kleinstadtriese 24.05.2018, 23:58 Uhr 1 1

Halbwarm

über den Generationskonflikt mit meinem Großvater, bei dem ich lebe. Opa, falls du das je findest: Erwärm' doch mal dein Herz.

Ich bin zu früh aufgewacht, mir liegt die letzte Nacht in den KnochenJa, ich bin desorientiert und eigentlich nur an weiterem Schlaf interessiert. Es ist 8 in der früh und ich fühle mich als lacht die Sonne mich aus Danach, jetzt aufzustehen seh ich beim besten Willen nicht aus. 

Was ist das für ein Geräusch? Hab ich mich in dem Moment gefragt, ist jetzt keine Frage an euch. 

Es ist 8 Uhr in der früh und es ist ein Benzinrasenmäher. 

Rotierende Messer, ein unregelmäßiger Querschnitt, der Geruch von Gras, symmetrische Bahnen, flackerndes Mähgut und das Verbot, sie zwischen 20 und 7 Uhr in Betrieb zu nehmen. 

Aber wir haben ja jetzt 8, und das spüre ich von Kopf bis zum Fuß und in all meinen Gliedern, in den Fingern, in den Fußzehen und in meinen Lidern. 

Wir haben ja jetzt 8 und das bedeutet für mich: Ich werde zumindest keine Enkelin eines Kleinkriminellen, keine Polizei und keine Handschellen, mein Opa mäht sein grünes Gras wie der deutsche Staat es missioniert. Ihn dabei zu verstehen, das habe ich schon oft probiert. 

Rotierende Messer, ein unregelmäßiger Querschnitt, der Geruch von Gras, symmetrische Bahnen, flackerndes Mähgut. Sein Nachbar tut es ihm schon nach kurzer Zeit gleich. Ein „Hallo“ durch die Hecke, halb Grummeln halb Gruß.  

Mähen im Akkord, eine Symphonie aus einzelnen Schnitten auf der Oberfläche einzelner Halme, in verschiedenen Gärten, doch das Gras ist gleich grün.

„Guten Morgen“ hallt es zurück, halb Grummeln, halb Gruß. 

Ich reibe mir den Sand aus den Augen, dreh mich nochmal, steck mein Kopf in ein Kissen und beginne zu schreien, es ist 8 Uhr in der früh und das kann doch nicht sein. 

Fühl mich wie ein Sandkorn im Getriebe, denn ich weiß, meine Großmutter wird putzen. Mir wird man heute noch sagen, ich soll meine Zeit besser nutzen. 

Ein schläfriger Gang, die Augen halb offen, eine Zigarette am Morgen, mein Herz noch am hoffen, hab noch keine Routine, vertrau auf meinen Sinn, verdammt, wo hab ich nur meine Haarbürste hin? Bin der tragische Held meines Alltags, meine Seele hellwach, lern mich jeden Tag neu kennen, Verdammt. 

Was soll dieser Krach? Es sind zwei Benzinrasenmäher. 

Und dann, so im rymthmischen Summen und Brummen der vollstreckten Arbeit am Morgen, beginne ich, mich um meinen Opa zu sorgen, würd ihm gern mal meinen Verstand borgen, vielleicht ist er dann um 8 in der früh wach genug, um zu wissen, dass man da nicht den Rasen mäht. 

Hochbackende Brötchen, ein Querschnitt durch Teig, halbwarme Butter, Erdbeeren mit Sahne und ein zumindest halbwarmes Herz. Das grad war fiktiv, ich hoff’ ihr versteht, aber mein Opa will nicht dass da was aus Ordnung gerät. Ja, und selbst beim Frühstück ist alles getaktet, Eineinhalb Semmel, Sechs Trauben, Milch im Kaffee, da wird auf alles geachtet. 

Das Brummen wird leiser, bis es langsam verstummt, das Gras ist gleich grün doch es scheint jetzt getrimmt, das pubertäre Mädchen in mir ist milde gestimmt. Sie läuft jetzt zum Fenster, denn ich weiß was passiert, ein Gespräch zwischen Nachbarn,intim,ungeniert.

Zuallerst will ich den Aufbau erklären, es ist wie bei Studenten, die vollgepackte Billy Regale als Raumtrenner nutzen, ach Herr Nachbar, sie dürfen mich duzen, sitzen zwei Rentner in Gärten, zwischen Hecken und Sträuchern, sehen sich nicht ins Gesicht, hören nur eine Stimme, ich verstehe das nicht. 

Und so hallt aus dem Dunkel, Tag ein und Tag aus, höfliche Floskeln und Gärtnergemunkel. 

Und man meint, das sei Smalltalk, doch Sie kennen sich lang, es ist Acht  in der Früh und keiner der beiden fängt was Persönliches an. 

Ein akkurater Schnitt, Blätter am Boden, abgestorbene Knospen und altes Laub aufgehoben. Eine schöne Fassade, das Gras ist gleich grün, im Sommer sieht man Petunien blühen. Rotierende Messer, ein unregelmäßiger Querschnitt, der Geruch von Gras, symmetrische Bahnen, flackerndes Mähgut. Menschlicher Kontakt, ein Lebewesen, dass den gleichen Weg gegangen sein muss, seit Jahrzehten im Haus nebenan, mit unendlich vielen Details, wo fang ich bloß an, die sich unterscheiden, fast wie beim gemähten Gras, doch es ist gleich grün und deshalb fragt keiner nach. Leiden, das tut in dieser Generation, so scheint es mir, jeder für sich allein. 

Über Seenplatten und Kuchen, und überhaupt, wann soll man die nächste Busreise buchen? 

Mit dem Rauchen hat mein Opa lang aufgehört, aber warum haben die Beiden noch nie ein Bierchen probiert? 

Ein zischendes Ploppen, Prost, das Glas klirrt. Ich wünschte, ich sähe, wie man zwischen den Gärten mal philosophiert. 

Doch die Hecke wächst dicht, lässt kein Raum für mehr Licht, ist in perfekter Form, doch die Distanz zu sich selbst, Perfektionismus, das steigt enorm.

Ich bin Sand im Getriebe, denn mein Leben läuft nicht nach Muster, weiß wer ich bin, bin kein Schneider, kein Schuster. Und auch sicher kein Gärtner denn ich mag nicht den Klang, von zwei Rasenmähern und die Lautstärke, in der man schweigt, wenn man sich anpasst und nichts persönliches zeigt. 

Ich bin wach und voll Durst auf das Leben. Ich spüre das von Kopf bis Fuß und in all meinen Gliedern, in den Fingern und den Fußzehen und in meinen Lidern. 

Ich weiß das Gras immer grün ist und der Himmel stets blau, so soll meins stets warm scheinen, zumindest halbwarm, genau. 


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Kommentare

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    irgendwie sehr gut geschrieben, gefällt mir :) und sei nicht so streng mit deinem opa, dann ist er's auch nicht mit dir ;) lieben gruß!

    25.05.2018, 12:17 von green_tea
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