derHalbstarke 28.08.2012, 13:06 Uhr 16 25

Gesternkinder

Gestern. Und vielleicht.

Alt ist sie geworden, grau und verhärmt, ihr Gesicht. Wäre sie mir irgendwo auf der Straße begegnet, hätte ich sie nicht mal erkannt. Als sie mich vor ein paar Tagen anrief und mir sagte, dass er einfach so umgefallen ist, habe ich erst gar nicht begriffen was sie damit meinte. „Tot, er ist tot“, hat sie dann in mein Schweigen hineingesagt, „kommst du zur Beerdigung?“, hat sie mit diesem fordernden Unterton gefragt, den ich schon seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr gehört und der sich doch in meinen Erinnerungen festgekrallt hatte. Ich hab weiter geschwiegen und den Telefonhörer wieder aufgelegt. Die Frau, die ich schon so lange nicht mehr Mutter nennen kann, hat mich angerufen um mir zu sagen, dass er tot ist. Ist er das wirklich? Tot?

Neben mir stehen meine beiden Schwestern, starren wie ich auf den auf der anderen Seite des Sarges stehenden Pastor, der so schöne Worte für ihn findet, für den da in der Holzkiste. So schön, diese Worte, dass ich mich zusammenreißen muss, der Kiste keinen Tritt zu verpassen. Ich kann es in ihren Gesichtern lesen, kann spüren, dass es den Beiden neben mir genauso geht, wie mir. Er redet von ihm, als wäre das da in dem Sarg ein aufrechter, ehrenwerter Mann gewesen, ein guter Ehemann und Vater, der ein erfülltes Leben hatte und dem nichts wichtiger und selbstverständlicher war, als für seine Familie da zu sein. Mir ist, als zerfetzen diese verlogenen, vor Heuchelei triefenden Worte gerade meine Gehörgänge. Worte, die mein Leben, meine Erinnerungen verhöhnen. Die unser Leben und unsere gemeinsamen Erinnerungen verspotten.

Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht schon angetrunken aus der Fabrik nach hause kam, kein Abend, an dem wir nicht starr vor Angst und mit gesenktem Blick auf unsere Teller am Abendbrottisch saßen, in der Hoffnung, dass er heut mal ruhig bleiben würde. Dass er nicht wieder und plötzlich ausrastete, weil meine Schwestern oder ich gekleckert hatten, oder unsere Mutter zu wenig von seinem Lieblingsschinken aufgeschnitten hatte. Irgendwo landete seine Faust immer und wenn wir Glück hatten, gab er sich mit ein oder zwei Schlägen zufrieden. Glück ist ein seltsames Wort. Ich weiß nicht mehr, wie viele blaue Flecken Begleiter meiner, unserer Kindheit und Jugend waren, wie oft er einfach so und ohne Grund auf mich oder die Mädchen einprügelte, immer darauf achtend, nicht unsere Gesichter zu treffen. Wegen der Nachbarn und der Schule und so. Und wie sie zuschaute und nichts dagegen tat. Die Frau, die nicht mehr meine Mutter ist.

Wie sie da steht, leicht gebeugt und ohne Regung an den Lippen des Pastors hängt, der so wunderbare Worte für ihren Mann findet, Worte, die meine Erinnerungen Lügen strafen, die sie in Lächerlichkeit ersaufen lassen wollen. „Amen“, sagt er als der Sarg langsam in dem Loch verschwindet, „mein Beileid“, als er mitfühlend ihre Hände drückt. Und wie er sich genau das verkneift, als er vor uns Dreien steht und sich verabschiedet. Der Pastor mit diesen Worten, die ihm besser im Hals stecken geblieben wären. Ich sehe wie sie zögert, ob sie zu uns kommen soll oder nicht, und sich dann doch umdreht und langsam im Grau dieses Vormittages verschwindet. Höre das erleichterte Aufatmen meiner Schwestern, als sich unsere Blicke treffen. Vielleicht zum letzten Mal.

Es spielt keine Rolle, dass wir Geschwister sind und uns immer noch lieben, dass wir uns vermissen, seit Jahren schon. Wir haben vor langer Zeit beschlossen, dass es besser so für uns ist, wenn jeder seinen eigenen Weg geht, dass es weniger schmerzt, wenn sich unsere Vergangenheit, unsere Erinnerungen nicht mehr in den Augen der anderen spiegeln. So, wie heute. Ich höre mich so etwas wie „macht’s gut“ und „passt auf euch auf“ sagen, als ich mich rumdrehe und ebenfalls in dieser grauen Suppe dieses Tages verschwinde. Ich weiß nicht, weshalb ich überhaupt hierher gekommen bin. Vielleicht wollte ich mich vergewissern, dass er wirklich tot ist und für immer in der kalten Erde verschwindet, dort, wo er hingehört. Hatte ich vielleicht gehofft, mit ihm auch meine Kindheit begraben zu können? Auch das weiß ich nicht, aber vielleicht kann ich das irgendwann und eines Tages.

Dann, wenn sie dran ist.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wow. Das löst eine Menge aus in mir. Ganz großer Text!

    04.09.2012, 14:12 von Kaddaa
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  • 0

    ja... ich wünsche dir Glück im Leben

    03.09.2012, 17:46 von Johannesv2xi
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  • 1

    Hoffentlich konntest Du etwas von dem Schmerz mit in die Grube schmeißen...

    01.09.2012, 14:17 von RichardGatsby
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  • 0

    Sehr berührend, wirklich.

    01.09.2012, 13:29 von Koffein
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  • 0

    Großartiger Text.

    "wenn sich unsere
    Vergangenheit, unsere Erinnerungen nicht mehr in den Augen der anderen
    spiegeln"

    Das sind solche Sätze, vor denen ich mich verbeugen möchte.

    30.08.2012, 21:23 von kirschgruen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    Manchmal ist die Realität grausamer als jede Phantasie.  Was ich allerdings nicht so recht verstehen kann, ist das selbsterlegte Kontaktverbot zu den Geschwistern. Muss ich ja auch nicht, nur sind es doch die Einzigen, die wirklich in der Lage sind zu verstehen.

    30.08.2012, 19:22 von Cyro
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  • 2

    kann man einen text ohne erlebten hintergrund so gut be/schreiben? Irgendwie hoffe ich jetzt ein "ja" als Antwort zu bekommen.   

    30.08.2012, 18:27 von jetsam
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  • 3

    Na ja - du bist hingegangen um Abschied zu nehmen.
    Du für dich - und das ist auch gut so.

    Wenn nicht, solltest du nochmal zum Grab und dich verabschieden. Nimm einen Klapstuhl mit - eine Termoskanne und sag alles was du jemals sagen wolltest. Hasse und liebe ... und nimm Abschied.

    30.08.2012, 18:10 von Philantrop
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  • 0

    Erschütternd. Nachvollziehbar. 

    30.08.2012, 18:10 von Bender018
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