Chekki 05.02.2010, 14:00 Uhr 3 3

Gewohnheitssache

„Miracle.“ „Was soll das jetzt heißen?“ „Das ist Englisch und bedeutet Wunder.“

„Was du nicht sagst! Nein, ich wollte wissen, warum du hier wild mit zusammenhanglosen Wörtern um dich schmeißt.“
„Ist das denn nicht offensichtlich? Sieh dich doch mal um!“
„Ich sehe nichts.“

Kein Wunder, dass Carlo nichts sieht. Eine Natur wie diese war ihm fremd. Er wuchs in der Stadt auf. Drei Geschwister. Zwei potenzielle Väter, die seit jeher das Recht auf ihre Kinder einforderten. Eine Mutter, die nichts von Vaterschaftstests hielt, seit die Hauptperson ihrer Lieblingsseifenoper – die zufällig auch Mutter von vier Kindern war - durch einen solchen Test herausgefunden hatte, dass keiner der beiden Seifenoperanwärter der leibliche Vater sein könne.

„Du kannst es auch nicht sehen, wenn du versuchst etwas zu finden. Lass alles auf dich wirken. Blicke dich einfach nur um!“
„Ach du immer mit deinem träumerischen Gefasel. Wann hat dir das jemals etwas gebracht?“

Nicht dass seine Mutter dumm gewesen wäre. Ihr Therapeut nannte es Realitätsflucht. Und damit konnten alle leben. Nach der Arbeit – sie war zeit ihres Lebens in einem Bastelgeschäft tätig – saß sie oft stundenlang vor dem Fernseher und bestellte alle möglichen Bastelutensilien. Ihr letzter großer Glücksgriff waren zwei 10-teilige Nadelsets zum Preis von einem, in limitierter Auflage, denn sie hatte es geschafft, eine der ersten zehn Anrufer zu sein. Darin war sie gut. Im Anrufen. Vor allem seitdem sie von ihrem ältesten Sohn ein Schnurlostelefon zum Muttertag geschenkt bekommen hatte.

„Du meinst, ob ich je einen Nutzen für meinen beruflichen Werdegang daraus ziehen konnte?“
„Zum Beispiel. Oder willst du mir immer noch weis machen, dass du glücklich bist, so wie du lebst?“
„Ich lebe doch gut.“

Wer behauptete, Carlo – diesen Namen verdankte er übrigens dem verunglückten Liebhaber der Seifenoperherzensbrecherin Maria – und seine drei Brüder wären mit ihrer Mutter und ihrem seelischen Zustand überfordert gewesen, wusste anscheinend nicht wovon er sprach. Der Therapeut hatte nämlich einen Plan erstellt. Einen Pflegeplan, sozusagen. Jeden Abend war ein anderer ihrer vier Sprösslinge eingeteilt nach ihr zu sehen und für Abendessen zu sorgen. Zu Mittag aß sie von der Imbissbude die sich gleich gegenüber von dem Bastelgeschäft befand. Zum Frühstück gab es Kaffee. Das war immer schon so. Warum sollte man etwas ändern? Es konnte schließlich jeder damit leben.

„Ja, jetzt noch. Aber was ist in zwanzig Jahren? Denkst du denn nicht daran, sesshaft zu werden? Dir einen richtigen Beruf zu suchen, dich finanziell abzusichern?“
„Solange es Wunder gibt, bin ich zufrieden, so wie es ist.“
„Aber von Wundern kann man doch nicht leben!“
„Ich schon.“

Finanziell abgesichert waren sie alle vier. Wer wollte schon so enden wie Sandor, der langzeitarbeits – und obdachlose Ungar, der in der Nähe der Wohnung ihrer Mutter seine nicht enden wollende Freizeit Tag für Tag auf einer Parkbank verbrachte und die Tauben fütterte. Niemand. Ab und zu genoss es Carlos Mutter, sich neben ihn zu setzen und ihm die aktuellsten Neuigkeiten und Ereignisse ihrer Seifenoper ausführlich zu schildern. Keiner kann sich vorstellen, wie es ihren Jungs die Haare aufstellte, immer wenn sie dieses Szenario, welches von euphorischen Gestikulationen untermalt wurde, mit ansehen mussten. Mit der Zeit aber lernten alle vier, einfach wegzusehen und währenddessen das Abendessen zu kochen. Geändert wurde ja nichts.

„Wunder. Ach, was soll’s. Du bist ja doch nicht zu überzeugen. Du wirst schon noch sehen, was du davon hast.“
„Vielleicht. Nebensache. Gleich ist es zu Ende. Die Sonne verschwindet in wenigen Minuten. Sieh dir das Wasser an. Es schimmert golden.“
„Das ist doch immer so um diese Zeit.“

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Von Wundern kann man leben, doch gibt es diese nicht oft.
    Guter Artikel, gefällt mir :>

    18.11.2011, 23:05 von waynetrain
    • 0

      dankeschön dafür =)

      18.11.2011, 23:40 von Chekki
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  • 0

    gefällt *****

    22.03.2010, 09:53 von babsette
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