Bluelove 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 1

Gescheitert

Nach acht Jahren haben wir uns nichts mehr zu sagen. Sind gescheitert an unterschiedlichen Lebenseinstellungen.

Acht Jahre. So lange kennen wir uns schon. Wenngleich unsere Beziehung erst später zu einer Liebesbeziehung wurde.

Lange Jahre führten wir eine lose Freundschaft, in der wir streckenweise monate- und einmal sogar jahrelang keinen Kontakt hatten. Sobald wir uns aber trafen, hatten wir immer Gesprächsstoff.
Wir konnten schlichtweg über alles reden. Über unsere gegenwärtigen Beziehungen, über unsere Berufe, über den Tod Deines Vaters, über unsere Familien, über das Alkoholproblem meines Vaters, über gemeinsame Bekannte und eines Tages auch darüber, ob wir uns eine Beziehung miteinander vorstellen könnten.
Wir konnten.

Warum nur haben wir all die Jahre über Gott und die Welt, über Wichtiges und Belangloses, über Hinz und Kunz geredet - nur nicht darüber, was wir eigentlich von der Zukunft erwarten?

Du hattest immer Angst, dass Du niemals eine Frau findest, die Dich liebt, Deine Arbeit akzeptiert und Dir dabei auch unter die Arme greift.
Das ist schwer heutzutage. Eine Frau zu finden, die mit der Landwirtschaft leben und auch dort mithelfen kann und will. Morgens um halb sechs aufzustehen, Kühe zu melken, anschließend dem eigenen Beruf nachzugehen, um Abends wieder pünktlich im Stall zu stehen, das macht doch niemand mehr mit.
Nein, das war nie ein Problem für mich. Ich liebe die Arbeit mit den Tieren.
Und auch an das frühe Aufstehen gewöhnt man sich.

Wir waren so voller Euphorie, haben mit Begeisterung angefangen, unser zukünftiges Heim einzurichten. Haben gemeinsam ganz außergewöhnliche Fliesen für unser Badezimmer entdeckt und uns wie kleine Kinder darüber gefreut, weil wir todsicher waren, dass niemand sonst so ein tolles Badezimmer haben wird. Wir haben so viele Dinge entdeckt, Dinge, die nicht so gewöhnlich, sondern wie für uns gemacht schienen.

Die beiden Kinderzimmer, ich hatte sie fast vergessen.
Sie stehen noch leer, befinden sich noch im Rohbau.
Keiner von uns beiden hatte die Kinderzimmer bedacht.
Du nicht, weil Du erst einmal unsere Wohnräume fertig machen wolltest.
Ich nicht, weil ich sie einfach verdrängt habe.
Die beiden Kinderzimmer am Ende des oberen Flures. Zwei unauffällige Türen aus Fichte. Dort, wo wir unser Arbeitsmaterial - den Akkuschrauber, die Hobelmaschine und allen möglichen Kram - zwischengelagert hatten.

Du wolltest die beiden Kinderzimmer füllen, hast Du gesagt. Und geschwärmt, dass Du gerne drei Kinder hättest. Man könne dann ja den Ankleideraum neben unserem Schlafzimmer noch zum dritten Kinderzimmer umfunktionieren.

Es waren immer Worte, so dazwischen geworfen. Gesagt und gleich wieder vergessen.
Nein, vergessen habe ich sie eigentlich nicht, wenn ich es recht bedenke.
Ich wollte sie nur nicht hören.

In letzter Zeit wurden die Worte immer lauter, Dein Drängen nach einer Antwort auf Deinen Familienwunsch unüberhörbar.

Meine Worte, so dazwischen geworfen, dass man aus den beiden Zimmern am Ende des Flures ein Gäste- und ein Näh- und Bügelzimmer machen könne. Gesagt und gleich wieder vergessen.
Aber vergessen hast Du sie eigentlich nicht. Du wolltest sie nur nicht hören.

Immer wieder haben wir die Seitenhiebe der Verwandten, Bekannten und auch die unserer Familien über uns ergehen lassen. Haben sie nicht Ernst genommen. Haben uns beide unseren Teil gedacht - aber doch nie ausgesprochen. Hätten wir es nur getan. Hätten wir es nur früher getan.
Anstatt zu hoffen, dass der jeweils andere - wenn es soweit ist - sich schon auf einen Kompromiss einlassen wird.

Nun stehen wir vor den Scherben. Unsere verschiedenen Lebenseinstellungen haben den Traum unserer gemeinsamen Zukunft an die Wand geklatscht, so dass er in tausend Teile zersprungen ist. Irreparabel.

Nun beginnen die Aufräumarbeiten.
Du wirst Deinen Liebsten, die mich schon im Brautkleid neben dir sahen, erklären, warum sie diesen Wunsch begraben werden müssen, warum nicht in absehbarer Zeit drei Kinder auf dem Hof und durch die Ställe toben, warum ich keine Eurer Familienfeiern mehr als Deine Freundin und baldige Verlobte bereichern werde. Warum ich nicht mehr da bin.

Ich werde mich weiterhin bei allen dafür rechtfertigen, warum ich keine Kinder haben will. Warum ich so ein egoistisches Miststück bin, das augenscheinlich nur ihre Karriere und ihr eigenes Leben im Kopf hat.

Ich werde mich weiterhin dafür rechtfertigen, dass ich wenigstens ansatzweise ein Leben nach meinen Vorstellungen leben wollte.

Ich werde mich weiterhin dafür rechtfertigen, dass ich kompromissbereit gewesen wäre. Wenn Du es auch gewesen wärst.

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4 Antworten

Kommentare

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    Das ist schade Bluelove! Ich kann mich noch an Deine Euphorie erinnern und hatte mich so für Dich gefreut! :-/ Grüße!

    30.12.2007, 22:50 von rote_zora
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    beziehungen, uterschiedliche lebensplanungen, schwierige kompromisse. ich glaube, dass daran jeder einmal scheitert und es nur darauf ankommt, wie man mit dem "scheitern" umgeht...

    17.10.2007, 10:30 von billi
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    Immer wieder ein schwieriges Thema und immer wieder erschreckend, wie intolerant die Menschen dabei werden. Wenn allerdings in einer Beziehung derart unterschiedliche "Lebenseinstellungen" aufeinander treffen, dann ist das Ende wohl nicht mehr fern. Einen Kompromiß stelle ich mir bei dem Thema schwierig vor, wie soll der denn aussehen: Ein halbes Kind vielleicht, oder eins, daß gleich alt genug ist, um keine Aufmerksamkeit mehr zu brauchen und die Karriere nicht zu "stören"?

    22.05.2007, 12:17 von Fjalar
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