke trotzdem für die berechtigten zweifel.

      17.07.2012, 14:39 von wasauchimmerundsoweiter
    • 1

      »Resignation« nennt man sowas glaube ich...

      17.07.2012, 14:54 von sailor
    • 1

      Es ist egal, wie sehr man eigentlich verletzt wird und "mit Füßen getreten wird", man möchte die Wahrheit, nicht wahr haben. Man klammert sich an jeden letzten Zipfel, weil dort vielleicht noch die letzte kleine Hoffnung besteht, das der Jenige aufwacht und es endlich begreift, und weil man es selber einfach nicht verstehen möchte/ kann, wie Jemand so handelt, sich so anhängig macht, auch wenn man immer und immer wieder enttäuscht und verletzt wird. Der Schritt, loszulassen, braucht so unglaublich viel Zeit und ich denke, das man es nie komplett schaffen wird.

      26.09.2012, 07:44 von Fritzlola
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  • 3

    Ich würde deinen Papa,diese Gedanken auch schriftlich geben.


    ALLES Liebe in der Zukunft.

    17.07.2012, 01:20 von Andi_HH
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  • 5

    Wirklich traurig, solche Sachen. Ich hoffe, er ist deine Liebe und Treue würdig und reist verdammt nochmal die 139km zu dir und kauft dir ein verdammt grosses Eis mit Sahne, Kirsche und ner fetten Entschuldigung!


    <3

    16.07.2012, 22:46 von missweiss
    • 1

      du bist unfassbar goldig!


      16.07.2012, 22:49 von wasauchimmerundsoweiter
    • 1

      Und Schokostreusel! Ich hab die Schokostreusel vergessen :D


      ***

      16.07.2012, 22:56 von missweiss
    • 1

      hahaha! da zaubert einer lächeln! <3

      16.07.2012, 22:58 von wasauchimmerundsoweiter
    • 1

      dat freut misch! :)

      16.07.2012, 23:05 von missweiss
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  • 2

    wieso hat sie es ihm nie gesagt, wenn er doch der einzige ist, dem sie die aufrichtige liebe gestehen könnte? und wieso lässt er sich den umgang mit ihr verbieten? merkwürdig

    15.07.2012, 18:12 von LauraPhilomenaTheresa
    • 0

      es ist tatsächlich merkwürdig.

      15.07.2012, 23:18 von wasauchimmerundsoweiter
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Es schnürt mir die Kehle zu. Alles krampft. Mir wird schwindelig, ich
    fühle einen mächtigen Sog in meiner Körpermitte. Ganz langsam, aber
    beständig. Sie entflieht. Die aufrichtigste Form von Liebe, die ich
    jemals zu fühlen wagte.

    Ich brauchte dich so sehr, ich wär die 139km auch gekrochen.

    Ergreifend geschrieben. ich hoffe, dass sich da doch noch etwas machen lässt... Alles Gute u. viel Glück.

    15.07.2012, 09:16 von Jackie_Grey
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  • 0

    boah hammer...das geht echt tief. großes lob...man bekommt die gefühle richtig zu spüren...

    15.07.2012, 03:30 von FinchenMagLachen
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  • 1

    Sehr lebendige Schreibe, die mich gepackt & hat teilhaben lassen an diesen tiefen Empfindungen.


    Mit Respekt darf ich äußern, dass ich dich als sehr stark & auch schwach empfinde. In der Summe interpretiere ich das als eine "schöne" Lebendigkeit!

    Möge das Schöne wachsen in dir & um dich, dass Glück dich umzingeln & dein Leben beflügeln.

    14.07.2012, 23:30 von owo
    • 1

      wie alles gesunde im leben, sollte stets eine wechselwirkung vorherrschen. zumindest meiner meinung nach, wer stark sein kann, darf auch schwach sein und andersrum. :) find ich treffend beschrieben! vielen lieben dank nochmal und auch für dich alles gute!

      14.07.2012, 23:33 von wasauchimmerundsoweiter
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  • 0

    Wahnsinn beschrieben!
    Lange nicht mehr so einen Bewegenden Text gelesen.

    Ich wünsch dir alles Gute...

    14.07.2012, 21:32 von DieVossy
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