quatzat 06.11.2012, 17:31 Uhr 168 44

Halbbruder

Über den Tod, das Handeln und das Alleinsein.

Ich liege auf dem Bett. So wie den Tag davor und ebenfalls den Tag vor diesem Tag. Das Aufwachen fällt mir mit jedem Mal schwerer, ich ringe schon im Traum dagegen, als wollte ich die gegenwärtige Welt nicht betreten. Auf meinem Körper haben die Hitze des Sommermorgens und das ständige Einatmen von Staub einen dünnen, schmierigen Film Schweißes erzeugt. Ein kurzer, schwerfälliger Blick zur Seite durch das große Fenster zeigt mir, dass die Sonne bereits hoch steht. Mit jedem Mal Aufwachen steht sie höher.

Langsam richte ich mich auf. Im Grunde ist es egal, was ich tue, denke ich, ich kann liegen bleiben oder mich aufrichten, es wird nichts ändern an dem was geschieht. Das Geräusch im Dreck schabender Stiefel dringt vom Vorplatz des Gebäudes durch die halb geöffneten Gardinen des Fensters zu mir herauf. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals anders gewesen wäre in meinem Leben. Immer schon haben mich die Dinge vor sich her getrieben. Ich kann sie durchdringen, ich kann sie beschreiben, aber ich kann sie nicht ändern. So wie ich hier gelandet bin. Es ist mein Glück und trotzdem eine Strafe. Dieses Mal bin ich nicht der Spielball des Lebens sondern der von Koch. Von Koch, wie sie ihn hier überall nennen. Koch, meinem Halbbruder.

Es war Koch, der mich aus dem Tross der Häftlinge heraus ziehen ließ. Sie hatten mich irgendwann so wie die anderen aus den Häusern unserer Viertel getrieben und in Waggons verfrachtet wie Kartoffelsäcke und Vieh. Keinem war klar, was mit uns geschehen würde, aber dunkle Vorahnungen begleiteten die Fahrt des Weinens und des Krankwerdens. Als wir die Blutstraße hinauf marschieren mussten, hatte der Transport schon seine ersten Opfer gefordert. Ich konnte nichts tun. So wie immer. Ich war ein Beobachtender weit in mir verborgen. Meine Befehle wurden vom Körper nicht erhört, ich hatte sie mir schon Jahre zuvor abgewöhnt. So schleppte ich mich wie die anderen Häftlinge auf den Ettersberg. Als sie mich vor Koch geführt hatten, hatte ich Mühe zu verstehen, was mit mir geschah. Die Strapazen des Transports machten mir das Denken schwer und ich erkannte Koch nicht sofort. Immerhin hatten wir uns Jahre nicht gesehen. Er sah hagerer aus, grauer und härter. Wie ein eingekesselter Hund. Aber ich nahm an, dass diese Beschreibung mehr oder weniger auf jeden zutraf in einer Zeit wie dieser. Koch lächelte nicht. Er sagte nichts zur Begrüßung als meinen Namen. Wir hatten uns schon lange voneinander entfernt. Im Grunde waren wir schon weit voneinander entfernt geboren: ich als der ältere Sohn unseres Vaters und einer Jüdin, die bei der Geburt verstorben war, und er der jüngere Sohn einer Nichtjüdin, die uns gemeinsam erzogen hatte. Bürgerlich. Bis die Entdeckung meiner Abstammung mich in ein Leben abseits der Familie getrieben hatte. Schon damals war ich ein Beobachtender, einer, der des Handelns überdrüssig war. Koch nicht. Er hat mich aus dem Zug der Verdammten geholt und in ein Zimmer seiner Villa mit hoher Decke und Gardinen vor dem Fenster gesetzt. Drei Wochen saß ich nun in diesem Haus und wusste nicht, ob ich nun sicher war oder  nicht. Ich sah Koch jeden Tag und manchmal sprachen wir miteinander, aber ich konnte keinerlei Wärme in seinen Äußerungen finden. Es schien als hätten wir uns wirklich verloren.

In Gedanken versunken stehe ich am Fenster, als es an die Tür klopft. Von meinem Fenster aus sehe ich die geklinkerte Mauer mit den Stacheldrahtrollen an ihrem oberen Ende. Du hast Glück, muss ich mir immer wieder sagen, die dort hinten sind die Opfer. Du lebst, du hungerst nicht, du hast keine Schmerzen. Und du bist nicht Teil des Gestankes nach verbranntem Fleisch, der bei Ostwind die Nase verstopft und wahnsinnig macht. Als ich ihn den ersten Tag erleben musste, übergab ich mich stündlich und versuchte, die Angst und die Scham im Waschbecken zu ertränken. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles und jeden. An den Geruch, an die Asche, an die Unsicherheit und auch an Koch. Ohne dass ich Antwort gegeben hätte, öffnet sich die Tür und es treten zwei mir unbekannte Aufseher ein. Der eine tritt vor, knallt die Hacken zusammen, grüßt übertrieben und lässt mich wissen, dass Koch mich sehen will. Ich solle mir festes Schuhwerk anziehen. Ich nicke und denke, fleißig, die Aufseher, so beflissen. So stolz auf die zwei Dezibel Macht, die ihnen verliehen worden ist für so kurze Zeit, dass sie ihre Lage vollkommen vergessen. Ihre aussichtslose Lage. Während ich mir auf dem Bett sitzend die Stiefel schnüre und der andere Aufseher im Vorraum eine Zigarette raucht, höre ich über den Vorplatz Stiefelscharren, Marschgeräusche und auch eindeutig Häftlingsschlurfen. Irgendetwas geschieht vor der Villa, denke ich, und es würde mich nicht wundern, wenn Koch und ich etwas damit zu tun haben werden. Kurz mustere ich das Gesicht des im Zimmer verbliebenen Wachmanns. Kalt und glatt gibt es keinerlei Information preis. Mir ist generell schleierhaft, was die Lagerbesatzung über mich denkt. Dass ich von Koch aus dem Strom der todgeweiht Marschierenden genommen worden bin, muss jedem klar sein. Ich weiß nicht, was Koch seinen Mannschaften über mich erzählt hat, wenn er überhaupt ein Wort über mich verlor. Im Grunde ist es mir auch egal, nur hoffe ich, dass keiner weiß, dass ich Halbjude bin, ansonsten bin ich auf die Gnade Kochs in jedem Fall angewiesen und wenn er stürzen sollte, schutzlos ausgeliefert, wie das Schaf dem Wolfsrudel. Wie die dort hinter der Mauer oder die auf dem Vorplatz. Egal, denke ich, es wird alles seinen Gang gehen, den keiner ändern kann. Dann erhebe ich mich vom Bett, gebe der kalten Wachmannschaft durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass ich bereit bin und wir verlassen den Raum.

Auf dem Weg zu Kochs Räumen gehen wir entlang breiter, dunkler Korridore. Neben dem harten Geräusch der Stiefel auf dem Parkett hört man vereinzelt einen Befehl wie einen Peitschenknall über den Innenhof jagen. Wenn wir ein Fenster passieren, kann ich kurze Blicke durch Öffnungen zwischen den Gardinen hinaus werfen. Auf dem Innenhof sind etliche Häftlinge zusammen getrieben und müssen sich vor der Villa in Reih und Glied aufstellen. Weiter hinten in der Richtung aus der sie gekommen sein müssen, sehe ich ein paar von denen liegen, die es nicht bis vor die Villa geschafft haben.

Als ich damals die Familie verlassen hatte, hatte ich anfangs noch sporadischen Briefverkehr mit Koch. Schon damals hatte ich zwischen seinen Zeilen das Unverständnis heraus lesen können, das er mir und meinem Vorhaben gegenüber aufbrachte. Für ihn war meine Suche nach meiner Vergangenheit, die ich nie erlebt hatte, unnötig gewesen. Das ändere doch nichts, hatte er mir einmal in einem seiner letzten Briefe vorgeworfen. Ich vergeude meine Zeit, hatte er geschrieben und ich geantwortet, dass für mich mein bisheriges Leben wertlos war, ohne Bezug zu Teilen meines Ichs, welche da waren, welche geprägt waren und welche sich nach Austausch gesehnt hatten. Wenig später hatte ich den Kontakt abgebrochen, meinen Namen geändert und seitdem nichts mehr von Koch oder meinem Vater gehört. Das lag nun etwa 10 Jahre zurück.

Mir war unklar, inwiefern dies alles noch eine Rolle für Koch und seine Beziehung zu mir spielte. Er, als kleiner Bruder, hatte zu mir aufgeschaut und mich geliebt und ich war mit einmal einfach auf und davon. Hatte ihn zurück gelassen, um nach etwas zu suchen, was er nicht verstand und was ihn und mich essentiell trennte. Es war Zufall, eine Laune der Geschichte, die uns trennte. Das konnte er nicht akzeptieren und noch weniger, dass seine Bemühungen, mich über seine Briefe, sein Handeln zurück zu gewinnen, zum Scheitern verurteilt waren. Was Koch aber letztendlich mit mir vorhatte, war mir gänzlich schleierhaft. In den wenigen Gesprächen, die wir hatten, meist wenn er volltrunken meine Räume betrat, warf er mir meine Ergebenheit in die Dinge vor, mein fehlendes Handeln, meine schwache Tatkraft. Ich saß dann immer nur auf dem Bett und ließ seine Tiraden über mich ergehen, was ihn nur noch mehr zur Weißglut trieb. Bis er dann wutentbrannt das Zimmer verließ und ich schlafen konnte. Nein, rächen wollte er sich nicht, etwas anderes trieb ihn dazu, mich hier zu schützen und gefangen zu halten.


Ein Schuss holt mich aus meinen Gedanken zurück in die Gegenwart. Wir nähern uns dem Ausgang auf eine Empore, die sich auf den Innenhof öffnet. Koch hat sie mir einmal anlässlich eines abendlichen Rundgangs gezeigt. Durch einen schweren, dunklen Vorhang blitzen ein paar Sonnenstrahlen hervor und als die Mannschaften den Vorhang heben muss ich meine Hand schützend vor meine Augen heben, so gleißend brennt die Sonne auf den staubigen Innenhof nieder. Während sich meine Augen langsam an das helle Licht gewöhnen, kann ich schemenhaft Koch erkennen, der vor einer Stafette steht und sich mir zuwendet. Neben ihm eine schlanke, weibliche Gestalt, Hannah, wie ich vermute, seine Geliebte, von deren er sich viele hält unter den Gefangenen. Koch lässt die schönsten Mädchen aus den Zügen in eine spezielle Villa bringen und lässt es ihnen an nichts mangeln. Dafür müssen sie sich ihm sexuell verfügbar machen und zwar in einer Art und Weise, dass es ihm gefällt. Ansonsten finden sie sich schnell auf der anderen Seite der Mauer wieder. Hannah hält sich nun schon sehr lange an seiner Seite. Es lebe der Führer, schreit der Chor der Todgeweihten, die Skeletten gleich in abgewetzte Lumpen gehüllt versuchen, sich auf den Beinen zu halten. Noch einmal, es lebe der Führer, dabei grüßen sie, wie es ihnen möglich ist. Ich blicke in Kochs Gesicht. Er lächelt spitzbübisch. Er findet das bestimmt zum Zerreißen komisch. Ich schaue hinüber zu Hannah. Sie blickt schnell zur Seite.

Hannah war die erste von seinen Zwangsgeliebten, die mich wirklich fesselte. Und ich hatte alle gesehen, seit mich Koch aus dem Tross der Todgeweihten geholt hatte. Auf der Suche nach Informationen, nach Hinweisen und Erklärungen durchstrich ich Kochs komplette Villa. Er selbst schien vor mir nichts zu verbergen zu haben, so frei wie er mich umher gehen ließ. Letztendlich wussten wir beide, dass ich nicht bis über die Wachposten des äußeren Lagers hinaus kommen würde. So konnte ich bei Gelegenheit auch in seinen Zimmern herum schnüffeln. Natürlich ohne irgendwelche nennenswerte Information zu finden, die mir meine Situation hätte verständlicher machen können. Auf einem dieser Streifzüge erwischte mich Koch fast, als er mit seiner damaligen Gespielin in das Zimmer kam, und ich gerade im letzten Moment in einen der großen Schränke schlüpfen und die Tür hinter mir schließen konnte. Ich war starr vor Schreck und saß die ganze Zeit, in der Koch sich mit dem Mädchen vergnügte, stocksteif in dem Schrank und versuchte, keinen Laut von mir zu geben. Ich hörte ihr Lachen und Jaulen, Japsen, Jammern, Kochs Keuchen und das Klatschen von Fleisch, bis Koch dann mit einem zittrigen Seufzer ihrem Gestöhne ein Ende bereitete. Noch länger wartete ich, bis beide den Raum wieder verlassen hatten. Als ich aus dem Schrank steigen wollte, bemerkte ich, dass er keine Rückwand besaß, sondern dass sich auf der anderen Seite auch eine Reihe von Schranktüren befand. Vorsichtig öffnete ich eine der Türen und fand mich in dem Wohnraum Kochs neben seinem Schlafzimmer wieder.

Seitdem schlich ich mich immer wieder zu Kochs Gemächern und schlüpfte in den Schrank, um dem Treiben mit seinen Gespielinnen beizuwohnen. Durch ein Astloch war es mir möglich, in den Raum zu blicken und zuzusehen, wie Koch mit ihnen schlief. Ich sehnte mich, wie jeder andere Mensch in diesen merkwürdig gekrümmt düsteren Zeiten nach einer göttlichen Erlösung, nach einer Auflösung in Gott, im Guten, auf der Suche nach Trost, nach dem Verlust der Angst. Aber ich war schon immer nur Beobachter, keiner der handelt, und hier in diesem Lager war ich es noch viel mehr. Mein Schicksal lag nicht in meiner Hand und so konnte ich diese kurzen Momente der Göttlichkeit, des Dahinfließens, das zwischen Mensch und Gott sein, nur beobachten, ich konnte es nicht erleben. Und so nutzte ich eben jene Gelegenheiten, in denen Koch seine Mädchen nahm und sie in eine gekrümmte Haltung zwang, das Gesäß nach oben gereckt, ihren Rücken mit den Händen flach nach unten gedrückt, und sein Glied zwischen ihren Pobacken versenkte. Sie gehorchten bei Bedarf seinem Verbot jeden Lautes nur wenn er sie zu heftig auf den Rücken schlug oder sich zu tief in sie stieß, entwich ihrem Mund ein kurzes, kontrolliertes Stöhnen. Dann kam ich mit ihnen, mit ihrem Murmeln oder heiseren Geschrei war ich für einen Moment dieser Welt entrückt und wurde nur zögerlich durch das Gefühl des langsam die Hand herunterrinnenden Spermas wieder zurückgeholt.

Hannah war die Beste. Sie war Göttin und Hure. Mir war klar, dass sie so wie jede vor ihr Koch um ihr Leben fickte, aber trotzdem behielt sie sich etwas Geheimnisvolles. Und sie schien sich trotz ihrer Situation fallen lassen zu können. Einmal öffnete sich die Schranktür mit einem lauten Knarren. Ich musste sie mit meinem Knie aufgestoßen haben. Leise versuchte ich, mich in die hinterste, kaum einsehbare Ecke des Schrankes zu verziehen, doch Hannah, die auf Geheiß Kochs die Tür schließen sollte, warf einen kurzen Blick in das Innere des Schrankes – und sah mich. Aber sie sagte nichts. Sie sah mich nur an, nicht zu lang, und schloss dann wieder die Tür. Seitdem hatte ich den Eindruck, dass sie oft in Richtung des Schrankes blickte, wenn Koch sie von hinten bearbeitete. Wir sprachen nie ein Wort darüber. Sie wusste um meinen Selbstbetrug, um meine Fiktion des reinen Beobachters. Und sie wusste genauso, dass sie scheinbar ihr Schicksal in der Hand hatte, indem sie Koch weiterhin das Gehirn herausvögelte, aber dass nur eine kleine unvorhergesehene Veränderung von außen ihr wackliges Konstrukt zum Einstürzen bringen konnte. Und ich war so eine Unwägbarkeit. Also schlief sie von da an mit uns beiden: Mit Kochs Schwanz und mit meinem Kopf.


Langsam entspannt sich Kochs Grinsen wieder und mein Blick schweift über den Innenhof. Er bleibt an der großen Lache schwarzen Blutes hängen, das schon in den Boden versickert von dem eben gehörten Schuss erzählte, sowie der darin liegenden Leiche eines Mannes, ob alt oder jung war nicht auszumachen, so ausgemergelt war er. Waren sie alle. Ich empfinde kein Mitleid, ich beobachte sie. Sie sind Teil dieser Welt wie ich, sie sind Teil dieser Welt wie Koch, sie sind die Opfer, denke ich, aber wo das Handeln keine echte Konsequenz hat, da gibt es keine Opfer, höchstens Opfer der Zufälle und Zustände. Zynisch oder nicht, nur eine falsche Bewegung und ich stehe auf ihrer Seite. Langsam wende ich mich wieder Koch und Hannah zu. Koch nickt mir zu und deutet zu der Stafette, auf die einige Soldaten inzwischen ein Maschinengewehr montiert haben. ‚Nun zeige mir, dass du existierst.‘, sagt Koch.

Koch hatte sich der Macht, die er als Lagerleiter innehatte, hingegeben. Er empfand eine Art Göttlichkeit in der Willkür, mit der er die Menschen innerhalb seines Herrschaftsbereichs richten konnte. Dabei berauschte er sich nicht nur einfach an der Macht, sondern benutzte sie als Anlass, die gegebenen Moralvorstellungen zu hinterfragen. So jedenfalls stellte er es mir in einem unserer wenigen nächtlichen Gespräche dar. Es ging ihm weniger um Sozialdarwinismus, die ethnischen Richtlinien der politischen Klasse waren ihm egal, er nutzte sie nur für seine eigenen Zwecke. Es ging ihm um die Einzigartigkeit seiner individuellen Existenz. Koch dachte nicht ‚ich empfinde also bin ich', sondern ‚ich empfinde, also seid ihr nicht‘. Die Unbeweisbarkeit der Existenz der anderen war ihm Indiz genug, ihre Existenz in Frage zu stellen. Koch stellte die Erfüllung seines Seins als eine göttliche Pflicht über alles und alle anderen. Er wollte und konnte die Existenz der anderen nicht akzeptieren, wenn sie seine Entfaltungsmöglichkeit in irgendeiner Art und Weise beschränkten. Er sah die anderen nur als Regulativ seines eigenen Ichs. Und von diesen befreite er sich, wie er mir erzählte.
Und Koch glaubte nicht an einen guten Ausgang des Kriegs. Er stellte sich der Gewissheit, dass er sterben würde. Falls seine Wirklichkeit eine real existierende Wirklichkeit sein sollte, eventuell früher als später. Koch handelte. Er kam seinem Schicksal zuvor. ‚Kann das Leben nur als ewiger Selbsterhaltungskampf angesehen werden denn als ein göttliches Geschenk, das ich annehmen und voll ausschöpfen sollte?‘, fragte er mich. ‚Soll ich die Opportunität, Gott zu begegnen, ausschlagen, nur weil später einmal mein Kopf rollen könnte?‘ Ich sagte nichts und Koch fuhr fort: ‚Mein Kopf wird rollen, G., und deiner auch. In jedem Fall. Wenn ich falsch liege, sterbe ich vielleicht etwas früher, aber wenn ich richtig liege, kann ich für einige Momente Gott sein. Warum sollte eine irdische Moral der göttlichen Absolutheit nur irgendwie das Wasser reichen können?‘ Wenn ich Koch in die Augen sah, konnte ich sehen, dass er keine Angst vor dem Tod hatte. Er konnte sie durch irgendetwas anderes ersetzen. Koch benutzte seine fehlende oder versteckte Angst vor dem Tod, um das Streben nach individueller Absolutheit wenigstens für ein paar Momente zu rechtfertigen. Er stellte eine andere Lebensmaxime auf und behauptete, dass alle Moralvorstellungen auf der Angst vor dem Tod fußen. ‚Denkst du nicht auch so?‘, fragte er mich. Ich konnte nicht darauf antworten. Weder innerlich noch äußerlich.

Koch ging noch weiter: ‚G., die Angst vor dem Tod ist das effektivste Unterdrückungswerkzeug überhaupt!‘ ‚Sieh sie dir doch an!‘, meinte er und deutete in Richtung der Mauern. ‚Soll ich ihretwegen darauf verzichten göttlich zu sein? Nur weil sie reale Existenzen sein könnten? Sie sind nicht! Diese Moralvorstellungen sind nichts weiter als die Unterdrückung des Individuums. Die Behinderung meiner freien Entfaltung‘.

Ich war mir unsicher. Ob er auch an mein Nichtsein glaube, fragte ich ihn und er schwieg. Die Natur schien doch stärker zu sein als Koch. Sein Selbstverständnis hatte Risse.


Koch winkt zwei der Soldaten zu uns. Sie zerren mich vor das Maschinengewehr, legen den Patronengurt ein, laden den Schlitten einmal durch und entsichern das Gewehr. Dann ziehen sie mich so vor die Stafette, dass ich durch die Zielvorrichtung in die uralten Gesichter der Häftlinge blicken kann. Aus einigen blickt unverhohlen Angst, andere scheinen resigniert zu haben. Einer Frau knicken die Beine weg. Noch ehe ihr Oberkörper den Boden erreicht, schießt ihr ein Soldat in den Kopf. Trichterförmig verteilt sich ihr Gehirn auf dem staubigen Boden.
Koch tritt an die Stafette heran. ‚Nun zeig mir, dass du nicht nur einfach eine Puppe des Schicksals bist.‘, raunt er in mein Ohr. ‚Töte sie und du wirst erkennen, was ich mit der Absolutheit meine. Du kannst machen was du willst. Du musst dich nicht um andere scheren!‘ Koch sieht mich an mit einem kindlichen, freudig erregten Glanz in seinen Augen. Wie soll ich ihm klar machen, dass ich dieses Gewehr nie in die Hand nehmen werde? Nie abdrücken werde? Nicht, weil ich mich um Moral scherte, sondern weil mein Handeln wertlos wäre. Ich kann nichts ändern an dem was ich sehe. Und es wird auch nichts ändern, dass ich nicht handle.

Koch wird mürrisch. ‚Verstehst du denn nicht.‘ Er greift sich an den Kopf und kneift die Augen zusammen. Dann nestelt er seine Pistole aus dem Gürtel, tritt an das Ende der Empore und richtet sie auf den nächststehenden Häftling. Er schießt ihm in den Kopf, ohne den Blick von mir zu nehmen. ‚Und was machst du jetzt, G.?‘ Ohne zu den Blick von mir zu nehmen, verändert er die Richtung der Pistole ein klein wenig und drückt wieder ab. Ein anderer Häftling fällt mit einem dumpfen Klatschen auf den Boden. ‚Da siehst du, was passiert, wenn du nicht handelst.‘ schreit Koch inzwischen außer sich. Er schießt sein gesamtes Magazin in die Menge der Häftlinge, von denen einer nach dem anderen tot umfällt, sich aber keiner zu bewegen traut, hätte es doch den sicheren Tod bedeutet. Koch tobt und weint, er wirft die leere Pistole nach mir und bedeutet dann den Soldaten, mich wieder in mein Zimmer zu bringen. Auf dem Weg durch die Korridore sehe ich die restlichen Häftlinge unter den kalten Salven des Maschinengewehrs zusammenbrechen begleitet vom Toben Kochs.
Als alle getötet sind, kehrt Stille ein. Also doch, denke ich, war es wieder gleichgültig, ob ich handelte oder nicht.

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168 Antworten

Kommentare

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    schade, dass g. nicht abdrückt. aber das hätte es für diese geschichte auch nicht gebraucht.

    11.11.2014, 16:09 von libido
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  • 0

    Warum findet man so starke Texte hier bei neon.de so schlecht? Ist das Glückssache?

    11.11.2014, 14:00 von Frl-Czernatzke
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  • 1

    hammer.

    24.03.2014, 20:01 von impact
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  • 2

    Der Text rührt mich sehr. Er wird sicherlich noch ein paar Momente in mir arbeiten. Gut geschrieben ist er, ob ich ihn herzen mag, weiß ich nicht. Er ist grausam. Du hast deine Charaktere sehr intensiv ausgekleidet, daher nimmt er mich auch so mit. Mit wem ich in dem Text identifiziert war, ist auch eine spannende Frage. 

    23.01.2014, 00:18 von Sultanine
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  • 1

    Dieser text lag jetzt lange genug unter meiner Schreibtischunterlage und schlummerte vor sich hin. Manchmal habe ich ihn angelesen und dann doch verworfen. Sich thematisch darauf einzulassen und deine Gedankengänge nachzuvollziehen, das wollte ich nicht zwischen den ganzen banalen Drüberlestexten, die hier veröffentlicht werden. (auch von mir!) Ich habe Respekt vor Schreibern, die es schaffen, über Seiten hinweg Spannungen zu erzeugen und inhaltlich schlüssig und sauber schreiben. Das durchweg klare Gegenspiel in bildhafter Darstellung von Macht, Handeln und dem Unvermögen einen Einfluss zu nehmen, gar einen Einflus zu haben, das hat mich an diesem Artikel fasziniert.


     


    Der Text wird nun abermals unter meiner Schreibtischunterlage verschwinden, denn er wird sicher von mir mehrmals gelesen und nicht in der Masse der Alerts untergehen.

    28.03.2013, 20:17 von jetsam
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  • 0

    Anstatt zu arbeiten sitze ich hier und schwanke zwischen Herzerl oder nicht. Ach drauf geschissen. Gefällt mir.

    P.S. Namen in Texten abzukürzen finde ich nicht so prall.

    16.11.2012, 14:36 von Onkel_Fester
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  • 0

    sagenwa ma so: ich hab mich da durchgeschunden und was ich da zu lesen bekommen habe, fand ich sehr gewollt, andererseits aber auch handwerklich ansprechend. hierarchien innerhalb einer gruppe, die von folter und mord bedroht sind und alles daran setzen, am leben zu bleiben, das ist schon ein echt fetter stiefel und ich komme nicht umhin zu finden, dass ich den versuch, das zu beschreiben, mutig finde.
    ja, das so in knapp.
     

    09.11.2012, 15:05 von lavish
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    kürzlich Schindlers Liste gesehen, hm

    09.11.2012, 11:01 von LauraPhilomenaTheresa
    • 1

      Das mit Schindlers Liste ist mir echt erst nach der ersten Erwähnung in den Kommentaren aufgefallen. Liegt sicher daran, dass das Setting ein anderes ist (Weimar) und ich den Filme einmal im Kino sah. Vor sehr langer Zeit.

      Ich will aber gar nicht ausschließen, dass er eine Rolle gespielt hat. Nur nicht bewußt.

      09.11.2012, 11:03 von quatzat
    • 1

      schindler seine liste..quark, das ist irgendwas zwischen "stadt der diebe", "Andorra" und "Unterm Rad"

      09.11.2012, 12:59 von MaasJan
    • 1

      andorra. ich weissle ich weissle

      09.11.2012, 21:21 von Traumversinken
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    mir is das teilweise sprachlich zu konstruiert. da wär weniger mehr gewesen. das gilt auch für die rumhurerei und die einstellung von koch

    08.11.2012, 23:18 von IceIceFriedhelm
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  • 0

    Tut mir leid, aber ich stolpere ständig über die Gpunkt-Abkürzung. Mich nervt sowas beim Lesen tierisch.



    Über den handwerklich doch recht gelungenen Resteintopf aus Moorsoldaten, Schindler's Liste und Die Nacht von Lissabon werde ich noch nachdenken.

    08.11.2012, 22:45 von frl_smilla
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