Birthe_Dannenberg 16.01.2009, 11:53 Uhr 0 0

Gib uns dein Kind

Ein grausames Erziehungsmittel, das in der DDR gegen vermutlich hunderte Bürger angewendet wurde: ZWANGSADOPTION - Müttern ihre Kinder entreißen. Nur mühsam finden Getrennte wieder zueinander und kämpfen um Anerkennung ihres Leids.

.Es ist ein kalter Morgen, als die Männer in den langen Mänteln kommen und ihre Mutter holen. Viereinhalb Jahre ist Katrin damals alt; das Hämmern gegen die Tür lässt sie aus dem Bett hochschrecken; sie friert. Ihre Mutter hastet umher, zieht ihr eine Wollstrumpfhose an; die Strumpfhose kratzt, Katrin wehrt sich. Unerwartet spürt sie, wie eine Hand ihr ins Gesicht schlägt. Das hat ihre Mutter noch nie gemacht. Katrin gehorcht. Als sie angezogen ist, öffnet die Mutter die Haustür; wie eine Traube ziehen sie durch die Straße: in der Mitte Katrin und ihre Familie, außen die Männer, die Augen der Nachbarn auf sie gerichtet. Am Marktplatz klettert Katrins Mutter in ein Auto, Katrin klammert sich an sie und weint. Die Mutter beugt sich herunter. »Du bist doch schon ein großes Mädchen. Du gehst jetzt zu Oma, und heute Abend bin ich wieder da.«

Doch Katrins Mutter kehrt nicht wieder, und auch ihre Oma und ihr Bruder werden ihr bald entrissen.

Katrin Behr, 41, wurde im Februar 1972 auf dem Marktplatz in Gera von ihrer Mutter getrennt und gegen deren Willen adoptiert, weil der Staat ihre Mutter für »asozial« erklärt hatte. Wenn sie heute darüber spricht, weiten sich ihre Augen hinter der Brille, braune Haarsträhnen fallen ihr ins Gesicht; ihr kräftiger Körper steht unter Spannung, sie richtet sich nach vorne wie eine Siebenkämpferin, jederzeit bereit zu springen, zu rennen, Hürden zu nehmen. Wenn die innere Anspannung zu groß wird, geht sie auf den Flur und raucht. Katrin Behr ist eine Frau, die sich nicht länger verstecken will hinter dem, was sie seit ihrem fünften Lebensjahr verfolgt. Ihre Finger krampfen sich ineinander, wenn sie an den Tag denkt, der ihr Leben verändert hat; staatlich angeordnet. Sie ist sicher, dass ihre leibliche Mutter sie nicht freiwillig dem Jugendamt überließ. Deshalb kämpft sie dafür, dass ihre Mutter, die durch Kindesentzug und Haft traumatisiert ist, von der Bundesrepublik als Opfer der SED-Diktatur anerkannt wird. »Da ist kein Rückgrat mehr«, sagt sie und ballt die Faust, »sie läuft im wahrsten Sinne des Wortes krumm, und das mit sechzig Jahren.«

Aber Katrin kämpft auch für eine Clearingstelle und Hilfe für andere, die nach vergleichbaren »Maßnahmen« zu DDR-Zeiten nach ihren Angehörigen suchen. Und das werden immer mehr. Seit Januar 2008 hat Katrin eine Internetplattform, auf der sie Suchanzeigen aufnimmt. Die Zahl der Annoncen steigt stetig. Mehr als 240 Fälle hat sie seitdem betreut, doch sie vermutet, dass die Zahl der Betroffenen in die tausende geht. Außerdem hat sie mit mehr als hundert Stimmen versucht, die Abschaffung der Abstammungsurkunde zu verhindern. Nur so könnten adoptierte Kinder auch in Zukunft die Suche nach den leiblichen Eltern aufnehmen. Doch Katrins Aufruf war vergebens. Seit dem 1. Januar 2009 gibt es Hinweise auf die leiblichen Eltern nur noch durch einen Antrag beim Standesamt.

In der DDR konnte der Staat Eltern die Kinder wegnehmen, um eine sozialistische Erziehung zu garantieren - das bedeutete legitimierten Kindesentzug. Die Folge waren zerrissene Familien, Schuldgefühle und Herzen, zerrissen vom Maßstab einer sozialistischen Diktatur. »Diesen Müttern sieht man an, dass sie gebrochen sind«, sagt Katrin, »Zwangsadoption, das ist eine lebenslange Strafe.«

Drei Tage nach der Verhaftung ihrer Mutter holt das Jugendamt Katrin und ihren Bruder bei der Oma ab und bringt sie ins Heim. Katrin muss in Pflegefamilien; aber sie büchst aus, will zurück ins Heim, weil doch ihr Bruder und ihre Oma sie dort finden müssen. Als sie von der nächsten Pflegefamilie, einem Hausmeisterehepaar, zurück ins Heim kommt, ist auch ihr Bruder weg. Im Oktober dann kommt die Oma, blickt sie kühl an und sagt: »Die alte Familie gibt?s nicht mehr. Such dir eine neue.« Von da an sitzt Katrin oft stundenlang auf der Holztreppe im Heim und weint. In ihr toben die Schuldvorwürfe, sie fragt sich: »Was hab ich Böses getan, dass ich solch eine Strafe bekomme? « Katrin rebelliert nicht mehr, das Einzige, was sie sich wünscht, ist, wieder eine Familie zu haben. Als sie im Dezember 1973 erneut in eine Pflegefamilie kommt, haut sie nicht mehr ab. Katrin lebt sich ein, und ihre neuen Eltern adoptieren sie im November 1975. Endlich ein neues Zuhause. Doch die Angst, wieder weggeschickt zu werden, ungeliebt zu sein, die bleibt.

Heute ist es schwer, in allen Einzelheiten zu klären, warum die Behörden Katrins Mutter die Kinder wegnahmen. Katrin musste sich ihre Geschichte aus zahllosen Akten und Erzählungen zusammenpuzzeln. Fest steht, dass laut Familiengesetzbuch der DDR Eltern ihre Kinder zur sozialistischen Einstellung, zum Lernen und Arbeiten und zum sozialistischen Patriotismus und Internationalismus erziehen sollten. Wenn das Jugendamt daran seine Zweifel hatte, konnte es entsprechende »Maßnahmen « ergreifen. Viele Eltern, die das Jugendamt im Visier hatte, wurden zusätzlich nach Paragraph 249 des DDR-Strafgesetzbuches verurteilt. Der regelt die Bestrafung sogenannter »asozialer« Bürger: »Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, daß er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, [?] wird mit Verurteilung auf Bewährung [?] oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.«

Die Juristin Marie-Luise Warnecke hat in ihrer Dissertation sieben Fälle von Zwangsadoption in der früheren DDR aufgearbeitet. Dabei beruft sie sich, wie auch die Bundesregierung, auf die offizielle Definition: Eine Zwangsadoption hat demnach nur dann stattgefunden, wenn die Kinder endgültig und komplett von ihrer Familie getrennt wurden, weil die Eltern gegen den Staat agierten. Eine Definition, die sich auf Betroffene bezieht, die vergeblich versucht hatten, aus der DDR zu flüchten. Eltern, die dagegen wie Katrins Mutter für »asozial« erklärt wurden, fallen so aus der Definition Zwangsadoption heraus. Und das Bundesverfassungsgericht erkennt laut einem Beschluss vom Februar 2000 als »asozial« Verurteilte bis heute nicht als Opfer des SED-Regimes an.

Als Katrin 1991 zum ersten Mal schwanger ist, stößt sie auf ein unerwartetes Indiz ihrer Herkunft. Ihren Fingern und Zehen fehlt ein Gelenk. Das hat sie nie beschäftigt, bis Ärzte ihr sagen, dass die Verkürzung durch eine Krankheit in der Schwangerschaft verursacht wird - der Schwangerschaft ihrer leiblichen Mutter. Katrin beginnt nach ihrer Herkunft zu forschen, sie läuft ins Jugendamt, blättert mit zitternden Händen ihre Akte durch. Erst nach und nach wird ihr klar, was dort steht. Vage kommen die verdrängten Erinnerungen an die Verhaftung ihrer Mutter und ihre Tage im Heim zurück.

Als Katrin geboren wird, ist ihre Mutter zwanzig. In armen Verhältnissen zieht die alleinstehende Frau ihre Kinder groß, das Jugendamt kontrolliert - und kann kein Vergehen feststellen. Aber dann klaut die Mutter, weil sie nichts zu essen hat, wird verhaftet und für asozial erklärt. »Sie war ein Rebell!«, sagt Katrin. Während der Haft wird sie aufgefordert, das Sorgerecht ihrer Kinder abzugeben; sie weigert sich. Noch am gleichen Tag, einem Augusttag 1972, entzieht ihr das Gericht das Sorgerecht. »Meine Mutti hat nie eine Chance gehabt, mich zurückzubekommen«, sagt Katrin; dann spannt sich ihr Körper zu dieser Siebenkämpferhaltung: »Für mich ist das eindeutig eine Zwangsadoption!«

Bei ihren Recherchen im Jugendamt und bei der Stasiunterlagen-Behörde müssen suchende Kinder wie Katrin sich allein durchwühlen. Als eine Betroffene die Bundesrepublik im Oktober 2007 um Hilfe bittet, antwortet Bundestagspräsident Norbert Lammert: »Fakt ist auch, dass sich [?] die Aufarbeitung der Adoptionsakten schwierig gestaltete, da die DDR-Behörden [?] die politische Motivation von Zwangsadoption durch geschicktes Vorgehen zu verschleiern suchten.«

Also helfen sich viele Betroffenen selbst. Kinder suchen per Internet ihre Eltern - Eltern ihre weggenommenen Kinder. Wie Erika Thesenvitz, geborene Pobanz, 46, aus Rathenow. Der Körper der zierlichen Frau wirkt zerbrechlich, als könne er jeden Augenblick in sich zusammenfallen. Während sie ihre Geschichte erzählt, richtet sie ihre traurigen Augen unentwegt auf ihren Sohn. Als Erika 1985 mit ihrem zweiten Sohn schwanger ist, lebt die Frau in einem brandenburgischen Dorf bei Kyritz in einer Einzimmerwohnung. Bei der ersten Untersuchung rät ihr der Arzt Dr. R. zur Adoption. Erika verneint, immer wieder. Bis im achten Monat ihr Antrag auf eine größere Wohnung, die Bestellung eines zweiten Kinderbettes verschwunden sind. Dr. R. sagt: »Erika, du kannst deine Kinder behalten, aber sei dir gewiss, dann kommen wir, und wenn wir was finden wollen, dann finden wir auch was.« Erika weiß nicht weiter. Wie soll sie das Baby in der Wohnung unterbringen, in welchem Bett soll es schlafen? Hilfe bekommt sie keine; vierzehn Tage vor der Entbindung willigt sie in eine Adoption ein.

Als Katrin Behr 1991 die Adresse der leiblichen Mutter findet, wartet sie noch ein Jahr, bis sie ihr schreibt. Zu viel Unfrieden war in ihrer Adoptivfamilie durch die Suche ausgebrochen. Und noch immer hängt ihr das Wort »asozial« im Kopf nach, macht sie unsicher. Was, wenn die Mutter wirklich nicht für sie sorgen konnte? Deren Antwort auf Katrins Brief kommt prompt. Die beiden Frauen treffen sich, sind verunsichert. Als Katrin sieht, wie bescheiden ihre Mutter lebt, mit einem Plumpsklo im Hof, schreckt sie zurück und denkt: »Ich will hier weg!« Dann wird ihr klar: »Mit asozial hat ein Plumpsklo nichts zu tun.« Katrin fühlt sich überfordert, weiß nicht, wie sie reagieren soll. Jahrelang war sie insgeheim wütend gewesen auf ihre Mutter, erst als sie die Akten beim Jugendamt las, änderte sich das. Die Mutter erkennt Katrin sofort als ihre Tochter an. Auf einem Dorffest stellt sie Katrin stolz ihren Nachbarn vor, geht mit ihr von einem zum nächsten. Katrin ist, als schnüre es ihr die Kehle zu. Zu viele Fragen gehen ihr durch den Kopf, zu viel Angst trägt sie in sich, wieder verletzt zu werden. Bis heute empfindet sie nur eine Sympathie für ihre Mutter, »bei mir ist das Herz zu«, sagt sie. Mit dreißig Jahren hat Katrin einen Herzschrittmacher bekommen, wie ihre Mutter damals; »ich bin ihr sehr ähnlich.« Nach dem Treffen mit ihrer Mutter beginnt Katrin nach ihrem Vater und ihrem Bruder zu suchen. Ihre Mutter will davon nichts wissen, Katrin fühlt sich verletzt und bricht den Kontakt ab. Auch die Beziehung zu ihrer Adoptivmutter ist zerrüttet; Katrin nimmt das in Kauf, pocht auf ihr Recht, nach ihrer Herkunft zu forschen. »Ich bin nicht die Katrin und auch nicht die andere!« Auch Erika will ihren Sohn finden, sucht via Internet und Fernsehen, achtzehn Jahre lang, vergeblich. Aber ihr Sohn Santino sucht ebenfalls - und findet sie am 19. Januar 2008 im Internet, kurz nachdem sie sich bei Stay-Friends registriert hatte. Er ruft Erika an, und eine halbe Stunde später liegen sich Mutter und Sohn in den Armen, zittern und weinen. Seit 1986 wohnen sie in der gleichen Stadt, zeitweise nur 500 Meter voneinander entfernt, Santino ging mit Erikas anderen Kindern in die Schule, ist mit ihrer Tochter - seiner Halbschwester - befreundet, seit sieben Jahren. In einer Kleinstadt wie Rathenow, meinen beide, müsste man sich doch mal getroffen haben. Seit einem Jahr sehen sie sich regelmäßig, doch das Verhältnis ist trotz aller Freude schwierig. Sohn und Mutter fühlen sich hin und her gerissen zwischen ihren Gefühlen und den Ansprüchen ihrer neuen Familien. Eine zerrissene Familie lässt sich nicht so einfach zusammenflicken.

Erika weiß bis heute nicht, warum sie ihr Kind abgeben sollte. »Ich glaube, es wurde eines gebraucht. « Ihr Arzt, Dr. R., erklärt auf Anfrage von NEON: »Mit Zwangsadoption kenne ich mich nicht aus. Damit habe ich nichts zu tun.« Vom Fall Erika Pobanz habe er nie gehört.

Katrin will einen gemeinnützigen Verein gründen, um Betroffene bei ihrer Suche und anfallenden Klagen zu unterstützen, und um ein offizieller Ansprechpartner für die Behörden zu sein. Aber noch stellt sich das Finanzamt quer; es gibt keinen Präzedenzfall; niemand weiß, ob Hilfe für zwangsadoptierte Kinder gemeinnützig ist. Katrin gibt nicht auf, sie kennt zu viele Fälle, aus Berichten und langen Telefonaten. Die Arbeit hinterlässt Spuren; am Abend läuft sie mit hochgezogenen Schultern nach Hause, eingewickelt in ihren Mantel, schaltet sie das Handy ab. Nach zwanzig Uhr geht sie nicht mehr ans Telefon. »Ich nehme das sonst mit in den Schlaf.«

Fälle wie die von Katrin Behr und Erika Thesenvitz wird man nie ganz aufklären können. Denn eine Zwangsadoption, erklärt die Juristin Warnecke, sei kein durchgängiges Prinzip in der DDR gewesen. Aber der Staat hat schneller und krasser durchgegriffen, als es die Bundesrepublik bei schwachen Familien heute tut. Um Menschen wie Katrin und Erika dennoch gerecht zu werden, bedarf es einer Neudefinition ihres Schicksals. Nur so können sie sich von anerkannten Fällen der Republikflucht abgrenzen, kann die Aktualität ihres Leidens betont werden. Deshalb kämpft Katrin für eine Clearingstelle, die zwischen Institutionen und Betroffenen vermittelt.

Katrin selbst hat psychologische Hilfe in Anspruch genommen, vor ihrer Suche, weil sie nie wusste, warum sie diese Stiche in der Herzgegend plagten. Erst in der Therapie stiegen die Erinnerungen hoch: wie ihre Mutter sich vor der Polizei fürchtete und auf den Staat schimpfte, als sie ihre Arbeit verlor. Wie die Männer klopften und sie holten, ihre langen Mäntel und der dunkle Tag. Und wie ihr Bruder dem Polizisten gegen das Schienbein trat, als er Katrin von ihrer Mutter losreißen wollte; wie er ihr schwor: »Ich pass auf dich auf!« Und sie erinnert sich daran, wie sie frierend vor ihrer Mutter stand und sie unter Tränen fragte, ob sie wirklich wiederkommen würde - »Sie hat?s versprochen und konnte es nie halten.«

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